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Feature
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22.10.2019

Keychange - Internationale Initiative für Gleichberechtigung

Bonedo auf dem Reeperbahnfestival 2019

Musikerinnenpower bei Doors Open, Music Women Germany und Raketerei

Ich war für bonedo auf dem Reeperbahn Festival (18.09 -21.09.2019) in Hamburg unterwegs und habe mich gefreut, dass ich so viele Musikerinnen auf den unendlich vielen Bühnen angetroffen habe. Blos ein Zufall? Wo doch Anfang des Jahres die Wellen wieder hoch schlugen, als die Line Ups der großen Festivals verkündet wurden und Musikerinnen meistens nur in homöopathischen Dosen vorzufinden waren. Dann begegnet mir bei "Doors Open", der Auftaktveranstaltung des Reeperbahnfestivals, die Initiative Keychange und ich stelle fest, dass es einen Wandel gibt, und dieser mit Keychange sogar System hat. In den weiteren Festivaltagen treffe ich noch auf "Music Women Germany" und "Raketerei", zwei interessante Musikerinnen Netzwerke, die ich euch hier ebenfalls vorstellen möchte.

Was ist Keychange?

"Gleichstellung in der Musikindustrie ist natürlich extrem wichtig -- für uns alle. Es ist ein Menschenthema, nicht nur ein Frauenthema. Es macht die ganze Welt interessanter, weil es einen vollumfänglicheren kreativen Output gibt. Um ehrlich zu sein: Ich glaube, wir haben noch viele Kämpfe vor uns. Ich möchte einfach ein Teil dieses Wandels sein."

Kate Nash, Künstlerin und Keychange-Botschafterin, woofmusic

Keychange ist eine von der britischen PRS Foundation 2017 ins Leben gerufene Initiative, bei der es um mehr Gleichberechtigung im Pop geht, und darum, ein Bewusstsein für Machtstrukturen zu schaffen, die bis heute in unserer Musikbranche allgegenwärtig sind. Das erklärte Ziel von Keychange ist, eine weltweite Debatte zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzustoßen, die eine nachhaltige Veränderung in der Musikbranche bewirkt. Im ersten Schritt hat ein Zusammenschluss aus internationalen Organisationen und Festivals den "Keychange-Pledge" entwickelt - das erklärte Ziel dieses Versprechens ist, dass bis 2022 bei der Hälfte der Acts in Festival- und Konferenzprogrammen mindestens ein Mensch weiblichen, trans- oder non-binären Geschlechts vertreten ist. Insgesamt machen bereits 180 Festivals bei der Bewegung mit.

Keychange beim Reeperbahn Festival 2019

Die Initiative, die bereits vor zwei Jahren auf dem Reeperbahn Festival vorgestellt wurde, steht schon in der Eröffnungsveranstaltung DOORS OPEN im besonderen Fokus.

Keychange-Botschafterin Joy Denalane singt "A Change Is Gonna Come".

Im Anschluss tauschen sich die Sängerin, Kate Nash und Peaches (beide Jurorinnen des ANCHOR-Awards, dessen Nominierte dieses Jahr überwiegend weiblich sind) im Gespräch mit der Moderatorin Charlotte Roche über ihre Erfahrungen als Frau in der Musikbranche aus. Und das ist ehrlich und traurig zugleich. Ich spüre, wie nun die bisher überwiegend humorvolle Veranstaltung im Stage Operettenhaus an Ernsthaftigkeit erlangt, die sich von der Bühne über das Publikum legt. Die Botschaft kommt an und findet beeindruckende Weise eine Resonanz, was die Wichtigkeit von Keychange unterstreicht.

Immer mehr InstrumentalistINNEN

Und dieser Eindruck vollstreckt sich auch über die weiteren Festivaltage: Ich habe noch nie so viele Frauen auf der Bühne ein Instrument spielen gesehen. Was 2012 noch ein eher ungewöhnliches Bild war, ist heute zwar noch keine Selbstverständlichkeit, aber lenkt den Fokus nicht mehr so stark von der ersten Reihe des Sängers oder Sängerin in die zweite. Frauen am Schlagzeug, Frauen am Bass und gleichzeitig an den Backings, Frauen mit einem Pedalboard vor sich. Ich bin auf einigen Konzerten, bei denen mindestens die Hälfte der Bandmitglieder weiblich sind. Es sind immer noch zu wenige, damit es eine Selbstverständlichkeit wird, aber dafür schon lange keine Seltenheit mehr, das kann man ganz objektiv mit Freude feststellen.
Noch vor ein paar Jahren, zum Beispiel bei dem Abschlusskonzert des Eventim Popkurs Hamburg (Kontaktstudiengang "Popularmusik") oder musikhochschulinternen Vorspielen wurde im Anschluss mehr über das Geschlecht der Bandmitglieder gesprochen als über deren Musik. Auch heute gibt es vereinzelt noch Konzertbesucher/innen, die mit Blick auf die Bühne erstaunt feststellen: "Cool, da sitzt ja eine Frau hinter dem Schlagzeug" oder "Die spielt richtig gut Bass."

Dass solche Kommentare auf Konzerten immer noch zeitgemäß sind, zeigt mehr denn je, dass wir nicht nur hier auf dem Reeperbahn Festival vermehrt über die Gleichverteilung zwischen Frauen und Männern in der Musikbranche reden müssen. Das ist ein andauernder Prozess, der unter anderem mit Plattformen und Communities weiter angekurbelt bzw. stark beschleunigt werden kann.

Und genau dieser "Ein Netzwerk lebt vom Austausch"- Gedanke wurde auch von weiteren Gründerinnen und Institutionen auf dem Reeperbahn Festival präsentiert.

Music Women Germany

Ganz konkret zum Beispiel mit der Gründung von Music Women Germany - das erste bundesweite Netzwerk für alle Musikfrauen in Deutschland auf dem Katerfrühstück der GEMA am nächsten Morgen, Donnerstag, 19. September 2019. Egal, ob Artist, Business, Media oder Tech - von Dirigentinnen und Managerinnen über Unternehmerinnen und Musikerinnen bishin zu Produzentinnen und Technikerinnen, allen Frauen aus der Musikbranche sollen Qualifikation, Vernetzung, Präsenz, Teilhabe und Empowerment geboten werden.

Gleichzeitig mit Music Women Germany ist auch die erste bundesweite Datenbank aller Musikfrauen online gegangen. Auch eine europäische Datenbank ist ebenfalls im Aufbau. Die EU-Kommission subventioniert das Programm bis 2023 mit 1,4 Millionen Euro. Also ihr tollen, talentierten Frauen da draußen, tragt euch bei Music Women Germany ein, damit es nicht mehr heißt: "Ich hätte ja gerne eine Frau als ..., habe aber keine gefunden."

Raketerei

Ein weiteres nennenswertes Beispiel für ein erfolgreiches und nachhaltiges Netzwerk ist die Community RAKETEREI, die am Freitagnachmittag zum Meet Up eingeladen hat. Raketerei vereint in einer geschlossenen Facebookgruppe mittlerweile mehr als 700 Musikerinnen und zeigt damit, wie wichtig es ist, sich untereinander besser zu vernetzen. Es geht nicht um männerfreie Zonen, sondern um Diversität und darum, dass nicht jede für sich kämpft im DIY-Wahnsinn. So profitiert die eine von dem Spotify-Playlisten-Wissen der anderen, die Musikerin aus Hamburg mit langjähriger Booking-Erfahrung bekommt Kontakte von guten Musikvideoleuten von einer jungen Produzentin aus Stuttgart.

Doch zurück zum GEMA Frühstück und der Gründung von Music Women Germany. Mitten in die Aufbruchstimmung "Hier passiert gerade wirklich was und die Menschen sind nicht nur für das kostenlose Frühstück hier im ARCOTEL Onyx" ploppt die Meldung auf, dass Bausa (u.a. bekannt für seine teils frauenfeindlichen Texte) für die verhinderten Foals spielt. Ein klares Fehlzeichen von Warner Music zum ungünstigsten Zeitpunkt, den man sich nur vorstellen kann. Schade und inkonsequent.

Dazu hier das ergänzende offizielle Statement vom Reeperbahn Festival Team

"Das Reeperbahn Festival ist bunt und bleibt offen für alle. Bei uns gibt es keinen Platz für sexistisches, diskriminierendes, rassistisches, oder anderes extremes Gedankengut, sehr wohl aber für die künstlerische Freiheit, solange sie sich innerhalb juristisch legaler Grenzen bewegt. Das international verbindende Element von Musik ist für uns ein hohes Gut.
Für das Programm des Reeperbahn Festivals in all seinen Facetten spielt gleichzeitig die kuratorische Freiheit grundsätzlich eine bedeutende Rolle. Vor diesem Hintergrund halten wir es für einen Fehler, dass der Künstler Bausa in der Warner Music Night auftreten wird.
Bausa wurde von Warner Music nach der kurzfristigen Absage der Indie-Band Foals ohne Rücksprache mit uns oder dem Team des Docks als Spielstätte nachträglich in das Line-Up der Warner Music Night genommen. In der vergangenen 14-jährigen engen Zusammenarbeit mit Warner Music wurden wir bislang in die Auswahl aller Künstler*innen einbezogen. Eine Vorgehensweise wie diese hätten wir uns trotz der Kurzfristigkeit auch für diesen Künstler gewünscht."

Warum Warner Music einen Alleingang gemacht hat? Warum das Docks mit seiner selbstbewussten Geschäftsführerin nicht von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht hat? Und warum das Reeperbahnfestival den Auftritt nicht verhindert hat? Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Festzuhalten bleibt - und das überwiegt für mich an dieser Stelle - dass der Auftritt von Bausa nicht angekündigt war und alle Hinweise auf einen Zusammenhang zum Reeperbahn Festival entfernt wurden. Als positive Folge dessen war das Docks dann auch halb leer.

Alles beim Alten?

Nach vier Tagen ist das Reeperbahn Festival vorbei - und nun? Bleibt das Thema der Gleichberechtigung in der Musik präsent oder bekommt es erst wieder Aufmerksamkeit, wenn die ersten Acts der großen Festivals für 2020 bekanntgegeben werden und der Anteil an Bands mit Frauen wieder exorbitant klein ist?
Vielleicht empfindet es ja der/die ein/e oder andere Festivalveranstalter/in als erstrebenswert, das sagen zu können, was der Geschäftsführer des Reeperbahn Festivals Alexander Schulz, feststellte: "Ich glaube, wir laufen auf 43 Prozent weibliche Künstler in diesem Jahr hinaus."
Andere namhafte Festivals in Europa, die sich an Keychange beteiligen, haben die 50-Prozent-Quote dieses Jahr sogar schon erreicht - oder gingen darüber hinaus. Zum Beispiel das Primavera in Barcelona und das Pop-Kultur Festival in Berlin.

Wir sind auf dem richtigen Weg. Lasst uns den gemeinsam und nicht jeder für sich gehen.
Die meiste Strecke liegt noch vor uns.

Liebe Grüße, Barbara

Veröffentlicht am 22.10.2019

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