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Test
10
16.11.2020

Praxis

Comping – perfekter Zusammenschnitt

Den perfekten Gesangstake von Strophe eins bis zum Outro gibt es (fast) nicht. Man braucht viele Durchläufe, um wirklich jedes Wort und jede Silbe mit dem Ausdruck zu singen, den das Lied braucht. Schiefe Töne kann man (auto-)tunen, schwachen Ausdruck nicht.

In Ableton Live 11 geht das so: Sobald man beispielsweise die ersten vier Takte einer Strophe loopt, eine Audiospur scharf schaltet und die Aufnahme startet, legt Ableton automatisch „Take-Lanes“ an, quasi Unterspuren für jeden aufgenommenen Take. Leider sind Audiospuren, in denen es „Take-Lanes“ gibt, in keiner Weise von solchen ohne Unterspuren zu unterscheiden. Hoffen wir, dass das bis zum Release noch hinzugefügt wird.

In der Spur selbst wird oben immer der zuletzt aufgenommene Take angezeigt, darunter die vorherigen Versuche. Dann aktiviert man das Stifttool und wählt aus den verschiedenen Take-Lanes die jeweils besten Schnipsel aus. Schon fügt sich oben der „Comp“ zusammen, Crossfades setzt Live an den Schnittpunkten automatisch, so knackt es nicht bei den Übergängen. Und es klingt am Ende so, als hätte man eben perfekt eingesungen. Man kann die Take-Lanes auch zweckentfremden: Zieht man unterschiedliche fertige Clips auf jede der Track-Lanes, zum Beispiel ein Jazz-Drum-Loop, eine Klaviersonate und ein Sample eines Beatboxers, sind durch das Compen völlig neue Loops und Sounds in Sekundenschnelle erzeugt. Comping und Track-Lanes sind übrigens mit MIDI-Aufnahmen genauso möglich.

Dazu gibt es noch Track-Link. Sind mehrere Spuren mit Take-Lanes markiert, kann man diese per Rechtsklick auf den Spurkopf im Menü „verbinden“. Malt man nun mit dem Stifttool an einer Stelle von Take-Lane 1 in Spur 1, wird dieselbe Stelle von Take 1 in Spur 2 auch ausgeschnitten. Was kompliziert klingt, hat viele nützliche Anwendungsgebiete. Hat man zum Beispiel die Aufnahme einer kompletten Band, die einen Song mehrere Takes lang eingespielt hat, und weiß, dass im dritten Take ALLE einen besonderen Moment oder schwierigen Fill erwischt haben, kann man diesen nun mit einem Klick auswählen. Ein anderes Beispiel: Jemand komponiert etwa zum Chor ein E-Piano, das auch MIDI ausspielt, und nimmt die MIDI-Signale und das Audiosignal ganz auf – das Audiosignal für die Produktion, die MIDI-Noten für die Notation. Auch in diesem Fall können die besten Takes zusammengeschnitten werden, ohne erst mühselig hin- und herzuspringen. Neben dem Multi-Track-Editing werden bei allen Spuren in einer „Verbindung“ gleichzeitig die Fade-Ins und Fade-Outs verändert und auch das Scharfschalten einer Spur wird bei allen anderen aktiviert. 

MPE im Praxiseinsatz

Schließt man einen MPE-fähigen Controller wie beispielsweise das Roli Seaboard Block an, gilt es nur noch, in den Controller-Optionen den kleinen Haken bei „MPE“ zu setzen und los geht‘s. Gerade bei Sounds in Wavetable und einigen Presets in Sampler ist die zusätzliche Ausdrucksfähigkeit, das Ziehen und Schieben auf den knautschigen Tasten des Controllers, ein Garant für mehr Musikalität. In Wavetable und Sampler gibt es die MPE-Kanäle „Note PB“, „Slide“ und „Pressure“ als Modulationsquellen. Lässt man beispielsweise den „Slide“-Kanal den Cutoff modulieren, kann man beim Spielen von  Akkorden das Filter für jede gespielte Note quasi einzeln „aufschieben“. Auch der globale Pitchbend oben und unten am Seaboard, der über bis zu vier Oktaven läuft, entlockt Padsounds in Wavetable fast schon geisterhafte Sounds. 

Will man diese drei MPE-Kanäle in Simpler nutzen, gibt es aktuell nur die Möglichkeit, die gewünschte Modulation im Sampler einzustellen und diesen dann per Rechtsklick auf die Menüleiste in einen Simpler umzuwandeln. Im Arpeggiator sucht man vergebens nach MPE-Optionen, hier scheint sich die MPE-Unterstützung darauf zu reduzieren, dass das Deivce die MPE-Kanäle überhaupt an den dahinter liegenden Synth weitergibt. Für die genauere Beeinflussung der MPE-Signale hat Ableton das sehr nützliche Max4Live-Device „MPE Control“ mit im Gepäck, mit dem sich die Verlaufskurven für die Anspielstärke der MPE-Kanäle verändern und diese in „normale“ MIDI-Befehle umwandeln lassen.

Diese zusätzliche Menge an Daten will auch visualisiert und bearbeitet werden, hat man sich mühsam vom Spielspaß verabschiedet. In MIDI-Clips gibt es wie erwähnt nun einen Bereich, der sich „Expressions“ nennt. Dort werden die aufgezeichneten Kurven jedes MPE-Kanals unter jeder Note angezeigt. Will man sie bearbeiten, wählt man in der Piano Roll die entsprechende Note aus und kann dann unten entweder mit dem Stifttool die Kurve korrigieren oder wie bei Automationskurven einzelne Punkte verändern bzw. löschen. Im Test funktionierte die Aufnahme und das Bearbeiten mit den erwähnten Instrumenten in Live und in externen Plugins wie Rolis eigenem Equator, Serum oder Pigments tadellos. 

Push 2 und Ableton 11

Bisher haben wir uns mit dem Premiumcontroller von Ableton und den Möglichkeiten in Ableton Live 11 noch nicht beschäftigt. Da ist allerdings auch viel dazugekommen, lag der Fokus doch ganz offensichtlich auf dem Workflow in der DAW. Immerhin: Durch die MPE-Unterstützung hat man nun bei Push 1 und Push 2 die Möglichkeit, polyphonen Aftertouch auf den Pads zu spielen. Bisher waren beide Controller schon aftertouchfähig, hatten jedoch nur Channel-Aftertouch, sprich: Drückte man ein Pad tiefer, wurde der Aftertouchbefehl für ALLE gerade gedrückten Noten erzeugt. Polyphoner Aftertouch erlaubt es nun, diese Modulationsquelle, mit der sich viele Synth-Plugins noch ausdruckstärker spielen lassen, auf jede Note einzeln zu verteilen. Der Modus muss erst in den Push-Optionen aktiviert werden. Dazu drückt man oben rechts auf dem Controller „Setup“ und schon erscheint die neue Option „Pressure“ in der Mitte. Dazu wird jetzt die auf dem Push eingestellte Tonart mit derjenigen synchronisiert, die man in einem Clip in Live 11 eingestellt hat. Die neuen Effekte Hybrid Reverb, Spectral Resonator und Spectral Time werden visuell genauso ansprechend dargestellt, wie sie auch im Programm aussehen.

Was noch fehlt

So groß dieses Update ist, so nützlich die Funktionen alle sind, es gibt einige kleine und große Features, von denen wir nicht müde werden, sie uns zu wünschen. Die Beschränkung der maximalen Dateigröße von Audiodateien auf maximal 4 GB ist nicht mehr zeitgemäß. Das fast völlige Fehlen von Time-Code-Optionen zur besseren Synchronisierung mit externen Instrumenten und Sequenzern ist genauso ein Streitpunkt, wie die immer noch viel zu rudimentären Video-Import-Funktionen. Überhaupt ist die Anbindung von externen Geräten, wenn es auch beispielsweise um die Automation von Parametern geht, wie z. B. der Cutoff am Minimoog immer noch Stückwerk. Ein echtes Bounce-in-Place, auf Wunsch auch Mono, ohne nerviges Track-Einfrieren wäre ebenfalls an der Zeit, genauso wie das Einfrieren von Gruppen oder für die ARA-Schnittstelle. Aber wir entsinnen uns: Auch das Freezen von Spuren mit Sidechain hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert – aber es kam noch!

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Comping-Workflow ist sehr flüssig
  • Comping von verbundenen Spuren (Multitrackediting)
  • MPE-Technologie macht kreatives Spielen einfacher
  • Bearbeitung von MPE-Daten sehr flüssig
  • Die neuen Clip-Funktionen machen programmiertes MIDI musikalischer
  • Effekte mit eigenem Charakter
  • Tempofollower macht Live flexibel für Tempoänderungen

  • kein Contra

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