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23.12.2019

Die besten Audio-Interfaces für Gitarristen

Das richtige Equipment zum Aufnehmen von Gitarren

Top-Interfaces für die Saitenzunft

GENERELLE ÜBERLEGUNGEN

Basic Recording über ein oder zwei Kanäle

Im Prinzip kommt man als Gitarrist mit einem Audio-Interface, das nur einen einzelnen Mikrofoneingang in Kombination mit einem hochohmigen Instrumenteneingang bietet, bereits ausreichend gut zurecht. Gerade wer plant, vorrangig Amp-Simulationen im Rechner zu nutzen, ist damit bestens versorgt, und auch die Aufnahme einer akustischen Gitarre oder eines echten Verstärkers lässt sich mit einem einzelnen Mikrofon natürlich umsetzen.

Häufig wünscht man sich für eine im Mix prominente Akustikgitarre jedoch ein Stereo-Signal, und auch die Lautsprecher von Amps werden in der Praxis sehr gerne mit zwei Mikrofonen bestückt, um unterschiedliche Aspekte des Klangs einzufangen. Zwei Mikrofoneingänge sorgen also für weit mehr Möglichkeiten im Sinne eines professionell verwertbaren Ergebnisses – und das ist natürlich äußerst wünschenswert. Die Basics zur Gitarrenaufnahme sowie Tipps zur Aufnahme von akustischen Gitarren sowie zur Mikrofonierung von Amps gibt es in unseren entsprechenden Workshops.

DI-Signale und Reamping

Bei der mikrofonierten Aufnahme von sowohl akustischer als auch elektrischer Gitarre, kann es sinnvoll sein, ein zusätzliches DI-Signal aus einem Tonabnehmer abzugreifen. Dies kann im Mix für mehr Definition und natürlich für weitere Optionen bei der Nutzung von Amp-Simulationen oder beim Reamping durch ein anderes Verstärker-Setup sorgen.

Um dies umzusetzen, benötigt man natürlich einen dritten Kanal. Im Fall einer Akustikgitarre mit Piezo-Pickup verwendet man dazu ganz einfach einen freien Instrumenteneingang. Beim Amp-Recording greift man dagegen meist zu einer (möglichst hochwertigen) DI-Box mit Thru-Ausgang zum Verstärker, die selbst wiederum über einen Line-Eingang mit dem Audio-Interface verbunden wird. Weitere Line-Eingänge sind vor allem dann nützlich, wenn man plant, mit externen Vorverstärkern zu arbeiten, die den Klang eindeutiger färben als die neutral angelegten internen Preamps der meisten Audio-Interfaces.

In Hinblick auf die Anzahl der Ausgänge kann man sich als Gitarrist weitgehend entspannen. Nur zum Reamping benötigt man neben dem Main-Out und einem Kopfhörerausgang gegebenenfalls einen weiteren Line-Out, um das Signal, wie in unserem zugehörigen Workshop beschrieben, rückwärts durch eine passive DI-Box oder durch eine Reamping-Box in einen mikrofonierten Amp zu leiten. Natürlich ist es als Workaround auch möglich, den Main-Out für diese Aufgabe zu zweckentfremden.

Wichtig für virtuelle Amp-Simulationen: Latenz

Die Nutzung einer Amp-Simulation ist auch für viele aktuelle Rechner eine durchaus ernstzunehmende Herausforderung. Der Prozessor wird dabei mit komplexen Rechenprozessen belastet (z.B. Faltung), und der Knackpunkt bei alledem ist natürlich, dass ihm dazu nicht viel Zeit bleibt. Immerhin möchte man als Gitarrist sein Spiel nicht erst nach einer halben Sekunde Rechenzeit, sondern so direkt wie möglich und ohne spürbare Latenz hören. Wenn ein System optimal für Audio-Anwendungen eingerichtet ist, dann können schnelle Interfaces in dieser Hinsicht einen deutlichen Unterschied machen. Das Thunderbolt-Protokoll steht dabei im Ruf, noch bessere Ergebnisse als USB zu liefern, wobei USB allgemein als ausreichend zu beschreiben ist und Thunderbolt-Interfaces natürlich teurer sind.

UNSERE EMPFEHLUNGEN

Volle Breitseite: Universal Audio Apollo X4

Wer das nötige Kleingeld hat, der findet mit dem Ende 2019 erschienenen Universal Audio Apollo X4 eine echte Allzweckwaffe, mit der sich alle Herausforderungen bei der Aufnahme von Gitarren problemlos bewältigen lassen. Mit vier kombinierten Mic-/Line-Ins, von denen sich zwei als Instrumenteneingänge nutzen lassen, sind alle denkbaren Kombinationen einer doppelt mikrofonierten Akustikgitarre oder eines Amps inklusive Abgreifen des Tonabnehmers möglich. In diesen Szenarien bleibt mit einem weiteren freien Eingang zudem noch Raum, um beispielsweise Live mit Gesang aufzunehmen. Die Preamps (bis zu 65 dB Gain) und Wandler (24 Bit/192 kHz) gehören zum Hochwertigsten, was man mit einem aktuellen Audio-Interface bekommen kann. Das X4 kann mit bis zu drei weiteren Thunderbolt-Interfaces aus der Apollo-Serie kaskadiert werden, und auch die Erweiterbarkeit über ADAT ist gegeben. 

Universal Audio Apollo X4

Zwei wesentliche Alleinstellungsmerkmale der gesamten Apollo-Serie sind die integrierten DSPs zur Nutzung der beliebten UAD-Plug-Ins und die Unison-Technologie, bei der Hardware und Software interagieren, um unterschiedliche Mic-Preamps oder auch Gitarren- und Bass-Verstärker zu simulieren. Somit ist es möglich, einen virtuellen Amp ohne spürbare Latenz zu spielen und ihn sogar auf die Impedanz der angeschlossenen Gitarre reagieren zu lassen. Beim Kauf sind bereits einige entsprechende Plug-Ins enthalten, weitere Plug-Ins sind allerdings ebenfalls nicht ganz billig. Denkbare Alternativen zum Apollo X4 wären das kleinere Apollo Twin X mit nur zwei Mic/Line-Ins oder aber das noch kleinere UA Arrow, das jedoch nur einen Single-Core DSP und keine weiteren Line-Outs (z.B. zum Reamping) bietet. All diese Interfaces nutzen die Thunderbolt-Schnittstelle und sind auch bei der Verwendung von Amp-Simulationen, die nicht vom internen DSP berechnet werden, blitzschnell. 

Gitarren-Spezialist: IK Multimedia Axe I/O

Den Hersteller IK Multimedia kennt man unter anderem von der beliebten Amp-Simulation AmpliTube. Mit dem Axe I/O haben die Italiener ein verhältnismäßig günstiges USB 2.0 Audio-Interface (24 Bit/192 kHz) im Angebot, das ganz Konkret auf die Bedürfnisse von Gitarristen und Bassisten zugeschnitten ist. Die zwei Eingangskanäle können wahlweise als Mikrofon-, Line- oder Instrumenteneingänge genutzt werden, wobei Kanal 1 mit dem Z-Tone-Feature über eine außergewöhnliche Möglichkeit zum Formen des Klangs von DI-Signalen verfügt.

Unter anderem ist die Vollversion von AmpliTube 4 Deluxe im Paket enthalten, und dank zweier gesonderter Anschlüsse am Interface lässt sich die Software über Expression-Pedale oder Fußtaster steuern. Eine echte Besonderheit ist zudem die integrierte Reamping-Box, die es ermöglicht, ein DI-Signal ohne zusätzliche Hardware in einen echten Amp zu schicken. Und sogar ein kleiner Tuner ist mit an Bord. Auf einen DSP, der wie bei der Apollo-Serie von Universal Audio die faktisch latenzfreie Nutzung einer Amp-Simulation ermöglicht, muss man allerdings verzichten.

Hochwertiger Allrounder: RME Babyface Pro

Das RME Babyface Pro ist ein ausgesprochen hochwertiges und kompaktes USB 2.0 Audio-Interface (24 Bit/192 kHz) und lässt sich durchaus als ein moderner Klassiker bezeichnen. Es bietet zwei absolut hochwertige Mikrofonvorverstärker, die ein Signal aus einem Mikrofon um bis zu stolze 70 dB anheben und erlaubt die simultane Nutzung von zwei weiteren Line-Eingängen, die auch als Instrumenteneingänge verwendet werden können. Damit ist man auch für die komplexeren Szenarien mit Abgriff eines DI-Signals hervorragend ausgestattet. Einzige kleine Einschränkung für Gitarristen: Da es keine weiteren zusätzlichen Line-Outs gibt, müsste man beim Reamping den Main-Out verwenden, um ein DI-Signal auszuspielen und folglich mit Kopfhörern arbeiten. Prinzipiell kann das Interface aber auch über die ADAT-Schnittstelle um bis zu jeweils acht Ein- und Ausgänge erweitert werden. 

RME Babyface Pro

Die internen Wandler sind genauso wie die Treiber über jeden Zweifel erhaben und bieten neben hervorragender Klangqualität eine für USB-Interfaces verhältnismäßig geringe Latenz. An einem Laptop kann das Babyface Pro vollständig Bus-Powered und ohne weiteres Netzteil betrieben werden. 

Solider Zweikanaler: Focusrite Scarlett 2i2 3rd Gen.

Das Focusrite Scarlett 2i2 ist ein günstiges und gleichzeitig gut klingendes USB 2.0 Audio-Interface mit zwei Eingangskanälen, die beide entweder als Mikrofon-, Line- oder Instrumenteneingang genutzt werden können. Die Preamps bieten bis zu 56 dB Gain. Grundlegendes Recording eines doppelt mikrofonierten Amps oder einer Akustikgitarre in Stereo und auch die Nutzung von Amp-Simulationen sind mit dem Scarlett 2i2 kein Problem. Auf erweiterte Möglichkeiten wie das zusätzliche Abgreifen eines DI-Signals muss man verzichten, aber damit können sich vermutlich viele Anwender arrangieren.

Focusrite Scarlett 2i2 3rd Gen. (im Test als Studio Bundle)

Eine Besonderheit der Scarlett-Reihe in der dritten Generation ist die analoge Air-Schaltung der Vorverstärker, die einem Signal ganz ohne „digitale Tricksereien“ mehr luftigen Glanz verpasst. Gerade bei der Aufnahme akustischer Gitarren ist das ein sehr interessantes Feature. Das Interface ist zudem kompakt, vollständig Bus-Powered und kommt mit einem sehr attraktiven Software-Paket, das allerdings nicht direkt auf Gitarristen zugeschnitten ist.

Preamp plus DI: Audient iD4

Wer hauptsächlich Amp-Simulationen im Rechner nutzen möchte und mit einem einzelnen Mikrofonvorverstärker auskommt, der wird mit dem Audient iD4 gut versorgt. Eine sehr begrüßenswerte Eigenschaft des kompakten und robusten Audio-Interfaces (24 Bit/192 kHz) ist der Punkt, dass der Instrumenteneingang und der Mic/Line-In simultan genutzt werden können, was interessante Kombinationsmöglichkeiten schafft. Der interne Mikrofonvorverstärker entspricht denen der großen Konsolen des britischen Herstellers und bietet bis zu 58 dB Gain. In Sachen Latenz schlägt sich das USB 2.0 Interface sehr gut. 

Ein beim Recording und Mixing komfortables Feature des Audient iD4 ist, dass der große Lautstärkeregler neben seiner Hauptfunktion (Regeln von Main-Out und Kopfhörern) auch als Controller verwendet werden kann, der ähnlich wie das Scroll-Wheel einer Maus nahezu alle Parameter einer DAW-Software steuern kann. Das Interface ist zudem nicht nur mit Windows und macOS, sondern auch mit iOS kompatibel. Eine hervorragende Wahl für das Üben und Aufnehmen „on the road“.

Veröffentlicht am 23.12.2019

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