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03.03.2019

Harmonielehre-Workshop #11 - Die Halbton-Ganzton-Leiter

Tutorial: Halbton-Ganzton-Scales und Improvisation

Im aktuellen Workshop möchte ich euch eine Tonleiter näherbringen, die vor allem Freunde von Fusion, Jazzrock und Jazz besonders gefallen wird, nämlich die Halbton-Ganztonleiter, im folgenden HTGT genannt.

Zugegebenermaßen klingt diese Skala ganz schön abgefahren und findet in Standard-Rock und -Pop-Soli eher selten Verwendung. Aber in allen anderen Stilistiken ist sie sehr wohl beheimatet und bereichert dort die Musik mit interessanten Sounds.

Einführung:

Historisch betrachtet ist diese Tonleiter laut Joseph Schillinger bereits im Persien des 7. Jahrhunderts anzutreffen, wohingegen sie in Europa etwa ab dem 19. Jahrhundert zum Einsatz kam und auch dort eher in Form von Akkordstrukturen und nicht als wirklich eigenständiges Skalengebilde. Dies geschah jedoch spätestens bei Komponisten des 20. Jahrhunderts wie z.B. Bela Bartok oder Olivier Messiaen, in dessen "Modi mit begrenzten Transpositionsmöglichkeiten" sie auf Stufe 2 vorkommt.

Es dauerte nicht lange, bis die Tonleiter auch im Jazz Anwendung fand, und heute gehört sie zum festen Stilmittel und Bestandteil jedes fortgeschrittenen Improvisateurs von Jazz bis Fusion.

1. Definition

Bei der Halbton-Ganztonleiter handelt es sich um eine sogenannte "symmetrische Tonleiter", da sie ganz gleichmäßig aus abwechselnd einem Halbton und einem Ganztonschritt besteht. Dadurch erhält sie acht Töne, bevor sie wieder beim Grundton landet, warum man sie auch manchmal in der Klassik "alternierende Achtstufigkeit" oder "Oktatonik" nennt (im Gegensatz zur Pentatonik mit fünf Tönen, Hexatonik mit sechs oder der Heptatonik, wie der Durscale, harmonisch oder Melodisch Moll mit sieben Tönen). Ein anderer weit verbreiteter Name ist auch "symmetrical diminished", "dominant diminished" oder einfach nur "diminished" Scale, da die Tonleiter auch über verminderte Akkorde gespielt werden kann, doch dazu später mehr.

Aufgrund des symmetrischen Aufbaus ergeben sich aus der Tonleiter auch nur zwei Modi, nämlich auf der ersten Stufe die Halbton-Ganzton-Skala und auf der zweiten umgekehrt die Ganzton-Halbton-Skala, bevor sich der erste Modus auf der 3. Stufe wiederholt. Das hat zur Konsequenz, dass sich die Tonleiter und jede Struktur darinnen in kleinen Terzen verschieben lässt, und somit inhaltlich auch nur drei verschiedene HTGT-Leitern existieren, nämlich C, C# und D.
Kleiner Funfact am Rande: Prinzipiell besteht die HTGT-Scale aus zwei chromatisch benachbarten verminderten Vierklängen.

Hier sind zwei Fingersätze der Skala:

2. Verwendung

Um den Einsatzbereich der Halbton-Ganztonleiter herauszufinden ist es sinnvoll, Akkorde aus dem zur Verfügung stehenden Tonmaterial zu gewinnen.

Da sich zur Akkordgewinnung in einer symmetrischen Tonleiter die klassische Terzschichtung nur bedingt anbietet, bilden wir einen bekannten Vierklang und ergänzen die verbleibenden Töne. Das Ergebnis ist ein Dominantseptakkord für den ersten Modus und ein verminderter Akkord für Modus 2.

Im ersten Modus erhalten wir einen A7/b9/#9/#11/13:

Der zweite Modus beschert uns einen Bb07/maj7/9/11/b13

Der Einsatzbereich des Dominantseptakkordes ist primär die Funktion einer Dominante, die sich quintfällig in eine Durtonika auflöst, was in vielen Standards und Arrangements auch so stattfindet. Die Verwendung als Dominante vor einem Mollakkord bietet sich aufgrund der großen 13 nicht an, da diese einen Querstand in der Stimmführung verursacht, ist aber theoretisch denkbar und kann in der Improvisation mit Bedacht eingesetzt werden.
Da die Oktatonik eine sehr spannungsreiche Tonleiter ist, die eurem Ohr etwas Gewöhnung abverlangt, würde ich euch raten, die Tonleiter stets mit der Auflösung in eine Tonika zu üben, da sie hier ihre Wirkung natürlich am Besten entfalten kann.

Um den Einsatz der Skala über verminderte Akkorde zu verstehen, lege ich euch meinen Workshop über verminderte Akkorde ans Herz, in dem das Thema sehr intensiv behandelt wird.

Workshop:

Was spielt man über verminderte Akkorde?

3. Akkordstrukturen aus HTGT

Wie ihr oben seht, liefert uns die Tonleiter zwei grundlegende Akkordtypen, nämlich einen alterierten Dominantseptakkord mit reiner Quinte und großer Sexte, sowie einen verminderten Akkord mit großer None.

Das Besondere, was HTGT von anderen Skalen abhebt, ist, dass z.B. beim Dominantseptakkord, die Nonen alteriert sind, die Quinte und Sexte jedoch nicht. D.h. ich kann jeden 7/#9, 7/b9 oder 7/#11 Akkord für Halbton Ganzton verwenden, aber auch den unalterierten 7/13.
Die Kombination aus großer 13 und alterierter None ist jedoch einmalig für diese Skala und drückt den Sound besonders gut aus.
Da jede Struktur in kleinen Terzen verschiebbar ist, können wir auch in diesem Fall vier Dominantseptakkorde und vier verminderte Akkorde extrahieren.

Ebenso erhält auch der verminderte Akkord aus GTHT leitertypische Besonderheiten. Andere verminderte Skalen kämen aus Harmonisch Moll (HM7) oder Harmonisch Dur (HD7), doch nur aus GTHT gewinnen wir den Vierklang mit einer großen None und maj7.

Einige typische HTGT-Akkordgebilde lassen sich sehr gut mit Grundton im Bass auf der Gitarre umsetzen, wie z.B. folgende:

Dominantsept:

Vermindert:

Interessant sind auch Voicings, die als Upperstructures ohne Grundton eingesetzt werden können und auch hier gilt, dass jeder Griff in Kleinterzen verschiebbar ist.

Einige dieser Akkorde kennt man bereits aus der Bartokforschung, in denen sie als α- (Alpha), β- (Beta), γ- (Gamma), δ- (Delta) oder ε- (Epsilon) Typen betitelt wurden.

Unter einem α-Akkord versteht man im Prinzip die aufeinandergeschichtete HTGT Skala als zwei chromatisch benachbarte verminderte Akkorde, und alle anderen Typen entsprechen Strukturen, die daraus gewonnen werden können:

Besonderes Interesse haben für uns die β- und γ-Akkorde:

β-Akkorde:

Ein β-Akkord entspricht den ersten fünf Tönen des obigen Gebildes und kann für unsere Zwecke vereinfacht als ein mMaj7/b5-Voicing bezeichnet werden (alternativ kann das Gebilde auch als Dur Akkord mit b9 gesehen werden), das, bezogen auf den Grundton eines Dominantseptakkordes, auf der Septime, b9, Terz und Quinte eingesetzt wird.

Unsere Voicings sähen dann so aus und die Formel lautet:

 

  • Dom7/b9/13: β-Voicings auf 7,b9,3 und 5 spielen
  • Für verminderte Akkorde: β-Voicings auf 1,b3, b5 und 13 spielen

 

 

γ-Akkorde: 

Ein weiteres Voicing gewinnt man aus der γ-Struktur, die auch wieder für uns vereinfacht als mMaj7#5 Voicing gesehen werden kann (auch diesen Akkord kann man alternativ als Durdreiklang mit #9 betrachten):

Auch hier lautet die Formel:

  • Dom7/b9/13: γ-Voicings auf 7,b9,3 und 5 spielen
  • Für verminderte Akkorde: γ-Voicings auf 1,b3, b5 und 13 spielen

4. Skalenzerlegungen

Betrachten wir nun mögliche Skalenzerlegungen oder Sequenzen.

Hier empfehle ich euch, nochmal alle Bausteine in den vier Bewegungsrichtungen zu üben, wie ich sie in meinem Pentatonikworkshop vorgestellt habe.

Würde man Terzen, Dreiklänge oder Vierklänge durch die Tonleiter schieben, so klänge das ziemlich eintönig: Jede Terz wäre klein und jeder Drei- oder Vierklang wäre vermindert. Allerdings kann man noch eine Stufe weitergehen und statt einem Ton (Terz) im Baustein eben zwei zu überspringen, was uns zu abwechselnd einer Quarte und einer großen Terz führt.

Kleiner Nerd-Exkurs:

Beim Spielen von Skalensequenzen ist es hilfreich, auf den Musiktheoretiker Joseph Schillinger und sein Werk "The Schillinger System of Musical Composition" (Buch 2, Kap. 5) zu verweisen, der zum Thema Skalenzerlegung den Begriff der Expansionsraten (e) eingeführt hat.

E(0) wäre das Spielen der Skala von Ton zu Ton, e(1), das Überspringen jeweils einer Note (bei der Durtonleiter wäre z.B. das Spielen in Terzen) und e(2) das Überspringen von zwei Tönen, bei einer Durtonleiter also eine reine oder übermäßige Quarte. Bei HTGT bietet es sich jedoch nicht an, von Quarten zu sprechen, wenn jedes zweite Intervall eine Terz ist, insofern würde man hier von einer Zerlegung in e(2) reden.
Die Terminologie der Expansionsrate ist bei andren symmetrischen Tonleitern oder aber auch bei der Pentatonik durchaus sinnvoll und klarer.

Natürlich rate ich nicht davon ab, die Skala in Terzen oder verminderten Drei- und Vierklängen zu üben. Noch interessanter klingt jedoch die zweistimmige Zerlegung in e(2):

Pattern 1

Pattern 2

Packen wir nun noch eine Schicht obendrauf, erhalten wir Durdreiklänge in Quartsext-Stellung und Molldreiklange in Sext-Stellung abwechselnd:

Pattern 1

Pattern 2

Eine andere Zerlegungsoption wäre das Umspielen des verminderten Dreiklangs mit den Tönen der HTGT Scale:

Pattern 1

Pattern 2

Letztendlich kann ich jede Struktur, die aus der Tonleiter gewonnen werden kann, in kleinen Terzen verschieben. Diese Strukturen wären z.B.

Zweitönig Terzen (groß und klein), Quarten, Tritoni, Sexten (groß und klein), Septimen (groß und klein)
Dreitönig Dur, Moll und verminderte Dreiklänge
Viertönig Verminderte Vierklänge, β- und γ-Akkorde

Als Beispiel findet ihr hier eine Zerlegung in Quarten:

Und eine Zerlegung in β-Akkorden:

Für Gitarristen bietet es sich auch an, symmetrische Shapes über das gesamte Griffbrett zu entwickeln, da diese sich nach einem Saitenpaar wiederholen lassen:

5. Licks

Kommen wir nun zu ein paar handfesten Licks aus der HTGT-Scale.

Da ich in meinem Workshop über verminderte Akkorde bereits einige Licks für diesen Akkordtyp bereitgestellt habe, widme ich mich nun den Dominantseptakkorden, die ich in eine Tonika auflöse.
Die gute Nachricht ist, dass diese Licks natürlich auch über dim07 Akkorde funktionieren, lediglich die Auflösung muss unter Umständen etwas angepasst werden.

Lick 1 ist von einem John Coltrane Lick inspiriert und funktioniert über einen Eb7, der sich nach Ab auflöst:

Lick 2 entspringt einer typischen BeBop-Phrasierung und passt über eine V-I in D.

Bei Lick 3 haben wir kleine Sexten im d, ebenfalls über A7-Dmaj7.

Lick 4 ist ein Sequenz-Pattern im Stil von Kenny Kirkland, das sich z.B. nach F-Dur auflöst.

Bei Lick 5 handelt es sich um Dur-Dreiklänge mit #9 (also im Prinzip γ-Akkorde), die in Kleinterzen sequenziert werden und sich dann nach D auflösen

Und zu guter Letzt gibt es Lick 6 mit einer leichten Variation zum Vorgänger, nämlich Dur Sext-Akkorde, ebenfalls in kleinen Terzen.

6. Die mb4 Pentatonik

Von den in der oberen Tabelle erwähnten Strukturen abgesehen, können wir sogar eine alterierte Pentatonik aus der Oktatonik extrahieren, und zwar die mb4 Pentatonik. Hierbei handelt es sich um eine Fünftonleiter, die unserer Mollpentatonik sehr ähnlich sieht, allerdings einen verminderte Quarte besitzt - oder, je nach Sichtweise, eine große und eine kleine Terz.

Falls dem einen oder anderen von euch noch etwas mulmig mit der ganzen HTGT-Leiter ist und euch der Sound noch etwas ungewohnt erscheint, bietet sich die mb4 Penta hervorragend als Einstieg an.
Übt diese Skala am Sinnvollsten mit den von mir im Pentatonik-Workshop vorgestellten Übungen.

Workshop

Diese Skala muss man, wie auch unsere β- und γ-Akkorde, auf bestimmten Akkordstufen spielen. Die Formel für diese Tonleiter lautet:

  • Dom7/b9/13: mb4 Penta auf 1, b3, b5 und 13
  • Für verminderte Akkorde: mb4 Penta auf 7, b9, 3 und 5 spielen

7. Backing Tracks

Zum Abschluss gebe ich euch noch vier Backingtracks an die Hand, die nur aus V-I Verbindungen bestehen, nämlich ein Dominantseptakkord mit 13, der sich in eine Durtonika auflöst. Jeder Akkord ist zwei Takte lang!

a) G - HTGT

||: G7 | G7 | Cmaj7 | Cmaj7 :||



b) C - HTGT

||: C7 | C7 | Fmaj7 | Fmaj7 :||



c) F - HTGT

||: F7 | F7 | Bbmaj7 | Bbmaj7 :||



d) A - HTGT

||: A7 | A7 | Dmaj7 | Dmaj7 :||



Und nun viel Spaß mit der Symmetrical Diminished Scale!

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Veröffentlicht am 03.03.2019

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