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10.07.2013

Gespräch mit Line-6-Chefentwickler Marcus Ryle

Der „Ermöglicher“

„Keep it simple!“: Die Philosophie in über dreißig Jahren Produktentwicklung – und in Zukunft!

„Marcus Ryle“ ist euch kein Begriff? Line 6, Oberheim, Dynacord und Alesis werden euch aber sicher etwas sagen, oder? Gut, denn mein Interviewpartner Marcus Ryle ist nicht gerade unverantwortlich für den Erfolg dieser Firmen. Was genau dieser umtriebige Erfinder alles für die Musiker und Techniker dieser Welt getan hat, lässt man ihn am besten selbst erklären – denn als eine der Ikonen der Entwickler-Zunft hat Mr. Ryle ganz bestimmt viel zu erzählen.

Marcus auf einer der Fachmessen abzugreifen, ist für ein ruhiges und ausführliches Gespräch nicht gerade die passende Situation. Umso besser, wenn der Entwickler sich in Deutschland aufhält und genügend Zeit mit im Gepäck hat. An einem sonnigen Morgen hatte ich die Möglichkeit, einen äußerst gut gelaunten Marcus Ryle im Musikhaus Thomann in Treppendorf zu treffen. Marcus ist ein Mann, der viel jünger wirkt, als er eigentlich ist, stets mit einem bübischen Grinsen im Gesicht redet und so gar nicht den Klischees eines erfolgreichen Amerikaners entsprechen will – und schon gar nicht dem eines verspulten und weltfremden Tüftlers! Mir gegenüber sitzt also ein interessanter, zufrieden wirkender Herr, der trotz seiner Verdienste und Erfolge absolut geerdet zu sein scheint.

Unser Treffen beginnt in der Mittagszeit, sodass wir in einem Besprechungsraum bei Thomann zunächst Salate essend durch bonedo.de surfen. Natürlich machen wir dort auch bei einigen Testberichten von Line-6-Produkten Halt - und schon sind wir mitten im Thema. Wir führen ein interessantes Gespräch über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Musikmachens. Anders als geplant wird mein Fragenkatalog schnell hinfällig, denn Ryle müsste eigentlich überhaupt nicht interviewt werden: Er redet größtenteils von sich aus und hat einen guten Riecher dafür, was den Musiker und Techniker von heute interessieren wird – und das auf mehreren Ebenen, wie ihr noch erfahren werdet.

An wegweisenden Drum Machines, Sequencern und Synthesizern mitgewirkt

Doch zunächst einmal zu seiner Person: Marcus Ryle hat im zarten Alter von 19 Jahren bei der legendären Musikelektronik-Manufaktur Oberheim angefangen und den Drumcomputer Oberheim DMX mitentwickelt, ohne den es einige Musikstücke so nicht gegeben hätte – unter anderem zählen Run D.M.C., New Order, Eurythmics, Mike Oldfield, aber auch Madonna, Roni Size, ZZ Top und (man achte auf das Kürzel im A.k.a.:) Davy DMX zu den begeisterten Usern. Noch vor der Entwicklung von MIDI (an deren Vorgesprächen er auch beteiligt war) entwickelte er mit Oberheim den Multitrack-Sequencer DSX. Und – das erwähnt er wie beiläufig – den Oberheim Matrix 12. Mein anerkennender Blick scheint Marcus Ryle nicht wirklich zu überraschen. Außerdem wären da ja noch mehr bahnbrechende Gerätschaften, die er sich auf die Fahnen schreiben kann.

Fast Forward statt Rewind

Mit einem weiteren Oberheim-Engineer gründet Ryle 1985 eine Firma namens „Fast Forward Designs“, die sich ausschließlich als Ideengeber verdingte. „Als Hersteller hättest du ja noch den gesamten Herstellungsprozess und Sachen wie Marketing an der Backe. Ist ja immer die Frage, ob man das auch will – hält einen schließlich von der reinen Entwicklungsarbeit ab.“, versuche ich vorzugreifen. Marcus' breites Grinsen und sein etwas verlegen wirkendes Nicken pflichten mir bei. Die Früchte dieser reinen Entwicklungsarbeit sind nicht unbekannt. Neben einigen Geräten für die deutsche Firma Dynacord war es vor allem das Unternehmen Alesis, das von Ryles im Wesentlichen selbst angeeigneten Können profitiert hat.

Recording-Welt revolutioniert

Meine Frage nach dem Alesis Quardaverb 2 scheint ihn zu freuen, denn die Modularität und Flexibilität dieses Effektgeräts ist auch heute noch erstaunlich – über 20 Jahre nach seinem Erscheinen! Es sind insgesamt über 40 Alesis-Produkte, die der Denk- und Tüftelarbeit des Amerikaners entstammen. Darunter findet man das System, welches wie kein anderes das semiprofessionelle Recording revolutioniert hat: ADAT. Wer es nicht kennt: ADAT („Alesis Digital Audio Tape“) ist ein 1992 vorgestellter Digitalrecorder, der acht Spuren digitalen Audios auf S-VHS-Kassetten aufnimmt. Zudem waren die Systeme kaskadierbar, sodass man für einen Bruchteil des Preises einer 48-Spur-DASH-Maschine auch größere Produktionen bei sehr guter Aufnahmequalität fahren konnte. Quasi „nebenbei“ ist die auch heute noch aktuelle ADAT-Schnittstelle als eine der wichtigsten Digital-Audio-Schnittstelle entwickelt worden. Da wären also schon zwei Gründe mehr, dem Herrn dankbar zu sein. Er selbst scheint auch sehr zufrieden: „Der ADAT war tatsächlich für viele die Verwirklichung eines Traums, vor allem aber meines eigenen! Wenn ich bedenke, dass ich davor meist auf Vierspur-Kassettenrecorder oder dergleichen aufgenommen habe…“

Gitarrensound, Recording und Live-Performance auf Linie gebracht

Im Jahre 1996 wurde Line 6 gegründet. Das kalifornische Unternehmen hat sich dadurch einen Namen gemacht, dass es Modeling-Amps, verschiedene Pods, später dann auch Effektgeräte und Gitarren in den Ring warf und somit zur heutigen Flexibilität beigetragen hat. Ryle besetzt als Mitbegründer von Line 6 dort die Position des „Chief Strategicy Officers“.

„Simpel“ wichtiger als „Fachsimpeln“!

Eine Aussage Marcus Ryles, die ich mir auch ohne Notiz Wort für Wort gemerkt hätte, lautete: „Ein wichtiges Thema, das ich in meiner Arbeit damals wie heute wiederfinde, ist, dass ich immer zum Ziel hatte, mit Hilfe von Technik Musikern etwas zu ermöglichen.“ Damit sind wir schnell beim eigentlichen Kern des Gesprächs. Über dem Philosophieren vergisst Marcus gänzlich den Salat auf dem Teller vor ihm und lässt sich auch durch den mit einer Frage in das Interviewzimmer eintretenden Line-6-CEO Paul Foeckler nicht von seinen Ausführungen abbringen: „Wir von Line 6 reden viel mit Musikern, die meisten von uns sind selbst Musiker, daher fragen wir uns: 'Was ist dem Gros der Musiker eigentlich im Weg, was sind die Probleme, die sie vom Musikmachen abhalten?'“ Ich muss in mich hineingrinsen, weil ich erfahren habe, dass es in Marcus' Fall in erster Linie seine Mutter war, die ihn nach einem Jahr Schlagzeugspielen davon abhielt weiter zu machen – um ihm stattdessen die für sie vielleicht angenehmer klingenden Tasteninstrumente ans Herz zu legen.

Zuerst sind die Bedürfnisse da, dann das Produkt

Auf meine Anschlussfrage scheint Marcus gewartet zu haben. Es ist natürlich auch eine Steilvorlage, dass ich erfahren möchte, ob die genannten Grundsätze auch bei der Entwicklung der Live-Sound-Produktrange gegolten haben. Marcus: „Es gibt wirklich nicht viele Bands, die sich die beste Anlage und das beste Personal leisten können.“ Er erklärt die wesentlichen Vorgehensweisen bei der Entwicklung von StageSource und StageScape: „Wir haben uns gefragt: 'Was sind die häufigsten Probleme?' Nun, Akustikgitarren klingen über PA immer merkwürdig, also haben wir Acoustic Modeling eingebaut. 'Rückkopplungen treten auf' – daher Feedback-Suppression. 'Erweiterbarkeit ist wichtig!' – also ein StageSource-Speaker für kleine Gigs oder Proben, bei Bedarf aber zwei, vier acht…“ Ich will das Zahlenspiel abkürzen und frage, wo eigentlich die maximale Ausbaustufe erreicht sei. Bei 16 Lautsprechern, bei 128? Marcus schüttelt den Kopf und erklärt, dass das Display im Bedienpanel ja nur eine Stelle habe und deswegen im Grunde der Flaschenhals sei. Technisch sei weit mehr möglich, aber man könne mit dem L6 LINK Digital Network je neun Speaker von jedem Typus anschließen. Und wenn man ehrlich ist, reicht das für die Anwendungen, für die das System gedacht ist, auch dicke aus.

Der Bassdrum fehlt 3 dB Gain bei 2,4 kHz und Q-Faktor 2,5?

Es wäre sicher interessant zu wissen, wieso sich Line 6 so sehr dem Live-Bereich zugewandt hat – zusätzlich zum StageSource/StageScape-System sind seit geraumer Zeit ja auch Wireless-Systeme für Vocals und Gitarre im Programm der Amerikaner zu finden. Marcus erzählt von den Herausforderungen, die er gesehen hat: „Heute bekommt man ja keine wirklich dicken Plattenverträge mehr, viel Umsatz muss mit Auftritten gemacht werden. Aber viele Musiker haben Mühen, ihren Sound live hinzubekommen und alles unter Kontrolle zu halten – selbst dann, wenn sie technisch begabt sind. Außerdem: Musikmachen und technische Aufgaben sind sehr unterschiedliche Dinge. Die eine Tätigkeit aktiviert die rechte, 'kreative' Hirnhälfte, die andere die linke, 'rationale'. Nick, wie redest du als Musiker denn mit einem Sound-Engineer? Du bist zwar selbst einer, aber du würdest doch auch einfach sagen 'Die Bassdrum ist zu boomy', oder?“ Da kann ich Marcus natürlich nur beipflichten, es ist immer viel Übersetzungsarbeit notwendig. Marcus: „Niemand würde sagen 'Ich hätte gern bei 2,4 kHz 3 dB mehr Gain, damit der Beater-Sound besser durchkommt.' – selbst wenn er weiß, was das alles ist. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, genau diese einfache, klare Sprache anwenden zu können. Das ist ja auch ein Demokratisierungsprozess! Dadurch kann sich jeder auf das Wichtigste konzentrieren: das eigentliche Musikmachen!“

Welche Grenze überschreiten wir als Nächstes?

Ich möchte wissen, ob die Line-6-Produkte wie StageScape und StageSource nicht vielleicht etwas ihrer Zeit voraus sind. Immerhin wird gerade ein Mischpult, auf dem man das Abbild einer Snare anklickt und sie mit einer Fingergeste „punchier“ macht, von vielen auch belächelt und als Spielzeug abgetan. „Ich denke schon, dass einige unserer Produkte ein wenig 'ahead of their time' sind, denn so sind wir verdrahtet: Wir suchen eigentlich immer nach neuen Grenzen, die wir überschreiten können. Und wir wollen nicht einfach die Produkte herstellen, die andere auch schon produzieren.“

„Sicher,“ beginne ich, „die Technik zum Musizieren und zu ihrem Verbreiten ist im Laufe der Zeit einfacher beherrschbar und auch preiswerter geworden. Wenn ich aber überlege, dass es im Publikum heute niemanden mehr interessiert (oder überhaupt auffällt), ob man mit seinem Telefon auf der Bühne Musik macht, dann drängt sich ja geradezu die Frage auf, wo diese Entwicklung hingehen wird. Wie wird Musizieren in zehn, fünfzehn Jahren deiner Ansicht nach funktionieren?“

„Nun ja“, antwortet Marcus und stochert nachdenklich in seinem Salat herum, „die technische Entwicklung ist tatsächlich rasant. Unser Mobile Pod für iPhone hat ja beispielsweise genau das gleiche Processing wie der Pod 2.0 – aber eben in einem Telefon! Also ich glaube, dass es weitergehen wird, dass Musikmachen einfacher werden wird. Zu Beginn war Musiktechnologie wirklich etwas für Techniker. Und in gleicher Art, wie Apple es geschafft haben, ihre Technologie zu vereinfachen und für alle verfügbar zu machen, wird es auch mit der Musiktechnologie sein. Aber ich hoffe gleichzeitig, dass eine Sache nie verschwinden wird, die Musikmachen so besonders macht: Die eigentliche physikalische Grundlage, die Tätigkeit, wie zum Beispiel das Gitarrespielen.“

Ich werfe ein: „Der einfachste Weg, zukünftig Musik zu machen, wäre aber doch, schlicht und einfach an eine Musik zu denken, um sie zu erstellen. Sind wir an diesem Punkt nicht vielleicht in 20, 25 Jahren – oder sogar schon früher?“ „Naja, für Songwriting oder als Entertainment kann das interessant sein. Wir werden aber sehr sicher auch in ferner Zukunft begeistert sein, wie toll Menschen ihr Instrumente handwerklich bedienen können. Ich glaube eher, dass wir uns weiter von den Limitierungen des Musikmachens lösen werden.“

Was wir aus diesem Bereich denn von Line 6 erwarten können, würde ich gerne aus Marcus herausbekommen. Immerhin hält der Herr fast 17 Patente und hat uns schon eine Menge bahnbrechender Entwicklungen beschert. Vielleicht gibt es ja bald eine erneute Revolution oder auch einfach eine Nummer größer bei den PAs? Die Antwort ist professionell: „Wir von Line 6 sprechen nicht über Produkte, die noch nicht angekündigt sind, wir fühlen uns mit unserer Produktrange aber natürlich besonders den live spielenden Musikern verpflichtet. Also bitte geduldig sein und warten, was als Nächstes kommt.“

Werden die Vorbilder für die Modeling-Technologien obsolet?

Modeling-Technologien beispielsweise sind ja nun keine Neuheiten mehr, werden aber immer besser. Was Marcus Ryle da generell für die Zukunft sieht? Werden die Vorbilder für vieles, was virtuell dargestellt wird, immer weiter verdrängt, bis sie nur noch Museumscharakter haben? „Naja, als Keyboarder kann ich nicht anders als breit grinsen, wenn ich auf einer alten Hammond-Orgel mit einem Leslie spiele. Und wenn dich ein altes, teures Vintage-Mikrofon inspiriert, macht es genau den richtigen Job. Plug-Ins und dergleichen klingen heute schon hervorragend, wenn man aber eine emotionale Erfahrung sucht, sind Vintage- und Boutique-Produkte genau das Richtige. Und das ist absolut in Ordnung so. Wir Musiker bauen ja geradewegs Beziehungen zu unseren Instrumenten und der Technik auf. Wir von Line 6 hoffen natürlich, dass das Equipment, das wir herstellen, die Musiker inspiriert, aber im Grunde ist es immer gut, wenn Equipment das kann – egal, welches genau das jetzt ist.“ Im weiteren Verlauf der Unterhaltung eröffnet mir Marcus, dass er es selbst kaum fassen kann, was er in den Achtzigern und frühen Neunzigern alles an alten Instrumenten und Tontechnik verkauft und verschenkt hat. Auflisten werde ich das hier nicht, weil es einem die Tränen in die Augen treiben könnte.

Kein Zwischending zwischen „einfach“ und „kompliziert“?

Bei allem Verständnis für die zunehmende Einfachheit vermisse ich manchmal schlüssige Übergänge zwischen „Easy-Modes“ verschiedener Geräte und dem richtig tiefen Eintauchen in die Welt der Parameter. Ich glaube ja auch, dass der didaktische Nutzen weit größer wäre, wenn es bei vielen Geräten mehrere unterschiedlich umfangreiche Expert-Levels geben würde. Marcus dazu: „Wir haben ja aus diesem Grund in Stage Scape zumindest einen Quick Tweak und einen Deep Tweak. Im Deep Tweak sieht man, was an De-Essing, Multiband Compression und Dynamic EQ im Hintergrund passiert, wenn man im Quick etwas verändert hat. Wenn man wirklich neugierig ist, was hinter den einfachen Bezeichnungen steckt, kann man sogar – das ist dann ein wenig „geeky“ – mit der Control-Software auf dem iPad in Echtzeit beobachten, welche Parameter sich wie im Hintergrund verändern, wenn man zum Beispiel die Bassdrum „punchier“ macht – während man auf den Spectrum-Analyzer blickt.

Ich bedanke mich bei Marcus Ryle für das aufschlussreiche Gespräch. Und wenn man sich vor Augen hält, welche seiner Ideen schon in wirklich richtungsweisende Geräte umgesetzt wurden, wird deutlich, dass man noch so einiges erwarten kann. Es bleibt also spannend.

Veröffentlicht am 10.07.2013

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