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05.05.2020

Konzerte richtig abmischen: Welches Mischpult passt zum Job und wie erlernt man die Bedienung eines neuen Mixers?

FoH-Mixing Workshop - Mixmonster#2

Herzlich willkommen zum zweiten Teil des Mix-Monster Workshops. Im ersten Teil haben wir das richtige Mindset analysiert, das als Grundvoraussetzung den Weg zu besseren Mixen ermöglicht. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Auswahl der passenden Mix-Werkzeuge, die es uns ermöglichen sollen, bessere Ergebnisse abzuliefern. Du stehst am Mischpult, der Sound ist nur mäßig und du hast keine Idee, wie der Mix zu retten ist? Dann ist das hier dein Workshop!

In diesem Punkt lässt sich ein Vergleich zum Handwerk ziehen. Ein Schreinermeister arbeitet in der Regel nicht mit einer Budget-Stichsäge aus dem Baumarkt, sondern investiert für professionelle Ergebnisse ausschließlich in teures Profi-Werkzeug. Der Umkehrschluss geht allerdings nicht auf. Ein Hobby-Handwerker mit Profiwerkzeug muss nicht zwangsläufig bessere Werkstücke herstellen. Übertragen auf die Arbeit als Tontechniker bedeutet das Investment in ein Profipult nicht immer einen exzellenten Sound.

Choose your weapon – die Wahl des richtigen Mischpultes

Im Grunde ist die Auswahl des richtigen Mixers nicht so schwer. Das beste Pult ist das, was man souverän bedienen kann. Man muss stets in der Lage, die notwendigen Einstellungen schnell und sicher ausführen zu können. Wie man das gezielt trainieren kann, darauf komme ich später zurück. Ein weiteres Kriterium bei der Auswahl eines Mixers ist dessen Leistungsfähigkeit bzw. Kapazität. Wenn die von dir betreute Band 38 Input-Kanäle benötigt, dann muss das der Mixer auch bereitstellen können.

Sind besondere Digitalformate/Plugin-Support (z. B. DANTE oder Waves Soundgrid) für die Show notwendig? Dann muss auch das berücksichtigt werden. In den letzten Jahren habe ich bei Tour-Anfragen oder bei der Betreuung neuer Bands begonnen, das Pferd von hinten aufzäumen.

Früher habe ich eher versucht, die Band meinem bevorzugten Pult anzupassen. Jetzt schaue ich mir zunächst die Band an und versuche zu verstehen, wie die Band akustisch rüberkommen will und erstelle eine vorläufige Input-Liste für die Show. Dabei denke ich darüber nach, ob und welche externen Plug-Ins das Ergebnis vielleicht noch verbessern können. Danach habe ich eine erste Vorstellung, was ein passendes Mischpult mitbringen muss, um den Job erledigen zu können.

Das Ganze war der Anfang einer wundervollen, wenn auch arbeitsintensiven Reise. Nicht immer passte die Band zu meinem bevorzugten Digitalmixer. Daher, und da kommt man ab einem gewissen Level nicht umhin, sollte man sich auch Mischpultplattformen unterschiedlicher Hersteller reinziehen. Wer stets versucht seinen bevorzugten Brand durchzudrücken, der wird auf Widerstände stoßen. Spätestens dann, wenn die Band auf eine ausgedehnte Club-Tour geht und es im Band-Bus keinen Platz für das eigene Mischpult gibt.

Diese Vorstellung ist erschreckend und lehrreich zugleich. Diese kleinen Club-Touren sind für einen Tour-unerfahren Tontechniker eine Herausforderung. Jeden Tag hat man es mit anderem tontechnischen Material zu tun. Oftmals muss man den Monitormix ebenfalls vom FoH-Pult übernehmen. Es gibt keine bessere Schule, denn das Studium einer Mixergebrauchsanweisung auf der heimischen Couch mit dem bevorzugten Longdrink in der Hand hat nur sehr wenig mit der Praxis zu tun.

Ein Beispiel: Ihr kommt dank Stau zu spät zum Venue, alle sind erkältet, übernächtigt und du musst in Rekordzeit Ergebnisse abliefern. Dafür muss man deutlich mehr tun, als sich einen Blick in den Quickstart-Guide des Clubmixers zu gönnen. So erlebe ich das jede Woche in dem Rockschuppen am Niederrhein, in dem ich als fester Haustechniker arbeite. Hier betreue ich altbekannte Acts auf dem Weg nach unten und junge Bands auf dem Weg nach oben, die alle auf Tour in unserem Venue haltmachen.

Manche bringen ihr eigenes Mischpult mit, andere nutzen das Midas M32 Hauspult. Um selbst den Anschluss nicht zu verlieren, mache ich einmal pro Jahr eine kurze Tour (10-14 Tage), einfach um das Gefühl nicht zu verlieren, wie es ist auf Tour zu sein und um meine Komfortzone zu verlassen. Denn auch das muss man tun, um voranzukommen. Wenn ich auf Klassenfahrt gehe, dann nutzte ich eine fast in Vergessenheit geratene Technik, welche die englischsprachigen Kollegen gerne mit „Advancing“ bezeichnen. Ein krasses Konzept und schnell erklärt.

Advancing – Die Macht des Telefons

Ich hatte es bereits erwähnt. Nicht wenige Tontechniker leben einen ausgeprägten Kontrollzwang. Diesen kann man durch exzessives Advancing ausleben. In der Praxis bedeutet das, man nimmt sein Telefon und ruft jeden Club/Venue der Tour im Vorfeld an und lässt sich den Haustechniker oder die Technikfirma geben, die den Laden betreut. Man könnte diese Aufgabe auf den Tour Manager oder Booker übertragen, mit dem Ergebnis, dass die Hälfte der notwendigen Informationen fehlen und gar falsch sind. Ruft selbst an! Fragt die wichtigen Dinge: Welches Pult, welche PA, wann und wie lange könnt ihr Soundchecken, gibt es eine Lautstärkebegrenzung?

Informationen aus erster Hand

Mit diesen Informationen aus erster Hand könnt ihr euch weiter vorbereiten. Zum Beispiel dem Haustechniker ein passendes Mix File vorab schicken. Dieser lädt eure Show in den Hausmixer und kann gegebenenfalls die PA, Monitore, In- und Outfills richtig routen und ihr seid beim Eintreffen deutlich schneller spielbereit. Man muss nicht jeden Mixer bis ins letzte Untermenü verstehen, aber man muss die wichtigsten Basisoperationen sicher und schnell an jedem Mixer der Tour ausführen können!

Hier meine persönliche Checkliste der wichtigsten sieben Mischpult-Operationen, die man beherrschen sollte:

1. Einstellen der Mikrofonvorverstärker inklusive Low Cut und +48 V

2. Routen der Eingänge auf die Monitor/Effekt- und Summen-Busse

3. Schnelles Bedienen der EQ- und Dynamic-Sektionen

4. Erstellen eines einfaches Effekt-Setups (Hall & Delay)

5. Mixbusse global von Pre auf Post umschalten

6. Mute- und DCA-Gruppen-Zuweisung

7. Mixszene im Pult und wenn möglich auf USB-Stick sichern

Jetzt hat man nicht jeden Mixer zur Hand, aber die meisten Hersteller bieten Offline-Editoren, die man für ein erstes Selbststudium heranziehen kann. Bei gänzlich unbekannten Mixern könnte man ein Operator-Training beim Hersteller/Vertrieb anstreben. Alternativ fragt man einen Tonkollegen, der das passende Mischpult im Inventar hat, nach einer Einweisung.

Merkt man, dass die Arbeit mit dem Mixer nicht wirklich flüssig von der Hand geht, empfehle ich, den Mixer für zwei, drei Tage anzumieten und zu Hause auszuprobieren. Aber nicht in Ruhe! „Ruhe“ ist genau das, was man auf Tour in der Regel nicht hat.

Next level learning – wie man ein Mischpult sicher bedient

Um ein Mischpult beim Gig sicher bedienen zu können, sollte man für das Selbststudium möglichst realistische Szenarien erstellen. Mit etwas Fantasie versetzt man sich in ein Mixer-Bootcamp und trainiert unter erschwerten Bedingungen die Bedienung des Mischpultes. Wie das geht und was man im Selbststudium lernen kann, darauf werden wir uns im dritten Teil dieses Workshops konzentrieren.

Aber ganz ohne Hausaufgabe und Praxistipp möchte ich euch nicht entlassen. Die Bedienung eines Mixers erlernt man am einfachsten, wenn es etwas zu mischen gibt. Ich habe mir angewöhnt von jeder meiner Bands Multitrack-Mitschnitte zumachen. 

Der Recording-Abgriff sollte immer direkt nach dem Preamp erfolgen (ohne EQ und Dynamics). Diese Aufnahmen nutzte ich für virtuelle Soundchecks und das Selbststudium. Ihr habt Multitrack-Aufnahmen eurer Bands? Prima, damit lässt sich die grundlegende Bedienung aller Mischpulte erlernen. Ihr speist die Tracks 1:1 in den Mixer eurer Wahl ein. Eine 24-Spur-Aufnahme belegt demnach 24 Kanalzüge des Mixers. Jetzt schaut euch an, wie die Effekt- und Dynamic-Sektion funktioniert. Ist die Bedienung klar, dann schaltet ihr in den Live-Mode. Auf dem Gig müsst ihr passende EQ- und Dynamic-Einstellungen schnell und sicher vornehmen können.

Ich trainiere das wie folgt: Ich nutze eine Box-Timing-App (Boxing iTime Lite für iOS) auf meinem Handy. Bei 24 Tracks lege ich in der App 24 Runden an mit jeweils 5 Sekunden Pause zwischen den Runden. In der DAW mit den Multitrack-Mitschnitten loope ich einen Song und lasse diesen abspielen. Ich beginne mit einer Rundenzeit von einer Minute.

Ich versuche zunächst innerhalb dieser 24 Minuten die Dynamics der Kanäle 1-24 einzustellen. Pro Kanal habe ich eine Minute, um passende Einstellungen vornehmen zu können. Bei einem klassischen Festival Change Over von 15 Minuten inklusive Line-Check wäre das immer noch zu langsam. Also wird weiter trainiert.

Der nächste Durchlauf gibt mir 24 Minuten, um 24 x EQs einzustellen. Klappt das nach einigen Durchläufen, wird das Pult initialisiert (resettet) und ich versuche innerhalb von 24 Minuten für alle 24 Kanäle die Dynamics und EQs pro Kanal einzustellen.

Nach einigen Durchläufen reduziere ich die Gesamtzeit auf 10 Minuten. Zehn Minuten Zeit, aus dem „Nichts“ passende EQ- und Dynamic-Einstellungen für eine 24-Kanal-Inputband zu finden. Wer auf einer Tour den Support-Act mixt, der weiß, dass die Vorhersehung einem manchmal nicht mehr als 10-15 Minuten für den Soundcheck gibt. Wer sich derart vorbereitet, hat allerdings eine Chance.

Doch damit haben wir noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Mehr von diesen Tipps gibt es im dritten Teil des Mix-Monster Workshops. 

Veröffentlicht am 05.05.2020

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