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23.11.2018

Dynamisch Klavierspielen lernen

Wie man dynamisch auf dem Klavier spielen lernt

Was ist Dynamik, warum sollte man sie in seine Musik integrieren und wie kann man sie üben?

Hört man Musik, stellt man fest, dass sich die Lautstärken der involvierten Instrumente an bestimmten Stellen innerhalb des laufenden Stücks verändern. So werden Passagen innerhalb des Stücks sehr leise, andere wiederum sehr laut gespielt, wieder andere Teile in einer mittleren Lautstärke, die sich aber jederzeit ändern kann. Gerade im Bereich der Filmmusik werden starke Lautstärkesprünge auch szenisch eingesetzt, um große Spannung zu erzeugen. Variierende Lautstärken innerhalb der Musik sind also wichtig, um Stimmungen zu erzeugen. Dabei spricht man von Dynamik, und um diese geht es in unserem Workshop.

Was bedeutet Dynamik in der Musik?

In der Musik steht Dynamik für die Lautstärke. Aber auch der Ausdruck, die Energie oder Kraft, sind damit gemeint. Bei der Dynamik geht es in der Musik also darum, wie laut, groß oder intensiv sich etwas anfühlt. Außerdem sollte Musik immer verschiedene dynamische Stufen enthalten.

Warum ist Dynamik in der Musik wichtig?

Nicht nur die Musik ist dynamisch, man verwendet diesen Begriff z. B. auch im Zusammenhang mit Menschen. Wie stellst du dir einen dynamischen Menschen vor? Er ist aktiv, bewegt sich und unternimmt viel, er reagiert nicht immer auf die gleiche Art und Weise auf Situationen, und findet auch für neue Probleme Lösungen, weil er beweglich, nicht starr, oder statisch ist. Dynamisch und statisch sind somit Gegensätze. Genau wie Leben und Tod. Wenn etwas lebt, ist es dynamisch. Wenn etwas tot ist, ist es statisch. Und genau deshalb muss Musik dynamisch sein. Denn nur dynamische Musik lebt und nur dann ist sie spannend, flüssig und beweglich. Sie ist dann ein Abbild des Lebens selbst und damit können wir uns alle gut identifizieren. Deshalb gefällt sie uns dann besser.

Akustische Musik ist meistens sehr dynamisch, da sie sonst einfach nicht so gut klingt. Hör dir mal diese zwei Beispiele an. Zuerst hören wir das Stück so, wie man es spielen würde.

Und jetzt das Ganze ohne Dynamik.

Hast du den Unterschied gehört? Die erste Version klingt definitiv besser, einfach lebendiger und interessanter. Wirklich gute Musiker nutzen deshalb die verschiedensten Lautstärken um ihren Vortrag sehr lebendig zu gestalten und alle Gefühle auszudrücken. Hör dir mal diese Solo-Aufnahme von Oscar Peterson an und achte darauf, wie dynamisch seine rechte Hand soliert.

Video: Oscar Peterson – Back In Indiana

Und jetzt höre dir an, wie dynamisch die noch junge Jennifer Hudson in diesem Video a cappella singt und wie sie damit auch den Text des Liedes unterstützt.

Video: Jennifer Hudson – Spotlight Acapella

In der klassischen Musik sind je nach Epoche, Komponist und Stück die verschiedensten dynamischen Angaben in der Literatur notiert. Deshalb wirkt klassische Musik auch immer so tief und interessant. Wenn man die komplette dynamische Bandreite zur Verfügung hat, kann man so gut wie jedes Gefühl musikalisch ausdrücken. Schubert und Alfred Brendel führen das hier meisterhaft vor.

Video: Alfred Brendel – Schubert – Six Moments Musicaux

Vielleicht denkst du jetzt an Techno-Musik und fragst dich, wo sich in diesem Genre die Dynamik versteckt. Wenn du schon einmal auf einer Techno-Party warst, hast du sicher bemerkt, wie beweglich diese Musik ist. Aus voller Fahrt kommt es urplötzlich zu einem Breakdown und die Drums sind verschwunden. Man lauscht dann einem ruhigen Teil, um sich entspannen zu können, bevor wieder ein rhythmisches Element einsetzt. Die Musik nimmt dadurch dann wieder langsam Fahrt auf. Alles wird intensiver, bis schließlich wieder die alte Intensität erreicht ist.

Und auch die aktuellen Charts sind stark von tanzbarer elektronischer Musik geprägt. Wenn du dir also aktuelle Songs anhörst, findest du überall dynamische Bewegungen. Natürlich wird bei einem Justin-Bieber-Song die Stimme in der Strophe nicht allmählich lauter, so etwas gibt es in aktueller Popmusik nicht. Aber der ganze Song ist sehr wohl dynamischen Bewegungen unterworfen. Vom den Breakdowns des Techno inspiriert, gibt es inzwischen beispielsweise einen sogenannten Pre-Chorus, eine Art Vor-Refrain. Darin soll Fahrt aufgenommen und Spannung aufgebaut werden, die sich dann im eigentlichen Refrain entlädt. Somit wirkt der Refrain dann noch größer und lauter.

Außerdem passiert noch viel hinter den Kulissen, von dem man als Laie vielleicht gar nichts mitbekommt. Hast du schon einmal den Begriff ‚Mixing Artist‘ gehört? Dahinter verbergen sich Tontechniker wie Chris Lord Alge, Michael Brauer oder Tchad Blake, die aufgenommene Musik zusammenmischen und damit erst konsumierbar und erfolgreich machen. Sie nutzen dabei viele kleine Tricks, die auch oft auf eine dynamische Entwicklung hinzielen. Am Ende der Strophe werden zum Beispiel bestimmte Frequenzen in den Fokus genommen, damit der Refrain dann größer und lauter wirkt.

Ein anderes Beispiel ist Jacob Collier. Sein Song ‚Hideaway‘ startet in einer Stimmung von 432 Hz, endet aber in 440 Hz. Auch das trägt zur Lebendigkeit und damit zur Dynamik der Musik bei.

Video: Jacob Collier - Hideaway

Du siehst, auch moderne Musik ist dynamisch.

Wie notiert und liest man Dynamik?

Das Lesen von Dynamikangaben ist nicht besonders schwer. Die Hinweise dazu stehen in Klaviernoten fast immer ‚zwischen den Händen‘. Nur wenn Noten diesen Raum einnehmen, oder wenn Angaben nur für eine Hand gelten, rückt man von dieser Regel ab.

Grundlegend gehen die Dynamikangaben in Klaviernoten auf die italienische Sprache zurück und bestehen oft aus nur einem Buchstaben. Deshalb musst du dir deren Bedeutung einfach auswendig merken. Aber keine Sorge, das passiert mit der Zeit von ganz alleine. Und die Steigerungen sind logisch aufgebaut. Je öfter der Buchstabe steht, desto intensiver soll die Angabe umgesetzt werden. So kommt man auf diese acht Dynamikangaben, die alle für ein italienisches Wort und damit für eine bestimmte Lautstärke stehen. 

Beim Klavier sind allerdings nur sechs dieser acht Stufen relevant, denn es gibt am Klavier eigentlich kein ppp oder fff, das gibt das Instrument nicht wirklich her.

Im folgenden Stück sollst du also die ersten beiden Takte leise und ab dem dritten Takt dann laut spielen. 

Es gibt aber auch Zeichen, welche die zu spielende dynamische Entwicklung bildlich symbolisieren. Diese kommen zum Einsatz, wenn man keine sofortige, sondern eine allmähliche Steigerung oder Senkung der Lautstärke wünscht. 

In einem Stück sieht das Ganze dann so aus.

Die Länge des Crescendo-Zeichens entspricht genau der Dauer der gewünschten Steigerung. Steht am Ende des Zeichens eine Lautstärkestufe wie zum Beispiel f, muss deine Steigerung genau dort enden. Ansonsten ist man eher frei.

Du siehst, so schwer ist das eigentlich gar nicht.

Wie genau spielt man laut und leise am Klavier?

Wenn es darum geht, wie man am Klavier laut und leise spielt, gibt es bei Laien und Anfängern oft viele Missverständnisse. Die Tasten sind ja bekanntlich beweglich, da sind sich alle einig. 

Auch alle meine Schüler glaubten anfangs, dass man bei lauten Tönen fester drückt. Für einen Druck ist aber ein fester Gegenstand nötig. Fest ist die Taste allerdings erst, wenn sie am Tastengrund angekommen ist. Dann ist der Ton aber bereits erzeugt, wie fest wir drücken hat also keinerlei Auswirkung auf den Ton. Das Drücken nachdem die Taste bereits am Tastengrund angekommen ist hat allerdings zwei große Nachteile. Erstens wird man durch den Druck in der Hand fest, und zweites kommt man dadurch schnell aus der Taste.

Durch Druck aus der Taste kommen. (Video: Tobias Homburger)

Man drückt die Hand also weg von den Tasten. Warum das nicht gut ist und was du auf diesem Gebiet noch alles wissen solltest, findest du im Artikel 6 Tipps, damit dein Klavierspielbesser klingt. In Wahrheit geben wir den Tasten quasi kleine Ohrfeigen. Und eine Ohrfeige tut umso mehr weh, je weiter wir dafür ausholen. Wir schlagen dann nicht härter, sondern schneller. Je mehr Schwung, desto mehr Geschwindigkeit und dadurch umso mehr Effekt. Und genau dasselbe gilt für die Lautstärke am Klavier. Je schneller du die Finger nach unten schwingst, desto lauter wird der Ton. 

Dynamik sichtbar machen. (Video: Tobias Homburger)

Zuerst habe ich meinen Finger mit mittlerer Geschwindigkeit Richtung Taste geschwungen und der Ton war damit mezzoforte. Dann habe ich ihn ganz langsam bewegt und der Ton wurde sehr leise, oder pianissimo. Zum Schluss habe ich ihn dann sehr schnell bewegt und der Ton wurde forte.

Und sobald du am Tastengrund angekommen bist, musst du aufhören, die Finger nach unten zu schwingen. Denn sonst wird aus dem Schwung tatsächlich Druck, mit dem bekannten Ergebnis. Das ist das Geheimnis von unterschiedlicher Dynamik am Klavier.

Also mache dir noch einmal bewusst: Du drückst die Taste nicht, du schlägst sie. Einer meiner Klavierlehrer sagte immer, dass unsere Finger die Tasten genauso schlagen müssen, wie die Hämmer die Saiten. Das ist ein schönes Bild und hilft dir bestimmt dabei, deine dynamischen Vorstellungen in Zukunft gut umsetzten zu können. 

Wie kann man Dynamik üben?

Im Prinzip musst du für deine Dynamik nur zwei Dinge üben. Im ersten Schritt musst du einen Zusammenhang herstellen zwischen den verschiedenen Dynamikstufen, die es gibt und der Bewegung deiner Finger. So gehen dir laut und leise spielen in Fleisch und Blut über. Am besten gewöhnst du dir an deine Finger mehr Anlauf nehmen zu lassen, wenn du lauter spielen willst. Achte beim nächsten Video auf die Lautstärke und wie weit sich meine Finger beim Ausholen von der Taste entfernen.

Finger und Dynamik im Zusammenhang. (Video: Tobias Homburger)

Gerade crescendo und decrescendo sind anfangs nicht ganz so leicht umzusetzen. Aber stresse dich da nicht, gewisse Dinge brauchen Zeit und kontinuierliche Übung. Ich würde es dir sagen, wenn es einen anderen Weg gäbe. Im Artikel Klavierübungen für Anfänger und Fortgeschrittene findest du zu diesem und anderen Themen noch viele weitere Übungen und Hinweise, damit du dein Klavierspiel weiter verbessern kannst.  

Im zweiten Schritt musst du dich einfach intensiv mit den Dynamik-Symbolen der Musikliteratur befassen, damit du nach einiger Zeit den notierten Buchstaben schnell die entsprechende Lautstärke zuordnen kannst. Wenn du dranbleibst, gehörst du bald zu den Dynamik-Profis. Und dann wird auch deine Musik viel besser klingen!

Schlusswort

Um wirklich dynamisch Klavierspielen zu lernen, solltest du folgende sechs Schritte beherzigen:

  • Spiele ab heute deine Klaviermusik immer dynamisch, statische Musik klingt einfach nicht gut.
  • Übe die motorischen Zusammenhänge mit Lautstärke, damit du nicht mehr darüber nachdenken musst.  
  • Lerne alle dynamischen Zeichen zu lesen und schnell beim Spielen nach Noten umzusetzen.
  • Achte beim Musikhören immer auch auf die dynamischen Entwicklungen. So verstehst du die Bedeutung von Dynamik in der Musik immer besser.
  • Lies die oben beschriebenen Artikel aufmerksam und halte dich an den darin beschriebenen Inhalt und Übungen.
  • Gib dir Zeit und sei fleißig, dann passiert irgendwann alles von ganz alleine.

Wenn du Fragen hast, schreib mir einfach in die Kommentare. Und jetzt auf ans Klavier!

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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