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08.07.2020

Techniken und Tipps für den Cross Genre Mix für DJs

DJ-Workshop: Tipps für das Mixing unterschiedlicher Musikstile für den Dancefloor

So gelingt das Genre Hopping

DJing gleicht der Kochkunst: Damit es vielen Geschmäckern auf dem Dancefloor mundet, serviert der Genre-hoppende DJ ein Potpourri diverser Musik-Stile. Vor allem die Track-Auswahl und deren überlegte Aneinanderreihung, abgerundet von ein paar gekonnten Skills, sorgen für einen harmonischen und dramaturgisch gelungenen Set-Verlauf, was ich euch detailliert erklären möchte:       

Die Sub-Genres

Jeder Musikstil steht für einen gewissen Sound dank spezifischem Instrumentarium, besonderen Notationen, Rhythmen und auch BPM, mit denen sich vor allem Haupt-Genres beispielweise wie Rock, Urban, EDM oder Electronica voneinander abgrenzen. In den letzten 50 Jahren der Pop-Kultur kristallisierten sich allerdings immer mehr neue Sub-Genres heraus, die mehrere Stile gleichzeitig zitieren und damit Grenzen vermischen.

Nu Disco beispielsweise orientiert sich teilweise am Disco-Sound der 1970er, das vorrangig organische Instrumentarium klingt sehr funky, zum Teil sind Vocals oder komplette Phrasen damaliger Funk-Disco-Klassiker gesampelt. Die Beats bedienen sich meistens der House-Musik. Mit Nu Disco holt ihr Soulful- und Filter-Disco-House- wie auch den klassischen 70er Philadelphia-Sound-Anhänger auf die Tanzfläche.

Aber Nu Disco kann auch sehr elektronisch, so wie Italo-Disco und Hi-NRG der 1980er, womit sich auch Original-Tracks dieser damaligen Epoche unauffällig und ohne Fluktuation auf dem Dancefloor anschließen lassen.

Da Künstler wie Bruno Mars, Dua Lipa, Daft Punk, und Mark Ronson Nu Disco und damit vor allem den Funk zur Reinkarnation verhalfen, schließt es den Kreis zwischen Pop-Musik, House, klassischem Funk und R&B. The Weeknd geht sogar noch ein wenig weiter, indem sein „Blinded Lights“ Anleihen aus a-ha’s „Take on me“ zitiert. Diese Kombi auf den Plattenteller gelegt und schon seit ihr voll im 80er-Modus.

Der sehr beliebte Reggaeton ist verbandelt mit Salsa, Soca, zieht aber auch musikalische Parallelen zum Reggae, Dancehall, Moombahton und selbst Tribal House. Wer beispielsweise im Set mit langsamen Reggae einsteigt, über Dancehall und Reggaeton zum treibenden, mitunter aggressiveren Moombahton gelangt, schlägt den Spagat zum Tribal-House. Auf diese Weise fällt nicht auf, dass ihr sukzessive den Musikstil wechselt und langsam die BPM-Zahl samt Energy-Level anzieht.

Da Sub-Genres generell nicht auf dem Dancefloor polarisieren, sondern für eine größere Schnittmenge sprechen, legt beim Wechsel zwischen den Main-Genres immer ein paar Tracks der Sub-Stile auf, um die Crowd nicht von der Tanzfläche zu verjagen. 

Die „ungewöhnlichen“ Tracks

Künstler und Bands springen mitunter über ihren Schatten und damit in ihnen fremde musikalische Gewässer. Diese teils dennoch kommerziell sehr erfolgreichen Tracks erfreuen sich großer Beliebtheit, sowohl bei den Fans dieser Bands als auch denen des Musikstils. Beispielsweise Queens „Another ones bites the dust“ ist eine Disco-Nummer, die Platz im klassischen Studio-54- wieauch im Nu Disco- oder House-Set findet. „Beat it“ von Michael Jackson mit Eddie van Halen an der Gitarre spricht für Rock wie auch Urban. Zu Metal Rap, zu dem Klassiker von Run DMC oder Beastie Boys zählen, liefert den Crossover zwischen Rock und Hip Hop. Nutzt solche Tracks als Transporter zwischen zwei Genres.

„Original“ und „Kopie“

Songs wie Vanilla Ice „Ice Ice Baby“, MC Hammers „U Can’t Touch This” oder Supermodes „Tell me Why“ basieren auf recht bekannten Klassikern, die aber jeweils für eine andere Epoche und einen anderen Musikstil stehen. Beispielsweise stammte das Bass-Riff von „Ice Ice Baby“ von Queens „Under Pressure“, das sich im Chorus des Hip Hop-Pedants unauffällig untermogeln lässt. Gleiches gilt auch für Rick James „Superfreak“ und Bronski Beat „Smalltown Boy“, den Originalen der anderen beiden genannten Adaptionen. 

Tracks mit ähnlichen Sounds

Analysiert jeden Track nach eigenwilligen und damit auffälligen Sounds und Beatstrukturen. Erinnert euch sogar ein Track an einen anderen? Zum Beispiel: Purple Disco Machines „Body Funk“ markante Kuhglocken samt Bass-Sequencer klingen sehr nach Lipps Inc „Funkytown“, die Vocals stammen von Hot Streaks „Body Work“. Gleich zwei Tracks, die jeweils zu einem Abstecher in ein anderes Musik-Genre einladen.

Oder was haben Swedish House Mafia „One“ und Fatboy Slim „Rockafella Skank” gemeinsam? Einen sehr markanten Time-Stretch-Effekt im Break-Down, den man übereinander legen kann. Einziger Haken: Innerhalb eines Tracks von Big Beat auf EDM zu wechseln, gefällt sicherlich nicht jedem auf der Tanzfläche.

Legt ihr Tracks ähnlicher Art und gleichen Sounds, die dennoch einem anderen Genre zuordnet sind, in Folge auf, geht der Stilwechsel im Mix etwas unter.

Break-Downs ohne Beat 

Wie bereits erwähnt, definieren sich einige Genre auch vorrangig über den Beat, zum Beispiel Rock ’n’ Roll, Drum & Bass, Reggae, Dancehall, House etc. Abgesehen von der BPM-Zahl, die beispielsweise beim Drum & Bass und Rock ’n’ Roll fast doppelt so schnell wie beim Reggae oder Dancehall sind und mit House-Music gar keinen Tempo-Nenner findet, beißen sich die Genres auch von der Beat-Struktur, den Patterns.

Denn nicht bei jeder Musikrichtung liegen Kick und Snare stets Four-To-The-Floor auf den Zählzeiten eines Taktes. Bei sogenannten Breakbeats spielen die den Groove angebenden Drums auch jenseits einer Zählzeit, mitunter kommen zusätzliche Doppelschläge der Kicks, Synkopen und Laidbacks der Snare hinzu. Legt man zwei dieser konträren Beats übereinander, holpert es trotz phasengenauer Lage, da Kicks und Snares nicht zählzeitgleich grooven. Aber wie kann man jetzt von einem herkömmlichen Boom-Tschack-Rhythmus auf einen Breakbeat wechseln?

Ganz einfach, indem ihr in Drum-losen Parts eines Tracks, wie Break-Downs oder Outros den anderen Track mit seinem Beat einmischt.

Die BPM-Range

Der Tempoumfang eines Cross-Gerne-DJ-Sets reicht gern von smoothen 50 bis zu heftigen 200 BPM, je nachdem, ob ihr auch einen Abstecher in die 1990er wagt oder generell Hardtekk, Gabba und Hardstyle zu euren musikalischen Vorlieben zählt. Von 50 auf 100 BPM ad hoc das Tempo hoch- oder runterzufahren und umgekehrt, ist dank der Verdoppelung der BPM kein Problem. Man spricht von Double- und Half-Time-Beats, die ihr phasengenau mixen könnt. 

Allerdings ist dieser sprunghafte Tempowechsel dramaturgisch einer kalten Dusche nach dem Saunabad gleichzusetzen. Für ein wesentlich geringeres Wechselbad der Gefühle sorgt das allmähliche Anziehen und Drosseln der Geschwindigkeit um bis zu zwei Prozent je Track. Dank Key Lock bleibt die Tonart trotz Pitching konstant und der Mickey-Mouse- oder Darth-Vader-Effekt durch zu hohe oder tiefe Stimmen bleiben aus. Eine drastische Tempokorrektur nimmt man nur noch spürbar beim Tanzen wahr.

Daher verschiebt den Pitch-Control nicht auf einmal um die besagten zwei Prozent, sondern verteilt sie unauffällig auf fast die gesamte Länge des Tracks. Bei einer kontinuierlichen Tempo-Anpassung in diesem Umfang fahrt ihr die Geschwindigkeit eures Sets zum Beispiel innerhalb von zehn Tracks von ursprünglichen 120 BPM auf 96 BPM runter, womit euch stilistisch völlig neue Türen offen stehen.

Ungeduldige können auch mit sogenannten Transitions, die innerhalb von einem Track zwischen zwei BPM pendeln, das Tempo mit nur einem Track wechseln.

Populäre Beispiele hierfür sind:

  • Method Man & Redman: Da Rockwilder
  • Fatboy Slim: Rockafella Skank
  • Black Eyed Peas: Imma Be

In „Rockafella Skank“ folgt nach dem Time-Stretch-Effekt ein fetter Breakbeat auf halben Tempo, der förmlich auf einen Wechsel zum Hip-Hop einlädt. Dagegen „Imma Be“ wechselt im Track nicht nur das Tempo von 92 BPM auf 122 BPM, sondern selbst das Genre vom Hip-Hop zum Hip-House. „Da Rockwilder“ eröffnet mit 69 BPM, um nach einem kurzen Break auf 100 BPM zu beschleunigen. Aber ihr könnt auch mit eurer DJ-Software, wie Serato DJ Pro, ganz leicht Transitions live performen:

Smart Sync und Tempo Slider im Setup aktivieren, sodass BPM übernommen werden, die Beatgrids einrasten und wenn ihr den Pitch Control an einem Deck verschiebt, sich die BPM des anderen Decks automatisch anpassen.

Setzt zum Beispiel im Master-Deck (A) mit 120 BPM einen kurzen Loop in einem Vocal oder Sound, am besten in einem Break-Down. Darunter legt ihr im gesyncten Slave-Deck (B) mit 90 BPM Originalgeschwindigkeit beispielweise einen 4/4-Beat-Loop.

Drosselt im Master Deck das Tempo langsam von 120 BPM auf 90 BPM und beendet den Übergang, indem ihr anschließend das Master-Deck ausblendet und den Loop im Slave-Deck deaktiviert, sodass Track B das Set fortsetzt.

Wer sich über live performte Transitions keinen Kopf machen möchte, der greift zu vorgefertigten Transition-Edits, die auf diversen DJ-Plattformen zum Download angeboten werden. Transitions sind allerdings meines Erachtens nur der letzte Ausweg, um bei einem notwendigen oder spontanen Genre-Wechsel einen plumpen Break beispielsweise durch den Turntable-Brake-Effekt zu umgehen. Deswegen überlegt euch, wie ihr in eurem Set die anderen Anregungen umsetzt, damit sich durch eure Playlist ein roter Faden zieht und ihr mit den aufgelegten Tracks eine Geschichte erzählt, sie sich auch musikalisch logisch erschließt.       

Veröffentlicht am 08.07.2020

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