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Test
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23.07.2019

Praxis

Inbetriebnahme

Um mit dem Artiphon Instrument 1 zu arbeiten, habe ich zunächst die iOS-App aus dem App Store geladen und die Firmware der Hardware per Update auf die aktuelle Version 1.1.20 gebracht. Jetzt kann’s losgehen.

Beginnen wir mit der iOS-App. Diese startet mit dem Gitarren-Preset. Überall Gitarre spielen können, klingt doch erst einmal schön. Hierzu wird das Artiphon mit dem mitgelieferten Kabel an das iPhone oder iPad angeschlossen, die Artiphon App geöffnet und los geht’s gleich mit dem ersten Preset.

Spielmodi und Klang

Gitarre

Das Artiphon Instrument 1 simuliert eine Konzertgitarre und dementsprechend ist das Griffbrett auch breit, sehr viel breiter als beispielsweise ein schlanker Stratocaster-Hals. Der kaum vorhandene Korpus erinnert etwas an den Steinberger Bass aus den 1980erJahren. Mir fehlt tatsächlich am Instrument 1 etwas Körper zum Ablegen der rechten Spielhand, um ein einigermaßen angenehmes Spielgefühl zu entwickeln.

Die Gumminoppen können mir ein Saitengefühl nur schwer vermitteln. Außerdem stört hier die geradlinige Anordnung der Noppen und auch, wenn diese immerhin 2,5 cm lang sind, so zupft man auf einer echten Gitarre ja auch gerne mal über einen größeren Bereich über dem Resonanzloch, vor allem, mit dem Daumen zupfe ich eher weiter vorn, Richtung Griffbrett. Das ist hier nicht möglich und daraus resultiert eine - zumindest für mich - sehr unnatürliche Spielhaltung, die verkrampft wirkt und keine rechte Freude bereitet.

Einfach auf den sechs Saiten zu „strummen“ wirkt erst einmal wie die bessere Idee, aber, wenn ich dann mal etwas wilder drauflos klampfen möchte, bemerke ich schnell Saitenaussetzer und unbeabsichtigte Trigger. Präzises Spiel ist schwierig und das Instrument 1 vergibt fehlerhafte Anschläge weniger als eine herkömmliche Gitarre. Die Saiten-Noppen lassen sich tippen, von oben und von unten anschlagen und zupfen. Dabei fällt mir auf, dass die H-Saite im Gegensatz zu den anderen Saiten lauter und greller klingt, wenn sie von unten angezupft wird.

Mit der Anschlagdynamik der Gitarrensimulation bin ich ebenfalls unzufrieden. Eigentlich befindet sich die Lautstärke stets auf dem gleichen Niveau, egal wie zart oder hart ich in die Saiten, bzw. Noppen haue. Da hatte ich mir mehr erhofft. Und für’s Liedersingen am Lagerfeuer würde ich wirklich jede billige Akustikgitarre vorziehen. Einfach, weil es echter klingt.

Violine

Violine spielen habe ich nicht gelernt. Ich hoffte allerdings auf einige interessante Artefakte, die entstehen, wenn man ein Instrument für sich entdeckt und es „falsch“ verwendet. Immerhin sind so schon komplette Musikstile entstanden, atonale Musik mag hier als Beispiel gelten. Beim Violinenpreset fiel mir auf, dass man das Instrument 1 eigentlich gar nicht falsch verwenden kann. Es klingt immer irgendwie nach der Geige aus der Karstadt-Heimorgel, exakte Tonhöhe, aber die Seele fehlt.

Piano

Das Piano, ach ja. Echte Pianisten mögen entschuldigen, dass wir hier diesen Terminus benutzen, es geht klanglich schon in die Richtung Klavier, aber so, wie man es aus günstigen Kinder-Keyboards her kennt. Spielerisch bietet auch hier das Griffbrett, das bei diesem Preset als zwölf Klaviertasten fungiert, keine Offenbarung. Die Gummisaitennoppen dienen beim Instrument 1 als sechs Basstöne. Man darf sie tippen und das geht mit etwas Handverrenken auch ganz gut, aber um damit flüssig spielen zu können, muss man sicherlich lange und hart üben.

Drums

Die Drums bieten zwölf Instrumente, die über die zwölf Anschlagsflächen des Griffbretts gespielt werden. Die gebotenen Sounds simulieren Bassdrum, Rimshot, zwei Snares, drei unterschiedlich geöffnete Hihat-Sounds, zwei Ridebecken, zwei Crashbecken und ein Clap. Die Klänge der App befinden sich auf unterstem „Spät-Achziger-Jahre" PCM-Niveau und sind leider nur als Gag zu gebrauchen, zumal eine deutlich spürbare Latenz timinggerechtes Schlagzeugspiel nicht wirklich möglich macht.

Bass

Schauen wir uns noch das Bass-Preset an, das klanglich recht dumpf und matt erscheint. Vor allem lässt es sich auf den Gumminoppen nicht so zupfen, was man als groovy bezeichnen würde. Sicherlich lässt sich das Ganze später im Sequenzer quantisieren und gerade rücken. Warum dann nicht gleich mit Tasten einspielen? Ich zumindest habe meine vorhandenen Fähigkeiten am Bass nicht adäquat auf das Artiphon übertragen können. 

Audiobeispiele (1) Artiphon Instrument 1

Artiphon Instrument 1 in Verbindung mit der DAW

Als nächstes soll das Instrument 1 zeigen, ob es als Inspiration im harten Produktionsalltag dienen kann und womöglich durch neue Spieltechniken frische Impulse liefert.

Dazu schließe ich die das Instrument 1 mithilfe des mitgelieferten USB-Kabels an den Laptop an und öffne die Artiphon Instrument 1 Ableton Session, die im Artiphon-Downloadbereich zur Verfügung steht.

Im Ableton Liveset liegt für jede „Saite“ ein Track mit Instrument an, der über einen separaten MIDI-Kanal angesprochen wird. Den „Sound“ zu wechseln ist kompliziert, müssen doch sechs verschiedene Instrumente geladen werden, um jeder Saite einen Klangerzeuger zuzuordnen.

Einfacher ist das mit den Presets für den kostenlosen Native Instruments Kontakt Player, ebenfalls zum Abholen auf der Artiphon Website. Ähnlich wie in der Ableton Session reserviert Kontakt pro Instrument 1-Saite einen Instrumentenslot. Da wir aber nur einen MIDI-Kanal in der DAW brauchen, ist das Handling komplexer Instrumente mit Kontakt deutlich einfacher und deshalb empfehlenswerter.

Zunächst habe ich das Instrument „Arp - Creamy Drops for Artiphon Rack.nkm“ geladen. Klanglich geht es in Richtung 'New Age', spielt sich auch so - für mich eher unspannend. Im nächsten Schritt interessierte mich das Kontakt-Preset „Bass-Monster“, ob es seinem Namen wohl gerecht wird. Gesagt, geladen, angespielt - und ziemlich enttäuscht.

Schade, kein Sound, den ich je in einer Produktion verwenden würde. Gezupft mit dem Instrument 1 entstehen sehr viele unbeabsichtigt getriggerte MIDI-Noten, die aus einem akzentuierten Basslauf ein kakophonisches Monstrum machen. Zumindest scheint der Preset-Titel gut gewählt.

Bislang hatte ich alle Kontakt Instrumente mit dem Gitarrensetting des Instrument 1 gespielt. Da kommt „Rock Guitar for Artiphon Rack.nkm“ also gerade recht. Leider klingt die 'Metal-Axt' ebenfalls dürftig. Vor allem fällt auf, dass die Anschlagdynamik sehr zu wünschen übrig lässt und Muting-Techniken nicht zuverlässig funktionieren.

Man muss schon sehr, sehr vorsichtig spielen, um Fehltrigger zu vermeiden. Um Saitenbendings simulieren zu können, habe ich die Funktion im Editor eingeschaltet. Positiv ist, dass nur gedehnte Saiten auch Pitchbend-Informationen an ihre jeweilige Kontakt-Instrumenten-Instanz schicken. Negativ fällt auf, dass durch den fehlenden Widerstand einer gespannten Stahlsaite jeder schräge Kontakt zum „Saitenstreifen“ gleich als Bending interpretiert wird, wodurch ein authentisches Spiel wirklich schwer fällt.

Wie man es auch dreht und wendet: Das Griffbrett des Artiphon Instrument 1 ist eben kein Gitarrenhals bespannt mit mit echten Saiten, sondern ein Kunststoff-Stab mit dünnen Streifen und Druckzonen, die leider nicht genug Response und Anschlagdynamik bieten.

Für das Drumset “Funk Kit for Artiphon Rack.nkm“ habe ich das Griffbrett dann in den Schlagzeugmodus geschaltet. Für ein vernünftiges Fingerdrumming sind die Schlagflächen zu weit voneinander entfernt und nicht responsive bzw. anschlagdynamisch genug. So wirken Tom-Rolls auf den sechs Gumminoppen unfreiwillig komisch.

Zu guter letzt habe ich dann noch mal das Arturia Plugin des Mini V3 geöffnet und von der MIDI-Sequenz spielen lassen, die ich für das Bass-Monster aufgenommen habe. Hörbar sind merkwürdigste Artefakte, womöglich, weil hier keine Aufteilung der einzelnen Saitenimpulse in sechs verschiedene MIDI-Kanäle und Klangquellen möglich ist. Dabei wäre das ja eigentlich die primäre Aufgabe solch eines Controllers: Das Gitarristen oder Violinisten mit ihren speziellen Fingerfertigkeiten jegliche MIDI-Noten einspielen können.

So aber scheint mir das Instrument 1 vor allem mit den speziell dafür erstellten Kontakt Player Presets kompatibel zu sein, und selbst da scheitere zumindest ich an der für mich nicht optimalen Bespielbarkeit des Instruments.

Audiobeispiele (2) Artiphon Instrument 1

Auf der Artiphon Webseite finden sich diverse Einführungsvideos, die in die Theorie und die Praxis des Instrument 1 einführen sowie ein Step-by-Step-Guide. Sehr schön schaut der Einsatz des Instrument 1 im Video der Band „The Daybreaks“ aus, die gleich vier Controller einsetzen und sich offenbar sehr gut vorbereitet haben.

Video: Artiphon Sessions: The Daybreaks "Flesh It Out"

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Neuartiges MIDI-Controller Konzept
  • Lange Akku-Laufzeit
  • Funktioniert unter iOS als Soundkarte
  • Robuste Verarbeitung

  • Plastikgefühl
  • Geringe Anschlagdynamik
  • Fehlerhafte Trigger
  • Latenz

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