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19.04.2018

8 Tipps zum Üben wie die Profis

Wie geht eigentlich richtig Klavier üben?

So erzielst du an jedem Instrument in kurzer Zeit große Fortschritte.

Ich persönlich glaube nicht an Talent. Dieses Konzept war mir schon immer zu einfach, wird es doch hauptsächlich zur Positionierung benutzt. Zum Beispiel dient der Satz „ich bin musikalisch völlig unbegabt“ hervorragend als Ausrede, sich erst gar nicht intensiv mit Musik beschäftigen zu müssen. Aber was unterscheidet dann den Laien vom Profi? Warum flitzen Pianisten in traumwandlerischer Sicherheit über die Tasten und so mancher Laie findet sich immer noch nicht auf der Tastatur zurecht, verspielt sich ständig oder kann sich einfach nicht merken, wie z. B. ein E-Moll Akkord notiert aussieht? Und genau hier ist der Ansatzpunkt. Ein Instrument zu spielen kann man quasi in jedem Alter erlernen. Hält man sich dabei an bestimmte Vorgehensweisen erzielt man an seinem Instrument in kurzer Zeit große Fortschritte. Dieser Artikel soll euch dabei zur Seite stehen, richtig üben zu lernen!

Erfahrungen

Als Klavierlehrer erlebe ich immer wieder die gleiche Situation. Ein neuer Schüler kommt zu mir, ich höre, dass er übt, aber dennoch geht immer etwas schief, er kann seine Leistung im Unterricht einfach nicht abrufen. Hat er zu wenig geübt? Konzentriert er sich nicht genug oder hat er einfach kein Talent? Und immer wieder bietet sich mir das gleiche Bild. Wenn dann die ersten Probleme im Stück auftauchen, wird innegehalten und die Stelle noch einmal ganz genau inspiziert und genau da liegt das Problem.

Die meisten Schüler verwechseln verstehen mit Können. Ich erkläre es dir an einem Beispiel:

Wenn du noch nie in einem Auto gesessen hast und ich dir auf dem Sofa sitzend erkläre, wie man Auto fährt, kannst du das alles verstehen, aber du kannst deswegen noch lange nicht Auto fahren. Setzt du dich dann in ein Fahrzeug, hast du nur verstanden.

Um Können zu entwickeln braucht es aber immer Handlungen. Beim ersten Mal wirst du das Auto, wie wir alle, wahrscheinlich erst einmal abwürgen. Oder wenn Dir ein Bäcker erklärt, wie man Kuchen backt, muss dein erster eigener Kuchen trotzdem nicht unbedingt gelingen, weil dafür tatsächliche Fähigkeiten nötig sind. Gut backen kannst du erst dann, wenn du viele Kuchen gebacken hast. 

Und genau deswegen höre ich immer wieder die lustigsten Versionen von Stücken, die mit dem Notentext oft nicht allzu viel zu tun haben. Genau das ist der Fehler: Verstehen wird mit Können verwechselt. Natürlich muss man zuerst den Notentext erfassen und verstehen, aber das reicht nicht, um das Stück auch wirklich gut spielen zu können. Dafür muss die eigentliche Fähigkeit aufgebaut werden, das Klavier spielen an sich, oder anders gesagt, es muss ein motorisches Gedächtnis erzeugt werden.

Richtig Üben zahlt sich aus

Wer schon länger spielt kennt das Phänomen, dass man ein Stück vor langer Zeit richtig intensiv geübt, aber dann Jahre nicht gespielt hat. Und trotzdem kann man es nach längerer Zeit immer noch, die Hände spielen quasi von alleine, weil sie sich einfach noch an den Bewegungsablauf erinnern können. Und genau das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Ich lasse mir im Unterricht immer wieder von meinen Schülern zeigen, wie sie zu Hause üben. Bei denen, die nicht vorankommen, wird von zehn Minuten maximal vier Minuten tatsächlich gespielt. Der Rest der Zeit wird einfach nur der Notentext studiert, nach dem Motto: „Was daran habe ich noch nicht verstanden?“. Übernehme ich dann das Kommando und führe den Schüler, spielt er von zehn Minuten Übezeit mindestens neuneinhalb Minuten. Permanent wird er mit einer neuen Aufgabe beschäftigt und handelt ununterbrochen. Und siehe da, nach diesen zehn Minuten geht dann auf einmal die Stelle, oft sogar eine ganze Seite fehlerfrei.

Nachdem du die zu übende Stelle gelesen und verstanden hast, musst du also deinen Händen einfach nur zeigen, was sie tun sollen. Und das so lange, bis sie es verstanden haben. Das wird dann zu deinem motorischen Gedächtnis. Das ist dann eine Fähigkeit. Und das ist der eigentliche Übeprozess. Und dann gibt es auch keine Fehler, Denkpausen oder andere Probleme beim Spielen mehr. Warum auch. Andere Bewegungsabläufe die wir schon sehr oft eingeübt haben, laufen ja auch völlig ohne Fehler ab, oder „verputzt“ du dich beim Zähneputzen und beschmierst dir die Wange mit Zahnpasta, weil deine Hand verlernt hat, wo genau sich dein Mund befindet?

Das klingt vielleicht zu schön um wahr zu sein, aber genau darauf kommt es an. Die Wirksamkeit dieser Übetechnik sehe ich immer wieder. Selbst Schüler, die seit einiger Zeit zu mir kommen, tuen sich mit diesem System oft schwer, weil sie noch nie so geübt haben. Denn es erfordert anfangs viel Konzentration und Disziplin, man muss dabei sehr aufmerksam sein und sich permanent zuhören. Aber unterm Strich, sparst du damit sehr viel Zeit und Mühe. Alleine die Zeit, die es dauert, eingeübte Fehler zu korrigieren, fällt dann weg. Schüler, die von Anfang an nach diesem System üben, machen in kurzer Zeit fantastische Fortschritte. Einer meiner Schüler, der vor genau einem Jahr angefangen hat bei mir Klavier zu lernen, beschäftigt sich bereits mit Chopins Nocturne op. 72 No. 1!

Natürlich gibt es noch einige andere wichtige Punkte, die du beachten musst. 

Was man sich zur Regel machen sollte

1. Beim Üben bist du Schüler und Lehrer gleichzeitig

Zeigst du deinen Händen also, was sie tun sollen, solltest so vorgehen, als würdest du deiner Oma erklären, wie sie mit ihrem neuen Smartphone eine SMS schreiben kann. Du erklärst es sehr langsam, du wiederholst es immer wieder, bis sie es verstanden hat. Dabei bleibst du geduldig und lieferst keine falschen Informationen, weil das den Schüler einfach nur verwirrt. Jeder Fehler, den du beim Üben machst, ist so eine falsche Information. Fast alle Schüler üben viel zu schnell, spielen meist das ganze Stück einmal irgendwie durch (das ist spielen, aber nicht üben!), machen deswegen beim Üben viele Fehler und wundern sich dann, dass sie das Stück nie fehlerfrei spielen. Merke dir einfach: Beim Klavier üben bist du ja Lehrer und Schüler gleichzeitig. Verstehst du etwas nicht, hast du es dir einfach nicht richtig erklärt oder dir nicht genügend Zeit gegeben, es zu lernen. Bist du zu schnell entsteht Stress, der deinem Gehirn Gefahr suggeriert, und genau in diesem Zustand kann dein Gehirn überhaupt gar nicht lernen! Außerdem entstehen durch zu hohes Tempo beim Üben Fehler, die sich dein Gehirn alle merkt! Unterfordere dich am Anfang immer! Wähle ein Tempo, von dem du schon davor weißt, dass du die Stelle fehlerfrei schaffen kannst, das kann manchmal extrem langsam sein. Wähle ein Tempo, in welchem du jeden Ton denken kannst, bevor du ihn spielst. Machst du Fehler, bist du einfach zu schnell. Ein Handball Trainer kann seinem Spieler den Ball nicht in Zeitlupe zuwerfen. Du aber kannst das beim Üben. Nutze also diese Möglichkeit ausgiebig.

2. Das Tempo variieren

Wenn es dann klappt, dann machst du es nochmal etwas schneller, so lange, bis die ersten Fehler auftreten. Dann gehst du im Tempo wieder zurück und steigerst es erneut, bis du wieder an deine Grenze kommst. Übe so das Stück viel schneller, als du es später spielen willst, somit erhöhst du die Widerstandskraft an der Stelle, machst sie sicherer und lernst dadurch schneller zu denken und zu spielen. 

3. Aufmerksam sein

Bleibe beim Üben immer aufmerksam. Spiele ich alles so, wie es notiert ist? Kann ich die Stelle bereits? Kann ich sie auch in doppeltem Tempo? Du solltest immer nach dem Gefühl suchen, dass dir das, was du gerade übst, leicht vorkommt. Kannst du dabei reden, oder an etwas Anderes denken und spielst trotzdem fehlerfrei? Dann hast du die Stelle wirklich drauf und kannst weitergehen.

4. Neue Startpunkte finden

Beginne nicht immer an derselben Stelle. Die Steine einer Mauer werden versetzt gebaut, das erhöht die Stabilität. Wenn du einfach erst vier Takte übst und dann die nächsten vier, gibt es oft an diesen Übergängen Probleme. Außerdem lernst du das Stück so besser kennen und kannst überall im Stück neu einsteigen, falls es nötig sein sollte.

5. Töne und Rhythmus

Trenne anfangs immer die Töne vom Rhythmus, denn die Meisten haben besonders beim Erfassen des Rhythmus große Schwierigkeiten. Klopfe diesen mit deiner Hand so lange, bis du ihn sicher kannst. Erst nur mit einer Hand, dann mit beiden. Kannst du den Rhythmus mit beiden Händen nicht fehlerfrei klopfen, wird das Spielen des Stückes zum Problem. Im zweiten Schritt spielst du dann erst nur die Töne ohne Rhythmus. Hast du beides verstanden, setze alles zusammen.

6. Linke und rechte Hand getrennt üben

Spiele ein neues Stück niemals einfach drauf los. Übe gleich die Einzelteile, Rhythmus klopfen, nur Töne ohne Rhythmus spielen, erst danach zusammensetzen, linke Hand, rechte Hand, nur die Melodie, nur die Begleitung, ... Wenn du dann alles zusammensetzt, gibt es keine Probleme mehr. So stellst du sicher, dass du von Anfang an keine Fehler machst und lernst jedes Stück viel schneller. 

7. Den Notentext flexibel gestalten

Verändere den Notentext um schnellere Fortschritte zu erzielen. Siehst du in der linken Hand zum Beispiel ein Muster oder eine technische Schwierigkeit, übe erst einmal nur das, gehe nach jedem Mal eine Taste höher, um es in kurzer Zeit sehr oft zu üben. So machst du aus den Anforderungen eine Übung. Dabei übst du das eigentliche Problem isoliert und kannst so in kürzerer Zeit Fortschritte erzielen, als wenn du immer vier Takte übst und dabei dem Problem nur jeweils einmal begegnest. 

8. Schaue immer nur auf die Noten

Schaue beim Üben nicht auf deine Hände. Das lenkt dich nur ab und es verhindert, dass deine Hände ein motorisches Gedächtnis aufbauen und du dich auf der Tastatur zurechtfindest. Natürlich kann man bei Sprüngen die Augen zur Hilfe nehmen, aber blinde Pianisten beweisen ja eindrucksvoll, dass es auch anders geht.

Wenn du richtig übst, wirst du immer sofort eine Verbesserung bemerken. Schon nach zehn Minuten sollte sich etwas verbessert haben. Dann macht üben auch wirklich viel Spaß, weil man sich ständig verbessert. Entwickeln sich aber keine Fortschritte, musst du deine Übestrategie anpassen! Weil ich das alles damals nicht wusste, hat sich mein Studium oft sehr frustrierend angefühlt. Lerne aus meinen Fehlern.

Fazit

Nutze die Erkenntnisse aus meiner langjährigen Lehrerfarung und verbessere dich an deinem Lieblingsinstrument, wie du es dir schon immer gewünscht hast. So kannst du innerhalb eines Jahres unglaubliche Fortschritte erzielen. Gib dich nicht mit weniger zufrieden. Wenn du schon Zeit und Mühe investierst, dann maximiere deinen Fortschritt, indem du übst und danach auch spielst, wie die Profis!

Viel Erfolg!

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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