Gitarre Hersteller_HarleyBenton
Test
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24.11.2020

Harley Benton CLD-60SCE NT Custom Line Test

Westerngitarre mit Tonabnehmer

Großer Auftritt zum kleinen Preis

Bei der Harley Benton CLD-60SCE NT Custom Line handelt es sich um eine Westerngitarre im Dreadnought-Format, die mit einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis punktet. Die Thomann-Hausmarke Harley Benton hat sich von ihren Anfängen in den Neunzigerjahren bis heute zu einer eigenständigen Produktlinie entwickelt, die inzwischen von Instrumenten aller Art über Musikelektronik bis hin zum Bühnenlicht alles bietet, was Musiker für ihre Leidenschaft benötigen.
Ziel und Anspruch ist dabei, Qualität zum günstigen Preis zu bieten, und auch unsere Testgitarre sieht sich in dieser Tradition. Immerhin wirbt sie mit einer massiven Fichtendecke, einem Cutaway und einem Tonabnehmersystem – und das Ganze für nur wenig mehr als 100 Euro. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Details

Die Dreadnought – ursprünglich von der Firma Martin in den Zwanzigerjahren geformt und weiterentwickelt – hat auch nach hundert Jahren nichts von ihrem Charme eingebüßt. Viele Hersteller bieten inzwischen Replikate dieser beliebten Bauform an.
Besonders attraktiv ist aber bei unserem Testkandidaten das Preis-Leistungsverhältnis. Deshalb lohnt es sich, den Artikel weiterzulesen, wenn man auf der Suche nach einer guten, aber preisgünstigen Gitarre ist, die obendrein auch noch mit einem internen Tonabnehmersystem bestückt wurde.

Korpus Die CLD-60 kommt im Pappkarton ins Haus. Einen Gigbag sollte man ihr aber noch spendieren, bevor es auf die Reise geht.
Die Gitarre präsentiert ihren Resonanzkörper nicht nur mit der typischen Form, sondern auch mit den standardgerechten Abmessungen einer waschechten Dreadnought. Die Dreadnought gehört zu den Giganten unter den Akustikgitarren. Mit zwei „ausgewachsenen“ Zargen – je nach Messpunkt zwischen 10 cm am Hals und guten 12 cm am Knopf – stellt der Korpus reichlich Luftvolumen zur Verfügung. Wie bei unserer Testkandidatin gehört bei vielen Modellen inzwischen ein Cutaway zum guten Ton.
Einen besonderen Einfluss auf den Sound nehmen natürlich auch die verbauten Hölzer. Der Hersteller hat unserer Kandidatin eine massive Fichtendecke spendiert, was in diesem Preissegment überrascht. Betrachtet man die Seitenprofile der Decke an den Schalllochrändern, dann dürfte dieser Angabe auch nicht widersprochen werden. Die honiggelb glänzende polierte Decke besteht aus zwei gleich großen Teilstücken. Die Nahtstelle in der Mitte kann man gut erkennen, wobei üblicherweise die engeren Jahresringe zur Mitte hin verleimt werden. Leider trüben bei unserem Exemplar mehrere Materialfehler den Anblick.

Ein authentischer schwarzer Teardrop dient als Schlagschutz und eine schlichte Schalllochverzierung, die aus zwei konzentrischen Ringen besteht, umrundet das Schallloch. Ansonsten findet man keine preistreibenden Glanzlichter.

Der konturierte aufgeleimte Saitenhalter wurde aus einem Stück Roseacer (s.u.) hergestellt, das in diesem Fall bei näherer Betrachtung einen ziemlich rustikalen Eindruck macht. Die Saiten werden mit Ball-Ends und Pins arretiert. Allerdings wurde bei diesem Modell auf dem Saitenhalter im Bereich der E-Saite eine Fehlbohrung mit Spachtelmasse kaschiert.
In der Fräsung nimmt eine einteilige Einlage aus ABS Platz. Die längenkompensierte (diagonal eingelegte) Stegeinlage ist mit einer Nase für die B-Saite ausgestattet. Die Maßnahmen greifen, denn man wird mit einem sauberen, oktavreinen Ton in allen Lagen belohnt. Die Stegeinlage ruht überdies wackelfrei in der Ausfräsung. Ein Gurtpin ist am Unterklotz verschraubt, ein zweiter, z.B. am Halsfuß, fehlt. Eine Nachrüstung wäre aber möglich.

Der gewölbte zweiteilige Boden und die beiden Zargen bestehen aus leichtem Mahagoni. Das Farbspektrum der Maserungen reicht von Rötlichbraun bis hinein ins Dunkelbraun. Die Strukturen sind attraktiv gezeichnet. Massives Holz kann man natürlich nicht überall erwarten. Allerdings nehmen Boden und Zargen im Allgemeinen viel weniger Einfluss auf den Gesamtklang, sodass das Ergebnis am Ende doch überrascht. Ein cremefarbenes Binding vereint rundum Boden und Decke mit den beiden Zargen und schützt die Stoßkanten vor Beschädigungen.

Interieur

Das Schallloch mit einem Durchmesser von 10 cm (Normalmaß) gibt mir Gelegenheit, der CLD-60 einmal unter die Haube zu schauen. Dabei bietet sich der gewohnte Anblick, sodass auch im Innenraum die altbewährten Muster reproduziert werden. Unter der Decke wurden zwei längere Streben fixiert, die sich hinter dem Schallloch überkreuzen (X-Bracing). Die beiden kantigen Leisten verleihen der Decke die nötige Stabilität, die mit 3,5 mm relativ dünn ist. Decke, Halsfuß und Zargen werden mit einem massiven Halsblock stabilisiert.
Vier Querbalken halten beiden Bodenhälften zusammen und sämtliche Reifchen, rundum am Boden- und Deckenrand, sind absolut sauber und gleichmäßig eingesetzt. Der Innenraum wurde nicht lackiert, und das geht völlig in Ordnung. Leimreste konnte ich dort nicht entdecken.

Tonabnehmersystem

Kaum zu glauben, aber wahr! Unser Testmodell darf von einem integrierten Pickup mit einer aktiven Elektronik profitieren, obwohl die Gitarre auch so schon recht preisgünstig ist. Der Vorverstärker, ein HB-03, ist leicht zugänglich in der oberen Zarge verbaut und vier Potis (keine Schieberegler) und eine LED prägen das Erscheinungsbild. Das Paneel wurde mit den nötigsten Funktionen ausgestattet: Ein EQ mit drei Bändern (Bass, Mid, Treble) und einem Volume-Controller leistet einen unüberhörbaren Beitrag bei der Feinabstimmung. Darüber hinaus hat der HB-03 einen Tuner und einen Phasenumkehrschalter an Bord. Ein 9V-Block ist im Lieferumfang enthalten, das Batteriefach findet man direkt neben der Klinkenbuchse. Der piezokeramische Untersatteltonabnehmer ist unter der Stegeinlage geparkt und ich darf jetzt schon vorwegnehmen, dass das System zu mehr als nur zur einfachen Verstärkung der Gitarre taugt.

Hals und Griffbrett

Die drei Komponenten Hals, Kopfplatte und Halsfuß bestehen aus Mahagoni und sind miteinander verleimt. Der spitze Halsfuß ist standardgerecht mit dem Halsblock im Innenraum verzapft (Dovetail). Diese Schwalbenschwanzverbindung sorgt für stabile Verhältnisse und kann nachträglich kaum noch gelöst werden. Die Halskrümmung lässt sich im unteren Drittel mit einem eingelegten Dual-Action Halsstab korrigieren, die dazugehörige Stellschraube befindet sich im Schallloch unter dem Griffbrett. Der Hals wurde allerdings werksseitig optimal eingestellt, sodass momentan noch kein Handlungsbedarf besteht.

Verschiedene Hersteller bemühen sich inzwischen sichtlich, Ersatzmaterialien für Palisander oder Ebenholz zu beschaffen. Bei diesem Modell wurde der Werkstoff Roseacer verarbeitet. Roseacer ist eigentlich eine Wortschöpfung für thermisch behandeltes Ahorn (Acer), das nach dem Prozess zumindest optisch in die Nähe von Palisander (Rosewood) rückt. Wärmebehandeltes Holz (auch torrified wood) „arbeitet“ nicht mehr, da nach dem Prozess ein stabiler Wassergehalt von nur 3% erreicht wird.

20 Bünde (vintage sized) haben sich auf dem Griffbrett niedergelassen und treten auch an den Kanten nicht aus. Allerdings findet man bei diesem Testmodell gelegentlich die eine oder andere „Note“ mit leichten Geräuschanteilen. Auf dem eingebundenen Griffbrett und auf der Griffbretteinfassung befinden sich kleine Punkteinlagen aus Kunststoff, die als Bundmarkierer dienen, der Oktavbund wurde mit zwei Punkten optisch hervorgehoben.
Der Hals-Korpusübergang befindet sich wie gewohnt am 14. Bund und die sanfte Wölbung der Griffbrettoberfläche erleichtert das Spiel mit großen Barrégriffen. Die Saiten laufen über einen sorgfältig gefeilten und ausgerichteten Sattel aus ABS.

Kopfplatte

Die geschlossene Kopfplatte ist noch vor dem Sattel angesetzt. An beiden Unterseiten wurden drei geschlossene Gussmechaniken mit griffigen Stimmflügeln verschraubt, die ihre Arbeit reibungslos verrichten. Die große Kopfplatte bietet natürlich auch Raum für das Logo an der Oberseite.

Video

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis
  • voluminöser Natursound
  • solider, kräftiger Ton
  • gute Bespielbarkeit
  • gutes Tonabnehmersystem mit Tuner

  • Materialfehler auf der Decke
  • „Deadnotes“

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