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12.06.2019

5 Tipps für emotionalere Songs

Stimmungsvolle Produktionen sind keine Zauberei!

So packt ihr eure Zuhörer gefühlsmäßig

Ein Instrument zu beherrschen ist eine Sache, einen guten Song zu schreiben und ihn tadellos einzuspielen und aufzunehmen eine andere. Aber selbst wenn all das wunderbar geklappt hat, unterscheidet sich so mancher Profi-Mix nicht nur klanglich vom Großteil der Homerecording-Abmischungen. Ein Punkt, der zu häufig übersehen wird, ist die emotionale Wirkung einer Produktion. Aber kein Problem: Mit den folgenden fünf Tipps sprecht ihr im Handumdrehen die Gefühlsebene eurer Zuhörer an.

Tipp 1: Pads – Der unterschwellige Klangteppich

Wer bei Synthesizer-Pads nur an New-Age-Sound zum Entspannen und schwülstige Balladen aus den 80ern denkt, der lässt sich eventuell ein starkes Tool im Arsenal seiner emotionalen Mix-Gestaltung entgehen. Denn die synthetisch erzeugten Flächensounds sind jenseits von vordergründigem Einsatz in balladesken Stücken ein effektvolles Mittel, um Atmosphäre zu erzeugen. So wirkt beispielsweise ein warm klingendes Pad, das ihr kaum merklich hinter einem Piano spielen lasst, als unterschwelliger Klangteppich, der ganz wesentlich zur emotionalen Stimmung des Pianos beitragen kann.

Entgegen der landläufigen Meinung können Pads wunderbar variabel und vielseitig sein. Da gibt es kalt klingende Pads mit glockenartigem Attack, String-ähnliche Pads mit verzückenden Höhen oder auch sanft „wabernde“ Pads, die für kaum merkliche klangliche Bewegung sorgen. Ein ganz besonderer Trick ist es, Pad-Sounds hier und da nur kurz „aufatmen“ zu lassen. Ihr müsst also keineswegs lang gehaltene Akkorde spielen. Versucht einfach mal einzelne Noten oder Zweier-Intervalle an einer rhythmisch interessanten Stelle kurz aufblitzen zu lassen. Hierfür eignen sich am besten Sounds mit nicht allzu langem Attack und einem gewissen „Breath“-Charakter. Vor allem in elektronischer Musik und Pop ist das ein effektvolles Mittel, um gezielt emotionale Akzente zu setzen.

Tipp 2: Erwartung schaffen – Ramps, Risers und Transitions

EDM-Producer wissen zweifellos etwas mit den Begriffen in der Überschrift anzufangen – für so manchen Rock- und Metal-Fan werden sie dagegen entweder Neuland sein oder er wird abwinken: „Passt nicht in meine Musik!“ Aber ist das wirklich so? Wenn man einmal hinter die Fassade von typischen White-Noise-Sweeps und Synthie-Risern schaut, stellt man schnell fest, dass die Funktion, die diese Elemente erfüllen, jenseits von House und Pop seit jeher auch von anderen Instrumenten übernommen wird. Denn all diese Elemente sollen im Arrangement eine gewisse Erwartung erzeugen. Sobald etwa ein Riser beginnt, ist klar, dass er irgendwann zu Ende sein wird. Was kommt dann? Ein Snare-Fill, das am Ende eines Parts einsetzt, macht deutlich dass hier etwas zum Abschluss kommt und etwas Neues folgen wird. Was wird es sein? In jedem dieser Fälle wird eine Erwartung zum Ende hin erzeugt, deren Spannung dann gelöst wird (in der Regel mit dem Einsetzen eines neuen Parts auf der „1“ des nachfolgenden Taktes). Wollt oder könnt ihr nicht auf typische EDM-Sounds zurückgreifen, so spricht nichts dagegen auch mal einen Beckenschlag umzudrehen und als Reverse-Cymbal einzusetzen, über einen ganzen Takt mit dem Plektrum lang über die Saiten zum „scratchen“, den Laustärke-Fader eines Pad-Sounds langsam heraufzuziehen oder die Rate eines offensichtlich genutzten Modulations-Effekts mehr und mehr zu verringern. Hier sind der Fantasie wahrlich keine Grenzen gesetzt und alles ist richtig, was die Erwartung des Zuhörers schüren kann.

Tipp 3: Ins Ohr gesäuselt – Atemgeräusche

Dies ist mein Lieblings-Tipp. Die menschliche Stimme steht in den allermeisten Rock- und Pop-Produktionen an erster Stelle. Sie setzt die Hauptmelodien um, sorgt mit ihrem individuellen Charakter für die ganz spezielle Anmutung eines Songs und transportiert nicht zuletzt die Textinhalte. Für mich ist aber noch ein weiterer Punkt ganz entscheidend: Diejenigen Klanginformationen, die beim Einsingen jenseits von Noten und Text aufgezeichnet werden, machen einen wesentlichen Teil der Stimmung eines Stücks aus. Wer je auf die Atmer und das Hecheln, das Schnalzen und Keuchen von Michael Jackson in dessen Produktionen gehört hat, weiß wovon ich spreche. Er konnte dadurch vieles zum Ausdruck bringen, das mit Worten oder definierten Tönen kaum hätte umgesetzt werden können.

Aber auch in härterer Musik spielen Atemgeräusche mit unter eine wesentliche Rolle. Fans der Metal-Band Iced Earth etwa werden deren Klassiker-Album „Something Wicked This Way Comes“ kennen. Aufmerksamen Hörern wird dabei nicht entgegen, dass Sänger Matt Barlow auf dieser Scheibe immer wieder nach seinen Gesangspassagen viel Luft ausatmet – auch wenn die vorangegangene musikalische Phrase noch so lang war. Wer noch etwas genauer hinhört, dem wird auffallen, dass dieses Ausatmen im Stereobild durchaus mal an einer anderen Position lokalisiert werden kann als der eigentliche Gesang. Für mich ein klares Zeichen, dass hier getrickst wurde und das Ausatmen auf einer zusätzlichen Spur aufgezeichnet wurde. Der Effekt dieses Gimmicks ist gewaltig: Hört her, ganz egal wie sehr ich mich auch anstrenge, ich habe immer noch Luft übrig. Auf diese Weise erzeugt die Produktion das Bild eines Über-Sängers mit schier unmenschlichen Fähigkeiten. Ein klassischer Fall von „Larger than Life“-Produktion, optimal für die emotionale Stimmung des Albums.

Und auch das Fehlen von Atmung kann in eurer Produktion effektvoll sein. Eine weitere Metal-Band, die in ihren Produktionen in Sachen Gesang ein wenig trickst, um die gewünschten Emotionen zu wecken, sind Obituary. Ohne jede Frage gehört John Tardy zu den außergewöhnlichsten und besten Death-Metal-Shoutern, die es gibt. Auf den Scheiben der Band überlappen jedoch die Enden seiner Vocal-Phrasen immer wieder seinen nächsten Einsatz. Dadurch kann er nicht nur seine imposanten Growls länger und länger zelebrieren, sondern es entsteht bei den Zuhörern das Bild eines kaum atmenden, immer präsenten Löwengebrülls. Und dieser Eindruck trägt wesentlich zur Stimmung der Obituary-Scheiben bei. Gänsehaut!

Tipp 4: Tiefe erzeugt Tiefe – Vom Raum zum Gefühl

Ähnlich wie bei den Pads können auch Hallräume bei entsprechender Anwendung für emotionale Momente sorgen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, einen bestimmten Raum klanglich abzubilden. Es ist auch nicht entscheidend, dass die Qualität des Halleffekts exorbitant ist. Indem ihr etwa einzelne Passagen, wenige Wörter oder letzte Silben eines Gesangsparts durch einen deutlich wahrnehmbaren künstlichen Hall unterstreicht, könnt ihr gezielt emotionale „Stiche“ setzen. Und um den musikalischen Vordergrund mit Tiefe auszustatten könnt ihr einzelne Instrumente mit „verwaschenem“ Hall in den klanglichen Background manövrieren. Dazu eignen sich lange Hallfahnen und ultrakurze Pre-Delays. Sie sorgen dafür, dass das Instrument im imaginären klanglichen Raum diffus verschwindet. Je weiter ihr dann die Mix-Balance vom trockenen zum bearbeiteten Signal hin ausrichtet umso stärker dieser Effekt. Wenn ihr den Traum-ähnlichen Charakter noch weiter unterstreichen wollt, könnt ihr zusätzlich das Attack des Instruments verringern, sofern es sich um einen Synthesizer- oder Sampler-Sound handelt. Bei Natursounds könnt ihr stattdessen einen Transienten-Designer verwenden, um die Anschlagsinformationen des Instruments zurückzufahren. Mit diesen beiden Techniken (punktueller Halleinsatz und hallreicher Hintergrundsound) könnt ihr in euren Mixes ohne viel Aufwand wunderbar für emotionale Tiefe sorgen.

#Reverb-Einsatz

Tipp 5: Mut zur Lücke – Pausen als emotionales Spannungselement

Bereits bei den Risern und Sweeps habe ich darauf hingewiesen, dass Spannung Emotionen erzeugt. Und bei den Atemgeräuschen konnten wir schon feststellen, dass auch das Ausbleiben von Elementen Zustimmung einer Musikproduktion beitragen kann. Und tatsächlich ist kaum etwas in der Musik so intensiv wie Pausen. Auch und gerade in Stücken mit vielen Noten, mit schnell gespielten Noten oder mit sehr voller Instrumentierung sind Pausen ein probates Mittel, um Spannung zu erzeugen. Und nicht nur musikalische Pausen, sondern auch ein ausgedünntes Arrangement macht hier vielfach eine gute Figur. Nichts ist langweiliger als eine standardmäßige Instrumentierung oder die zu 100 % erfüllte Erwartung an den Einsatz eines folgenden Parts oder das x-te Verwenden eines längst zum Klischee gewordenen Produktionsmittels. Lasst eure Zuhörer im Verlauf der kleinen Geschichten, die ihr mit euren Songs erzählt, zwischendurch auch mal ins Bodenlose fallen, indem ihr ihnen musikalische Pausen, Löcher im Arrangement oder unvollständige Instrumentierungen bietet. Umso aufmerksamer werden sie dem Stück nach Wiedereinstieg der Instrumente folgen. Und das allerbeste ist, dieser Produktionseffekt für mehr emotionalen Impact kostet euch absolut kein Geld.

All diese Elemente lassen sich auch wunderbar kombinieren. Warum nicht einmal am Ende eines Parts einen Takt Pause einfügen, ein Instrument weit entfernt im musikalischen Hintergrund platzieren und mit einer Reverse-Kickdrum für Spannung sorgen?

Veröffentlicht am 12.06.2019

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