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09.09.2020

Das maßgeschneiderte Schlagzeug: Für wen lohnen sich Custom Drums?

Snares und Drumsets abseits der Stange kaufen

XY Custom Drums, Masters Custom, Recording Custom. Damit dieser Artikel einen Sinn ergibt, brauchen wir offenbar zunächst einmal eine Begriffsdefinition. Die Übersetzung des englischen Wortes „Custom“ ist schnell herausgefunden: "Sitte", "Brauch", "Kundschaft" und einige weitere Alternativen listen die einschlägigen Online-Wörterbücher auf.

So richtig scheinen diese Übersetzungen aber nicht den Kern zu treffen, denn schließlich assoziieren wir Drummer mit diesem Begriff eher die Bereitschaft des Herstellers, auf unsere Wünsche einzugehen. Wer jedoch beispielsweise ein Pearl Masters Custom erwerben möchte, wird zwar feststellen, dass die Auswahl an Größen und Finishes durchaus beeindruckend ist, eigene Farbideen oder Kesselhardware nach eigenem Geschmack wird aber nicht bestellbar sein. 

Ein Blick in die jüngere Geschichte des Drumsets könnte etwas Licht ins Dunkel bringen. Die Firma Yamaha begann Mitte der 80er Jahre, ihrer damaligen 9000er-Topserie den Namenszusatz „Recording Custom“ zu verpassen. Das klang nicht nur gut, offenbar war man auch der Meinung, dass die immer breiter werdende Palette an verfügbaren Trommelgrößen, (lackierten) Farben und Setup-Optionen diese Bezeichnung rechtfertigte. 

Etwas später zeigte dann DW als aufstrebender Hersteller, dass sich die Grenzen der vom Kunden wählbaren Optionen noch weiter nach oben verschieben lassen. GMS, Noble&Cooley, Montineri und Pork Pie waren dann die ersten echten, kleinen US-Custom-Hersteller. Auf Basis von teilweise hinzugekauften Kesseln der amerikanischen Firma Keller überließ man dem Kunden freie Hand in Bezug auf Trommelgrößen und Finish-Optionen. Vom Drachen-Airbrush bis zur Vintagestyle-Folie wurde alles möglich gemacht. Heute gibt es weltweit eine kaum noch zu überblickende Zahl kleiner Firmen, die alles umsetzen, was die eigene Produktionskompetenz zulässt. Aber auch viele der großen Marken haben es mittlerweile geschafft, ihre Produktionslogistik so zu steuern, dass auch ausgefallene Kundenwünsche individuell umgesetzt werden können. Da wären zum Beispiel DW, Pearl Masterworks oder Sonor SQ2 zu nennen. Eine ungefähre Definition des Begriffs Custom für diesen Text könnte also lauten: „Auf Kundenbestellung angefertigte Schlagzeuge und Snaredrums, welche nicht Teil einer Serienfertigung sind“. Wann sich die oftmals erhebliche Investition in ein solches, möglicherweise stark personalisiertes Instrument lohnt, aber auch welche Nachteile damit verbunden sind, lest ihr jetzt. 

Für wen sind Custom Drums gedacht?

1. Für Fans einzigartiger Instrumente

Ein Schlagzeug ist für viele Drummer wesentlich mehr als ein Produkt oder ein beliebig austauschbares Instrument. Im Gegenteil, nicht wenige Enthusiasten träumen – manchmal jahrelang – von einem Kesselsatz oder einer Snare, welche ganz bestimmte Merkmale aufweist, die es eben genau so nicht in den Regalen der Hersteller gibt. Das kann eine bestimmte Kesselgröße, eine spezielle Holzkombination, farbige Hardware oder auch ein ausgefallenes Finish sein. Je nach Konfiguration wird das fertige Instrument am Ende also ein Unikat sein. Neben dem Klang und dem optischen Erscheinungsbild erzeugen solche Einzelstücke bei ihren Besitzern eben einfach das schöne Gefühl, etwas Besonderes zu besitzen. Den harten Bühnenalltag sehen solche Kits eher selten. 

2. Für Profis und ambitionierte Drummer, die wissen, was sie wollen

Obwohl die Auswahl in den High-End-Serien der Hersteller oft schon beträchtlich ist, gibt es Situationen, in denen beispielsweise ein Berufstrommler etwas ganz Bestimmtes dort nicht findet. Das kann vielleicht eine 12x8 Snaredrum mit sehr dickem Holzkessel sein oder die satinierte Kesselhardware, die bei bestimmten Live-Produktionen weniger stark reflektiert. Oder der Wunsch, einem ganzen Set durch besonders dünne Kessel und verrundete Gratungen einen ganz besonders warmen Klang zu verleihen. 

3. Für Produktionen, die ein bestimmtes Bühnenbild verlangen

Wer sich die Live-Konzerte berühmter Bands anschaut, wird feststellen, dass die verwendeten Drumsets oft zum Bühnenbild passen. Die Produktionen werden meistens von Herstellern gesponsert, ein Teil des Deals ist es dann, ein zum Gesamtbild passendes Kit bereit zu stellen. Man denke da beispielsweise an das enorm aufwendig designte Sonor SQ2 Schlagzeug von Iron Maiden Drummer Nicko McBrain. Aber auch „eine Etage darunter“ kann es sinnvoll sein, sich an eine Firma zu wenden, die in der Lage ist, ein zur eigenen Bühnenshow passendes Kit zu fertigen. Auf diesen Anwenderkreis werde ich in diesem Artikel jedoch nicht weiter eingehen. 

4. Für das Erlebnis des individuellen Bestellprozesses

Wie bei vielen anderen hochpreisigen Produkten auch, gehört bei maßgeschneiderten Trommeln der Auswahl- und Bestellprozess zum Erlebnis dazu. Während manche Trommler einfach schnell eine gut klingende Snaredrum oder ein Drumset kaufen möchten, genießen Kunden von Custom-Programmen die Prozedur, die vor der Lieferung des Instrumentes steht. Je nach Hersteller kann die jedoch nochmal ganz unterschiedlich ausfallen. Bei DW, Sonor oder Pearl hat man in aller Regel mit einem Musikhändler zu tun oder füllt Online-Formulare aus, beim kleinen Ein-Personen-Betrieb ist der Kontakt wesentlich enger. Am Ende des Prozesses steht in den meisten Fällen allerdings genau das Instrument, das man sich vorgestellt hat und welches man – mit etwas Glück – sehr lange spielt.  

Guter Sound ist mehr, als die Optionen wild zu mixen

„Soll ich den dünnen Bassdrum-Kessel aus Kirschholz mit 45 Grad-Gratungen vorne und verrundeten Gratungen hinten nehmen oder doch eher den Pappel-Ahorn-Mischkessel mit Verstärkungsringen und 30 Grad-Gratungen beidseitig?“ Aus Erfahrung weiß ich, dass solche Fragen tatsächlich gestellt werden und die Antwort darauf ist relativ eindeutig: Das kann niemand sagen, denn derartige Fragen führen tief in die Entwicklungsarbeit des Schlagzeugbaus und es gibt nicht wenige Stimmen, die den Weg der totalen „Customisierung“ als unsinnig betrachten.

Der Vertreter einer großen Schlagzeugfirma hat in einem Forum auf die Frage, warum man nicht den Custom-Weg gegangen sei, geantwortet, dass man doch nicht dem Kunden überlässt, welchen Sound das Unternehmen haben soll.

Das war nicht nur ein Seitenhieb auf andere große Hersteller, es dürfte auch eine ziemlich kluge Entscheidung gewesen sein. Denn gerade großen Herstellern fehlt die Möglichkeit, Kunden wirklich intensiv zu beraten. Infos wie jene, dass Ahorn eher ausgewogen und Birke eher bass- und höhenlastig klingt, führen in der Praxis leider nicht sehr weit. Der Schlagzeugsound ist nämlich extrem abhängig von Faktoren, die eben nicht von der Bauweise des Instrumentes selbst bestimmt werden. Dazu zählen bekanntermaßen der Musiker selbst, der Raum, die Felle... Im Studio kommen noch Mikrofone und die gesamte Aufnahmeperipherie hinzu. Wer also aus klanglichen Gründen auf ein Custom-Set setzen möchte, sollte sich bei Hölzern und Maßen im Rahmen bewährter Konzepte bewegen. 

Der Wertverlust kann beträchtlich ausfallen

Wir leben in einer Zeit der Privatverkäufe, auf etlichen Netzportalen kaufen und verkaufen Drummer ihr Equipment. Nicht wenige denken einen eventuellen Weiterverkauf beim Kauf gleich mit, damit der Verlust nicht zu groß ausfällt. Je nach Marke und Art funktioniert dies bei neu erworbenen Custom-Drumsets nur eingeschränkt. Wer heute für 5000 Euro ein wild zusammengestelltes, super-individuelles Unikat vom Hersteller oder Händler abholt, wird schon morgen möglicherweise nur noch einen Bruchteil des Kaufpreises dafür bekommen. Im Gegensatz zu bewährten Serientrommeln oder gar Vintage Drums erzielen die teuren Spezialwünsche auf dem Gebrauchtmarkt nur sehr wenig. Bei einem (alten) Ludwig, Gretsch oder Yamaha Recording meinen die Käufer zu wissen, was sie bekommen, solche Instrumente besitzen ein klares Image und transportieren eine eindeutige Soundvorstellung. Zudem sind sie oft wertstabil oder können sogar im Wert steigen. Diese Vorstellung hat sich bei den meisten Unikaten als trügerisch erwiesen. Ein gutes Beispiel sind die Trommeln des amerikanischen Herstellers OCDP, welche vor einigen Jahren als die Speerspitze des Total-Customizings galten. Snares mit riesigen Löchern und dicken Kesseln, Bassdrums mit verlängerten Spannreifen und bizarre Hybridkonstruktionen haben damals exorbitant viel gekostet, wer so etwas heute verkaufen möchte, muss selbst bei moderaten Preisvorstellungen sehr geduldig sein. 

Also doch kein Custom?

Doch, klar! Dank des Internets und der modernen Kommunikationsformen haben sich viele Firmen etabliert, die genau die tollen Instrumente bauen können, die es eben bei den großen Herstellern nicht in die Kataloge schaffen, weil sie in der Herstellung zu teuer und damit wirtschaftlich sinnlos sind. Auch die Beratung eines kompetenten Trommelbauers und die Realisierung bestimmter Klang- und Optikvorstellungen kann eine sehr lehrreiche und erfüllende Angelegenheit sein. In Deutschland gibt es beispielsweise eine höchst lebendige Szene kleiner Unternehmen, die nicht nur gut klingende Instrumente bauen, sondern auch mit zeitgemäßen Ansätzen arbeiten. Dazu gehört beispielsweise das Re- und Upcycling von Percussion-Instrumenten, die Verwendung heimischer Rohstoffe sowie das Erfinden kleiner Helferlein, die uns Trommlern die Arbeit erleichtern. Wilde Farben, extreme Kesselmaße und versetzt montierte Hardware scheinen hingegen wieder auf dem Rückzug zu sein. Gute Trommelbauer grenzen ihr Angebot offenbar auch bewusst ein, weil sie wissen, welche ihrer Instrumente besonders gut klingen. So spezialisieren sie sich beispielsweise auf eine bestimmte Bauweise oder ein bestimmtes Material. So kann der Kunde eine Vorauswahl treffen, je nachdem, ob ihm der Sinn eher nach einer Metallsnare steht oder vielleicht dem ganzen Set in Fassbauweise oder aus Acryl.  

Veröffentlicht am 09.09.2020

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