Gitarre 2012_Jahresrueckblick
Test
1
11.07.2017

Harley Benton Electric Guitar Kit LP-Style Test

E-Gitarre im Les Paul Bausatz

Hör mal, wer da hämmert!

Eine "Les Paul" von Harley Benton?! Eine Gibson Les Paul ist für die meisten Gitarristen eine Art Heiliger Gral. Dennoch bleibt ihre Anschaffung aber für viele ein Traum, da eine Orginal-Gibson nun mal ihren Preis hat. In der Regel weichen deshalb gerade Einsteiger gerne auf Kopien des Klassikers aus, die in mehr oder weniger guter Qualität die Musikläden und Online-Shops füllen.

Harley Benton geht hier mit seinem Guitar Kit noch einen Schritt weiter und bietet eine Paula als Bausatz an – und zwar zum Preis eines Tonabnehmers. Ganz im Geiste eines schwedischen Möbelhauses hat man so die Möglichkeit, sich seine Traum-Gitarre selber zusammenzubauen. Dazu benötigt man jedoch nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch ein minimales Grundwissen über den Aufbau von elektrischen Gitarren. Soviel sei aber schon mal verraten: Dank der sehr guten Anleitung hatten wir beim Zusammenbauen keine Probleme und alles funktionierte direkt ohne Probleme. Wir haben für euch den Bau der Gitarre umfangreich dokumentiert, so seid ihr quasi live bei der Geburt der Paula dabei.

DETAILS

Der Lieferumfang und die benötigten Werkzeuge

Im Gegensatz zum„normalen“ Gitarrenkauf wird der Harley Benton Bausatz in einem Karton geliefert, der von seinen Maßen erst einmal nicht auf eine Gitarre schließen lässt, aber alles beinhaltet, woraus unser zukünftiges Saiteninstrument besteht. Zum Lieferumfang gehören jede Menge Kleinteile, wie Schrauben, Pickups, die Mechaniken, Verkabelung, usw. die allesamt in separaten Tüten untergebracht sind. Ich bin ehrlich gesagt leicht ins Schwitzen gekommen, als wir für die Fotos alle Teile gleichzeitig ausgepackt und auf den Tisch gelegt haben – ist doch eine Menge Zeug nötig, um eine Gitarre zu montieren!

Um den Preis so niedrig wie möglich zu halten, sind weder Hals noch Korpus lackiert oder geölt – also Natur pur. Ich würde aber dringend empfehlen, die Hölzer vor dem Zusammenbau in irgendeiner Art zu behandeln, denn unbehandeltes Holz ist sehr empfindlich und nimmt Schmutz und Feuchtigkeit ungehindert auf.

Für den Zusammenbau des Bausatzes benötigt man nur wenige Werkzeuge, die in jedem Haushalt zu finden sein sollten. Dazu gehören ein kleiner und ein großer Kreuzschraubendreher sowie ein mittelgroßer und ein großer Schlitzschraubendreher. Um die flachen Muttern der Potis, der Mechaniken und des Toggleswitch anzudrehen, benötigt man außerdem zwei Maulschlüssel in den Größen 10 und 15. Eine Kombizange bzw. Spitzzange kann auch nicht schaden. Ich empfehle aber die Muttern mit einem Maulschlüssel und nicht mit einer Kombizange anzuziehen, da man mit der Zange schnell abrutscht und auf diese Weise Gefahr läuft, das Holz rund um die Muttern zu demolieren. Um die Gewindehülsen der Bridge und des Tailpiece (Saitenhalterung) in die vorgebohrten Löcher zu bringen, braucht man dann noch einen mittelgroßen Gummihammer – ein normaler Hammer in Verbindung mit einem Kunststoff- oder Holz-Schlagklotz reicht aber auch. In puncto „Löten“ kann ich Entwarnung geben, denn alle elektrischen Komponenten werden hier mittels farbig gekennzeichneter Steckkontakte verbunden. 

Der Zusammenbau

Im Gegensatz zur klassischen Gibson Les Paul ist der Hals der Harley Benton Paula nicht verleimt, sondern wird, wie man es von Fender-Gitarren her kennt, mit vier kräftigen Schrauben und einer Neckplate am Korpus befestigt. Der Hals ist übrigens sehr gut bundiert und abgerichtet, sodass auch nach dem Zusammenbau und Besaiten kein Nachjustieren der Halsstellschraube nötig war. Doch bevor der Hals an den Korpus geschraubt wird, muss erst noch der Body mit den restlichen Bauteilen bestückt werden. Die Bridge und die Saitenbefestigung (Tailpiece) werden nicht direkt in den Body geschraubt, sondern in Gewindehülsen gedreht, die vorher mit einem Gummihammer schonend in die vorgebohrten Löcher gebracht werden müssen. Bitte nehmt hier auf keinen Fall einen Metallhammer ohne Schlagklotz, da so unschöne Kanten in den Hülsen entstehen. Außerdem lassen sich die Hülsen so nicht vollständig in das Holz bringen. 

Kommen wir zur Elektronik. Die Installation der Potis, der Pickups und des Toggleswitch ist etwas „tricky“ und benötigt einiges an Fingerspitzengefühl. Zwar werden alle Kontakte gesteckt, aber die Kabelführung erfordert doch einiges an Geschick. Solltet ihr Probleme haben, den Kabelbaum durch die Ausfräsungen im Body zu ziehen, könnt ihr euch mit einem Draht oder einer Gitarrensaite behelfen, indem ihr damit eine Schlaufe bildet und quasi als Ziehdraht für die Kabel benutzt – ihr seht das auch auf den Fotos. Nachdem die Potis verschraubt sind, wird der angelötete Kabelbaum durch den kleinen Kanal, der sich zwischen dem Elektronikfach und dem Raum unterhalb des Stegpickups befindet, gezogen. Knifflig wird die Sache erst dann, wenn man die Kabel der beiden Tonabnehmer anschließend in umgekehrter Richtung durch denselben Kanal in das Elektronikfach zurückführen möchte – spätestens hier ist ein improvisierter Ziehdraht Gold wert. Einmal im Elektronikfach der Potis angekommen, werden die Kabel hier auf die vorgefertigten Gegenstücke gesteckt. 

Nun kommt der Toggleswitch an die Reihe. Er wird erst nach erfolgreicher Verlegung des Kabelbaums verschraubt. In Höhe des Halstonabnehmers begegnen sich die Steckverbindungen von Toggleswitch und Elektrofach und können hier miteinander verbunden werden. Die Steckkontakte sind farblich gekennzeichnet, sodass man hier kaum etwas falsch machen kann. Sollte man nach dem Zusammenbau merken, dass der Pickupwahlschalter (Toggleswitch) verkehrt herum funktioniert, löst man einfach die Mutter und dreht den Schalter eine halbe Umdrehung - fertig. Damit die Verkabelung auch reibungslos verlaufen kann, hat Harley Benton die Kabelbäume sehr lang gehalten, wodurch sich ein gewisser Kabelwust im Elektronikfach nicht verhindern lässt. Nach dem erfolgreichen „Verkabeln“ kommen noch die Abdeckplatten auf die beiden Elektronikfächer und die Pickups werden verschraubt.

Wir haben zwar eben schon die Bridge und die Saitenhalterung erwähnt, doch im Montageplan kommen die beiden eigentlich erst jetzt dran, und zwar zusammen mit dem Erdungskabel vom Poti-Kabelbaum. Unklar...? Klickt die Fotostrecke durch, dann kommt Licht ins Dunkel:

Jetzt fehlen nur noch das Schlagbrett und das Anschrauben des Halses. Der Hals passt übrigens anstandslos in die ausgefräste Tasche im Body – einzig das etwas überstehende Griffbrett, das am Ende Richtung Hals-Pickup etwas „in der Luft hängt“, mutet etwas merkwürdig an. Über diesen Makel kann man aber auch durchaus wohlwollend hinweg sehen – hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass der Gitarrenbausatz für 89 EUR den Besitzer wechselt...!? Diesen Preis muss man sich mal zu Gemüte führen. Kaum zu glauben, dass man dafür nach ein bisschen Bastelarbeit eine waschechte Gitarre in Händen hält.

Im Vergleich zum Original

Ich weiß, eigentlich klingt das nach einem Vergleich a la „Äpfel mit Birnen“, aber wir stellen unseren 89EUR-Bausatz trotzdem mal kurz dem Original gegenüber. Gibson verwendet für die klassische Les Paul seit den 50er Jahren einen Mahagonikorpus mit aufgeleimter Ahorndecke (Maple). Bei der Les Paul Custom wurde die gewölbte Decke teilweise ebenfalls aus Mahagoni hergestellt. Mahagoni gibt dem Sound Wärme und einen fetten, aber mittenreichen Unterton, während Ahorn dem Ganzen die nötige Brillanz und Sustain verleiht. Der Korpus der Harley Benton besteht aus mehreren zusammengeleimten Stücken massiver Linde, einem preiswerten Klangholz. Lindenholz ist relativ weich und hat einen ähnlich ambivalenten Ruf wie die Pappel, da es sehr häufig bei absoluten Budget-Instrumenten zum Einsatz kommt. Davon einmal abgesehen ist Linde, wegen ihres eher neutralen, leicht mittigen Grundsounds, aber durchaus auch bei teureren Rock-orientierten Gitarren zu finden. In den Datenblättern solcher Instrumente findet man in der Regel die englische Bezeichnung Bass-Wood – hört sich ja auch irgendwie besser an, oder!?

Der Ton der Harley Benton Paula ist angenehm warm, allerdings fehlt es ihm etwas an Sustain. Die Gitarre hat zwar auch eine Decke, sie besteht jedoch ebenfalls aus vier zusammengefügten Stücken Linde. Die Maße des Korpus entsprechen denen einer Gibson Les Paul, wobei meine Customshop Paula im vorderen Bereich einige Millimeter dicker ist, als der Harley Benton Bausatz. Ansonsten tut sich hier von den Korpusmaßen her nicht viel.

Der Hals wird, wie eben schon erwähnt, mit dem Korpus verschraubt, während man die Hälse bei Gibson traditionell verleimt. Als Klangholz hat Harley Benton hier Ahorn gewählt, das Griffbrett besteht aus Palisander. Das ist zwar eine beliebte Holzkombination für Gitarrenhälse, allerdings nicht bei Gibson, wo man traditionell Mahagoni in Kombination mit einem Palisandergriffbrett verwendet. 

Die Elektronik

Die Verdrahtung der elektronischen Bauteile entspricht der klassischen Les Paul-Schaltung. Die beiden Humbucker werden mittels Toggleswitch angewählt, sodass in der mittleren Position beide Pickups gemeinsam am Start sind. Beide Tonabnehmer besitzen jeweils einen Volume- und einen Tone-Regler. Als Kondensatoren kommen hier allerdings nicht die begehrten Bumblebees zum Einsatz, sondern Standard-Modelle. An den Potis wurde kräftig gespart – Harley Benton hat anstelle der recht teuren Alpha- oder CTS-Regler sehr kleine NoName-Modelle verbaut. Die Qualität der Pickups ist nicht unbedingt der Traum meiner schlaflosen Nächte, aber sie funktionieren. Überhaupt ist es erstaunlich, was man für den Preis eines mittelgroßen Einkaufs im Lebensmitteldiscounter so alles geboten bekommt.

 

Die Hardware

Mechaniken sind für die meisten Gitarristen nicht mehr als ein notwendiges Übel. Dabei sind gute Mechaniken für die konstante Stimmung eines Instrumentes von entscheidender Bedeutung. Die verchromten „No Name“-Mechaniken des Harley Benton Bausatzes ähneln den Modellen von Gotoh. Beim Lockern der Saiten hat man aber das Gefühl, dass sie leicht hakeln, bevor sie reagieren - abgesehen davon funktionieren sie aber anstandslos. Die Bridge ist eine Kopie der ABR-1 Modelle, die man bei Gibson verbaut. Sie tut das, was sie soll – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Finish scheint okay zu sein – allerdings fehlen mir für ein endgültiges Urteil natürlich die Langzeit-Erfahrungen. Und noch etwas: Um die Gitarre bundrein zu bekommen, musste ich die drei Böckchen der G-, H- und E-Saite umdrehen. Anschließend war aber alles okay.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Niedriger Preis
  • Gut für stark verzerrte Sounds
  • Halsbundierung

  • Sehr fettes Halsprofil
  • Dünner Clean-Sound

Verwandte Artikel

User Kommentare

Zum Seitenanfang
ZUR STANDARD WEB-ANSICHT X