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04.03.2020

8 Tipps zum Üben wie die Profis

Wie lernt man richtig Klavier zu üben?

Effektiv üben kann man lernen. Wir zeigen euch wie!

Ich persönlich glaube nicht an Talent. Dieses Konzept war mir schon immer zu einfach, wird es doch hauptsächlich zur Positionierung benutzt. Zum Beispiel dient der Satz „ich bin musikalisch völlig unbegabt“ hervorragend als Ausrede, sich erst gar nicht intensiv mit Musik beschäftigen zu müssen. Aber was unterscheidet dann den Laien vom Profi? Warum flitzen Pianisten in traumwandlerischer Sicherheit über die Tasten und so mancher Laie findet sich immer noch nicht auf der Tastatur zurecht, verspielt sich ständig oder kann sich einfach nicht merken, wie z. B. ein E-Moll Akkord notiert aussieht? Und genau hier ist der Ansatzpunkt. Ein Instrument zu spielen kann man durchaus in jedem Alter erlernen. Hält man sich dabei an bestimmte Vorgehensweisen erzielt man an seinem Instrument in kurzer Zeit große Fortschritte. Dieser Artikel soll euch dabei zur Seite stehen, den richtigen Weg beim Üben einzuschlagen.

Als Klavierlehrer erlebe ich immer wieder die gleiche Situation: Ein neuer Schüler kommt zu mir in den Unterricht, ich höre, dass er übt, aber dennoch geht immer etwas schief, er kann seine Leistung während des Klavierunterrichts einfach nicht abrufen. Hat er vielleicht zu wenig geübt? Konzentriert er sich nicht genug, oder hat er einfach kein Talent? Und immer wieder bietet sich mir das gleiche Bild. Wenn dann die ersten Probleme im Stück auftauchen, wird innegehalten und die Stelle noch einmal ganz genau inspiziert. Wir kommen dem Problem auf die Spur.

Was bedeutet üben?

Üben ist ein methodisch wiederholtes Handeln, das darauf zielt, Können zu bewahren, zu erwerben oder zu steigern. Geübt werden Praktiken, die man nicht unmittelbar durch Wille oder Entschluss ausführen kann. Dazu gehören: Elementare und leibliche Lebens- und Weltvollzüge, Gehen und Sprechen, komplexe Fertigkeiten und Fähigkeiten künstlerischer, sportlicher, handwerklicher und geistiger Art sowie individuelle Haltungen und Einstellungen. (Quelle: Wikipedia)

Richtig üben kann man lernen, aber wie?

Die meisten Schüler verwechseln Verstehen mit Können. Ich erkläre es dir an einem Beispiel: Wenn du noch nie in einem Auto gesessen hast und ich dir auf dem Sofa sitzend erkläre, wie man Auto fährt, wirst du das alles verstehen, aber du kannst deswegen noch lange nicht Auto fahren. Setzt du dich dann in ein Fahrzeug, hast du nur verstanden, wie es funktioniert, kannst es aber trotzdem nicht bewegen. Dir fehlen Praxis und Erfahrung.

Um Können zu entwickeln braucht es aber immer Handlungen. Beim ersten Mal wirst du das Auto, wie wir alle, wahrscheinlich zunächst abwürgen. Oder, wenn dir ein Bäcker erklärt, wie man Kuchen backt, muss dein erster eigener Kuchen trotzdem nicht unbedingt gelingen, weil dafür tatsächliche Fähigkeiten nötig sind. Gut backen kannst du erst dann, wenn du viele Kuchen gebacken hast. 

Und genau deswegen höre ich immer wieder die lustigsten Versionen von Stücken, die mit dem Notentext oft nicht allzu viel zu tun haben. Genau hier liegt Fehler: Verstehen wird mit Können verwechselt. Natürlich muss man zuerst den Notentext erfassen und verstehen, aber das reicht nicht, um das Stück auch wirklich gut spielen zu können. Dazu muss die eigentliche Fähigkeit aufgebaut werden; es muss ein motorisches Gedächtnis 'angelegt' werden.

Richtig üben zahlt sich aus, warum?

Wer schon länger Klavier spielt kennt das Phänomen, dass man ein Stück vor langer Zeit richtig intensiv geübt, aber dann Jahre nicht gespielt hat. Und trotzdem kann man es nach längerer Zeit immer noch, die Hände spielen quasi von alleine, weil sie sich einfach noch an den Bewegungsablauf erinnern können. Und genau das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Ich lasse mir im Unterricht gerne von meinen Schülern demonstrieren, wie sie zu Hause üben. Bei denen, die nicht vorankommen, werden von zehn Minuten maximal vier Minuten tatsächlich gespielt. Der Rest der Zeit wird einfach nur die Noten studiert, nach dem Motto: „Was daran habe ich noch nicht verstanden?“. Übernehme ich dann das Zepter und führe den Schüler, spielt er von zehn Minuten Übezeit mindestens neuneinhalb Minuten. Permanent wird er mit einer neuen Aufgabe beschäftigt und handelt ununterbrochen. Und siehe da, nach diesen zehn Minuten wird die betroffene Stelle, oft sogar eine ganze Seite fehlerfrei gespielt.

Nachdem du die zu übende Stelle gelesen und verstanden hast, musst du deinen Händen nur noch zeigen, was sie tun sollen. Und das so lange, bis sie es verstanden haben. Dann wird dein motorisches Gedächtnis um eine Fähigkeit erweitert. Das ist der eigentliche Übeprozess. Und dann gibt es auch keine Fehler, Denkpausen oder andere Probleme beim Spielen mehr. Andere Bewegungsabläufe die wir schon sehr oft eingeübt haben, laufen ja auch völlig ohne Fehler ab, wie z. B. Fahrradfahren oder Schwimmen.

Das ist der Weg zum Erfolg. Die Wirksamkeit dieser Übetechnik sehe ich immer wieder. Selbst Schüler, die seit einiger Zeit zu mir kommen, tun sich mit diesem System oft schwer, weil sie noch nie so geübt haben. Es erfordert anfangs viel Konzentration und Disziplin, man muss sich permanent zuhören. Aber unterm Strich sparst du damit sehr viel Zeit und Mühe. Alleine die Zeit, die es dauert, gefestigte Fehler zu korrigieren, fällt einfach weg. Schüler, die von Anfang an nach diesem System üben, machen in kurzer Zeit fantastische Fortschritte. Einer meiner Schüler, der vor einem Jahr begonnen hat bei mir Klavier zu lernen, beschäftigt sich bereits mit Chopins Nocturne op. 72 No. 1!

8 Tipps, die man sich zur Regel machen sollte

1. Schwierige Stellen mit langsamen Tempo üben

Zeigst du deinen Händen was sie tun sollen, solltest so vorgehen, als würdest du Oma erklären, wie sie mit ihrem neuen Smartphone eine SMS schreibt. Du erklärst es sehr langsam, du wiederholst es immer wieder, bis sie es verstanden hat. Dabei bleibst du geduldig und lieferst dir keine falschen Informationen, weil das nur verwirrt. Jeder Fehler, den du beim Üben machst, ist eine falsche Information, die du dir unbewusst einprägst. Fast alle Schüler üben viel zu schnell, spielen meist das ganze Stück einmal irgendwie durch (das ist spielen, aber nicht üben!), gelangen beim Üben in Stolperfallen und wundern sich anschließend, dass sie das Stück nie fehlerfrei spielen.

Merke: Beim Klavier üben bist du Lehrer und Schüler gleichzeitig. Verstehst du etwas nicht, hast du es dir einfach nicht richtig erklärt, oder dir nicht genügend Zeit gegeben, es zu lernen. Bist du zu schnell entsteht Stress, der deinem Gehirn Gefahr suggeriert, was das Lernen behindert! Außerdem entstehen durch zu hohes Tempo Fehler, die sich schnell einprägen! Unterfordere dich am Anfang immer! Verwende ein Metronom und wähle ein Tempo, von dem du schon zuvor weißt, dass du die Stelle fehlerfrei schaffen kannst, das kann manchmal extrem langsam sein. Wähle ein Tempo, in welchem du jeden Ton denken kannst, bevor du ihn spielst. Machst du Fehler, bist du einfach zu schnell. Ein Handball-Trainer kann seinem Spieler den Ball nicht in Zeitlupe zuwerfen. Du aber kannst das beim Üben. Nutze also diese Möglichkeit ausgiebig.

2. Das Tempo variieren

Lässt sich eine schwierige Stelle nach langsamem Üben fehlerfrei spielen, dann erhöhst du das Tempo, bis zu dem Punkt wo die ersten Fehler auftreten. Dann reduzierst du es wieder und steigerst es erneut, bis du erneut an deine Grenze gelangst. Das Ganze wiederholst du so oft, bis du das Stück im gewünschten Tempo spielen kannst. Du wirst dann sogar feststellen, dass du das Stück noch schneller spielen kannst, als es temposeitig vorgesehen ist. Ein Zeichen, dass du gut geübt hast. So lernt es sich viel besser!

3. Den Fingersatz kontrollieren

Der richtige Fingersatz ist das 'A' und 'O' für ein angenehmes Spielen und fehlerfreies Spielen. Da die Klaviertastatur sehr viele Töne bereitstellt, jede Hand aber nur fünf Finger hat, welche einzelne Abläufe oder wechselnde Kombinationen spielen sollen, ist der korrekte Fingersatz der Schlüssel zum Erfolg. Hier ist es erforderlich bestimmte notierte Abläufe durch gezielte Fingerfolgen auszuprobieren und schriftlich über den Noten festzuhalten. Im Unterricht zeigt der Lehrer, wie man sich Schritt für Schritt an den passenden Fingersatz herantastet. Später macht man es selbst und findet die richtige Abfolge zum Spielen selbst schwierigster Passagen.

4. Sich selbst kontrollieren

Bleibe beim Üben immer aufmerksam. Spiele ich alles so, wie es notiert ist? Kann ich die Stelle bereits? Kann ich sie auch in doppeltem Tempo spielen? Stimmt der Fingersatz? Du solltest immer nach dem Gefühl suchen, dass dir das, was du gerade übst, leicht vorkommt. Vielleicht kannst du sogar an etwas anderes denken und spielst trotzdem fehlerfrei? Dann hast du die Stelle wirklich drauf und kannst weitergehen.

5. Neue Startpunkte im Notentext finden

Beginne dein Üben nicht immer an derselben Stelle. Die Steine einer Mauer werden versetzt gebaut, das erhöht die Stabilität. Wenn du erst vier Takte übst und dann die nächsten vier, gibt es oft an diesen Übergängen Probleme. Außerdem lernst du das Stück so besser kennen und kannst überall im Stück neu einsteigen, falls es nötig sein sollte.

6. Töne vom Rhythmus trennen

Trenne anfangs immer die Töne vom Rhythmus, denn die meisten Anfänger haben besonders beim Erfassen des Rhythmus große Schwierigkeiten. Klopfe diesen mit deiner Hand so lange, bis du ihn sicher kannst. Erst nur mit einer Hand, dann mit beiden. Kannst du den Rhythmus mit beiden Händen nicht fehlerfrei klopfen, wird das Spielen des Stückes zum Problem. Im zweiten Schritt spielst du dann erst nur die Töne ohne Rhythmus. Hast du beides verstanden, setze alles zusammen.

7. Linke und rechte Hand getrennt voneinander üben

Spiele ein neues Stück niemals einfach drauf los. Übe gleich die Einzelteile: Rhythmus klopfen, nur Töne ohne Rhythmus spielen, erst danach zusammensetzen. Linke und rechte Hand getrennt vornehmen und  Melodie und Begleitung einzeln üben, ... Wenn du dann alles zusammensetzt, gibt es keine Probleme mehr. So stellst du sicher, dass du von Anfang an keine Fehler machst und lernst jedes Stück viel schneller. 

8. Auf die Noten schauen

Schaue beim Üben nicht auf deine Hände. Das lenkt dich nur ab und es verhindert, dass deine Hände ein motorisches Gedächtnis aufbauen und du dich auf der Tastatur zurechtfindest. Natürlich kann man bei Sprüngen die Augen zur Hilfe nehmen, aber blinde Pianisten beweisen ja eindrucksvoll, dass es auch anders geht. Wenn du richtig übst, wirst du immer schnell eine Verbesserung bemerken. Schon nach zehn Minuten Übezeit sollte sich ein Fortschritt einstellen. Dann macht Üben auch wirklich viel Spaß. Entwickeln sich keine Fortschritte, solltest du deine Übestrategie anpassen!

Schlusswort

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wer mit Disziplin an das Üben herangeht, wird schon recht bald mit Erfolg belohnt. Gut spielen zu können braucht seine Zeit und kommt nicht von alleine. Richtig üben kann viel Spaß bereiten, zumal sich dabei Fortschritte erzielen lassen, die sich messen lassen ...  und die man hört.

Viel Erfolg!

Veröffentlicht am 04.03.2020

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