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26.11.2018

5 natürliche Feinde des Lichttechnikers

Zwischen Volldampf und Monotonie in der Welt der Veranstaltungstechnik

Trotz unbequemer Arbeitszeiten, beengter Arbeitsplätze, die ihren Namen bisweilen nicht verdient haben und den jobtypischen Belastungen ist der Beruf des Lichttechnikers eine spannende Sache. Wenigstens für die Nerds, die mit diesem hartgesottenen und zugleich sensibel kreativen Light-Man-Gen zur Welt gekommen sind. Es ist und bleibt ein Job der Widersprüche – das Spiel mit Licht und Schatten im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht macht das den besonderen Reiz aus, möglicherweise ist es auch dieser markante Kontrast zwischen machbarer Zuverlässigkeit und dem immer mitspielenden Restrisiko zu versagen. Die Verantwortung als einer der bedeutendsten Teile der Eventbranche ist immens. Also lass dich nicht von den typischen Nebenkriegsschauplätzen nerven und keep it cool. Um es mit einem gewissen Augenzwinkern zu sagen:

So viel ist mal klar: Läuft alles am Schnürchen, werden Lichttechniker nicht beachtet, auch wenn sie noch so Beeindruckendes gezaubert haben. Im Rampenlicht stehen wollten sie ohnehin nicht. Andernfalls befänden sie nicht vor oder neben, sondern auf der Bühne. Obwohl, ein bedankendes Schulterklopfen zwischendurch wäre auch mal nett. Erst wenn etwas schief geht, werden sie ausgiebig beachtet. Das war eigentlich nicht das angestrebte Ziel. Wenn die anderen wüssten, mit welchen Unwägbarkeiten die Herrscher des Lichts zu kämpfen haben, könnte das eine Menge Augen öffnen. Aber es reicht auch, wenn wir ein wenig gemeinsam unter uns Insidern jammern und um Mitleid betteln.

Hier ein paar Gedanken zu den Feinden am Ende der natürlichen Nahrungslichterkette:

Die besondere Zeitzone des Light-Operators

Einer deiner schlimmsten Widersacher ist die Zeit. Und das auf mindestens zweierlei Weise. Auf der einen Seite steht, dass der Lichtmensch über den gesamten Ablauf einer Show hochkonzentriert sein muss. In jeder Sekunde und Minute, von Anfang bis Ende. Ein Konzert ist kein Ponyhof und eine Vorstellung kann ganz schön lange sein. Diese Konzentration über einen solchen Zeitraum aufrecht zu erhalten, das muss man erst einmal hinbekommen. Du kannst nicht zwischendurch deine WhatsApp-Nachrichten checken. Du kannst ja nicht mal zwischendurch auf Toilette. Du bist bis zum Ende des Events festgetackert. Finde dich einfach damit ab.

Da sitzt du nun mit auf deinem Stuhl und die synchronisierte Show läuft ab. Im Normalfall geschieht – so vermutest du – nichts, was irgendwem im Publikum oder den Künstlern auffallen könnte. Aus deiner Sicht plätschert alles irgendwie dahin pannenfrei dahin, ohne dass etwas passieren würde. Und was, wenn doch? Eben warst du noch leicht eingelullt; du hast das Event schon zwanzigmal begleitet, dein Adrenalin-Pegel befindet sich nicht unbedingt auf Höchstniveau. Plötzlich soll der Lichttechniker von einer Sekunde auf die nächste korrigierend eingreifen. Unverzüglich, möglichst mit Lichtgeschwindigkeit. Das ist der manifestierte Kaltstart zwischen einschläfernder Monotonie und der Spitze des Adrenalin-Eisbergs.

Die Monotonie des Wiedergekäuten

Was für ein Paradoxon: Die Show soll immer wieder nach dem gleichen Strickmuster ablaufen, eigentlich ziemlich egal, in welchem Veranstaltungsbereich, ob Theater, Varieté, Rock- und Popproduktionen oder bei sich wiederholenden Messe-Events. Unterschiedlichem Publikum an verschiedenen Veranstaltungstagen wird eine immer wieder identische Show präsentiert. Die Basis sind also jederzeit replizierbare und meistens vorprogrammierte Abläufe und Muster, möglichst auch noch musiksynchron. Von Eventualitäten mal abgesehen, ist die Hauptaufgabe bereits vor der Tour erledigt. Dann sitzt du vor deinen Bildschirmen, dem Lichtpult und was da nicht sonst noch alles quasi halbautomatisiert bedient werden will. Hochkonzentriert harrst du der Momente, die so nicht im „Drehbuch“ standen.

Diese Augenblicke, in denen on Stage irgendjemand Mist macht oder meint, er müsse einfach mal improvisieren. Immerhin ist diese Wachsamkeit exakt deine Aufgabe. Aber ganz ehrlich: Die Typen auf der Bühne können noch so super sein, mittlerweile hast du den Gig schon zehnmal gesehen; es keimt routinierte Langeweile auf. Du kommst dir gerade vor wie ein Straßenbahnfahrer am Ende seines kreisrunden Arbeitstages.

Der fehlerhafte Faktor Mensch

Besonders unberechenbare Größe sind die Künstler auf der Bühne. In ellenlangen Proben sind die Positionen und Laufwege für entscheidende Szenen in der Show festgelegt worden. Entsprechend punktgenau hast du die Spots und Effektlichter ausgerichtet vom Spielpunkt bis zur Applaus-Zone. Sind mal wieder einige Überstunden dabei zustande gekommen, bis sämtliche Lampen und Stimmungswechsel zur Zufriedenheit aller Beteiligten ausgerichtet waren. Alles vorjustiert, würden sich alle vernünftig an die Abmachungen halten, bräuchtest du in Echtzeit gar mehr nachzuregulieren.

Tun sie aber nicht! Wieso steht der Typ nach dem Song plötzlich auf der vollkommen verehrten Bühnenseite? Hat er sich verlaufen? Schon mal was von synchroner Choreographie gehört? Also wieder den Verfolger hinterherschicken und Gefahr laufen, dass er nicht zum geplanten Lichtszenario passt. Die Bewegungen können über die ganze Show hinweg professionell perfekt sein. Oder eben nicht. Und deshalb sitzt du die ganze Zeit vor deiner Konsole und stierst auf das Unvorhersehbare. Menschen sind nicht langfristig berechenbar. Dieses Wunschdenken kannst du dir abschminken.

Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten

Du schaust auf die Bühne, ebenso wie das Publikum. Alles im Blick, du siehst das optische Gesamtbild. Und das garnierst du mit all deinen Fähigkeiten und dem vorhandenen Licht-Setup zu einem rundum stimmigen Menü. Würdest du jedenfalls gerne. Wenn man dich nur machen ließe. Doch was wären Bands, Schauspieler, Akrobaten und sonstige wertgeschätzte Zeitgenossen ohne das Kabinett ihrer Eitelkeiten. Die konfektionslose Sängerin möchte besonders schlank wirken. Sie denkt, du kannst mit deinen Lichtern zaubern. Der Gitarrist will sich mit permanenten Posen in den Mittelpunkt drängen und flucht, wenn die Spots zeitweise auf andere Musiker gerichtet sind, weil die im Moment gerade mal wichtiger sind. Der Sänger regt sich auf, weil du ihn grün beleuchtest und er sich damit so krank fühlt. Als gäbe es eine Blacklist der Farben, die du bei ihm nicht anwählen darfst.

Und dann der Keyboarder: Er spielt einen Solopart, du willst ihn in Szene setzen. Aber er ist so schüchtern und menschenscheu, dass er hinter seiner Keyboard-Burg abtaucht und kein Mensch versteht, weshalb du den Spot während laufender Show auf ein menschenleeres Keyboard richtest. Wie ein Kindergärtner muss der Licht-Operator sich sämtlichen Animositäten widmen. Die Künstler vergessen leider allzu oft, dass sie aus ihrer Perspektive überhaupt nicht beurteilen können, wie sie von außen gesehen werden. Einfach mal den Talkback geschlossen halten. Debatten unnötig, sollen sie’s doch einfach dir überlassen.

Schon kurios – Tageslicht

Open-Air-Gig am Abend ist angesagt. Frühzeitig ist die gesamte Techniker-Crew angerauscht und hat das Equipment aufgestellt. Wie Weihnachtsbäume sind die Traversen mit reichlich Scheinwerfern befrachtet. Die Blinder sind vorne, hinten und sonst wo platziert. Die Hazer pumpen schon wie ein schwer atmendes Nashorn nach der Verfolgung einer unverschämten Hyäne. Also eigentlich steht alles. Und jetzt will und soll das Licht inklusive sämtlicher Chases, Scenes, Rotationen und Lichtstimmungen in dieser Umgebung kontrolliert und nach individueller nachgearbeitet werden. Aber es ist gerade mal 15:85 Uhr, brüllender Sonnenschein. Es ist hell und du sollst nun Licht im Licht machen. Schon keimt bei dir der Neid auf die Tontechniker auf. Die können sich immerhin den Kopfhörer aufsetzen, wenn sie keine Nebengeräusche hören wollen. Die Chance hast du im Outdoor-Bereich nicht. Schließlich kannst du für den Light-Check nicht einfach die Sonne ausknipsen.

Immer das Risiko im Nacken

Fällt die Beschallung aus, ist eben mal für einen Augenblick nichts zu hören. Das ist nicht schön für Publikum und Künstler und kann im schlimmsten Fall eine Veranstaltung sprengen, ist allerdings kein Weltuntergang. Ganz anders beim Licht. Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Du drückst das Licht während einer artistischen Veranstaltung. Kurz unter der Decke hangelt eine Artistin, die gleich per Salto Mortale in die Arme eines muskelbepackten Fängers wirbeln wird. Sie nimmt Anschwung und lässt die Schleuderschaukel los. Versehentlich hat der Licht-Operator die Schweinwerfer in exakt diesem Moment ausgeschaltet. Es ist tiefdüster. Herzlichen Glückwunsch. Hat jemand zufällig eine Ahnung, wo die Akrobatin geblieben ist? Von solchen Beispielen ließen sich etliche aufzählen, die körperliche Gefahr für Künstler und Publikum haben. Der Shouter, der vom Schlagzeugpodest runter auf die Bühne springt, sollte das vielleicht nicht unbedingt bei versehentlich komplett ausgeschalteten Lampen machen. Und Stage-Diving ohne einen Funken von Beleuchtung kommt auch nicht so gut. Plötzlich ist der Sänger weg. Einfach weg. Lieber Lichttechniker, die unbeabsichtigte Dunkelheit ist definitiv dein Feind.

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