Hersteller_Korg 2013_Jahresrueckblick
Test
3
20.03.2013

Praxis

Sound

Beim Einschalten prahlt der KingKORG zuerst ein bisschen mit seinen Kronjuwelen. Er veranstaltet eine mehrsekündige Lightshow, in deren Verlauf sämtliche roten Leuchten in einer Art Wellenbewegung von links nach rechts aufleuchten. Weil die Parade so wunderbar kitschig ist, habe ich es mir nicht nehmen lassen, sie in einem kleinen, verwackelten Video festzuhalten:

Nach dieser prunkvollen Zeremonie ist der König bereit, seiner verfassungsgemäßen Aufgabe nachzugehen: Klänge erzeugen! An dieser Stelle möchte ich mir daher weitere Worte sparen und zunächst einige der Werkspresets für sich sprechen lassen. Majestät gibt sich die Ehre:

Ein erstes, schnelles Durchklicken durch die Bänke zeigt eine Fülle von klassischen Synthesizerklängen, aber auch einige speziellere, individuelle Sounds. Es fällt angenehm auf, dass die meisten Werkspresets des KingKORG tatsächlich gut benutzbar sind, statt mit abgedrehten Modulationen Eindruck zu schinden. Besonders wohl fühlt sich der Synth bei dichten, klassischen Pads und Strings sowie bei Supersaw-mäßigen Dance-Chords und -Hooks. Das dürfte an der Oszillatorsektion liegen, deren drei Oszillatoren pro Timbre ja jeder für sich bereits Waveforms bereithalten, die wie mehrere Oszillatoren klingen. Geschichtet ergeben sich dann breite, fette Sounds, die sich mühelos durchsetzen können. Aber auch die Leads, Bässe und Effektsounds können überzeugen.

Erfreulich ist auch die große Zahl von Presets für aktuelle Chart- und Clubtrends. Um dies zu unterstreichen, haben Korgs Sounddesigner einige Sounds aus Hits der letzten Jahre nachgebaut (und erstaunlich gut getroffen):

Oszillatoren

Hilfreich dürfte dabei die flexible Oszillatorsektion gewesen sein. Die Grundschwingungsformen Sägezahn, Rechteck, Dreieck und Sinus gibt es jeweils in verschiedenen Varianten, von denen einige das Verhalten mehrerer gekoppelter Oszillatoren simulieren. Hinzu kommen vier verschiedene Rauschgeneratoren. Über den Control-Regler sind je nach Oszillatormodell bis zu zwei unterschiedliche Modulationen möglich. Das möchte ich hier am Beispiel des Sägezahns demonstrieren. Beginnen wir mit der einfachen Sägezahnschwingung. Hier bietet der Control-Regler Zugriff auf den Waveshaping-Parameter:

„Dual Saw“ bietet zwei Sägezahnschwingungen, die mit einem Detune-Parameter gegeneinander verstimmt werden können:

„Unison Saw“ imitiert den Sound eines polyphonen, analogen Synthesizers im Unison-Modus, natürlich mit dem passenden Detune-Parameter:

In den bisherigen Beispielen war jeweils nur einer der drei Oszillatoren des KingKORG zu hören. Da aber jeder von ihnen eine dieser „Multi-Wellenformen“ liefern kann, kann man noch dicker auftragen. Im nächsten Beispiel hört ihr erst einen Oszillator im „Unison Saw“-Modus mit etwas Detune, dann zwei und schließlich drei:

Obwohl nur drei Oszillatoren im Spiel sind, klingt es nach mindestens sechs, wenn nicht mehr – und zwar ohne die Polyphonie einzuschränken. Doch der KingKORG hat noch einen Trumpf im Ärmel: seinen eigenen, physischen Unison-Mode, in dem die Oszillatoren tatsächlich 2-, 3- oder 4-fach unisono geschaltet werden (was dann entsprechend zu Lasten der Polyphonie geht). So klingen drei „Unison Saw“-Oszillatoren mit Detune im 2-fachen Unison-Mode:

Das alles geht mit den anderen Grundschwingungsformen (Rechteck, Dreieck und Sinus) gleichermaßen. Vier verschiedene Sorten Rauschen ergänzen das Angebot der Oszillator-Sektion. Außerdem stehen für jede Schwingungsform jeweils Varianten mit Oszillatorsynchronisation, Ringmodulation, Cross-Modulation und VPM (Variable Phase Modulation) zur Verfügung. Vor allem durch letztere, die klanglich an die FM-Synthese erinnert, decken die Oszillatoren des KingKORG auch Klänge ab, die man eher den digitalen Synthesizern der 80er-Jahre zuschreiben würde. In den folgenden Beispielen hört ihr Sync, X-Mod und VPM in Aktion. Ich drehe jeweils an den Parametern, die über den Control-Regler erreichbar sind.  

Mit diesen Oszillatortypen lassen sich zum Beispiel solche Klänge erzeugen:

Die verschiedenen virtuell-analogen Oszillatortypen sind sicherlich die Kernkompetenz des KingKORG. Zusätzlich hat der König aber noch ein paar Hofnarren und Kammerdiener in Form von PCM-Samples und DWGS-Waves im Gefolge. Damit lassen sich dem Synth zum Beispiel auch Pianos, E-Pianos, Orgeln und Clavinets entlocken. Auch einige Mellotron-Sounds sind dabei. Im Vergleich zur Analog-Abteilung wirken die Samples eher wie eine nette Zugabe – ich glaube kaum, dass jemand sich den KingKORG anschaffen würde, um darauf Klavier zu spielen. Aber es geht, und natürlich ist auch die M1-Orgel an Bord, die in der Ahnengalerie im Flur des königlichen Palastes einen Ehrenplatz inne hat:

Vom Hocker haut mich das alles nicht (wobei die E-Pianos im Vergleich zum akustischen Klavier überraschend brauchbar klingen), aber betrachten wir diese Samples einfach als Spielwiese für das kreative Sounddesign. Einem Synth-Sound etwas Körper in Form eines verfremdeten Rhodes-Samples hinzufügen oder ein sphärisches Pad aus einem Piano-Sample basteln – warum nicht?

Die DWGS-Waves eignen sich für allerhand 80er-Digitalzeug, cheesy Orgelsounds und um Klängen eine glockige, digitale Komponente beizumischen:

Filter

Die 18 verschiedenen Filtermodelle des KingKORG umfassen sieben Tiefpass-, fünf Hochpass- und sechs Bandpassfilter. Neben einigen KingKORG-eigenen Filterdesigns sind darunter etliche, die sich an historischen Vorbildern orientieren. Das berühmteste Korg-Filter darf natürlich nicht fehlen – hier gibt's das MS20-Filter in einer digital emulierten Version als Tiefpass, Hochpass und Bandpass. Hinter dem Kürzel „MG“ verbirgt sich eine Nachbildung des bewährten und oft kopierten „Ladder-Filter“ des Minimoog und seiner Verwandten. Es ist wie das Original nur als Tiefpass verfügbar. „P5“ lässt einen Sequential Circuits Prophet-5 als Inspiration vermuten, während „OB“ für ein Oberheim-Filter steht, vermutlich das eines Matrix. Das letzte „historische“ Filtermodell hört auf den Namen „Acid“ – TB-303, ick hör' dir zwitschern! Kurios ist, dass der KingKORG einige Filtertypen bietet, die die jeweiligen Originale gar nicht haben – zum Beispiel gibt es „P5“-Hochpass- und Bandpassfilter, obwohl der Prophet-5 nur ein Tiefpassfilter besitzt. Hier wurde offenbar versucht, die Charakteristik des Filters auf andere Typen zu übertragen.

Hier hört ihr die sieben Tiefpassfilter des KingKORG, jeweils zuerst ohne, dann mit etwa 50% und schließlich mit 100% Resonanz.

Die unterschiedlichen Charakteristiken sind klar unterscheidbar und auch ziemlich gut getroffen. MS20 und „Acid“ rauhbeinig wie eh und je, Moog und Oberheim kultiviert und der Prophet mit viel Pegelverlust bei hoher Resonanz. Bei keinem der Modelle lässt sich übrigens die Flankensteilheit einstellen – hier muss man sich dann eben für ein anderes Modell entscheiden, das den gewünschten Sound liefert. Vor allem das Moog- und das Prophet-Filter zeigen bei hoher Resonanz am oberen Ende der Cutoff-Spanne leider einige unschöne Aliasing-Effekte. Insgesamt sollte aber für jeden Bedarf etwas dabei sein: Die Filter des KingKORG können zivilisiert und dezent zu Werke gehen, aber auch aggressiv zupacken, wenn es sein muss.

Effekte

Die Effektabteilung des KingKORG umfasst die drei Effektblöcke PRE FX, Modulation und Reverb/Delay, deren Einstellungen mit Programmen abgespeichert werden, und die beiden Master-Effekte TUBE und EQ. Die Effekte sind dank der vielen Regler schnell einzustellen und klingen durchweg hochwertig. Das Highlight ist natürlich der Röhren-Overdrive, mit dem man dem Sound nicht nur etwas warme Durchsetzungskraft, sondern auch mal eine ordentliche Verzerrung verpassen kann. Etwas unschlüssig bin ich, was ich davon halten soll, dass die TUBE-Einstellungen nicht mit Programmen gespeichert werden. Der Overdrive lässt sich nur global an- und abschalten und regeln. Das ist auf der einen Seite sinnvoll, wenn man ihn mit einem moderaten Setting permanent benutzt, um den Sound etwas fetter zu machen. Verwendet man jedoch die „Boost“-Funktion, mit der die Röhre kräftig zerrt und in den Klang eingreift, wäre es schön, dies auch mit bestimmten Sounds speichern zu können. So muss man die Verzerrung beim Programmwechsel manuell einstellen und wieder herausnehmen. Hier hört ihr ein Beispiel für den TUBE-Sound, zuerst ohne Effekt, dann mit einem moderaten Setting und schließlich mit „Boost“.

Vocoder und Arpeggiator

Korg selbst hat mit dem Bestseller microKORG maßgeblich zur Renaissance des Vocoder-Effekts beigetragen. Da ist es natürlich Ehrensache, dass auch der KingKORG einen gut klingenden Vocoder an Bord hat. Als Modulator kann entweder das Signal vom Mikrofoneingang oder Timbre B dienen. So klingt der Vocoder:

Der Arpeggiator mit 8 einzeln an- und abschaltbaren Steps bietet die Patterns Up, Down, Alt1, Alt2, Random und Trigger. Er verfügt über Parameter für Gate Time und Swing und kann bis zu 4 Oktaven bespielen. Dass der Arpeggiator beim KingKORG nicht die erste Geige spielt, sieht man schon daran, dass es auf dem Panel nur einen On/Off-Schalter gibt und man für alle weiteren Einstellungen ins Menü muss. Dennoch lassen sich damit die gängigen Synth-Arpeggiopatterns und auch Akkordgrooves erzeugen.

Bedienung

Das Bedienkonzept des KingKORG geht größtenteils auf. Man hat alles im direkten Zugriff, was man während einer Performance benötigt, ohne dass das Bedienfeld unübersichtlich wäre. Dank der drei Displays und der vielen LEDs kann man gut überblicken, was gerade passiert. Vor allem die Effektsektion ist sehr gut „on the fly“ zu bedienen, aber auch das Live-Schrauben an der Klangerzeugung macht Spaß. Das Verhalten der Drehregler lässt sich übrigens einstellen: Neben den beiden Standards „springen“ und „Wert abholen“ gibt es auch einen ValueScale-Modus, in dem der Wert beim Drehen schrittweise an die Reglerposition angepasst wird, bis beide übereinstimmen. Für komplexere Editierungen, wie etwa die Zuweisung der Virtual-Patch-Routings oder die Programmierung von Arpeggio-Patterns, muss man ins Menü. Dieses ist zwar ziemlich lang geraten und wegen des recht kleinen Hauptdisplays nicht besonders übersichtlich, aber man kann mit den Kategorie-Tastern zu den wichtigsten „Stationen“ springen, z.B. Oszillator-Settings, Vocoder oder Arpeggio. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit zur gewünschten Seite.

Die Anordnung des Panels (Klangerzeugung rechts, Effekte links) verwundert unter ergonomischen Gesichtspunkten etwas. Sie folgt weder dem logischen Verlauf des Signalwegs, noch trägt sie der Tatsache Rechnung, dass die meisten Keyboarder wohl deutlich häufiger mit der rechten Hand spielen und mit der linken an Reglern drehen dürften als andersherum. Um zum Beispiel an einer Hüllkurve zu schrauben, während man mit der rechten Hand spielt, muss man mit links ganz auf die rechte Seite hinüber greifen, was etwas unpraktisch ist und auch beim Spielen stören kann. Außerdem ist der Weg vom Pitch-/Modulation-Joystick zu den Reglern der Klangerzeugung sehr weit. Persönlich hätte ich es daher besser gefunden, wenn der gesamte Synthesizer-Block links vom Display Platz gefunden hätte und die Effekte rechts. Unpraktisch ist auch die Tap-Tempo-Funktion, die als Zweitbelegung des Arpeggio-Tasters umgesetzt wurde. Man muss also Shift gedrückt halten und kann dann das Tempo tappen. Das geht zwar notfalls auch mit einer Hand, aber nicht besonders gut. Ein eigener Tap-Taster wäre vor allem mit Blick auf die temposynchronen Delays die Performance-tauglichere Lösung gewesen.

Die beiliegende Bedienungsanleitung ist gut zu lesen, leicht verständlich und trotz der vielen Möglichkeiten des KingKORG knapp gehalten. So wird Neulingen ein einfacher Einstieg ermöglicht. Hintergrundwissen zu den einzelnen Parametern gibt es im ausführlichen Parameter-Leitfaden, auf den an vielen Stellen verwiesen wird. Das Referenzhandbuch ist auf der Korg-Website als Download erhältlich und erklärt alle Einstellungen im Detail.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • sehr guter, vielseitiger Sound
  • 18 verschiedene Filtertypen (z.T. nach historischen Vorbildern modelliert)
  • intuitive, bühnentaugliche Bedienung
  • integrierter Vocoder
  • hochwertige Effekte inkl. Tube Overdrive
  • CV/Gate-Ausgang
  • gute, praxistaugliche Werkspresets

  • Tap-Tempo-Funktion nur über 2 Taster bedienbar

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