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14.10.2020

Borderline Broadcast: Sound Optimierung für das Live Streaming von Bands und Gigs Teil 2

Tipps für FoH-Leute und Tontechniker für das Mischen von Streaming Events und Gigs #2

Herzlich willkommen zum Borderline-Broadcast Workshop Teil 2. Im ersten Teil haben wir die Besonderheiten von Streaming und Car Gigs herausgestellt endeten mit der These, dass Streaming-Mixe sich von FoH-Mixen über eine PA durchaus unterscheiden. In diesem Teil möchte ich die Gründe nachliefern, warum das so ist und vor allem praktische Mix-Tricks anbieten, die eure Streaming-Mixe auf ein neues Level heben. Let’s go!

Workshop

Ein FoH-Mix für eine Live-Band hat Zugriff auf eine Ressource, die uns einen hörbaren Vorteil gegenüber einem DJ-Set verschafft: Dynamik! Wer es versteht, die Dynamik einer großen PA auszunutzen, der wird bei den Zuhörern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Moderne Pop/Rock/EDM-Konservenmusik ist stark komprimiert. Das bedeutet, zwischen den leisen und den lauten Stellen eines Songs sind manchmal weniger als 6 dB Unterschied. Das versetzt diese Musik in einen binären Modus, der übertrieben ausgedrückt einem Staubsauger gleicht: An oder aus – dazwischen gibt es nichts.

Gesetzt den Fall, wir verfügen über eine großzügig dimensionierte PA (Feature: Was du tun kannst, wenn die Anlage zu klein ist) und müssen uns nicht mit drastischen Lautstärkebeschränkungen herumärgern, dann können wir bei dem FoH-Mix mit einer wesentlich größeren Dynamik arbeiten. Das bedeutet, leise Stellen eines Songs sind wirklich leise und wenn es im Breakdown richtig zur Sache geht, wird diese Energie wie eine Naturgewalt über die PA ins Publikum transportiert.

Jeder kennt es, jeder liebt es, wenn nach dem sanftem Konzert-Intro die erste Bass-Drum den Mageninhalt neu sortiert. Das triggert pure Emotion dank unmittelbarer Körperschallwahrnehmung und ist zudem der Grund, warum sich gefühlt 80 Prozent aller Boxendiskussionen um Subwoofer drehen.

Und genau hier liegt der wichtigste Unterschied zu einem Mix für Car-Gigs (UKW-Sender) oder einem Streaming-Mix. Diese Mixe müssen nicht mit dem FoH-Mix auf einem Festival konkurrieren, sondern mit Studioproduktionen, wie sie im Radio oder auf den Streaming-Portalen laufen. Der FOH-Techniker ist somit wohl oder übel gezwungen, anstatt seines gewohnten FoH-Mix de facto einen Studiomix für seine Band abzuliefern.

Hat man keine oder nur wenig Studioerfahrung, stellt das für den Techniker durchaus eine Herausforderung dar. Aber keine Angst, die passenden Mix-Tricks folgen auf dem Fuß.

Die gute Nachricht: Ihr könnt für die Streaming-Gigs eurer Mischpult und eure Mikrofone verwenden. Nicht selten muss man für die Musiker noch entsprechende Monitormixe erstellen, daher ist der Rückgriff auf das gewohnte Material legitim und sinnvoll. Aber wir müssen unseren Operationsumfang erweitern, daher gehören für Streaming-Gigs folgenden drei Dinge unbedingt mit an den FoH-Platz

  • ein lauter, geschlossener Studiokopfhörer
  • zwei Studio-Abhörmonitore
  • ein Laptop, mit dem ihr Multitrack-Mitschnitte machen könnt, um sie nach dem Soundcheck wieder in das Mischpult zurückspielen zu können

Mischpult

In der Regel gibt es bei Streaming-Gigs keine PA, die ihr beschicken müsst, daher kann man den L/R-Summenausgang eures Mixers getrost als Quelle für den Stream bzw. UKW-Sender beim Car-Gig nutzen. Die Abhörmonitore geben ebenfalls die L/R-Mix wieder, am besten gekoppelt mit dem Solo/Cue-Bus des Mixers, damit man neben dem Gesamtmix auch noch einzelne Signale abhören kann.

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Behringer X32 Compact auf thomann.de

Midas Pro1-TP auf thomann.de

Waves LV1 48 Bundle  auf thomann.de

 

 

Studiokopfhörer

Den Studiokopfhörer benötigen wir, um den Sound einstellen zu können, während die Band beim Soundcheck und während des Streams aufspielt. Nicht immer gibt es einen separaten Regieraum wie in einem Tonstudio. Steht ihr im selben Raum oder auf der Bühne mit der Band, ist der Kopfhörer euer Kompass im Mix-Dschungel. Alles Weitere ist wie immer. Ihr mikrofoniert die Band und macht den Soundcheck.

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Audio-Technica ATH-M40 X auf thomann.de

beyerdynamic DT-770 Pro 32 Ohms auf thomann.de

Fostex TH-900 mk2 auf thomann.de

 

 

Tipp: Stellt mit einigem Abstand zur Band ein Stereomikrofon oder zwei Kleinmembran-Kondensor in AB- oder ORTF-Anordnung auf und zeichnet diese ebenfalls mit auf. Wir sind bei Streaming-Gigs in der absurden Situation, dass wir alle Signale (vor allem die Gesänge) so klar und transparent wie möglich transportieren wollen. Was auf der anderen Seite sehr unnatürlich klingt, wenn die Band einen Song beendet hat und dann plötzlich totale Stille zwischen den Songs herrscht (von Ansagen mal abgesehen).

Mikrofon

Das Stereo-Mikrofon dient als Ausgleich. Es nimmt den Raum auf und verschafft eine natürliche Ambience, die den Live-Charakter unterstützt. Dadurch hört man das Brummen der Amps, das Quietschen des Drum-Hockers und hat eine psychoakustische Verbindung zu dem Raum, in dem die Band spielt.

Diese natürliche Stereo-Ambience kann man auch in den Mix geben und zwischen den Songs hochziehen. Wer zu faul ist, diesen Raum-Sound in den Song-Pausen anzuheben, der triggert das Signal mit einem Kompressor via Sidechain.

Das bedeutet, der Kanalkompresser in den Raummikro-Kanälen wird von der Summe angesteuert. Spielt die Band, drückt der Kompressor das Signal nach unten. Stoppt die Band, geht die Gain-Reduction auf null zurück. Im Idealfall stellt man das einmal ein und braucht sich nicht mehr weiter drum zu kümmern.

Eine laute Band auf kleiner Bühne (bzw. in einem kleinen Streaming-Studio) erzeugt viel Übersprechen, besonders in den Gesangsmikrofonen. Das ist bei Streaming-Gigs ein Problem. Denn wie wir beim letzten Abschnitt noch sehen werden, benötigen Streaming- und Car-Gigs deutlich mehr Kompression als normale Live-Gigs mit PA. Durch die Kompression wird das Übersprechen von Becken, Snare und Gitarren-Amps in den Gesangsmikrofonen deutlich verschärft und unser Mix verliert dadurch schnell an Definition und Fokus.

Um das Übersprechen zu minimieren, gibt es diverse Möglichkeiten. Ein analoger Weg ist, für den Gesang stark gerichtete Mikrofone wie das Audix OM7 einzusetzen oder die Gesangsmikrofone mit Optogates auszustatten. Diese öffnen das Mikrofon nur, wenn es besprochen wird. Das räumt den Gesamtklang hörbar auf. Wer an seinem Pult externe Plug-ins einbinden kann oder wie der Autor gar ein Software-Mischpult wie den Waves LV-1 einsetzt, der kann auch das Waves PSE Plug-in verwenden, das ebenfalls hervorragende Ergebnisse liefert. Also, wir haben eine Ambience für die Spielpausen am Start, haben das Übersprechen minimiert und unseren Soundcheck beendet.

Zurück ins Pult

Es ist an der Zeit, die aufgenommen Spuren ins Pult zurückzuspielen und unserem Mix einen Feinschliff zu geben. Über die Studioabhöre kann die Band den Mix ebenfalls abhören und eventuell noch Kommentare und Wünsche zum Mix beisteuern. Als Techniker bearbeiten wir den Mix wie ein Bildhauer. Erst die groben Brocken weghauen und über die Zeit immer filigraner werden. Man hat nicht unendlich Zeit, daher immer das Gröbste vorweg.

  • Sind alle Spuren sauber?
  • Gibt es Nebengeräusche oder gar einen Wackelkontakt?

Nein? Ok, dann geht es weiter mit der Balance. Wir nutzen die Kanalfader, um alle Signale anzugleichen. Gesänge, Kick und Snare Drum müssen gut zu hören sein. Dann geht es weiter mit den typischen Problemfeldern:

  • Kommen sich Bass-Drum und Bass vielleicht in die Quere?
  • Kämpfen Gitarren und Vocals um die Vorherschafft in den Mitten?

Versucht gezielt, mit dem Lowcut aufzuräumen und mit dem EQ Platz auf dem großen Parkplatz der Frequenzen zu schaffen. Als FOH-Techniker ist man gewohnt, gerade den Bereich zwischen 2 kHz und 4 kHz vorsichtig zu behandeln, da dieser über eine PA schnell schrill klingen kann. Im Studio bzw. für einen Streaming-Gig sieht das anders aus. Diese Mixe benötigen deutlich mehr Mitten und Höhen als ein PA-Mix.

Anstatt jetzt jedes einzelne Signal mit dem EQ neu zu behandeln, nehmt einfach euren gewohnten Mix und passt die Mitten und Höhen mit dem Summen-EQ an. Euer Band-Mix ist nach vielen Gigs in der Regel stimmig, er benötigt lediglich mehr Drehmoment in dem Höhen. Für den Anfang reicht vielleicht ein Shelving-Filter (z. B. ab 2 kHz +3 dB).

Vergleicht euren Mix mit professionellen Streaming-Mixen, die man problemlos als Referenz von YouTube zuspielen kann. Das ist eine gute Orientierung. Was jetzt noch fehlt, ist die notwendige Durchschlagskraft aus der Dynamik-Abteilung. More is more.

Dynamik

Schon der bekannte Klangästhet Yngwie Malmsteen fasst den Einsatz von Kompressoren und Limitern bei Streaming-Gigs wie folgt zusammen:

 

 

„More is more“. Was soll ich sagen? In Bezug auf Streaming-Mixe hat er Recht. Dabei ist das Thema Kompression gar nicht so kompliziert. Wir müssen unseren Stream nur insoweit verdichten, dass dieser nicht deutlich leiser als andere Streams bzw. Radiosender ist. Dabei können wir uns bei den Studiotechnikern einiges abschauen, was sich dort im Laufe der Jahre bewährt hat. Bei einem FoH-Mix über eine PA nutzt man auch Kompression in den Einzelkanälen, das nutzen wir ebenfalls als Grundlage. 

Aber wir packen noch einiges on top. Wichtig ist es, die dynamischsten Signale mit hohem Energieanteil sauber in ihre (Dynamik-) Schranken zu verweisen. Das bedeutet, es nicht unüblich, hinter dem Bass-Kompressor (Ratio 4.1-8:1, je nach Spielweise) nochmals einen Limiter zu setzten, der die letzten Peaks mit 2 oder 3 dB Gain-Reduction kappt.

Bei den Drums würde ich folgendes empfehlen. Auch hier komprimieren wir die Trommeln (Kick, Snare, Toms) mit dem Kanal-Kompressor. Gleichzeitig schicken wir die Trommeln (nicht die Becken!) in eine zusätzliche Subgruppe, wo sie von einem aggressiven Kompressor empfangen werden (Attack 20-35 ms, schnelle bis mittlere Release-Zeit und 4:1 Ratio mit 4-8 dB Gain-Reduktion).

Dieses Subgruppen-Signal mischen wir mit dem regulären Drum-Kanälen, um einen gleichmäßigen und dennoch durchsetzungsfähigen Sound zu erhalten. Das Ganze nennt sich New York Style oder Parallel-Kompression. Sound-Beispiel gefällig?

OK, wie sieht es aus? Ist im Vergleich der Mix immer noch nicht laut genug? Dann starten wir die nächste Eskalationsstufe und insertieren einen Summenkompressor. Bewährt hat die der SSL Bus Kompressor, den es als Plug-in oder Hardware in mannigfacher Form gibt.

Achtung! Die Attack-Zeit nicht zu kurz wählen, sonst würgt man die Bass-Drum ab. 3 bis 4 dB Gain-Reduction sollen reichen. Immer noch nicht genug? Dann hilft nur noch die grobe Kelle in Form eines Mastering-Limiters. Besonders einfach zu bedienen, ist der Waves L-2. Einfach den linken Schieberegler runterziehen und der Mix wird platter und gleichzeitig lauter. Vorsicht: Wir brauchen kein zweites Metallica St. Anger Inferno! Es reicht, wenn euer Mix ähnlich laut, wie ein relevanter Referenzmix ist. Happy Mixing!

Veröffentlicht am 14.10.2020

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