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26.04.2019

DJ-Tipp: Das macht ein gutes DJ-Mixtape aus

Ein gutes Mixtape erstellen - aber wie?

Mixtape is revolution

Ein japanischer Freund hatte „Mixtape is Revolution“ auf seinem T-Shirt stehen. Über diesen Spruch habe ich viel nachgedacht. Tatsächlich ist das Mixtape für den DJ, was für den Musiker die Single oder gar das Album sind: die bleibende und immer wieder neu hörbare Darstellung seiner KunstIm besten Fall können Mixtapes völlig neue Zusammenhänge zwischen verschiedenen Musikstilistiken darstellen. Selbst produzierende DJs können damit ihre eigene Musik in den gewünschten Zusammenhang stellen. Auf jeden Fall sind sie deine musikalische Visitenkarte.

Es zeigt auch, wie DJs mit Musik umgeben. Gib 10 guten DJs die jeweils 20 identischen Platten und sie werden je nach Charakter und Stimmung völlig unterschiedliche Mixes abliefern.

Vielleicht ist es das auch der Grund, warum manche Kollegen regelrecht Angst vor dem Erstellen eines Mixtapes haben: Während beim Set im Club mixtechnische Patzer nicht so sehr ins Gewicht fallen und nach wenigen Minuten schon wieder mit den Eindrücken des nächsten Tracks überlagert sind, kann die Qualität der Übergänge auf einem Mixtape immer und immer wieder neu überprüft werden.

Und so legt man sich dann Ausreden zurecht wie:

a) keine Zeit

b) keine Lust

c) keine Inspiration oder natürlich

d) alles auf einmal

Mixen sollte DJ aber eigentlich zur wöchentlichen Routine machen. Und auch wenn ihr an jedem Wochenende auflegt, sind Home-Mixes eine wichtige Übung, einfach weil man als DJ die Tracks kennen muss, die man spielt. Idealerweise sollten Platten wie gute Freunde sein, die man in- und auswendig kennt. Und es muss dabei ja nicht immer gleich ein BBC-Radio 1 Essential Mix herauskommen. Also: Macht Mixtapes.

Tape

Aber wieso reden wir überhaupt von „Tape“? Das „Tape“ in „Mixtape“ kommt von „Kassette“. Als lange vor der Digitalisierung in jedem Auto, das vor dem Club parkte, noch ein Tapedeck eingebaut war, wurden für die Parkplatzdisco Mixtapes der Lieblings-DJs eingelegt. Das waren zumeist sehr exklusive Mitschnitte eines Sets direkt per Recording-Walkman vom Mischpult aufgenommen oder Radiomitschnitte – von Marusha bis Steve Mason – bis hin zu Mixtapes, die mal eben beim Kumpel Sonntagnachmittag auf der Afterhour gemixt worden sind, mit den Platten, die da gerade rumstanden.

Was all diesen Mixtapes – mal abgesehen vom Grundrauschen, schlechtem Pegel und mittlerweile leierndem Tonband – gemein war, ist ihre „Unperfektion“ und ihre absolute Authentizität. Pures Gold! Manchmal kommen mir fast die Tränen, wenn ich alte Mixtapes höre, wo die Platten springen, jaulend pitchend nachgezogen werden und im laut knisternden Break das ekstatische Johlen der Crowd vom Dancefloor über die Tonabnehmer mitgeschnitten wird.

CD

Die Zeiten, in denen Mix-CDs ein lukratives Geschäft waren, sind längst vorbei. Erfolgreiche Serien wie DJ-Kicks auf !K7 sind die große Ausnahme. Kommerziell vertriebene Mixes brauchen eine lange Vorbereitungszeit, weil alle benutzten Tracks vorher lizensiert werden müssen. Und das kann dauern. Manche Tracks kosten horrende Vorschüsse, die nicht refinanzierbar sind oder werden gar nicht erst freigeben. Dafür muss dann Ersatz gefunden werden.

Aufgrund der langen Vorlaufzeit sollten die benutzten Tracks auch superfrisch sein, damit sie beim Mix-CD-Release nicht schon hoffnungslos veraltet sind. Dafür bieten Mix-CDs aber auch die Möglichkeit, sich als Künstler mit all seinen Schattierungen zu präsentieren. Und der Griff zu älteren Tracks dient nicht nur zur eigenen Verortung, man nimmt damit auch den Aktualitätsdruck aus dem geplanten Mix.

Ein guter DJ-Mix kann wie eine Reise sein. „Fremdenführer“ Mijk van Dijk nahm 2001 seine Zuhörer auf der Mix-CD „ Essential Underground Vol. 01“ von Berlin bis nach Tokyo mit.

Cloud

Heutzutage sind Plattformen wie Soundcloud und Hearthis der moderne Mixtape-Ersatz. Und das Netz ist voll von DJ-Mixen aller Art. Trotzdem braucht jeder DJ einigermaßen aktuelle Sets im Netz. Einerseits, um Fans die Möglichkeit zu geben, euch auflegen zu hören, auch wenn ihr nicht bei ihnen in der Nähe spielt. Andererseits, um Veranstaltern einen Eindruck zu geben, welchen Stil ihr fahrt. Und auch für euch selbst, quasi als klingendes Tagebuch. Ich höre sehr gern mal in ältere eigene Mixes rein, um zu fühlen, wie ich vor ein oder zwei Jahren gespielt habe. Manchmal entdeckt man auch einen tollen Track wieder, der im Gedächtnis oder in der Playlist-Timeline längst in die Vergessenheit gerutscht ist. Soundcloud ist zwar die größte und bekannteste Plattform, wegen häufiger Copyright-Claims mittlerweile aber nicht mehr so empfehlenswert.

Mixcloud ist kostenfrei, auf das Hosten von DJ-Mixen spezialisiert und überweist den Autoren der im Mix verwendeten Tracks Tantiemen, wenn auch nur sehr minimale Beträge. Das relativ junge deutsche Portal Hearthis bietet sehr interessante Importfunktionen. So können einzelne Mixes, aber auch ganze Profile von Soundcloud und Mixcloud in einem Rutsch auf Hearthis importiert werden. Sehr praktisch. Ich lade z. B. meine Mixes zuerst immer auf Mixcloud hoch, danach werden sie über die Mixcloud-URL ganz einfach zu Hearthis exportiert.

Generell gilt gerade für Traktor/Serato-DJs: Alles mitschneiden! Es ist so einfach und fast schon fahrlässig, es nicht zu tun. Löschen könnt ihr die Aufnahme bei Nichtgefallen später immer noch. Aber Mixtapes aus dem Club sind einfach die authentischste Form der Aufnahme eines DJ-Sets. Zu Hause ist immer eine andere Stimmung. Spannung und auch die Lautstärke im Club schaffen ein anderes Mix-Feeling.

King Of My Castle

Aber auch für das gepflegt zu Hause aufgenommene DJ-Set gibt es gute Gründe. Daheim können wichtige Übergänge vorher geplant werden, Vinyl- und CDJ-DJs wollen nicht stets ein Aufnahmegerät mitführen, oft ist der Record-Out am DJ-Pult im Club bereits anderweitig belegt und zu Hause fehlt auch die Notwendigkeit, einen Dancefloor in Bewegung zu halten. Aber gerade weil man daheim auch alle Möglichkeiten für den perfekten Mix hat, setzen viele DJs die Latte so hoch, dass eben jener makellose Mix auch gelingen muss. Ein großer Fehler!

Perfektionismus

In einer immer perfekteren Welt, wird Perfektion langweilig. Ich kenne den Ärger gut, wenn man in einem tollen Set einen Übergang verpatzt. Aber wahrscheinlich ist man der Einzige, der das wirklich tragisch wahrnimmt, weil man selbst nur weiß, wie man es haben wollte. Euer Publikum weiß das aber nicht. Ich habe auch schon öfters Home-Mixes immer wieder neu begonnen, wenn ich gleich in den ersten 5 Minuten einen Fehler gemacht habe. Der Mix wurde perfekter, aber er verlor diesen ersten Impuls der genialen Idee.

In einer Welt, in der alles immer perfekter, gleichförmiger und kälter wird, ist das authentische erste Gefühl unbezahlbar. Versuch diesen rohen Moment des Clubmixes unbedingt auch zu Hause zu finden. Sei lieber 90% perfekt, aber aufregend als 100% perfekt und aalglatt. Denn Exzellenz kommt durch Experience. Mit jedem konzentriert aufgenommenen Mixtape wirst du besser werden.

Konzentration

Ganz wichtiges Stichwort. Als erstes gilt: Internet aus! Smartphone weit weg! Das lenkt alles ab. Und selbst wenn du so routiniert bist, dass du neben Social Media-Nutzung und TV-Konsum auch noch mixen kannst, du wirst keine Spannung haben und daher auch keine erzeugen können. Beim Mixtape-Mixen braucht DJ den Tunnelblick!

Authentizität

Ihr seid sicher auch schon im Web über diese Headline gestolpert: „DJs bauen absichtlich Fehler ein, damit die Mixes unperfekt wirken!“ Damit das Publikum merkt, dass der Sync-Button ausgeschaltet ist und der DJ sich wirklich am Pitch-Regler abarbeitet. Hoax oder nicht: Wenn ihr mit Traktor oder Serato auflegt, ist es halt super einfach, per Sync einen perfekt klingenden Mix hinzulegen. Da könnte man auch gerade bei Mixtapes schon mal auf die Idee kommen, den zukünftigen Zuhörer mit wildem Gescratche, digitaler Effekthascherei und stotternder Loop-Akrobatik zu beeindrucken.

Bitte lasst das bleiben: Die Zuhörer interessieren sich für den Flow des Sets, nicht für aus Langeweile geborene Effekthascherei, wenn nicht gerade ein Demotape für die nächsten DMC-Meisterschaften ansteht. Daher solltest ihr euch beim Mix wohlfühlen, entspannt bleiben und Loops und Effekte sparsam und gezielt einsetzen. Vertrau auf die Power der Tracks, die du spielst. Fühle, warum gerade dieses eine Stück so genial ist. Dann kommt der Flow wie von selbst.

Der Audioeditor ist euer Freund

Ihr seid mitten im Mix und da passiert der Fehler: Die Platte springt, der Tonabnehmer schmiert ab oder man hat den völlig falschen Effekt reingedrückt. Kein Problem, denn solche kleinen Fehler lassen sich rausschneiden. Es ist ganz einfach:

Ladet den Mix in die DAW oder den Audioeditor. Kopiert einen möglichst identischen Part und fügt ihn statt des fehlerhaften Parts ein. Wenn man präzise vorgeht, wird das niemand merken, nicht mal ihr selbst, wenn ihr den Mix nach mehreren Wochen wieder anhört. Aber übertreibt es nicht. Ein gutes DJ-Set lebt von einem rohen Vibe, von einer Spur Unvorhersehbarkeit. Das ist die Seele des Sets. Behaltet das unbedingt bei.

Mach ma lauter!

Wenn Du den Mix sowieso schon in der DAW hast, dann pump das Teil gleich noch mit einem Mastering Plug-in etwas auf. Aber auch hier gilt: Bitte nicht übertreiben. In Ableton macht sich z. B. das mitgelieferte Audio Effect Rack „EQ & Glue Master“ ganz gut.

Monatliche Mix-Routine

Legt euch die Tracks vorher zurecht. Checkt kurz vorher aus, ob sie auch gut zusammenpassen. Vom Vibe, von der Dramaturgie und auch von der Tonhöhe. Geht die Tonhöhe im Mix runter, wirkt das meist etwas abturnend, geht die Tonhöhe hoch, hat das einen upliftenden Effekt.

Gerade mit digitaler DJ-Software kann man wunderbar in-key mixen. Oft schlägt die Software auch gleich eine Tonart vor, in der sich der jeweilige Song abspielt. Freut euch über den Serviervorschlag, aber nehmt ihn nicht allzu ernst. Lasst lieber die Ohren entscheiden, ob der Mix auch harmonisch gut klingt. Allzu breit sollte die Spreizung der Tonhöhen zwischen den Tracks aber auch nicht sein. Instrumental-Tracks klingen z. B. bei Traktor auch noch mit plus oder minus zwei Halbtönen gut. Mit Stimmen bekommt man da aber schnell Probleme, die meisten Vocals klingen um einen Ganzton gepitcht eher unnatürlich. Wenn ihr allerdings experimentelle Elektronik auflegt, dann ist z. B. Traktor ein guter Komplize. Absichtlich 30% zu langsam gespielte Tracks, womöglich noch um 12 Halbtöne runter gepitcht, erzeugen abgefahrenste schleppende Beats und Drone Tones.

Ein Tipp dafür: Erst einen Track mit der gewünschten BPM-Zahl als Master spielen (vielleicht auch nur gemutet), diesen als Mastertempo-Track definieren und dann einen Track mit viel höherer Geschwindigkeit im Sync mitschleifen.

Playlist-Pflege

Für mich das Schönste am digitalen Auflegen sind Playlisten. Ob im Rechner oder auf dem Rekordbox-USB-Stick: Legt euch von jedem gespielten Set eine Playliste an. Beim Erstellen der Liste eines Mixtapes sind die „Histories“ der letzten gespielten Clubsets hilfreich, um sich zu erinnern, welche Tracks gut zusammenpassen. Und dann wieder im Club sind Mixtape-Playlisten inspirierende Ratgeber für die Titelauswahl.

Ein Thema muss her

Frustriert von der Weltlage? Mixt ein dystopisches Weltschmerz-Tape. Oder ein „Peace-Tape“ mit entsprechenden Botschaften in der Musik. Spielt Sample-Polizei: Euch kommt das Vocal-Sample aus dem aktuellen Beatport-Chart-Hit irgendwie bekannt vor? Mixt das Original dazu. Was im Club nicht unbedingt Dancefloor-förderlich sein mag, kann auf einem Mixtape geniales Edutainment sein.

Legt jetzt los

Genau jetzt! Pickt euch 20 neue Tracks und fangt an zu mixen. Und denkt immer dran, frei nach Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Veröffentlicht am 26.04.2019

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