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30.04.2017

Interview und Gear-Chat: Dave Elitch

The Mars Volta, Miley Cyrus und Lehrer der Top-Drummer

Der vielseitige US-Drummer im Gespräch

Dave Elitch ist wohl den meisten Drummern durch „The Mars Volta“ bekannt geworden. Während er mit Bands wie „Killer Be Killed“ und „Antemasque“ seinen energetischen Spielstil pflegte, zeigte er außerdem mit elektronischen Formationen wie „M83“, bei den Indie-Rockern von „The 1975“ oder mit Pop-Ikonen wie Miley Cyrus sein facettenreiches Spiel. Ganz nebenbei etablierte er sich in der Studioszene von Los Angeles und ist mittlerweile ein gefragter Drummer für Hollywoods Soundtracks. Sein technisch äußerst versiertes Spiel beruht auf jahrelangem intensivem Studium des Instruments und macht ihn heutzutage auch zu einem gefragten Lehrer in Los Angeles und durch das Internet auch weltweit.

Die Liste seiner Schüler liest sich wie das Who-is-Who der aktuellen Musiklandschaft. Namhafte Drummer wie Brandon Buckley von Shakira, Dominic Howard von Muse oder Gregg Bissonette geben sich mit vielen etablierten Drummern, die bei absoluten Weltstars trommeln, in Dave Elitchs Studio die Klinke in die Hand. Wir trafen den sympathischen Kalifornier in seinem kleinen Studio im Westen von Los Angeles, das vor Trommeln fast überquillt.

Du hast ja einige Snares hier...

Ja, das ist sogar nur weniger als die Hälfte. Die anderen Snares sind in meinem Appartement, und all meine Drumsets sind bei Angel City Drum Works eingelagert. Der Drumtech John ist echt ein unglaublicher Typ. Matt Chamberlain, J.R. Robinson, Steve Gadd und viele weitere Drummer schwören auf ihn. Immer wenn ich eine Session habe, organisiert er alles, wählt mit mir die Drums aus und bringt auch Equipment aus seiner eigenen, großen Sammlung mit.

Gibt es in deiner Sammlung Snares, die du besonders häufig in Gebrauch hast?

Ja, die 6,5“ tiefe DW Collectors Black Steel Knurled Stahlsnare ist unglaublich. Die spiele ich nahezu ausschließlich bei Livegigs. Für Recording-Sessions habe ich außerdem immer meine alte Tama Bell Brass Snare und eine Ludwig Black Beauty dabei. Ansonsten hängt die Auswahl wirklich sehr von der Musik ab. Ich suche dabei aus fünfzehn Drumsets und über sechzig Snares aus. Da sind auch viele Vintage Instrumente dabei. Justin Timberlake wollte neulich für einen Soundtrack einen authentischen Retro-Disco Sound. Dafür habe ich dann mein 60's Ludwig Set mit einem Slingerland Concert Tom Kit kombiniert. Ich nehme zu solchen Sessions häufig verschiedenste Optionen mit, die auch alle sehr unterschiedlich klingen. Auf dem „Killer Be Killed“ Album habe ich aber zum Beispiel fast alle Songs mit einer Sonor Bell Bronze Snare eingespielt. Während dieser Session haben wir dann acht Songs mit meinem DW Acryl Set aufgenommen und die restlichen vier mit einem alten Ludwig Stainless Steel Kit. Ich wollte zwei unterschiedliche Drumsounds haben, habe aber das Setup als solches nicht mehr verändert.

Nimmst du hier auch auf?

Nicht wirklich. Ich habe immer mal ein paar Mikros hier aufgebaut, und es klingt auch ganz gut, aber ich bin nicht besonders gut in technischen Dingen und habe ehrlich gesagt einfach keine Lust, mich dazu beschäftigen. Die Suche nach dem perfekten Equipment endet nie, das merke ich ja schon bei Drums. (lacht) Ich sollte mich eigentlich damit auseinandersetzen, weil sich heutzutage ja fast jeder Trommler aufnimmt. Es ist aber so kosten- und zeitintensiv, und es gibt so viele Leute, die das schon auf einem so hohen Standard machen.

Hast du das Gefühl, dass du deshalb weniger Recording-Jobs bekommst?

Das kann schon sein, allerdings nutze ich bei Indie-Projekten öfter auch mal die Räume oder Studios von befreundeten Schlagzeugern. Die großen Major-Produktionen finden zumindest in LA nach wie vor noch in traditionellen Studios statt. Wahrscheinlich würde ich aber ein bisschen mehr im Studio zu tun haben, wenn die Leute wüssten, dass ich einen gut klingenden Raum und entsprechendes Recording-Equipment habe.

Womit bist du momentan beschäftigt?

Ich komme gerade aus dem Studio mit Matt Chamberlain. Wir haben Double-Drums für den neuen Logan Kinofilm auf der großen Soundstage von Fox aufgenommen. Das hat großen Spaß gemacht. Ich subbe öfter mal für ihn, da er so viel beschäftigt ist, aber dass wir wirklich mal Seite an Seite im Studio sitzen konnten, war etwas ganz besonderes. Das war mal wieder so eine richtige klassische Filmsession. Ich bin froh, dass ich durch das nahezu tägliche Unterrichten so gut im Sightreading geworden bin, weil man bei so einer Session schon sehr unter Anspannung steht. Es musste viel Material aufgenommen werden und auch möglichst perfekt gespielt sein, und dann saß da mit Matt Chamberlain auch noch einer meiner Lieblingsdrummer neben mir. Ich weiß noch genau, wie ich Matt das erste Mal auf dem Song „When it rains“ von Brad Mehldau gehört habe. Dieses unglaubliche Feel hat mich sofort gepackt. Ich hatte sowas vorher noch nie gehört. In letzter Zeit habe ich recht häufig mit Justin Timberlake gearbeitet, der in der Film- und Soundtrackszene neben seiner eigenen Karriere als Popstar sehr aktiv ist. Auf dem Soundtrack zu „Trolls“ sind Drums von mir zu hören, und auch auf „Book of Love“ habe ich mitgewirkt.

Siehst du gutes Notenlesen als Bedingung für die Studioarbeit an?

Nicht überall, aber in Hollywoods Filmstudios geht es nicht ohne. Irgendwann hat sich herumgesprochen, dass ich das gut kann, was mich in einen ziemlich kleinen Kreis elitärer Sessionmusiker gebracht hat. Das lag meines Erachtens ausschließlich daran, dass die Filmkomponisten sich darauf verlassen konnten, dass ich die Musik sofort lesen kann. Vinnie Colaiuta, J.R. Robinson, Curt Bisquera, Gregg Bissonette und Matt Chamberlain spielen seit mittlerweile Jahrzehnten nahezu alle großen Soundtracks ein, und ich bin sehr glücklich, dass ich nun auch in diese Welt eintauchen kann. Es gibt in LA so viele unglaubliche Trommler, aber dann doch relativ wenige, die auch gut unter Zeitdruck mit Noten spielen können.

Kannst du sagen, dass du konstant beschäftigt bist?

Im Verlauf meiner Karriere war es bisher immer so, dass ich entweder ganz wenig zu tun hatte oder so viel auf einmal kam, dass ich gar nicht mehr wusste, wie ich das alles schaffen sollte. Momentan sind es ein paar Filmsessions, und nebenbei unterrichte ich viel, was ich schon immer sehr mochte. Ich erörtere gerne mit Drummern Probleme und versuche, mit ihnen daran zu arbeiten und sie weiterzubringen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man nach einiger Zeit erfährt, dass es funktioniert hat. Ich unterrichte ja auch keine Anfänger, sondern helfe, neben vielen ambitionierten Drummern, auch Kollegen, die bereits mit großen Acts unterwegs sind, bei verschiedensten Sachen. Es gibt ja viele, die einfach nur unterrichten, um Geld zu verdienen und die sich dann eigentlich nicht wirklich darum kümmern, was für den jeweiligen Schüler die Lösung seines Problems ist. Sowas ist echt fatal und kann Drummer in die falsche Richtung führen oder demotivieren. Ich unterrichte leidenschaftlich gerne und würde das selbst noch machen, wenn ich Millionär wäre. Über die Jahre habe ich so viele verschiedene Übungen insbesondere zu Bewegungsabläufen erarbeitet und werde das demnächst auch zusammenfassend veröffentlichen. Da es schon unglaublich viele Lehrbücher gibt und die DVD ja eigentlich überholt ist, weiß ich gerade noch nicht, in welchem Format ich das tun werde, aber da wird definitiv was kommen.

Bist du seltener als früher auf Tour?

Das kann ich so nicht sagen. Mit Bands wie „Antemasque“ oder „Killer Be Killed“ war und bin ich immer mal wieder auf Tour, aber alle anderen Gigs kamen oft so zustande, dass ich in kürzester Zeit jemanden ersetzen musste, der entweder krank oder anderweitig gebucht war. Beispielsweise habe ich lange Stacy Jones, den Drummer und Musical Director von Miley Cyrus, unterrichtet. Miley hatte eigentlich angekündigt, eine Pause machen zu wollen, die Stacy für andere Projekte nutzte, die er nicht mehr absagen konnte. Sie wollte einen Rockdrummer mit viel Punch haben, also hat mich Stacy dort ins Spiel gebracht. Ich hatte zwei bis drei Wochen Zeit, das komplette, sehr detaillierte Set zu lernen, was eigentlich nach ausreichend Zeit klingt. Tagsüber steckte ich aber komplett in der Albumproduktion von „Antemasque“, also musste ich mir nachts das Miley Cyrus Material erarbeiten, und nach kurzer Zeit war ich durch den Schlafmangel echt fertig.

Wie bereitet man sich in so kurzer Zeit optimal vor?

Man muss bedenken, dass die Band dieses Material über mehrere Monate erarbeitet hat. Ich habe mein Drumset dann genau aufgebaut, wie Stacy Jones es macht und auch alle Pads so verteilt. Das Integrieren der Pads zu den akustischen Drums war der komplizierteste Teil, da die Bewegungsabläufe natürlich nochmal anders sind. Alles muss außerdem genauestens getimed sein, da das Konzert wie eine Broadway-Show mit Tänzern, Lichtshow und Pyrotechnik auf Timecode läuft. Ich musste also alles Note für Note exakt wie Stacy spielen. Mein Ansporn als Sub war, dass die Band nicht merkt, dass der eigentliche Drummer nicht mit ihnen auf der Bühne steht.

Lernst du solche detaillierten Abläufe auswendig oder machst du dir Notizen, die du auch live benutzt?

Nein, ich mache Charts für alle Stücke, die alle für mich notwendigen Informationen enthalten. Viel ist das gar nicht. Es geht nur um die Längen der Parts und was meine rechte Hand macht. Wir hatten vor dem ersten Konzert mit Miley Cyrus nur eine Durchlaufprobe beim Soundcheck und am selben Tag die erste Show vor 15.000 Leuten. Genau so war es bei der Band „The 1975“ auch. Bei „The Mars Volta“ hatte ich wenigstens mal zwei Durchläufe, obwohl mir die Spaßvögel dann kurz vor der Show meine Charts einfach weggenommen haben. Am Ende hat es dann doch ganz gut geklappt. (lacht) Aber der Druck als Vertretung bei solchen Liveshows ist schon immens. Wenn ich mich verspiele, kann es vorkommen, dass ich aus dem Konzept gerate und nicht mehr weiß, wo ich im Song bin. Deshalb helfen die Charts auch so sehr. Es kommt aber nie vor, dass ich mich so verspiele, dass ich aus dem Taktmaß gerate, ich bekomme dann eher das Gefühl, kurz im Song verloren zu sein. Einen Fahrplan des Songs vor Augen zu haben ist dann die Rettung.

Oft sieht man ja schon etwas als Verspieler an, was das Publikum vielleicht gar nicht merkt. Gab es für dich jemals eine Situation, in der etwas wirklich schief gelaufen ist?

Ich hatte während der Miley Cyrus Tour wirklich eine üble Geschichte. Das gesamte Set ist eigentlich sehr genau durchgeplant. Am Ende des Konzerts, kurz vor der Zugabe, steigt Miley auf einen riesengroßen Hot Dog, der fünfzehn Meter über die Leute hinweg schwebt. Stacy Jones hat mir damals genau erklärt, wie das funktioniert. Die Band spielt einen Vamp, und Miley schwebt ans Ende der Arena und wieder zur Bühne zurück, auf der sich eine Videowand öffnet, durch die sie hindurch schwebt, woraufhin die Show mit einem Unisono-Pattern der Band endet. Das große Problem dabei ist, dass mit den verschiedenen Sachen, die dort passieren und der unterschiedlichen Größen der Arenen nicht genau geplant werden konnte, wann sie wieder auf der Bühne ankommt. Außerdem sollte die Band den Abschlag des Stückes geanu in dem Moment spielen, in dem die Videowand sich schließt. An diesem einen Abend passierte das wirklich an einer musikalisch unmöglichen Stelle im Vamp, kurz nachdem die Form wieder neu begonnen hatte. Es hat sich einfach total falsch angefühlt. Außerdem musste ich nach oben gucken, damit ich genau sehen konnte, wann sich die Leinwand wieder schließt. Das war alles so verwirrend, und ich habe einfach den Moment eines klaren Fills verpasst, damit die Band wusste, dass jetzt Schluss sein sollte. Es kam, wie es kommen musste: Ich hörte auf, und die halbe Band spielte erschrocken weiter, alles endete an der total falschen Stelle, und die Lichter gingen aus, weil die Crew natürlich auch davon ausging, dass Schluss war. Normalerweise verspielt man sich mal und es ist, wenn überhaupt, mal kurz komisch für das Publikum, aber in der Situation hat es wahrscheinlich sogar der Parkplatzwächter außerhalb der Arena gehört. (lacht) Zum Glück gab es danach eine Zugabe, sodass das nicht der letzte Eindruck der Show für das Publikum war.

Hast du Probleme, wieder zurück zu einem sicheren Gefühl zu kommen, wenn du dich einmal verspielt hast?

Mich fasziniert dieses Thema total. Das ist ja insbesondere im Studio relevant, weil das ja eine richtige psychologische Abwärtsspirale sein kann. Wenn ich nach einem Fehler anfange, darüber nachzudenken, welche Bewegungsabläufe ich spielen muss oder wie ein Pattern funktioniert, fällt das Kartenhaus völlig in sich zusammen. Im Optimalfall denke ich also überhaupt nicht darüber nach, was ich gerade mache. Ich habe irgendwann angefangen, Golf- und Tennis-Autobiografien zu lesen. Das sind ja die einzigen beiden Sportarten, bei denen es neben den technischen Aspekten vor allem auch um den mentalen Fokus geht. Irgendjemand hat mir dazu die Andre Agassi Biografie „Open“ empfohlen, die ich regelrecht verschlungen habe. Er geht im Buch sehr über verschiedene Methoden ins Detail, und ich konnte vieles davon auf mein Spiel übertragen. Man muss sich einfach selber gut kennenlernen und intensiv damit beschäftigen. Ich habe das mit einem Therapeuten getan, was mir immens geholfen hat. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass einem von Lehrern und Magazinen immer wieder eingetrichtert wird, dass man im Studio alles perfekt in einem Take einnageln muss. Natürlich ist das optimal und in einer Filmsession schon erwünscht, aber jeder Mensch verspielt sich ab und zu mal, und bei den meisten Sessions fernab der großen Filmstudios ist eigentlich alles viel entspannter, als einem das suggeriert wird.

Als ich damals das in der Drumming-Community sehr bekannte Video von einer Mars Volta Show von dir gesehen habe, habe ich darüber nachgedacht, dass man für so eine Performance über eine komplette Tour neben viel Energie auch gute Technik braucht, um sich nicht selbst zu verletzen. Kommt es vor, dass du Ermüdungserscheinungen hast?

Man muss dazu sagen, dass ich natürlich nicht immer so spiele. Ich sitze ja nicht im Studio bei einer Ballade und lasse derart das Tier raus. Glücklicherweise habe ich mich lange mit Technik und dem ganzen ergonomischen Aspekt des Trommelns befasst, ansonsten hätte ich mich auf zweieinhalbstündigen Konzerten während einer langen Tour sicher schon verletzt. Gleichzeitig war es mir aber neben der möglichst perfekten Technik immer wichtig, einen eigenen Sound und Style zu haben. Ansonsten würde man in einer Stadt wie LA auch untergehen. Es ist egal, ob man als Sideman gebucht ist oder mit einer eigenen Band spielt: Musik ist Kunst, und man muss am Instrument eine Aussage haben.

Vielen Dank für's Gespräch!

  • Dave Elitchs Equipment:
  • Drums: DW
  • Serie: Classics Series in Tiger Oyster
  • 24 "x 14" Bassdrum
  • 10" x 8", 12" x 9", 16" x 16" und 18" x 16" Toms
  • Diverse Snaredrums
  • Becken: Sabian
  • 15" Vault Custom Shop Hi-Hat
  • 9" Vault Nano Hats
  • 10" HHX Evolution Splash
  • 22" Vault Custom Shop Ride
  • 21" Vault Custom Shop Crash
  • 22" Vault Custom Shop Crash
  • 19" Paragon China
  • 15" Vault Custom Shop China auf 17" Vault Custom Shop Crash gestacked
  • Sticks: Vic Firth American Classic 5B
  • Felle: Remo
Veröffentlicht am 30.04.2017

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