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09.04.2019

12 Fehler, die beim Mixing für Vinyl gemacht werden

Audio-Mischung für das Medium Vinyl: Was muss man beachten?

Bei der Schallplatte sollte man das Zielmedium schon beim Mixing bedenken!

Die Vinyl-Schallplatte ist zurück! Ok, es ist im Recording-Universum definitiv keine Neuigkeit, dass die Verkaufszahlen von Schallplatte momentan deutlich höher sind als noch vor fünf oder gar 15 Jahren. Doch da lauert eine kleine Gefahr für die Tontechniker: Man verschenkt viel an klanglichen Möglichkeiten, wenn man einfach so mischt, als wäre das angestrebte Ergebnis ein Digitalfile für CD, Download oder Stream. Vinyl gehorcht eigenen Gesetzmäßigkeiten!


Die Herstellung von Vinyl ist ein komplexer Vorgang. Der Schneidestichel einer DMM- oder Folienschnittmaschine reagiert anders auf Audiomaterial als ein AD-Wandler. Und dementsprechend gibt es ein paar Sachen zu beachten, damit die Plattennadel beim späteren Abspielen der Produktion auf dem Plattenspieler optimal arbeiten kann und die Vinyl-Platte perfekt klingt.

Eines vorweg: Der Mastering-Engineer kann bei der Angabe, dass eine Schallplatte gepresst werden soll, die wichtigen Dinge im Auge behalten und im Zweifel korrigieren. Meistens ist es sogar möglich, einfach Audiofiles an ein Presswerk zu schicken, kleinere Korrekturen werden auch dort vorgenommen. Aber das geschieht automatisch und ist  dementsprechend klanglich meist nicht gerade angenehm. Oder es kostet extra Geld, wenn dort ein Mensch hört, beurteilt und optimiert. Je früher man Probleme umschifft, desto besser. Also haltet schon beim Erstellen der Mischung eines Songs ein paar der folgenden Punkt im Auge.

Gibt es Unterschiede beim Audio-Mischen für CD oder MP3 oder beim Vinyl Mixing?

  • Ja. Die Vinyl-Schallplatte funktioniert technisch anders, es ist daher sehr sinnvoll, schon beim Mixing für Vinyl ein paar Dinge zu beachten.

Kann eine Audio-Mischung für digitale Medien auch einfach auf Vinyl-Schallplatte gepresst werden? Kann man im Presswerk einfach eine CD oder Audio-Datei abgeben?

  • Aus solchen Mischungen können fast immer auch Vinyl-Pressungen gemacht werden. Wenn technische Sicherheitssysteme eingreifen müssen oder manche Dinge "nicht stimmen", kann das Ergebnis allerdings enttäuschend schlecht klingen. 

1. Fehler beim Mixing für Vinyl: Die Dynamik ist zu hoch!

Wer die Arbeit mit digitalen Audiosystemen gewohnt ist, schert sich oft nicht um die Begrenzungen, die die Technik liefert. Bei Digitalsystemen liegen die obere Grenze (Clips mit einhergehenden Verzerrungen) und die untere (u.a. Rauschen) weit auseinander, auch schon bei 16 Bit. Die CD wurde schließlich dereinst als traumhafte Dynamik lieferndes Medium gefeiert. Und 24 Bit liegen dynamisch über dem, was eine normale Audio-Aufnahme- und -Wiedergabekette leistet.

Beim Medium Vinyl ist das etwas anders, zumindest bei den üblichen Systemen, die man antreffen kann. Hier gibt es keine dreistelligen Dezibel-Verhältnisse bei der Dynamik, sondern eher 60-70 dB. Für viele Produktionen ist es nicht so wichtig, da sowieso ordentlich Gebrauch von Limiter und Kompressor gemacht wird. Aber wenn beispielsweise wegen einer etwas zu heftigen Stelle der gesamte Track mit so geringem Pegel geschrieben werden muss, dass wichtige Information in ruhigeren Passagen fast im Rauschen untergehen, dann ist es schade um die Mühe. Andersherum ist es schlimm, wenn man sich Verzerrungen einhandelt. Besonders bei schnell ansteigenden Pegeln wie von Hi-Hats oder Elektro-Ticks kann das passiereren. Wenn nämlich der grobe Limiter beim Vinyl-Transfer ruppig zupackt, gibt es oft sehr unschöne Verzerrungen. Denn im Presswerk hört niemand Musik und macht sich Gedanken um den Sound. Das ist ja auch verständlich.

2. Fehler beim Mixing für Vinyl: Zu viel Tiefbass

Ein Mastering-Engineer wird sich anhören, welche musikalisch relevante Information im Bass liegen. Es gibt nämlich einen einfachen Zusammenhang, den man beim Vinyl Mixing verinnerlichen sollte: Je mehr Energie im Bass, desto breiter werden die geschnittenen Rillen. Das bedeutet, dass bei starkem Tiefbassanteil die mögliche Länge einer Schallplattenseite geringer wird. Wirklich vorausberechnen kann man das nicht ganz, da das auch von anderen Parametern abhängt, etwa den Möglichkeiten durch die Füllschrift, die nachfolgende Rillen an die vorangegangene anschmiegt. Und selbst wenn ein Schnitt gerade noch auf die Matritze passt: Wenn bei manchen Endkunden die Automatik den Arm von der Platte hebt, bevor der letzte Ton verklungen ist, ist das echt blöd.

Tipp: Überprüfen, wie der Mix mit einem 6dB/oct-HPF bei 60 Hz und einem gleichzeitigen 12dB/oct-HPF bei 40 Hz klingt. Musikalisch fehlt einer Mischung dadurch oft so gut wie nichts, selbst bei basslastiger elektronischer Musik. 

3. Fehler beim Mixing für Vinyl: Modulationseffekte wirken auch auf tieffrequente Signale

Auch ohne tiefgreifendes Verständnis für die Funktionsweise der Flankenschrift einer Schallplatte kann man folgende Faustregel beherzigen: Keine Stereo-Modulationseffekte im Bass! Zwar kann man das bis zu einem gewissen Grad doch tun, aber sicherer ist es, Chorus, Flanger, Phaser und dergleichen von Basssignalen fernzuhalten. Bei einigen Kanalkorrelationen könnte es sein, dass der Schneidestichel die Bewegung nicht so ausführen kann, dass das Signal später unfallfrei wiedergegeben werden kann. Bei der Überspielung auf Vinyl wirken zur Sicherheit Schutzschaltungen, die allerdings möglichst nicht tätig werden sollten: Das klingt nämlich grausam.

Tipp: Wer dennoch seinen Bass mit einem Chorus breit oder einem Flanger interessant machen will, kann sich mit einem Trick behelfen. Dazu wird das Basssignal gesplittet und einmal mit einem Hochpassfilter seiner Bässe beraubt und im anderen Signalzweig mit einem Tiefpassfilter bearbeitet. Wichtig: Gleiche Grenzfrequenz und gleiche Flankensteilheit einstellen! Eine mögliche Trennfrequenz ist 100 Hz. Auf das hochpassgefilterte Signal kann dann der Modulationseffekt problemlos angewendet werden.

4. Fehler beim Mixing für Vinyl: Zu starkes AB-Stereo und andere „Bassfallen“

Im Grunde die gleiche Problematik entsteht, wenn ein AB-Signal zu hohe Korrelationsunterschiede aufweist. Mit einem Stereo-Overhead kann das eher selten passieren, weil dort die Pegel im Bass nicht sehr hoch sind. Ein Leslie-Cabinet mit Druckempfängern kann aber zu den gleichen Problemen führen wie ein nachträglich im Mix verwendeter Modulationseffekt.

Tipp: Hier hilft entweder ein genereller Low-Cut, das Verringern der Stereobasis mit den Pans oder eben beides. Wer im Umgang mit Stereosichtgeräten geübt ist, sollte dieses Tool geöffnet halten und beobachten. Vom Mono-Button an Pult, Abhörcontroller oder in der DAW sollte reger Gebrauch gemacht werden: Wenn sich unterhalb von 150 Hz so gut wie keine Änderung im Vergleich zum Stereosignal ergibt, ist alles in bester Ordnung. 

5. Fehler beim Mixing für Vinyl: Zu viele Höhen!

Vor allem scharfe S-Laute von Sängern, beißende Snares, spitze Hi-Hats und vielerlei Geräuschhaftes, das sich im Bereich des oberen Spektrums tummelt, kann bei hohen Pegeln zu starken Problemen im Schnitt führen. Zwar kann ein De-Esser helfen, doch ist es sinnvoller, die Höhen oberhalb von 5 kHz im Zaum zu halten.

Tipp: Typische Vinylproduktionen zum Vergleich hören und nicht scheuen, auch einen Spectral-Analyzer zu Rate zu ziehen. Und ruhig mal mit einem HPF auf dem Master die Mischung anhören – selbst bei 3 (!) kHz Grenzfrequenz funktionieren Audio-Mischungen noch ganz passabel.

6. Fehler beim Mixing für Vinyl: Zu heftiges Limiting

Im Kontrast zu dem, was zu Beginn zu lesen ist: Hart limitiertes Material sorgt gerne für Probleme in den Höhen, besonders dann, wenn auf Lautheit optimiert wird (bei Vinyl sowieso eher unnötig …). Psychoakustik-Limiter, die angepasst an die „kritischen Bänder“ des Menschen den Energiegehalt stark erhöhen und nicht selten auch deutlich verzerren, können absolutes Gift beim Vinylschnitt sein.

Tipp: Es ist also sinnvoll, dem Mix ein wenig Luft zum Atmen zu geben, gerne deutlich mehr als für andere Medien. Geht der Mix sowieso noch ins Mastering, EQ im Mixbus vermeiden und Dynamik aus dem Stereo-Bus möglichst herauslassen.

7. Fehler beim Mixing für Vinyl: Reines Rechteck hochpeglig und ungefiltert verwenden

Den Synth auf Square gestellt und eine Bassline gezaubert, vielleicht ein wenig mit der Pulsbreite gespielt und mit hohem Pegel ohne Filterung in den Mix damit – das kann zugegebermaßen klasse klingen. Eine Rechteckschwingung, die immerhin den größtmöglichen Energiegehalt einer jeden Wechselspannung besitzt, stellt jedoch jedes Schneide- und Wiedergabesystem vor enorme Herausforderungen. Die Flanke eines idealen Rechtecks wäre ja hoher Pegelanstieg in „null Zeit“, was nur bei einer oberen Grenzfrequenz von unendlich Hertz möglich wäre. Stellt man sich nun vor, dass diese Kraft auf einen Schneidestichel wirkt, wird klar, dass das so nicht funktioniert. Die ruckartigen Bewegungen werden also beim Vinyl-Cutting automatisch begrenzt, was alles andere als positive Auswirkungen auf den Klang hat. Besser, man hat selbst die Kontrolle darüber!

Tipp: Es müssen nicht immer alle Oszillatoren auf Rechteck stehen, um diesen spezifischen, leicht hohlen Grundsound hinzubekommen. Eine Doppelung mit einem Dreieck kann schon viel retten, genauso die Arbeit mit sanften Tiefpassfiltern und/oder Übertragern zum Verrunden der aggressiven Transienten.

8. Fehler beim Mixing für Vinyl: Unpassende Reihenfolge!

Ok, das Album-Compiling geschieht im Mastering. Aber auch dort kann man nicht alles beheben. Die schlecht Nachricht: Die Wiedergabe von Vinyl ist nicht konstant, sondern verschlechtert sich zur Auslaufrille hin. Klar, die Außenspur hat eine höhere Spurlänge pro Zeiteinheit durch ihren größeren Abstand zum Mittenloch. Die Geschwindigkeit der Platte bleibt ja gleich! Außen sind mehr Höhen und cleanere, konturiertere Wiedergabe möglich. Aufgrund des geringeren Kurvenradius' im Innenbereich der Platte sind auch mehr Verzerrungen im Spiel.

Tipp: Alte Platten hören! Hier erkennt man nämlich, dass oft die flotten Stücke (z.B. mit lauten Hi-Hats, kräftiger Snare und keifend verzerrenden Gitarren eher am Anfang einer Plattenseite zu finden sind, und das letzte Stück auf A- und B-Seite ist nicht selten eine ruhige Ballade. Vielleicht ist auch ein Rückwärtsschnitt eine Option, bei der die Rille innen anfängt statt außen!

9. Fehler beim Mixing für Vinyl: Zu lange Albumlaufzeit!

Ja, man kann auch über eine halbe Stunde Audio auf eine Vinylseite quetschen. Das geht auf Kosten der gesamten Audioqualität: Rauschspannungsabstand, Bassgehalt und vieles mehr sind dann schnell so schlecht, dass man auch auf Audiokassette hätte aufnehmen können. Eine Albumseite mit 15 – 20 Minuten hingegen ermöglicht einen wirklich guten Sound. Der Vinyl-Mastering-Engineer kann bei geringer Laufzeit deutlich höher auspegeln, die Gefahr von Frequenzgangproblemen wird deutlich geringer! Mit 45 rpm hat man dann noch einen zusätzlichen Gewinn.

Tipp: Lieber die Anstrengungen im Mix für wenige richtig gute Songs aufwenden und ein gut klingendes, knackiges Album erstellen. Das Medium Vinyl unterstützt diese Kürze! Oder auf ein Doppelalbum hinarbeiten und ein schönes Gatefold-Cover dazu designen!

10. Fehler beim Mixing für Vinyl: Die Schneidekennlinie mit dem EQ nachbauen

Wer sich mit Vinyl befasst, findet Informationen über die Schneidekennlinien nach RIAA, BBC oder NAB. Diese Kennlinien sind nichts weiter als Frequenzgangkurven, die aus technischen Gründen beim Schnitt verwendet werden. Das Audiomaterial wird also ordentlich verbogen. Allerdings wird in jedem Phono-Vorverstärker dieser Welt die umgekehrte Kurve bei der Wiedergabe angewendet. Die Frequenzgangänderung geschieht beim Schnitt! Führt man sie bei Mix oder Pre-Mastering mit einem EQ aus, ist sie doppelt – mit entsprechend grauenhaftem Klangergebnis.

11. Fehler beim Mixing für Vinyl: Signale verwenden, die anfällig für Gleichlaufschwankungen sind

Manche Plattenspieler eiern recht deutlich. Das liegt nicht am Medium Vinyl, ist aber aufgrund sehr schlechter oder alter und nicht gewarteter Plattenspieler nicht auszuschließen. Ein statischer Sinuston im Elektrosong oder ein ohne Vibrato oder Tremolo gehaltener Ton kann da besonders herausstechen.

Tipp: Auffällig konstante, „klare“ Signale mit Modulationseffekten ein wenig in Eigenbewegung versetzen. Nur im Bass vorsichtig sein!

12. Fehler beim Mixing für Vinyl: Sich zu viel zutrauen und den Mastering-Engineer umgehen oder Vinyl stiefmütterlich behandeln

– „Mit ein paar Tipps im Hintergrund wird schon alles klappen und nichts schieflaufen.“ –

Gut, das kann tatsächlich sein. Es kann aber auch ganz anders kommen. Das Geld, das man für ein ordentliches Masteringstudio gespart hat, erscheint dann wenig, wenn man ein ganzes Album quasi von vorne mischen muss. Und falls irgendwo angeboten wird, aus Termin- oder Kostengründen auch mal ohne Testpressung zu arbeiten: Ganz klares Nein! 

– „Das bisschen Vinyl-Verkäufe? Dafür lohnt kein besonderer Aufwand!“ –

Zweiklassenprinzip? Bitte nicht! Auch wenn der Großteil einer Produktion über Downloads verkauft wird, 1000 CDs und nur 300 Vinylscheiben hergestellt werden: Der klassische Vinylkunde ist wahrscheinlich der größere und vernetztere Musikliebhaber, hat eine große Sammlung, eine gute Anlage, über die Fehler auffallen – und es ist wahrscheinlich, dass die verkauften Vinyls in Jahrzehnten noch im Umlauf sind, wenn die CDs sich längst in ihre Bestandteile aufgelöst haben und die paar Nullen und Einsen der Downloadfiles im digitalen Nirvana verschwunden sind.

Tipp: Jede Mischung ist 100% Einsatz wert! Und ein erfahrener Mastering-Engineer kann nicht nur für eine problemlose und qualitativ hochwertige Pressung sorgen, sondern auch hilfreiches Feedback in Hinblick auf zukünftige Produktionen geben. Damit ist das gut angelegtes Lehrgeld!

Veröffentlicht am 09.04.2019

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