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29.06.2020

Best of Wavetable-Synthesizer 2020

Aktuelle Hardware-Produkte mit Wavetable-Engine

Ein Comeback besonderer digitaler Synthesizer

Seit über vierzig Jahren ist die Wavetable-Synthese nun im Geschäft. Zwischen einem damaligen PPG Wave 2, dem ersten Waldorf Microwave und den heutigen Top-Produkten liegen Welten - klanglich, technisch und auch von den musikalischen Einsatzmöglichkeiten. Aktuelle Wavetable-Sounds sind für viele Parts eines Song-Arrangements verwendbar – so etwa als Bass, Lead, Pad oder Effekt – und erlauben spannende Modulationen. Schon das Durchfahren einzelner Wellensätze kann zu einem unvergesslichen Klangerlebnis führen. Wavetable-Synthesizer bieten meist eine interne Effektsektion und teilweise auch die Option, eigene Samples oder neue Wellensätze zu importieren. Die beiden wichtigsten Kriterien lauten aber klassischerweise „Sound“ und „Bedienung“. Hier sollte man seinen eigenen Ohren vertrauen und ein Anchecken beim Händler vornehmen.

Fakt ist: Wavetable-Synthesizer sind aktuell – leise, aber gewaltig - im Kommen. Es ist ähnlich wie bei den Modular-Systemen. Noch nie war die Auswahl so groß wie heute. Inzwischen lässt sich die Wavetable-Synthese von preiswert bis luxuriös erschließen. Über zehn Synthesizer mit Wavetable-Synthese sind einem Bereich von etwa 300 € bis über 4.000 € zu erhalten. Wir beziehen uns in dieser Übersicht vor allem auf polyfon spielbare Tasteninstrumente. Zudem kommt der konzeptionell speziellere Polyend Tracker zur Sprache, weil er über eine Klangerzeugung mit Wavetable-Synthese verfügt. Auch ein Modal CRAFTsynth v2.0 ist interessant, auch wenn er sich nur monofon spielen lässt.

PREISWERT EINSTEIGEN

Modal Electronics CRAFTsynth v2.0

Wenn es um Hardware geht, ist der kleine Desktop-Synthesizer CRAFTsynth v2.0 von Modal Electronics ein reizvoller Einstieg. Mag er aussehen wie ein Taschenrechner-Keyboard, klanglich bietet er markante charaktervolle Bässe, Leads und auch Arpeggiator-Sounds. Die bis zu acht Oszillatoren lassen sich unisono schalten, verfügen natürlich über Wavetables und sind auch zu FM, Osc-Sync oder Rindmodulation fähig. Mit seinem Waveshaping und Overdrive lassen sich raue und schmutzige Wavetable-Sounds erzeugen, ohne aber sehr aufdringlich zu wirken. Ansonsten steht noch ein Delay als Effekt zur Auswahl. Das Filter lässt sich stufenlos von Tief- bis Hochpass morphen. Eine ausführliche Sound-Programmierung ist mit der kostenfreien Editor-Software MODALapp möglich, die der Hersteller für praktisch alle Synthesizer spendiert. 

Arturia MicroFreak

Der MicroFreak von Arturia ist ein sehr kompakter digitaler Synthesizer mit auffälligem Look und Spaß-Potenzial. Er schafft es, dass viele Syntheseformen nacheinander angewählt und probiert werden können. Die Wavetable-Synthese ist nur ein Teil davon. Sein Basisklang ist eher kühl, was aber für die allermeisten Wavetable-Sounds passt. Eine Effektsektion fehlt leider. Per Modulationsmatrix lassen sich die Wellensätze auf verschiedene Weisen bewegen. Es stehen aber nicht besonders viele Wavetables bereit. Das 25-Tasten-Keyboard ist gewöhnungsbedürftig, erlaubt aber polyfonen Aftertouch. Für den schmalen Geldbeutel ist der MicroFreak als vielseitige und „freakige“ Klangmaschine zu empfehlen, sofern man keine spektakulären Wavetable-Pads erwartet.

Modal Electronics Argon8

Der Modal Argon8 ist ein achtstimmiges Instrument mit robuster und klassisch attraktiver Hardware. Im Innern finden sich 120 Wavetables, die sich von den klassischen PPG-Wellensätzen unterscheiden. Sehr komfortabel ist die Bedienung mittels MODALapp, einem Editor für Win, Mac und Tablet-PC. Seit Version OS 2.0 werden MPE-Controller unterstützt. Der polyfone Step-Sequencer begleitet das Klangdesign. Einen guten Sound liefert er, an die erhabenen Klänge größerer Wavetable-Synthesizer kommt er nicht ganz heran, was mitunter an der eher einfacheren Effekt-Ausstattung liegt mit einem durchschnittlichen Reverb. Den Argon8 gibt es in zwei unterschiedlichen Tastaturgrößen: Den Argon8 mit 37 Tasten, den Argon8X mit 61 Tasten und als Argon8M in Desktop-Version.

 

 

ALLROUNDER DER MITTELKLASSE

Waldorf Blofeld Keyboard

Längst ein Klassiker in der Konsumerklasse und seit rund zehn Jahren verfügbar ist das Waldorf Blofeld Keyboard mit 49 Tasten, das auch als Desktop-Modell auf vielen Studiotischen liegt. Er verfügt über die klassischen PPG-Wellensätze und nimmt in seinem 60 MB-Speicher weitere beliebige Samples auf. Über 1.000 Werksklänge liefern gute Vorlagen für eigene Wavetable-Sounds. Dank der 25 Stimmen und einem 16-fachen Multimode lassen sich die Sounds auch schichten. Die Bedienung am Gerät läuft nicht so flüssig, auch wenn es ein grafisches Display gibt. Trotz fortgeschrittenen Alters ist das Waldorf Blofeld Keyboard noch immer ein verlässlicher Kandidat für den Soundtüfter.

Studiologic Sledge 2 Black

Big, black and beautiful. Der Studiologic Sledge 2 in der Black Edition ist ein Blickfang und besticht durch ein großes, haptisch einladendes Benutzer-Interface. Mit ihm lassen sich Waldorf-Sounds auf die Bühne bringen, denn das Herzstück ist eine Soundengine von Waldorf mit drei Oszillatoren, die eine große Ähnlichkeit mit dem Waldorf Blofeld hat. Für Live-Keyboarder mit einem Flair für fette virtuell-analoge Sounds und auch ein paar extravagantere Digitalsounds ist der Sledge 2 ein Tipp.

ASM Hydrasynth

Ein Hype um ASM Hydrasynth. Verständlich, denn der Hersteller Ashun Sound Machines ist jung in der Branche und seine Premiere ist sehr überzeugend. Der acht-stimmige Synthesizer liefert ein praktisches Wavetable-Konzept und ein tolles Effektsystem. Die Tastatur reagiert auf polyfonen Aftertouch, der Ribbon-Controller und die gesamte Bedienung des Geräts sind sehr angenehm. Für ambiente Musik und für ambitioniertes Sounddesign überhaupt ergeben sich künftig noch viele Möglichkeiten. Eine Desktop-Version des Hydrasynth ist relativ günstig zu bekommen.

Sequential Pro3

Dave Smith stattet den erstmals auf der NAMM 2020 vorgestellten Pro 3 mit einem Wavetable-Oszillator aus, wodurch er sich vom DSI Pro 2 und auch vom monofonen Vintage-Synth Pro-One aus den 1980er deutlich unterscheidet. Der Pro 3 ist ein aktueller Performance-Synthesizer mit insgesamt drei Oszillatoren, klassischen Analog-Filtern und inspiriert durch einen mächtigen Step-Sequencer musikalisch. Mehr finden wir heraus, sobald wir den 37-Tasten-Synthesizer ausführlich getestet haben. Für einen satten Aufpreis kann man eine Special Edition erwerben, die über ein Klapp-Panel à la Minimoog verfügt.

SPITZENMODELLE MIT WAVETABLE-SYNTHESE

Clavia Nord Wave 2

Der neue Rote aus Schweden, Clavias Nord Wave 2, ist erst seit April 2020 lieferbar und hat viel Potenzial, die Herzen der Keyboarder/Synthesisten zu erobern. Eigentlich ist das 61-Tasten-Gerät mit 48 Stimmen kein klassischer Wavetable-Synthesizer, sondern vielmehr ein Allrounder, der auch VA, Sampling (per Nord Sample Editor für Mac und Windows) und FM beherrscht sowie auch das bei Clavia übliche Preset-Mophing mit vierfachem Layering bietet. Der Preis ist stolzer Preis, aber legitim. Das transportable Gerät mit robustem Metallgehäuse ist gerade auch für tourende Keyboarder eine sichere Wahl.

Novation Summit

Der Summit ist das Spitzenmodell der britischen Schmiede Novation. Wer den Novation Peak kennt, kann sich hier noch weiter freuen, denn im Grunde besteht der Summit aus zwei Einheiten des acht-stimmigen Novation Peak und erlaubt bei insgesamt 16 Stimmen zweifache Layer und Splits. Es ist ein Hybrid-Synthesizer aus digitalen Oszillatoren und einem analogen Multimode-Effekt. Seine Sounds sind klar, druckvoll, prägnant und können auch hochwertig fett klingen. Die Bedienung am Gerät ist ein wahres Vergnügen. Mit OS 1.2 sind Wavetables hinzugekommen, weitere Updates folgen sicherlich. Über den Content-Manager “Components” lassen sich viele Sounds beziehen und auch verwalten.

Access Virus Ti2

Seit vielen Jahren ein Standard unter den digitalen Synthesizern und fast schon ein Vintage Synth ist der Access Virus Ti2, der sich in der DAW per Plug-in integrieren lässt. Mit seinen 2.048 ROM-Patches kommt er mit etlichen bekannten Sounds für elektronische Musik, die dank 80 Stereo-Stimmen auch im 16-fachen Multimode funktionieren. Rund 100 Wavetables sind fest im Speicher und mit den beiden ersten Oszillatoren nutzbar. Wegen der Doppelbelegung der Tasten ist er nicht ganz so intuitiv zu programmieren, aber dennoch insgesamt gut bedienbar. Alternativen sind Virus TI2 Polar und Virus Ti2 Darkstar mit jeweils 37 Tasten.

Waldorf Quantum

Kein anderer Hersteller ist traditionell so eng verbunden mit der Wavetable-Synthese wie Waldorf. So beruhen auch rund ein Drittel der Werksklänge des Flaggschiffs Waldorf Quantum auf die klassischen PPG/Waldorf-Wavetables. Mit Sample-Import, Granular Sampler, Kernels, fünf Master-Effekten und einem großen farbigen Touchscreen verkörpert das große Keyboardmodell mit einer 61er-Fatar-Tastatur ein Eldorado für Soundtüftler, die im Studio gern mit wertiger Hardware arbeiten. Wer die Summe von fast 4.000 € scheut, kommt mit der Desktop-Variante Iridium um die Hälfte preiswerter in den Genuss dieses Synthesizer-Boliden, der zudem ausschließlich mit digitalen Filtern arbeitet.

Waldorf Iridium

Ein logischer Schritt, der nun wahr geworden ist. Der Iridium ist das erschwingliche Kernelement des Waldorf Quantum und ist mit ihm soundkompatibel. Er bringt aber einige tolle Neuheiten, so zum Beispiel die 16 multifunktionell verwendbaren Trigger-Pads zur Eingabe von Sequencer-Noten oder zum Triggern von Chords. Außerdem ist das tastaturlose Modell 16-stimmig polyfon, hat also doppelt so viele Stimmen, und erzeugt zwei Klänge simultan. Auf der Rückseite findet sich ein Patchfeld zur Integration in ein modulares System. Auf das analoge Filter des Waldorf Quantum muss aber die smarte Desktop-Version verzichten. Für manchen Projektstudio-Betreiber geht ein Traum in Erfüllung.

ALTERNATIVES KONZEPT

Polyend Tracker

Der neue polnische Hersteller Polyend bringt ab etwa Mitte 2020 einen standalone Hardware Tracker mit dem erklärenden Produktnamen “Polyend Tracker” in den Handel. Dieses Desktop-Gerät ist eine Mischung aus Step-Sequencer und Song-Arranger und bietet neben einem Sampler und Granular Synthesizer eine Klangerzeugung auf Wavetable-Basis, die sogar kompatibel zu Ableton Wave und Xfer Records Serum sein soll. Zu einem moderaten Preis um 500 € gibt es eine standalone Audio Workstation, mit der man alternativ nach der Tracker-Methode wie einst beim Step-Sequencer der frühesten Home-Computer Commodore C-64 oder Amiga 500 aus den 1980ern komplette Musiktitel produzieren kann. Für einen Live-Einsatz sind Sequencer-Step-Effekte vorhanden. Insgesamt ist der Polyend Tracker eines der beachtlichsten Retro-Konzepte und bringt die Wavetable-Synthese in einem anderen Kontext ins Spiel.

SCHLUSSWORT

Das ist ein immenses Aufgebot für alle Musiker, die sich für die Wavetable-Synthese interessieren. Für Studioprojekte und auch für Live-Performances sind souveräne Produkte zu unterschiedlichen Preisen vorhanden. Jedes Produkt ist eigentlich für sich eine Empfehlung wert. Wenn es einmal mehr sein darf als Oszillatoren mit den klassischen Wellenformen, der persönliche Schraubspaß nicht zu kurz kommen soll und man sich vielleicht noch auf die Bühne traut, sind diese Hardware-Produkte jeden Cent wert. Wir freuen uns schon auf weitere Hardware-Synthesizer, die gerne wiederum neue Ansätze haben dürfen, um die Wavetables noch einmal anders zu konsumieren.

Veröffentlicht am 29.06.2020

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