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21.08.2019

Authentizität bewahren oder faken – 10 Tipps

Echtheit erzeugen und Langeweile vermeiden

Mit einfachen Mitteln Natürlichkeit in Songs bringen

Heutzutage ist es ein Leichtes, im Editing alles sauber zu schnipseln und alles in der Zeit- und Tonhöhendomäne geradezu mathematisch zu editieren. Oder auch, Instrumente direkt virtuell zu benutzen. Und so manche Musikproduktion muss sich gefallen lassen, „steril“, „künstlich“ odergar „tot“ zu klingen. Was bei manchen Musikrichtungen tolerabel erscheint, ist für einige Stile dann leider eine deutliche Beleidigung. Wie erhält man also Authentizität in Mixes? Oder wie erzeugt man sie? Hier gibt es ein paar Hinweise und Ideen.  

Wichtiger als anderes: Anfang und Ende

Der Beginn und das Ende sind nicht nur bei kompletten Songs wichtig, sondern auch bei einzelnen Tönen, ja sogar bei Kinofilmen und auch bei Bekanntschaften. „Der erste Eindruck zählt.“ spielt auf den „Primacy-Effect“ an, ebenfalls wichtig ist der „Recency-Effect“. Beide sind Gedächtnisphänomene, nach denen der Beginn und das Ende zum Beispiel von Songs besonders gut erinnert werden können. Auch wenn man einen Blick auf die Funktion unsere Wahrnehmung und Beurteilung wirft, erscheint nachvollziehbar warum nicht zuletzt deshalb beispielsweise Anschlag-, Anstreich- oder Anblasgeräusche eines Tons so wichtig sind. Genau das Gleiche gilt für die kritische Attack-Einstellung bei Dynamikgeräten. Wir machen beim Hören viel am Beginn oder am Ende von etwas aus, daher sollten wir darauf besonders gut achten, wenn wir Authentizität erhalten oder „faken“ wollen. Immer das genau gleiche Streichersample zu Beginn des Refrains, ein durchgängig identischer Bassdrum-Attack?

Wiederholungen bemerken wir – also verändern!

Wir erkennen sehr gut identische Wiederholungen, auch, wenn es uns nicht sofort bewusst wird und es benennen können. Es ist also sinnvoll, das Audiomaterial möglichst variieren zu lassen, um möglichst hohe Natürlichkeit zu wahren oder herzustellen. Auch wenn es also ein Strumming-Pattern der Akustikgitarre oder den absolut perfekt schnell intonierten ersten gesungenen Ton im Refrain gibt, ist es unter den genannten Gesichtspunkten keine gute Idee, zu häufigen Gebrauch von Copy & Paste zu machen. Abhilfe bei Samples liefern variable Samples, die nur kleine Unterscheidungen zeigen. Und wenn man sogar synthetische Klänge „vermenschlichen“ will, helfen oft schon ganz sanfte, langsame LFOs, die Volume, Cutoff, Pan oder sonstige Parameter modulieren. Genauso können Modulationseffekte wie langsame, unauffällige Chorus-, Flanger oder ähnliche Effekte Natürlichkeit ins Spiel bringen. Und selbst für die Attackzeit eines Kompressors: In der DAW diese als Automationskurve darstellen und ganz leichte Änderungen durchzuführen, ist eine Sache von zwanzig Sekunden. Und das muss nicht einmal wirklich über die ganze Songlänge kontrolliert werden.

Wer mit MIDI arbeitet, kann vor allem mit logischen Editoren Zufallsveränderungen durchführen. Diese auch „Humanize“ genannte Aktion verändert im Regelfall die Lage des Note On um ein paar Schritte nach vorne oder hinten und die Note-On-Velocity um ein paar Werte nach oben oder unten. Nur übertreiben sollte man nicht.

Es lebe der Fehler!

Das Talkback-/Listenback-Gespräch am Anfang von „Daydream Believer“ („Seven A!“) von den Monkees ist wohl nur ein frühes Beispiel, der Gitarren-Wackler am Anfang von „2+2=5“ (Radioheads Opener auf „Hail to the Thief“) und der Cue am Ende von „The Beast“ auf der „666“ von Aphrodite`s Child (in Deutsch etwa „Wir hören jetzt hier auf, ok Leute?“) sind weitere Beispiele dafür, wie etwas den Weg in den Mix gefunden hat, was als Fehler, Kommentar, Störgeräusch und dergleichen dort eigentlich nicht hinsollte – dort heute jedoch definitiv hingehört. Daher: Schmeißt den „verkackten“ Anfang auf der Akustischen, vielleicht sogar mit dem Ausruf „Aargh! Grad ging's doch noch!“ nicht sofort in die Tonne, denn sie können Farbe und Nähe erzeugen, wenn es gewünscht ist. Genauso das Ausschalten eines Amps (ganz toll bei Röhrenamps, wenn noch Signal anliegt!), das Lösen des Snareteppichs oder das Fallenlassen der Sticks auf die Snare, das Ausblasen einer Trompete: Diese Signale könnt ihr sogar bewusst aufnehmen, freischneiden und bei Bedarf am Songende unterbringen.

Nur das Nutzsignal durchlassen? Von wegen.

Sicher, es gibt viele Engineers, die als Spitznamen „Mr. Sagrotan“ abbekommen haben, weil sie immer alles klinisch steril machen, alles herausschneiden und mit Expandern, Gates oder DAW-Funktionen sämtliche Spielpausen aus dem Gesamtgeschehen herausnehmen. Ergebnis: Leblosigkeit. Also tauscht die Gates gegen Expander, lasst sie weg – oder übertreibt nicht so mit der Dämpfung. Eine Range von 10 dB reicht oftmals vollkommen aus!

E-Gitarre mikrofonieren – nicht den Amp, sondern das Instrument!

What? Richtig gelesen: Gerade bei nicht allzu stark verzerrten und bewusst artifiziell klingenden Sounds kann es toll sein, die E-Gitarre selbst beim Einspielen mit einem detailreichen Mikrofon (Kondensator oder Bändchen) zu mikrofonieren. Nicht nur die über die Pickups übertragenen, sondern die echten Rutsch-/Griffgeräusche, ja selbst der Toggle-Switch, das Atmen des Spielers und nicht zuletzt der oftmals interessante akustische Sound des Instruments sind im Mix manchmal genau das, was das gewisse Quäntchen Natürlichkeit liefert. Die Nachteile sollten klar sein, denn all das verbraucht Ressourcen – nicht zuletzt Zeit. Besonders im Editing kann es nerven, nicht nur die Amp-Signale zu handlen, sondern bei jedem Schnitt auch das zusätzliche Mikrofon „mitzunehmen“ und dort die Fades etc. anzufassen. Und was für die E-Gitarre funktioniert, gilt genauso für Orgel, E-Bass etc.

Atmosphäre einfangen oder nachbauen

Vielen Step-by-Step-Aufnahmen und Mixes mit artifiziellen oder gesampleten Signalen fehlt es an Zusammenhalt, sie wirken gerne einmal künstlich zusammengesteckt. Vielleicht ist es schon jemandem von euch aufgefallen: Bei Live-Einspielungen sorgt das Übersprechen für „Glue“ im Mix. Das kann man auch forcieren: Viel Atmosphäre lässt sich mit Raummikros einfangen. Damit sind nicht nur Äußerungen, leise Lüftergeräusche und Nebengeräusche gemeint, sondern auch der gemeinsame Raum. Im Zweifel hilft auch ein vorsichtiges Feeding eines Master-Reverbs. Reverb auf der Steresomme hat aber Vor- und Nachteile, wie sie im verlinkten Artikel diskutiert werden.

Maschinentempo ist was für Maschinen.

Nein, das Ziel eines Musikunterrichts ist es nicht, den Musiker in einen mechanischen Spielautomaten zu verwandeln. Wozu auch, das können mechanische Spielautomaten besser. Selbst wenn man heute auch Audio gnadenlos geradeziehen kann und auch der blutige Anfänger messerscharf auf den Click geschoben werden kann, ist es häufig angenehmer, Quantisierungsvorgänge nur „iterativ“ durchzuführen. Probiert diese Funktionen einmal aus, fast alle DAWs bieten es an, nicht brutal auf eine Zählzeit zu ziehen, sondern beispielsweise nur 70% in diese Richtung!  

Genauso verhält es sich mit dem globalen Tempo eines Songs. Wenn eine Band zum Refrain ein wenig anzieht, ist das dem Feeling oft dienlich (solange es im Rahmen bleibt). Weil aber oft unbedingt zum Metronom eingespielt werden soll, gibt es auch da einen Trick, den man nutzen kann. Diskutiert und erklärt wird das in „Metronom ja oder nein?“.

  

Pitch: Botox-Gesang kann jeder

Zehn Millisekunden, nachdem der Ton artikuliert ist, klebt der Gesang schon centgenau auf dem Ton? Auch bei langen Vokalen gibt es keine Drift nach unten, höchstens ein sehr gleichmäßiges, künstlich klingendes Vibrato? Irgendwann ist mal gut mit Perfektion: Die Stimme zeigt Gefühle unter anderem durch „von-unten-Ansingen“ und leichtes Einbrechen der Pitch bei langsamen/traurigen/sanften Stücken und einer Tendenz zur Sharpness bei agilem/aufgeregtem/schnellerem Gesang. Natürlich werden heute in jeder erdenklichen Musikrichtung Melodyne & Co. Benutzt, aber auch hier gilt: Ruhig mal den Mut aufbringen, etwas weniger zu optimieren, um den „Spirit“ nicht plattzuklopfen.

10 Tipps, um Authentizität zu bewahren oder zu erzeugen

  1. nicht „toteditieren“, besonders Gesang nicht zu hart pitchen
  2. keine zu starken Expander oder harte Noise Gates nutzen
  3. leichte Ungenauigkeiten drinlassen oder nur abschwächen
  4. Fehler und Abbrüche nicht wegschmeißen, sondern sichern
  5. Atmo-/Raummikros nutzen
  6. Gebrauch unterschiedlichen Sampleversionen machen
  7. sanfte Modulationseffekte nutzen
  8. einige Parameter sanft automatisieren
  9. gemeinsames Reverb nutzen (evt. erst im Mastering)
  10. Temposchwankungen akzeptieren oder sogar forcieren

Fazit

Seien wir mal ehrlich: Musikproduktion ist zu einem nicht unerheblichen Teil In-besserem-Licht-dastehen-lassen, Geradebiegen, ja oft auch „Lügen“. Es geht immer um die Gratwanderung, etwas aufzupolieren, zu verbessern, besonders toll wirken zu lassen, ohne die Musik gleichzeitig abgehoben, unecht und seelenlos wirken zu lassen. Der typische, normale Musikkonsument achtet nicht auf die hier angesprochenen Teilaspekte, sondern er „fühlt“ eher, wenn etwas zu aufgehübscht und aufgebauscht klingt.  

Veröffentlicht am 21.08.2019

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