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04.10.2018

Besser Klavierspielen mit Fingersatz

Fingersatz verstehen und schreiben lernen

Lerne die Grundlagen, um den für dich passenden Fingersatz zu finden

Hast du schon einmal Klaviernoten gesehen, in denen Zahlen über manchen Noten standen und dich gefragt, was diese Zahlen eigentlich bedeuten, oder wofür sie stehen? Haben sie etwas mit den Noten zu tun, oder stehen sie für etwas Anderes? Braucht man diese Zahlen überhaupt um die Noten lesen und spielen zu können?

Die verschiedenen Zeichen wie Bögen, Punkte oder Striche kennt man aus den Noten für unterschiedliche Instrumente, Zahlen zeigen aber nur wenige Noten. Und das ist auch der Beweis, dass diese Zahlen nichts mit den Noten selbst zu tun haben können, denn sonst müssten sie ja in den Noten für jedes Instrument zu finden sein. Diese Zahlen kommen bei Tasten-, Streich- und Zupfinstrumenten vor, und dabei handelt es sich um den sogenannten Fingersatz, auch Applikatur genannt. Dieser steht für bestimmte Finger und beim Klavier zeigt er an, mit welchem Finger ein bestimmter Ton und damit welche Taste gespielt werden soll.

In diesem Workshop lernst du, was Fingersatz bedeutet und wie man ihn einsetzt, um gut Klavier zu spielen.

Ist der Fingersatz für das Klavierspiel notwendig?

Der Fingersatz ist eine große Hilfe für ein flüssiges Spielen von Klavierliteratur. Als Klavier spielender Anfänger sollte man auf keinen Fall darauf verzichten. Gerade bei diesem großen Instrument mit seinen 88 Tasten dauert es eine Weile, bis man sich auf der Klaviatur zurechtfindet. Mit der Zeit entwickelt sich der Fingersatz beim Klavierspielen zu einem wichtigen Hilfsmittel. Und warum sollte man dann darauf verzichten? Der Fingersatz ist also wie ein Fahrplan oder eine Reiseroute, die dir genau sagt, wie du zu einem bestimmten Ort kommst. Gerade später, wenn man sehr schwierige Literatur spielt, kommt man ohne Fingersatz kaum mehr aus. Zumindest habe ich bisher noch keinen Pianisten getroffen, der dieses wertvolle Hilfsmittel nicht nutzt.

Wie du auf diesem Foto sehen kannst, hatte ich während meines Musikstudiums eine Phase, in der ich über fast jede Note eine Zahl schrieb. Ich ging damals davon aus, das sei sinnvoll. Nach einiger Zeit stellte sich diese Technik allerdings als nicht effektiv heraus und ich stellte sie wegen ausbleibendem Erfolg wieder ein. Besonders aufgrund der vielen Noten in Klavier- und Orgelliteratur hatte es eher den Effekt, alles völlig unübersichtlich zu machen. Damit geht die Signalwirkung einiger weniger Zahlen im Notentext völlig verloren. Das Gehirn gewöhnt sich dann an die vielen Zahlen und verarbeitet die darin enthaltene Information gar nicht mehr.

Deshalb schreite ich heute im Klavierunterricht auch immer ein, wenn ein Schüler ohne auch nur einen Ton gelesen und gespielt zu haben anfängt, über jede Note eine Zahl zu schreiben. Im folgenden Bild siehst du, wie dein Notentext auf keinen Fall aussehen sollte, da man die eigentliche Information in Form der Noten selbst kaum noch lesen kann. Wie so oft im Leben kann man es auch damit übertreiben. Manchmal ist weniger eben doch mehr. Schreibt man so viele Informationen in den Notentext, sieht man den musikalischen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. 

Wie findet man den richtigen Fingersatz heraus?

Den richtigen Fingersatz findet man heraus, indem man selbst welche schreibt und dabei die folgenden Punkte beachtet: Erstens, du musst das Stück klanglich genauso umsetzen können, wie es durch die Noten von dir verlangt wird. Zweitens, soll sich dein Fingersatz dabei gut anfühlen, es dürfen deswegen keine technischen Probleme, Fehler oder Verspannungen in der Hand entstehen. Wenn du auf diese beiden Punkte achtest, kann eigentlich nichts schief gehen. Ich kenne Schüler, die diese Arbeit scheuen und immer gleich den Lehrer um Hilfe bitten, das scheint auch logisch zu sein, wozu hat man denn einen Lehrer. Wenn du allerdings wirklich gut Klavier spielen willst, muss dir klar werden, dass du etwas nur dann lernst, wenn du es selbst tust. Hast du einen Fingersatz geschrieben, kannst du diesen natürlich mit deinem Lehrer besprechen, dann ist das durchaus sinnvoll. Übernimmt er aber die ganze Arbeit für dich, verbesserst du dich natürlich nicht.

Welcher Finger steht für welche Zahl?

Jedem Finger wird eine Zahl zugeordnet. Der Daumen ist an beiden Händen immer die 1 oder der erste Finger. Der Zeigefinger ist immer die 2, der Mittelfinger die 3, der Ringfinger immer die 4 und der kleine Finger bekommt die 5 zugeordnet. 

Du kannst beim Fingersatz schreiben also die Zahlen 1 bis 5 nutzen. Für die rechte Hand schreibt man den Fingersatz immer über die Noten der rechten Hand, für die linke Hand immer unter die Noten der linken Hand.

So geht das Lesen viel schneller, schließlich ist die rechte Hand oben und die linke unten notiert. Somit ist die Zuordnung der Zahlen zu den Händen viel leichter zu erkennen. Und falls die rechte Hand mal sehr tief und die linke gleichzeitig sehr hoch spielt, ist zwischen den beiden Händen gar kein Platz für Zahlen. 

Ist der Fingersatz immer gleich?

Grundsätzlich ist Fingersatz erst einmal Geschmackssache. Das bedeutet, dass lediglich die zwei oben bereits erwähnten Parameter dabei erfüllt sein müssen. Dein Fingersatz darf einem fehlerfreien Spielen des Stücks nicht im Weg stehen und er muss mit deiner Anatomie vereinbar sein. Ansonsten bist du dabei aber sehr frei. Und natürlich bestimmt besonders die Größe deiner Hand wesentlich, welchen Fingersatz du wählst. Ein Pianist mit einer sehr kleinen Hand wird an vielen Stellen definitiv einen anderen Fingersatz wählen als ein Kollege mit einer sehr großen Hand.

Zwei Wege, um einen Fingersatz zu schreiben

An einem Beispiel schauen wir uns an, welche Überlegungen beim Schreiben eines Fingersatzes wichtig sind. Dazu nehmen wir ein Lied zur Hand, dass wir alle kennen, nämlich: „Alle meine Entchen“. 

Wie du siehst, beginnt dieses Lied mit einer Reihe von stufenweise aufsteigenden Tönen. Allerdings sind es sechs Töne hintereinander, wir haben aber nur fünf Finger. Deshalb müssen wir uns einen Fingersatz einfallen lassen, damit wir überhaupt erst einmal alle sechs Töne spielen können. Wie gesagt ist es am besten, wenn du deine Fingersätze selbst schreibst. Für den Fall, dass du dabei aber noch gar keine Erfahrungen sammeln konntest, zeige ich dir jetzt zwei Wege, wie man das bei diesem Lied machen könnte.

Weg Nr. 1: Starten mit dem Zeigefinger

Video: Starten mit dem Zeigefinger

(Video: Tobias Homburger)

Da wir sechs Töne haben, beginne ich das Lied mit dem zweiten Finger. Durch den folgenden Fingeruntersatz macht dann der Daumen weiter. So können wir alle sechs Töne mit einer Hand spielen. Diese Technik benutzt man auch oft bei Stücken von Johann Sebastian Bach, da er öfters mehr als fünf Töne hinter einander komponiert hat.

Weg Nr. 2: Der Daumenuntersatz

Schauen wir uns jetzt noch eine weitere Möglichkeit an.

Video: Der Daumenuntersatz

(Video: Tobias Homburger)

Dieses Mal hat der Daumen begonnen und den Daumenuntersatz habe ich erst nach dem dritten Finger angewendet. Du siehst, man kann jede Stelle auf verschiedene Arten spielen. Ich selbst würde hier den zweiten Weg wählen, da man - geht man den ersten Weg - im dritten Takt die Tonwiederholungen sonst mit dem kleinen Finger spielen müsste, das finde ich etwas mühsam. Wie du in den Videos siehst, klingen beide Versionen aber genau gleich, und genau das ist unser Ziel. Man darf den unterschiedlichen Fingersatz nicht hören. Wenn dir noch andere Möglichkeiten einfallen diese Stelle zu spielen, heißt das nicht, dass diese falsch sind, nur, weil ich andere Vorschläge gemacht habe. Niemand schreibt so gute Fingersätze wie du selbst, es geht dabei ja schließlich um deine Finger und deine Hand.

Wie du siehst, habe ich immer nur die wirklich wichtigen Zahlen im Notentext vermerkt. Hier also noch einmal der Hinweis, es mit dem Fingersatz nicht zu übertreiben, denn dann geht der Wert dieses Hilfsmittels verloren und man hört dadurch auf, den Notentext wirklich zu lesen, und verlässt sich nur noch auf Zahlen. Außerdem ist es mit wenigen Zahlen viel übersichtlicher. Startet die linke Hand zum Beispiel mit dem vierten Finger und spielt stufenweise nach oben, sollte man auf keinen Fall alle vier Noten mit einer Zahl versehen. Wozu auch? Es ist logisch, dass bei einer Tonleiter einfach immer der nächste Finger zum Einsatz kommt. 

Wenn du dieses Prinzip auflöst und zum Beispiel einen Daumenuntersatz machst, ist es sinnvoll, das mit einer Zahl zu markieren. Denn dann hast du ja auch die zu erwartende Abfolge geändert. Wenn du dich an der Stelle dann aber trotzdem immer noch verspielst, solltest du mit mehr Fingersatz experimentieren.

Fingersatz bei schwierigen Stücken

Manchmal ist es hilfreich, wenn man auch die Note vor einem Daumenuntersatz mit einer Zahl versieht. Hier musst du einfach herum probieren. Mit der Zeit findest du die optimale Anzahl an Zahlen in deinen Noten. Jetzt noch ein zweites Beispiel. Dieses ist schon deutlich schwieriger.

Wie du siehst, spielt jede Hand zwei verschiedene Stimmen. Sowohl oben als auch unten gibt es zum einen eine Stimme, die nur aus Viertelnoten besteht, zum anderen eine Stimme aus Sechzehntelnoten, die durch beide Hände wandert. Das Spielen der linken Hand lässt sich relativ leicht realisieren. Hier reicht es, wenn wir die Sechzehntel immer mit Zeigefinger und Daumen spielen, dann sind für die untere Stimme noch genau drei Finger übrig. So sieht das Ganze dann aus. Zur Veranschaulichung verstoße ich jetzt gegen meine eigene Regel und notiere sehr viel Fingersatz. 

Video: Fingersatz bei schwieriger Klavierliteratur

(Video: Tobias Homburger)

Der stumme Wechsel

Nun also zur rechten Hand. Müssten wir nur die obere Stimme in der rechten Hand spielen, wäre der Fall einfach. Vier absteigende Noten erfordern nur vier Finger. Allerdings übernimmt die rechte Hand ja die zweite Hälfte der Sechzehntel-Begleitung und diese Noten sind ziemlich tief für die rechte Hand. Wir können diese Noten auch wieder nur mit Daumen und Zeigefinger spielen.

Das klappt wunderbar, aber wie wollen wir dann die Melodie binden? Die Töne liegen zu weit aus einander. Deshalb müssen wir ein bisschen tricksen, und zwar mit dem sogenannten stummen Wechsel. Wir starten bei den Viertelnoten also mit dem kleinen Finger und spielen dann das Gis mit dem vierten, so können wir die beiden Töne sehr gut binden. Sobald wir das Gis angeschlagen haben, tauschen wir den vierten gegen den fünften Finger aus, ohne die Taste dabei loszulassen. Mit dem stummen Wechsel ist das eine gute Lösung, in diesem Fall aber gar nicht so einfach, weil die schwarzen Tasten ja viel kleiner sind.

Video: Stummer Wechsel (Beispiel: rechte Hand)

(Video: Tobias Homburger)

Mit dieser Technik kann man also auch solche Stellen genau den Noten entsprechend spielen. Letztendlich könnte diese Stelle also so in deinen Noten aussehen. Dieses Mal wieder nur mit dem wirklich nötigen Fingersatz. 

Video: Stummer Wechsel (Beispiel: linke und rechte Hand)

(Video: Tobias Homburger)

 

Schlussfolgerung

Jetzt bist du wieder an der Reihe. Nutze das neu gewonnene Fingersatzwissen und wende es ab heute bei jedem neuen Stück an. Du kannst auch Stellen aus alten Stücken damit noch einmal überarbeiten, mit denen du immer Probleme hattest. Mit einem guten Fingersatz klappen die dann bestimmt viel besser. Und so wirst du beim Finden des für dich richtigen Fingersatzes immer besser und schneller.

Viel Erfolg!

 

 

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