Gitarre
Test
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17.04.2017

D’Angelico Excel SS Test

E-Gitarre

Eleganz mit sechs Saiten

Die D'Angelico Excel SS Semiakustik greift die glanzvolle Tradition der legendären Archtops aus den Werkstätten des New Yorker Gitarrenbauers wieder auf, die in der 40 Kenmare Street im Jahre 1932 ihren Anfang nahm. Dort stellte John D'Angelico zusammen mit seinem Team in Handarbeit edle akustische und halbakustische Modelle vor allem aus Sitkafichte und Ahorn her, deren Namen noch heute vor allem von Jazzgitarristen und Kennern der Materie mit Ehrfurcht ausgesprochen werden: Excel und New Yorker. Die "blonde" Excel mit einer Fichtendecke und 17" Body ohne Cutaway war im Jahr 1932 D'Angelicos Antwort auf die dicke Gibson L5. Viel später elektrifizierte er die Excel mit einem Tonabnehmer, wie das bei vielen Modellen von Gibson auch der Fall war, schließlich mit zwei Pickups, sodass die einstige Archtop-Akustikgitarre zur dicken Vollresonanz-Elektrogitarre mutierte. In den 50er Jahren hatten bereits viele Jazzgitarristen, darunter auch Johnny Smith und Chet Atkins, die Vorzüge dieses Instrumentes erkannt.

Die Remakes, wie auch unsere Excel SS, werden in Korea gefertigt und unterscheiden sich mehr oder weniger stark von den Prototypen der 30er und 40er Jahre. Unsere aktuelle Kandidatin wurde im Gegensatz zu den meisten Vorgängermodellen mit zahlreichen Intarsien aufgehübscht und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Veredelt wird das Erscheinungsbild vor allem durch die Goldhardware, die Mechaniken, Gurthalterungen, Saitenhalter, Brücke, Endknopfbuchse sowie Schrauben und Tonabnehmerabdeckungen einschließt. Mechaniken, die Trussrod-Abdeckung aus Aluminium, das Pickguard aus Schildpatt und der Tailpiece-Saitenhalter sind perfekt im Stufendesign der 50er und frühen 60er Jahre aufeinander abgestimmt. Auch andere signifikante Erkennungsmerkmale haben die Designer der neuen EX SS übernommen, wie die rechteckigen Blockinlays aus Perlmutt, den rundgeschwungenen Single-Cutaway, die beiden Resonanzfräsungen und die verspielte Kopfplatte - allesamt Relikte der alten Excel.

Details

Body

Unsere aktuelle Testkandidatin hat inzwischen die Gestalt einer typischen Halbresonanzgitarre mit implantiertem Center-Block angenommen. Der Body der Excel SS mit einer Spannweite von 38,1 cm bei einer Länge von 47,7 cm war damals noch nicht so schmal, vor allem hat unsere Probandin an der Zarge gewaltig abgespeckt. Mit einer Tiefe von 4,5 cm ist sie nicht mehr so tief ausgeschnitten wie damals und deshalb bietet sich ein Vergleich mit der ehemaligen Konkurrentin Gibson L-5 nicht mehr an. Deshalb könnte das Kürzel "SS" hier vielleicht auch für "Small Sides" stehen. Auch die für Akustikgitarren typische Profilverjüngung an der Zarge fiel der Schlankheitskur zum Opfer. Die Excel SS spielt nun in der gleichen Liga wie z.B. die Gibson 335. Anders als eine dicke L-5 kann sie problemlos im Stehen gespielt werden, auch die eckigen Kanten am Korpusrand beeinträchtigen nicht mehr. Den Cutaway (seit 1947) hat sie dagegen von der alten Excel geerbt. Puristen sollten sich aber ruhig auch die dicke Excel-EXL 1 von D'Angelico zur Brust nehmen, die sich mit einem Floating-Mini-Single-Pickup, einer tiefen Zarge (7,62 cm), einem mobilen, aufliegenden Holzsteg und laminierter Fichtendecke wesentlich stärker an der "ganz alten" Excel anlehnt. Auch die Excel 59 mit zwei Tonabnehmern, tiefer Zarge (7,6 cm), mobilem Holzsteg und laminierter Ahorndecke wäre eine Option.

Die laminierte Decke aus Riegelahorn ist ein echter Hingucker. Auch andere renommierte Hersteller wie Gibson statten ihre Instrument teilweise mit laminierten Decken aus, was ein Instrument nicht per se abwertet. Die Verleimstelle in der Mitte kann man hier deutlich erkennen, da die beiden Hälften mit lebendigen Maserungen kein symmetrisches Faserbild vermitteln.

Die Sunburst-Lackierung steht der Decke jedenfalls gut zu Gesicht. Zwei Lackschichten, eine schwarz-braun-deckende am Korpusrand und eine durchscheinende honiggelbe im Zentrum wurden kunstvoll übereinander gelegt und abschließend mit einem hochglänzenden Klarlack versiegelt. Zum Schutz der Decke ist ein Schlagbrett aus Schildpatt montiert, das dem aus der Gründerzeit ähnelt, und bei dem natürlich auch das Stufenmotiv an der Unterkante nicht fehlen darf. Man kann das über der Decke "freischwebende" Schlagbrett problemlos entfernen, da es lediglich mit zwei Schrauben befestigt ist, ansonsten aber bündig mit den Tonabnehmerkappen verzahnt wurde.

Wie die Decke bestehen auch Boden und Zargen aus laminiertem Ahorn und sind ebenfalls makellos in Sunburst lackiert. Ein Center-Block im Korpusinneren verbindet die Decke mit dem Boden und vermindert das Rückkopplungsrisiko, dem sich insbesondere elektrisch verstärkte Voll- und Halbresonanzgitarren schnell ausliefern, wenn sich die Decke bei erhöhter Lautstärke aufschaukelt.

Die sechs Saiten werden mit den Ball-Ends an einem goldenen "Stairstep"-Trapez-Saitenhalter aufgehängt und laufen anschließend über eine höhen- und längenverstellbare Tune-O-Matic Brücke. Der Saitenhalter mit individuell abgestuften Aufhängungsvorrichtungen für jede einzelne Saite soll angeblich für eine ausgewogene Schwingungsübertragung sorgen. Tatsächlich wurden die brachliegenden Saitenenden im Bereich zwischen Brücke und Aufhängung vor allem bei den Diskantsaiten erheblich verkürzt, sodass von diesen Saiten keine störenden Vibrationen und Resonanzen ausgehen. Eine Tune-O-Matic Brücke gab es bei den Instrumenten der 40er und 50er Jahre noch nicht, ein höhenverstellbarer, mobiler Holzsteg übernahm diese Funktion. Der Saitenhalter dieser ehemaligen Akustikgitarre sollte vor allem den Druck auf den Steg erhöhen und diesen durch die Saitenspannung in der Position halten. Die Kontaktaufnahme mit der Decke war ebenfalls strengstens untersagt. Der über der Decke frei schwebende Stairstep-Saitenhalter mit Logo gehört untrennbar zum typischen Vintage-Look der Gitarre und wird auch bei unserer Excel SS von einer goldfarbenen Schraube, die gleichzeitig als Gurtpin dient, in der Zarge stabil befestigt. Die angeschraubte Tune-O-Matic Brücke nimmt dem Saitenhalter jedenfalls eine seiner ursprünglichen Funktionen und überhaupt setzt eine Gitarre mit Pickups andere Prioritäten.

Ein cremefarbenes Binding verbindet Decke und Boden mit den beiden Zargen, auch die F-Löcher sind an den Innenkanten mit einbezogen. Ein Herringbone-Streifen rund um den Deckenrand und gleich zwei an der Zarge runden das Erscheinungsbild ab.

Zwei Vintage-Humbucker von Kent Armstrong, jeweils eingebettet in schwarze Rähmchen, liefern - laut Hersteller - einen fetten Ton mit hohem Output, warmen runden Bässen, druckvollen Mitten und klaren, glockigen Höhen. Im Online-Shop der Firma sind die Klangwandler auch unter der Bezeichnung "Vintage G" erhältlich, exklusiv für den amerikanischen Markt. Geschaltet werden die beiden Humbucker mit einem 3-Wege-Wahlschalter, der sich vor den vier Potiknöpfen aus schwarzem Ebenholz befindet. Der Stegpickup wird in der Position 1 (unten) aktiviert, der Halspickup in der Position 3 (oben) und beide in der Position 2 (Mitte). Zur Steuerung der beiden Tonabnehmer wird das bekannte Besteck, bestehend aus zwei Volume- und zwei Tone-Reglern aufgefahren, also einmal Lautstärke und einmal Klang für jeden Pickup. Unterhalb der Potis befindet sich an der Zarge die ebenfalls goldfarbene Anschlussbuchse für das Gitarrenkabel.

Hals und Griffbrett

Der dreiteilige Hals mit C-Profil wurde in den Korpus eingeleimt und besteht aus Ahorn mit einem Nussbaumstreifen in der Mitte. Mit dieser Konstruktion quasi ohne Halsfuß kann der Solist auch den letzten Bund auf den Diskantsaiten erreichen. Der eingelegte Dual-Action-Halsspannstab hält den dünnen Hals in Form und gleicht bei Bedarf subtile Veränderungen der Halskrümmung aus. Die entsprechende Justierschraube befindet sich an der Kopfplatte unter der Abdeckung aus Aluminium. Das Griffbrett aus Palisander wurde passgenau auf dem Hals verleimt, 22 sauber abgerichtete Medium-Jumbo-Bünde finden dort Platz. Mit Blockeinlagen aus Perlmutt sogar im ersten, dritten und 17. Bund ist das Griffbrett der Excel SS reichlich bestückt. Auf der Griffbretteinbindung befinden sich schwarze Orientierungspunkte und überhaupt findet der Gitarrist überall standardisierte Abmessungen vor. Am Ende des Griffbretts treffen die Saiten auf einen 4,3 cm breiten Knochensattel, wo sie sicher in den Kerben liegen.

Kopfplatte

Die originell gestylte Kopfplatte ist ganz großes Kino. Die Oberfläche mit dem altbekannten Design wurde mit einem hauchdünnen Furnier aus Ebenholz verblendet und mit cremefarbenen Binding umrahmt. Große Perlmutt- oder Abalone-Einlagen mit originellen Motiven waren schon früh das Markenzeichen von John D'Angelico, Lilien oder Ranken genau so wie stilisierte Wolkenkratzer. Und auch die Kopfeinlage der aktuellen Excel SS ist wieder eine echte Augenweide. Man braucht nicht viel Phantasie, um dort einen auf dem Kopf stehenden stilisierten Wolkenkratzer zu erkennen. Oben prangt das altbekannte Logo, ebenfalls eine wunderbare Einlegearbeit. Die geschlossenen goldenen Grover Super Rotomatic Mechaniken machen erwartungsgemäß einen guten Job. Damals war Grover natürlich auch schon erste Wahl. Die Stimmflügel sind konsequent im Stufendesign ausgeführt und die kurvenreiche Oberkante wird von einem dekorativen goldenen Art-Deco-Ornament gekrönt.

Im Lieferumfang befindet sich ein stabiler Koffer mit einem Fach für Werkzeuge, Saiten und Zubehör, ein Inbusschlüssel und ein Kabel liegen bei.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • tadellose Verarbeitung
  • attraktive Optik
  • sehr gutes Handling und Bespielbarkeit
  • stilistisch sehr flexibel

  • keins

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