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Test
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30.03.2020

Behringer Poly D Test

Analoger Synthesizer

Keine Angst vorm großen Moog ...

Sie haben es wirklich getan: Mit dem Poly D wollen die emsigen Synthesizer-Entwickler von Behringer nun abermals an das stolze Erbe der Synthesizer-Urgesteine von Moog anknüpfen. Nach dem erfolgreichen Miniatur-Klon des Model D folgt nun der vierstimmig-paraphone Poly D, zu dem sich in der Produkt-Palette von Moog - bis vielleicht auf den Grandmother - kaum ein Äquivalent finden lässt. Behringer scheint sich also die Moog-Seele zu eigen gemacht und in diesem Fall sogar weitergedacht zu haben. Haben sich die Synth-Pioniere der Moderne hier vielleicht etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, oder einen weiteren Meilenstein auf dem heiß umkämpften Analog-Markt gelegt? Wir haben den neuen Poly D für euch getestet.

Details

Erster Eindruck

Schon beim Abholen und Tragen des sperrigen Pakets hat sich der konservative Synth-Nerd in mir gefreut: Mit seinen 5 kg und den Abmessungen mit 647 x 89 x 360 mm (B x H x T) bricht der Poly D endlich mit dem Miniaturformat-Hype, der neben seiner Flexibilität auch stets hackelige und erschwerte Workflows mit sich bringt. Der Poly D hingegen gönnt sich 37 anschlagdynamische Full Size-Tasten, dicke Holz-Seitenteile, große Abstände zwischen den Potis und hinterlässt insgesamt einen wertigen Eindruck. So lässt es sich endlich wieder ordentlich arbeiten! Die großzügigen Potis lassen kaum einen Unterschied zu Vorbildern erkennen, wie etwa dem Moog Grandmother, und auf den ersten Blick erscheint die Bedienoberfläche des Poly D wie eine moderne Weiterentwicklung des Moog‘schen, monophonen Model D. Aber was genau verbirgt sich denn nun unter dem vertrauenserweckenden Gehäuse?

Aufbau und Bedienoberfläche

Das grundlegende Layout des Poly D ist eindeutig an den Moog-Klassiker Model D angelehnt. Aufgrund zusätzlicher Features variieren die verschiedenen Sektionen jedoch im Detail. Angefangen bei der „Oscillator Bank“, die insgesamt vier (statt bei Moog drei) Oszillatoren beherbergt, welche sich in jeweils sechs Variationen zwischen Dreieck-, Sägezahn- und Rechteck-Wellenformen umschalten lassen. Die Oszillatoren sind in drei Modi spielbar: Mono, Unisono und eben auch polyphon. Die Mehrstimmigkeit wird über die vier Oszillatoren ermöglicht, die jeweils eine Stimme übernehmen. Anders als bei herkömmlichen Poly-Synths verwenden jedoch alle Stimmen lediglich einen VCA/VCF. Schlage ich also beispielsweise eine neue Note an, klingt die alte nicht eigenständig aus und so weiter. Deshalb spricht man hier von Paraphonie, anstatt von tatsächlicher Polyphonie, die der Name des Synths zunächst verspricht. Da sich die Oszillatoren nicht syncen lassen, laufen sie auch im Poly-Modus unabhängig voneinander, was zu Tuning-Problemen führen kann.

Die Aktivierung und Gewichtung der einzelnen Oszillatoren bzw. Stimmen lässt sich im Mixer festlegen, wo sich auch White oder Pink Noise beimischen lässt. Das 24 dB Ladder-Filter lässt sich zwischen Hoch- und Tiefpass umschalten, was beim Original so nicht möglich war. Typisch Moog hingegen sind die ADS-Hüllkurven für VCA und VCF, die leider beide ohne separates Release auskommen müssen. Dank des „Decay“-Schalters, der beim Behringer Model D noch „Long Decay“ heißt, lässt sich hier aber ein wenig tricksen und zumindest der Eindruck eines langen Releases erzielen. Auch der obligatorische, vier-stufige Keyboard Follower wurde von Moog übernommen. Über einen reinen Klon hinaus geht die ausführliche Distortion-Unit, sowie ein dreistufiger BBD Chorus-Effekt, der zumindest optisch an den des Roland Juno-60 erinnert. Der Moog war nie ein großer Wurf in Sachen Modulation, was sich auch in der Behringer-Variante nicht ändert. Neben einem Glide-Poti und dem Pitch-Wheel finde ich einen LFO mit Dreieck- und Rechteck-Wellenform, der auf die Oszillator-Frequenz und das Filter einwirken kann. Alternativ kann auch der interne Noise Generator, die Filter EG, oder der vierte Oszillator als Modulations-Quelle genutzt werden. Wie moduliert wird, lässt sich dann via Modulation Mix-Regler festlegen, außerdem bietet der Synth einzelne Schalter für die Filter/Oszillator-Modulation. 

Dann bekommen wir es noch mit einem ausgewachsenen, polyphonen 32 Step-Sequenzer zu tun, dessen Patterns sich in 64 Speicherplätzen verewigen lassen. Alternativ zum Sequenzer steht ein Arpeggiator zur Verfügung, der alle gängigen Modi beherrscht. Wie schon beim Behringer Model D sind die Synth-Schrauber in Sachen Sound-Presets konsequent geblieben: Die gebastelten Patches lassen sich nicht abspeichern. What you see is what you get! Angesichts der Speicherfähigkeit des Sequenzers finde ich das als einen Rückschritt, der aber verkraftbar ist. Sowieso wurde in puristischer Manier auf jegliche Displays oder Sub-Menüs verzichtet. Das wird dem Synth phasenweise zum Verhängnis, weil es zum Beispiel keine Möglichkeit gibt, die Clock Source für den Arpeggiator/Synth auszuwählen und sich der Synth scheinbar nur über die Sync-Eingänge als Slave nutzen lässt. Das Fine-Tuning der Oszillatoren ist per Schraubendreher an der Panel-Rückseite möglich.

Anschlüsse und Kommunikation

Nicht nur auf der Bedienoberfläche, sondern auch auf der Rückseite ist der Poly D gut und großzügig bestückt. Neben einem Anschluss für das mitgelieferte 12 Volt Netzteil treffe ich zunächst auf die Klassiker Stereo Out, MIDI In/Thru/Out, einen USB-Anschluss und einen Phones Out auf der Bedienoberfläche (praktisch!). Bemerkenswert sind die ausführlichen CV In/Outs zur Kommunikation mit anderen Analog-Geräten wie beispielsweise Euroracks, Sequenzern oder auch Drum Machines. In stolzer Großklinken-Ausführung finden wir hier CV-Outs für Aftertouch, Pitch, V-Trigger und Velocity. Extern via CV ansteuern lassen sich beim Behringer Loudness, Filter, Oszillator, Modulation und V-Trigger. Außerdem gibt es noch Sync In/Out zur Synchronisation externer Gerätschaften und einen External Input, der sowohl zum Durchschleifen externer Audio-Signale, als auch für interne Feedback-Effekte geeignet ist. In Sachen Konnektivität lässt der Poly D also wirklich kaum Wünsche offen. Gilt das gleiche auch für den Klang?

Video

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Solider Grundsound, nah am Original
  • Hochwertige Verarbeitung
  • Übersichtliche Bedienoberfläche
  • Wohlklingende On Board-Effekte
  • Vielseitige Anschluss-Möglichkeiten
  • Intuitiver Workflow

  • Unsauberes Triggering im Unisono/Poly-Modus
  • Kein Blend-Regler für die Effekte
  • Geringer Output

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