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04.07.2019

5 unglaubliche Anekdoten legendärer Recording-Sessions der 80er

Skurrile Recording-Stories hinter bekannten Welt-Hits

Wie Widersprüche, Improvisation und Zufall Millionen-Seller schufen

Super-Hits und Megaseller versprühen nicht selten den Charme von harter Arbeit und professioneller Organisation. Wie die folgenden Anekdoten beweisen, können aber gerade Chaos und Widersprüche zu den besten Ergebnissen führen. Vielleicht sieht so manch einer von euch aber darin auch seine Ahnungen bestätigt, wenn er erfährt, dass tieftraurige Rockstars auch unter tropischen Bedingungen kreativ sind, frustrierte Produzenten manchmal zu vorschnellen Entscheidungen neigen oder ein weltweiter Top-Ten-Hit in Minutenschnelle geschrieben werden kann.

Aus einem Guss trotz Widersprüchen – AC/DC – Back In Black (1980)

AC/DC gingen schon 1980, kurz nach dem schweren Schock durch den Tod von Sänger Bon Scott, mit neuem Sänger Brian Johnson ins Studio, um ein neues Album aufzunehmen. Das schwarze Cover und auch der Titel „Back in Black“ machen ohne Frage deutlich, wieviel Trauer mit im Spiel war als es um die Aufnahmen zu diesem Album ging. Entgegen dieser Grundstimmung buchte die Plattenfirma für die Band jedoch ein Studio auf den Bahamas. Die vor Florida beziehungsweise Kuba liegende Inselgruppe ist für hohe Temperaturen und tropisches Klima bekannt…

Auf den ersten Blick liegt ein weiterer Widerspruch in der Zusammenstellung von Band und Produzent. Der für seine sehr technische Recordingweise bekannte Mutt Lange traf bei der Produktion auf eine Band, die nahezu das genaue Gegenteil repräsentierte: Direktheit, Unmittelbarkeit, Einfachheit und Rohheit. Es ist sicher auch grade das Zusammenspiel von optimaler Studiovorbereitung, professioneller Durchführung und weitgehend live eingespielten Songs, die aus „Back in Black“ das erstklassige Album machen, das es ist. Allerdings hatte Mutt Lange bereits „Highway to Hell“ mit den australischen Hardrockern erfolgreich umgesetzt und wurde deshalb auch für das Nachfolgealbum engagiert. Auch in Sachen Unterkunft hielten die Recording-Sessions für AC/DC Widersprüche bereit. So mussten sich die gerade erst durch ihr Erfolgsalbum „Highway to Hell“ zu Superstars katapultierten Musiker für die Dauer der sieben Wochen langen Aufnahmen in Nassau einer herrischen Herbergsmutter beugen, die die Rock-Stars mit Horror-Stories über nächtliche Überfälle auf Trab hielt und sie abends mit Speeren zur Selbstverteidigung ausstattete (!). Es ist eben nicht ganz ungefährlich, einen Klassiker einzuspielen…

Bänder löschen nach drei Monaten Arbeit – Frankie Goes to Hollywood – Relax (1983)

Um die Entstehung des Super-Hits “Relax“ müssen sich keine Legenden ranken. Denn Producer Trevor Horn sowie ehemalige Studiomusiker und Tontechniker und auch FGTH-Frontmann Holly Johnson haben in verschiedenen Interviews zahlreiche Details über den Produktionsablauf zum Besten gegeben. Und dabei tritt wirklich Erstaunliches zutage. Gleich vier verschiedene Versionen des Hits soll es gegeben haben. Aber wer nun denkt, dass Band, Producer und Plattenfirma alle vier abgehört und sich für eine entschieden hätten, liegt komplett falsch. Da Trevor Horn zu diesem Zeitpunkt noch eine 24-Spur-Bandmaschine verwendete, wurden stattdessen einzelne Spuren aus den Aufnahmen gelöscht und neu aufgezeichnet. Und so verschwanden die Zwischenergebnisse von „Relax“ den ewigen Studio-Jagdgründen. Horn produzierte aufeinanderfolgend drei unterschiedliche Versionen von „Relax“, in denen Versatzstücke aus den vorangehenden Versionen wiederverwendet wurden. Er „sampelte“ Parts der eigenen Aufnahmen, übernahm Grooves, aber verwarf auch viele Bestandteile wieder. Nach drei Monaten Arbeit an diesem einzigen Song entschied er sich dazu, die Bänder komplett zu löschen(!), weil er unzufrieden mit dem Ergebnis war. Letztlich ist es einem seiner Tontechniker zu verdanken, dass dies nicht geschah. Und so konnte die vierte Version des Welt-Hits – aufs Wesentliche reduziert und um interessante Parts erweitert – 1983/84 die Charts stürmen. Wer mehr über die Produktionsweise von Trevor Horn und seine Rolle erfahren möchte, dem kann ich das Buch „Pop Music – Technology and Creativity“ von Timothy Warner empfehlen, das im Ashgate-Verlag erschienen ist. Sehr lesenswert!

Nebensächliches als Millionen-Seller – Guns N‘ Roses – Sweet Child O’ Mine (1988)

Ein gutes Beispiel dafür, dass gute Musik nicht am Reißbrett entworfen werden muss, liefern Guns N‘ Roses mit ihrem Millionen-Seller „Sweet Child O‘ Mine“. Wie Gitarrist Slash in seiner Biografie berichtet, spielte er sich eines Abends mit einer selbst ausgedachten Fingerübung warm. Seine Band-Kollegen aber fanden das Gitarren-Lick so fantastisch, dass sie kurzerhand dazu innerhalb weniger Minuten Akkorde und Drum-Beat improvisierten. Als Sänger Axl Rose diesen Basic Track vom Nebenraum aus hörte, steuerte er Zeilen dazu, die er über seine damalige Freundin geschrieben hatte. So entstand die Basis eines Multi-Platinum-Hits. Wie wichtig Nebensächliches für eine Hit-Produktion sein kann, zeigte sich abermals als weder die Band noch Spencer Proffer  (Produzent der Album-Demos) eine Textidee für den C-Teil des Songs hatten. Als der Part eingespielt war und sich alle ratlos fragten wohin die Reise bei den Aufnahmen weiter gehen sollte, murmelte Axl Rose einfach vor sich hin: „Tja, wo soll’s nun für uns hingehen?“. Aus diesem „Where do we go now?“ wurden kurzerhand die einprägsamen Vocals des Breakdown-Parts von „Sweet Child O‘ Mine“. Wie ihr seht, kann auch Ratlosigkeit im Studio manchmal förderlich sein… wenn man sie nur produktiv zu nutzen weiß!

Super-Hit in 40 Minuten – Kylie Minogue:  “I Should Be So Lucky” (1988)

Das Producer-Team Stock, Aitken und Waterman arbeitete 1987 in London in ihren heute legendären PWL-Studios, die auch als „Hit Factory“ bekannt sind. Nachdem die damals aufstrebende Sängerin/Schauspielerin Kylie Minogue von Australien bis England gereist war, musste sie vor Ort im Studio feststellen, dass niemand mit ihrer Ankunft rechnete. Zwar hatte ihre australische Plattenfirma das Arrangement von Künstlerin und Studio eingestielt, doch Kylie wurde acht Tage lang vergeblich immer wieder an der Studio-Rezeption vorstellig. Als schließlich nur noch wenige Stunden bis zur Abreise übrig blieben, nahm man sich schließlich ihrer an und ließ sie im Vorraum der Studios warten. Allerdings gab es kein Stück, das sie hätte singen können! So wurde in Windeseile eine Tür weiter komponiert und in nur 40 Minuten das Stück „I Should Be So Lucky“ geschrieben, das später in 15 Ländern in die Top Ten einstieg und für seine Verkaufszahlen mehrfach Gold-, Silber- und Platin-Auszeichnungen erhielt. Mike Stock und Matt Aitken schrieben einen einfachen Text auf der Schreibmaschine und keine zwei Stunden später war auch der Basic Track produziert, den Minogue besingen konnte. Fünf Wochen lang sollte diese auf die Schnelle entstandene Single allein im Vereinigten Königreich als Nummer Eins für Furore sorgen.

Improvisation als Strategie – Queen & David Bowie: „Under Pressure“ (1982)

Mit „Under Pressure“ landeten Queen zusammen mit Gastsänger David Bowie einen langlebigen Hit. Die Entstehung des Tracks ist von Improvisation geprägt. Bei ihren Aufnahmen zum Album „Hot Space“ luden Queen David Bowie ein, der sich ebenfalls in Montreux aufhielt und die Mountain Studios schon von seinen Aufnahmen zum Album „Lodger“ kannte. Die Band jammte mit ihm, bis Bassist John Deacon die einprägsame Basslinie improvisierte, die für das Stück so charakteristisch ist. Wie Gitarrist Brian May in einem Interview  mit der englischen Tageszeitung Mirror verriet, war David Bowie die treibende Kraft hinter dem Improvisationsansatz, den die Musiker bei „Under Pressure“ gemeinsam verfolgten. Da das Grundgerüst des Songs zwar schnell stand, aber keinem der Anwesenden eine zündende Melodie oder auch nur eine Textidee einfiel, machte Bowie einen Vorschlag. Er hatte bereits zuvor gute Erfahrungen mit einer Art „Improvisations-Blackbox“ gemacht. Dabei ging jeder Musiker für ein paar Minuten in den Aufnahmeraum, stellte sich vor das Mikrofon und improvisierte was ihm gerade einfiel. Der Clou dabei: Die Übrigen Musiker mussten das Studio währenddessen verlassen und durften nicht hören, wie die improvisierten Vocal-Lines klangen. Dadurch gab es am Ende eine gute Auswahl verschiedenster Gesangspassagen, aus der alle gemeinsam das ihrer Meinung nach Passende herauspickten. Wie Brian May verriet, stammt Freddie Mercurys „Doo-Doo-Doo Dah-Dahd“, das im Song zu hören ist, noch aus diesen Aufnahmen. Doch damit nicht genug: Auch der Mix des Songs wurde improvisiert. Denn für das Abmischen standen nur noch wenige Stunden zur Verfügung. Die Band war sich allerdings nicht einig darüber, wie der Song klingen sollte und – zu allem Überfluss – kannte sich der Sound Engineer im Studio nicht besonders aus. So schaffte es letztlich der von Freddie Mercury und Drummer Roger Taylor angelegte Rough Mix von „Under Pressure“ nicht nur auf das Album „Hot Space“, sondern wurde sogar als Single ausgekoppelt und stieg beim ersten Erscheinen in 15 Ländern in die Top Ten ein. Nach David Bowies Tod schaffte es das Stück 2016 nochmals in 12 Ländern unter die Top 100. Improvisation rocks!

Veröffentlicht am 04.07.2019

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