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08.08.2016

DJ und Producing wächst zusammen

Aus dem Studio in den Club und zurück

Die Grenzen zwischen DJing und Producing verschwimmen immer mehr. Ob nun Auflegen mit Ableton oder Livespielen mit Traktor-STEMS: Das eine profitiert vom anderen. Aber wie kriege ich meinen Track in den Club? Wie übertrage ich die Inspiration aus dem Club zurück ins Studio? Und wie erweitere ich mein DJ-Set mit meinen Producer-Skills? Bonedo-Autor Mijk van Dijk nennt einige Hürden und weiß, wie man sie überwindet.

Hybride DJ-Sets werden immer beliebter. Wenn schon der berüchtigte Sync-Button dem DJ die Mühe des Beatmixens abnimmt und komplexe Traktor-Controller-Setups immer mehr einem Live-Act-Szenario gleichen, stellt sich dir Frage: Was ist noch DJ und was ist schon Live? Im Verständnis des Publikums ist ja jeder DJ auch gleichzeitig ein Producer und immer mehr Producer drängen ans DJ-Pult, weil das Geld heutzutage nicht mehr mit dem Verkauf der Musik selbst, sondern mit der Performance im Club oder Festival verdient wird. Nun muss ein guter Producer nicht auch zwangsläufig ein guter DJ sein und umgekehrt gilt das genauso. Aber beide Tätigkeiten können sich in hohem Maße gegenseitig befruchten. Hier einige Tipps, was alles jetzt schon machbar ist.

Wie kriege ich meinen Track aus dem Studio in den Club?

Mit digitalen DJ-Tools ist es mittlerweile für DJ/Producer kein Problem mehr, einen Track, den man nachmittags produziert hat, bereits abends im Club zu testen. Natürlich muss der Track erst mal aufgenommen werden und zwar so, dass er sowohl im Club mit professionell gemasterten Tracks mithalten, die Aufnahme dann aber auch noch später vom eigenen Mastering-Engineer vernünftig gemastert werden kann.

Bei der Aufnahme daher unbedingt darauf achten, dass noch keine Kompressoren oder Limiter auf der Summe eingesetzt werden. Der Mastering-Engineer braucht ein möglichst unkomprimiertes File, um ein dynamisches und lautes Master zu erstellen. Damit die Soundqualität beim Mastern nicht leidet, sollte die Aufnahme in 24 oder 32 Bit erfolgen. Diese Aufnahme ist natürlich wesentlich leiser als die gemasterten Tracks, die sonst im DJ-Set gespielt werden. Daher empfiehlt es sich, die unkomprimierte Aufnahme selbst einem neutralen Pre-Mastering zu unterziehen, um die Lautheit des eigenen Tracks den anderen im DJ-Set gespielten Tracks anzugleichen.

Man nehme dafür einen möglichst neutralen Multibandkompressor oder ein spezielles Tool wie den UAD Precision Maximizer ohne übertriebene Einstellungen. Falls ihr nicht gerade Digital Terror Noise Core Tracks produziert: Bitte unbedingt digitales Clipping vermeiden! Im Gegensatz zu angenehm in die Sättigung gefahrenen analogen Bandaufnahmen verursacht digitale Übersteuerung nur Krach und ist auch vom besten Mastering-Engineer nicht mehr zu reparieren.

Online-Mastering-Services wie Landr können ebenfalls hilfreich sein, um den eigenen Track clubtesttauglich zu bekommen. Ein Monats-Abo für unbegrenzt viele Masters im 320 kbps MP3-Format kostet 9 US$ und könnte für manchen fleißigen Producer eine gute Alternative zu eigenen fruchtlosen Versuchen darstellen. Nur bitte nicht mit den kostenlosen 192 kbps MP3s im Club spielen, guter Sound braucht einfach mindestens 320 kbps oder gleich WAV-Qualität.

Das WAV-Mastering-Abo kostet bei Landr übrigens 25 US$. Auch hier sollte man keine Wunderdinge wie perfekte veröffentlichungstaugliche Masters erwarten. Aber wenn ein frisch produzierter Track dann mal den Club niederbrennt und perfekt klingt, hat man wenigstens ein gemastertes WAV da und nicht bloß ein MP3.

Übrigens lohnt es, sich zur Regel zu machen, am Ende einer Studiosession zumindest das vorliegende Resultat vernünftig aufzunehmen und in die eigene Music-Library (z.B. iTunes) einzupflegen, auch wenn es noch kein fertiger Track ist. In solche Skizzen hört man viel einfacher schnell mal rein, als das DAW-Projekt des Songs zu laden. Und zumeist arrangiert man den Track dann intuitiv Dancefloor-orientierter, mit Beats zum Mixen am Anfang und Ende und einem halbwegs nachvollziehbaren Arrangement, auf das man bei der nächsten Studiosession aufbauen kann, wenn sich das Track-Fragment beim Clubtest bewährt hat.

Schließlich muss der frisch produzierte und vorgemasterte Track noch in ein abspielbares Format umgewandelt werden. Traktor-, Serato- und Virtual-DJs übertragen die WAV- oder MP3-Dateien auf den Laptop mit der jeweiligen DJ-Software, CDJ-DJs analysieren den Track mit Rekordbox und synchronisieren ihn dann auf ihren Rekordbox USB-Stick. Was ihr dabei beachten solltet, lest ihr im Bonedo-Crashkurs „Track Vorbereitung mit Rekordbox“.

Vinyl-DJs wenden sich nach wie vor an den Dubplate-Schneider ihres Vertrauens. Bei Dubplates & Mastering in Berlin www.dubplates-mastering.com/prices.html kostet beispielsweise eine beidseitig geschnittene Dubplate-12“ dann aber auch gleich 57,- Euro. Eine!

STEMS: Außen MP4, innen drin viel mehr

Spätestens seit Native Instruments vor ca. einem Jahr das STEMS-Format vorstellte, ist der Begriff „Stems“ im allgemeinen Sprachgebrauch von Musikern und DJs angekommen. Den Begriff gibt es allerdings schon länger, er bezeichnet eigentlich Subgruppenaufnahmen verschiedener Instrumentengruppen. Native Instruments sieht dafür vier Stereotracks vor, die als MP4 verpackt in einem Traktor-Deck abgespielt und dann per dediziertem Controller in ihrer Lautstärke, Filtereinstellung und Effektzuweisung geregelt werden können.

Alle bekannten Techniken wie etwa Loop, Beatjump und Scratching können auf das STEMS-File angewendet, aber die einzelnen vier Spuren eben auch intern gemischt und gemutet werden. Mal eben den Bass stummschalten und durch einen anderen Bass ersetzen? Die Vocals eines Housetracks mit extremen Effekteinstellungen auf einen Technotrack drüber dubben? Alles kein Problem mehr.

Um dem DJ eine gewisse Einheitlichkeit an die Hand zu geben, schlägt NI vor, die Drums stets auf Stem-Track 1 zu legen, den Bass auf 2, Keyboards, Chords etc. auf Track 3 und Vocals, Atmos etc. auf Stem-Track 4. So muss der DJ nicht lange rätseln, auf welchem Track eines erworbenen STEMS-Files sich der Bass befinden könnte. Auch die Beschränkung auf vier Spuren ist sinnvoll, denn so bleibt das Format übersichtlich und der Produzent gibt nicht ungewollt zu viele Einzelspuren seines Tracks preis.

Damit die Mischung aus vier einzelnen Subgruppen dann in der Summe trotzdem wieder so fett klingt wie der gemasterte Stereotrack, hat NI seinem STEMS Creator Tool einen erstaunlich effektiven Kompressor/Limiter spendiert, mit dem beim Packen des STEMS-Files eine Kompression vorgegeben werden kann. Auch hier bitte keine Mastering-Perfektion erwarten. Mehr zur Handhabung des STEMS Creator Tool im Stems-Crashkurs.

Viele Producer und Labels bieten ihre Tracks bereits im professionell gemasterten STEMS-Format an, diese kann man auf Downloadstores wie Beatport kaufen, aber theoretisch auch direkt beim Erzeuger selbst. Aber auch wenn man kein DJ ist, Traktor nicht nutzt und auch nicht vorhat, STEM-Tracks anzubieten, ist es sinnvoll, die Produktion von Stems in den Produktionsablauf zu integrieren.

1. Mastering-Ingenieure mastern gern mit Stems. Die einzelnen Spuren können viel effektiver bearbeitet werden, das kann gerade bei der Platzierung von Bass und Bassdrum im Frequenzkeller die Extraportion Druck bringen.

2. Stems sind sehr gutes Remix-Material. Alle Spuren einzeln braucht eigentlich kein kreativer Remixer. Bass, Vocals, Hooks stehen gut gemischt und losgelöst vom Rest der Musik zur Verfügung. Der Remixer kann gleich loslegen, ohne erst den Original-Mix aus vielen Einzelspuren erneut erstellen zu müssen.

3. Stems eignen sich sehr gut für die Live-Performance. Ruckzuck sind die Stem-Tracks in der Live-DAW der Wahl wie z.B. Ableton integriert und spielbereit. Und es spricht auch überhaupt nichts dagegen, Traktor als „Live-Audio-Sequencer“ zu „missbrauchen“.

Die Möglichkeiten, mit vier STEM-Decks oder Remix-Decks und anderen Tools wie Maschine oder Hardware-Drum-Machines im Mix sind einfach gewaltig und teilweise noch kreativer als das Abfeuern von Clips in Abletons Session View.

Wie übertrage ich die Inspiration aus dem Club zurück ins Studio?

Zuerst mal: mitschneiden! Fans freuen sich immer über stetigen Nachschub auf Mixcloud oder Hearthis und für euch ist es eine gute Möglichkeit zu überprüfen, ob euer Set wirklich so mega war, wie es euch nach vier Bier vorkam. Man hört, genügend selbstkritischen Abstand vorausgesetzt, welche Mixe gut funktionierten und fühlt den Vibe des eigenen Sets. Mitschneiden ist mit Traktor ganz einfach, es ist beinah fahrlässig, diese Möglichkeit nicht zu nutzen.

Vinyl- und USB-Stick-DJs benötigen zum Set-Recording etwas mehr: externe Geräte wie einen Fieldrecorder mit Line-Eingang und ein entsprechendes Audiokabel beispielsweise. Auch Aufnahmen auf das iPhone sind mit iOS-kompatiblen Soundkarten wie iRig Pro Duo oder dem Yamaha AG06 möglich. Leider sind die Record Out-Buchsen bei den meisten üblichen DJ-Mischpulten üblicherweise irgendwo hinten unten versteckt, wenn der Mixer eingebaut ist. Praktisch beim Finden ist dann die Selfie-Funktion des Smartphones. Auch eine kleine Taschenlampe sollte ihr dabei haben, die Frontkamera eines Smartphones hat meinst keinen Flash.

Inspirierende Loops

Aber Eindrücke von der Rave-Qualität eures neuesten Tracks oder eine inspirierende DJ-Set-Aufnahme müssen nicht die einzige Beute sein, die ihr aus dem Club ins Studio mitbringt. Wie wäre es denn, wenn ihr im Club on the fly auch noch gleich ein frisches Loop-Pack erstellt? Die Traktor Remix-Decks sind wunderbare Loop-Generatoren, deren Ergebnisse nicht nur im DJ-Set, sondern auch bei der nächsten Produktion genutzt werden können. Vorausgesetzt, das Beatgrid ist tight und der Snap-Button oben unter dem Main-Volume-Regler ist aktiviert: Dann erzeugt Traktor beatgenaue Loops, die ins Remix-Deck gezogen (oder via Kontrol F1 „gecaptured“) werden können. Dabei legt Traktor die Loops im Computer als WAVs ab (bei Macs unter Music/Traktor/Samples), die den Namen des Source Tracks plus Datum und Uhrzeit tragen. Von dort können sie dann ganz einfach per Drag’n’Drop zum Beispiel in die Ableton Session View gezogen werden und stehen als bereits perfekt geschnittene Clips zur Verfügung.

Achtung: Traktor-Loops enthalten keine Effekt-Settings und Tonhöhenmanipulationen, lediglich die Anspielgeschwindigkeit beim Sampeln wird übernommen. Sollen auch Soundmanipulationen mit einfangen werden, muss der Loop zuerst im Loop Recorder aufgenommen und von dort ins Remix-Deck gecaptured werden. Auch dann wird ein WAV erzeugt, das den Namen „Loop Recorder + Datum + Uhrzeit“ trägt.

Aber Achtung, Urheberrecht: Die Bassline von „Billie Jean“ als Loop im DJ-Set zu droppen, ist beispielsweise eine richtig coole Idee, den Loop dann aber in einer eigenen Produktion zu verwenden eher nicht.

Wie erweitere ich mein DJ-Set mit Producer-Skills?

Decks, FX + 909

Schon Anfang der 90er legte Detroit-Techno-Legende Jeff Mills nicht ohne TR-909 auf. Er synchronisierte und programmierte sie live zu seinem Vinyl-DJ-Set zur völligen Verzückung des Publikums. Denn es ist cool, wenn DJs performen, Risiken eingehen, über die Technik obsiegen und dafür Liebe kriegen. Gerade in Zeiten des Sync-Buttons hat das einen nicht zu unterschätzenden Charme.  

Das hat auch Pioneer erkannt und seinen mittlerweile idiotensicheren CDJs wagemutige Performancetools zur Seite gestellt, wie die Remix Station RMX-500 und den demnächst erscheinenden Loop-Sampler Toraiz SP-16, entwickelt in Zusammenarbeit mit Sequential Circuits Legende Dave Smith.

Der SP-16 kann dabei über „Pro DJ Link“ per LAN-Kabel mit einem CDJ-Setup verbunden werden. Wie schön wäre es, wenn Pioneer auch eine passende Link-Box anbieten würde, die MIDI-Clock, DIN-Sync und Trigger-Signale für Modularsysteme ausgibt. So müssen wir uns aktuell immer noch ganz anachronistisch auf unser Gehör und unser Gefühl verlassen, wenn wir Drum-Machines und Grooveboxen in die DJ-Booth mitnehmen. Fast jeder hat doch einen kleinen elektrischen Freund daheim, der Mehrwert in ein DJ-Set bringen könnte, sei es eine Groovebox, ein Kaoss-Pad oder auch nur ein Effektpedal, das über die Send/Returns des DJ-Mischers angeschlossen werden kann.

Ich selbst hatte auf meiner letzten Japan-Tour meine Roland AIRA TR-8 und TB-3 dabei, die ich per Hand zu den CDJs synchronisierte. Nicht so supertight wie bei einer MIDI-Clock-Verbindung, aber mit hohem Spaßfaktor für mich und das Publikum.

Das Angleichen an den Beat geschieht bei der TR-8 mit einem Fine-Regler in 1/10tel-Schritten der beats per minute. Das ist leider nicht so intuitiv wie die Jogwheels eines CDJ. Im Sync mit Traktor wäre das kein Problem, denn Traktor liefert ja eine MIDI-Clock. Aber das Angleichen der Beats mit einem Drehregler ist längst nicht so intuitiv wie mit Schallplatten oder Jogwheels. Leider hat ein kluges Konzept wie der „Turntable Emulation Mode“ der ansonsten eher langweiligen Roland MC-307-Groovebox nie Nachahmer gefunden.

Internal Affairs

Spielt ihr mit Traktor und Controller, ist die Sachlage natürlich sehr viel einfacher, da lässt sich fast alles per MIDI-Clock mitschleppen. Wie wäre es denn, wenn ihr synchron zum Track, der in Traktor läuft, ein paar Loop-Clips von Ableton abfeuern könntet und den Beat noch mit einer dicken Bassdrum aus Maschine verstärkt? Und das alles auf einem Rechner. Kein Problem. Einfach ein Generic MIDI-Clock-Device im Traktor Controller Manager generieren, in Ableton den Traktor Virtual Output abfangen, Ableton auf die Ext. Clock Input lauschen lassen und im Traktor Clock-Feld auf den Startknopf drücken. Etwas fummelig ist es, beide Programme synchron zu kriegen, da muss man mit den MIDI-Clock Offsets etwas rumspielen. Wie das genau geht, steht hier im Bonedo-Workshop am Beispiel Traktor und Maschine beschrieben. Soll auch Ableton im Sync mitlaufen, kann Maschine als Plug-in in Ableton dabei sein. Mit einem Setup bestehend aus Kontrol S4, Maschine-Controller und einem Novation Launchpad zum Abfeuern von Ableton Loops lässt sich dann schon eine Menge anfangen.

Und was ist mit Audio?

Sowohl mit Ableton Link als auch Traktor Virtual MIDI Clock gibt es aber ein grundsätzliches Problem: Was nützt es, wenn alle Apps perfekt synchron laufen, aber die Audio-Outputs nicht intern zusammengeführt werden können? Schließlich wollen wir Maschine oder Ableton ja auch durch die Traktor-Effekte schicken, filtern und EQen. Leider kann aber Traktor den Output von anderen Apps nicht intern abgreifen.

Es gibt zwar Möglichkeiten wie z.B. Soundflower von Rogue Amoeba, die dem Betriebssystem eine virtuelle Soundkarte vortäuschen, aber richtig stabil ist das nicht. Traktor selbst ist nämlich so stabil, den kann man im Hotel starten und erst, wenn die Audio-Controller-Console wie Kontrol S4 oder Vestax VCI-400 in der DJ-Booth aufgebaut ist, schnell per USB verbinden, womöglich noch rasch die Konsole als Soundkarte zuordnen – und es läuft.

Bei Soundflower & Co. sollte die Soundkarte stets vorher angeschlossen sein und tunlichst nicht mehr entfernt werden: Für DJ-Setups keine akzeptable Lösung. Rogue Amoebas neueste Audio App Loopback geht einen Schritt weiter und verspricht freien Audiofluss zwischen Apps auf dem Mac. Immerhin kann hier Traktor intern in eine DAW wie Ableton eingespeist werden. Andersrum geht das leider nicht, denn leider lässt Traktor für den Ein- und Ausgang nur eine Soundkarte zu.

Ich habe mir im Club immer damit beholfen, die synchronisierte App per Miniklinke vom Kopfhörerausgang abzunehmen und separat in meinen Traktor-Controller mit Standalone-Mixer-Funktion zu führen (Vestax VCI-400). Nicht perfekt, aber es funktioniert. Allerdings benötigt man für diese Lösung ein Massetrennfilter, um eventuelles Massebrummen zu vermeiden.

Eine tighte Audio-Integration von Maschine in Traktor ist auf der Wunschliste vieler Traktor-User ganz weit oben. Denn Traktor taugt mittlerweile zu sehr viel mehr, als lediglich zwei per Sync-Button angeglichene MP3s ineinander zu mischen.

Vier kleine Mini-Abletons

Wenn die Remix-Decks fast schon einer verkleinerten Ansicht der Ableton Session View ähneln, so sind die STEM-Decks quasi die „Arrangeur View“ und gemeinsam mit den Remix-Decks machen sie Traktor zu einem mächtigen Liveperformance-Tool. Der große Vorteil zur Liveperformance mit Ableton Live besteht darin, dass sich STEMS so spontan laden lassen wie Tracks: völlig intuitiv. Während sich der Liveperformer bei Ableton durch mitunter sehr lange Session View Cliplisten durchscrollen muss, falls er mal vom vorgegebenen Pfad abweichen möchte, lädt er in Traktor einfach das entsprechende STEMS-File ins STEM-Deck und los geht’s.

Das ist wesentlich kreativer als das Abarbeiten der Clipliste. Und nirgendwo steht geschrieben, dass STEMS immer aus Drums, Bass, Akkorden und Vocals bzw. Effekten bestehen müssen. Wenn eh eine Drum-Machine im Sync mitlaufen soll (ob nun als Plug-in oder als Hardware), warum dann nicht einfach nur etwas leichte Percussion auf den ersten STEMS-Kanal legen. 303 dabei? Bass-Kanal frei! Dann darf auf dem zweiten STEMS-Track auch gern der fiese Lead-Synth laufen. Ihr wisst schließlich selbst am besten, mit welchen Parts eurer Tracks ihr jammen wollt.

Live performen mit STEMS bietet im Gegensatz zu Ableton zwar einige Limitierungen, aber auch besondere Freiheiten: Loop, Beatjump, Stutter-Effekte durch Loop-Schredderei im Flux-Mode und vor allem die große Leichtigkeit, den nächsten STEM-Track intuitiv wie ein DJ zu wählen und einmixen zu können.

Dazu noch ein paar Loops vom Remix-Deck und vielleicht noch ein kleiner Hardware-Freund, alles im Sync, alles live. Selbst aus den STEM-Decks kann neues Material fürs Remix-Deck gesampelt werden, einzelne Spuren allerdings nur über den Umweg „Loop Recorder“.

Missing Links

Bei all den vielen vorhandenen Möglichkeiten gibt es immer noch einige „missling links“, fehlende Puzzlesteine, damit alles mit allem auch tatsächlich funktioniert. Ableton Link ist ein sensationeller Schritt in die richtige Richtung. Devices, die über dasselbe WLAN-Netzwerk eingeloggt sind, können synchronisiert werden. Auch wenn es einen Takt lang braucht, bis das Link-Orchester losmarschiert: Es funktioniert! Immer mehr iOS-Apps bieten Ableton Link als Synchronisationsmöglichkeit. Und Hardware-Sequencer und Drum-Machines, die über einen Laptop mit Ableton Live synchronisiert sind, können ebenfalls im Gleichtakt mitgrooven, solange Ableton den Takt vorgibt: Link und Slave geht bei Ableton Live nicht. Eine solch einfache Möglichkeit, Computerprogramme, iOS-Apps und Hardware-Geräte zu verbinden, hatte bislang gefehlt.

Wünschenswert wäre natürlich ein Hardware-Teil, das via WLAN Ableton Link sendet und empfängt und MIDI-Clock, DIN-Sync und Trigger-Signale an angeschlossene Geräte weiterreicht. Und Ableton Link in Traktor wäre schlichtweg ein Traum.

Resümee

Bessere Zeiten für exprimentierfreudige DJs und Producer gab es noch nie. Dank Sync-Button haben wir jetzt mehr Zeit für tiefgehende Soundexperimente, synchronisierte Drum-Machines und Loop-Sampling für die nächste Studiosession. Aber Vorsicht, nicht das Wichtigste vergessen: Zuviel kann auch zu viel sein. Beim Auflegen geht es um Kommunikation, mit dem Publikum, mit den Freunden, mit den Maschinen. Je mehr ihr die Zeit beim Auflegen genießt, umso mehr Input und Inspiration nimmt euer Gehirn mit ins Studio. Denn der Brain-to-MIDI-Converter ist noch nicht erfunden …

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