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Workshop
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01.08.2018

Legendäre Drummer & Grooves #6 James Gadson

Der Groove zu Vulfpecks „Running Away“, 2017

Der ultimative Soul Man

In dieser sechsten Folge meiner Workshop-Reihe über legendäre Drummer und ihre legendären Grooves möchte ich euch einen Drummer nahebringen, der zu den meist aufgenommen überhaupt gehört, besonders, wenn es um klassischen Soul und Motown geht. Sein Name: James Gadson, mittlerweile stramme 80 Jahre (!) alt, aber noch immer schwer aktiv. Gadson hat jahrzehntelang das Who-is-Who des amerikanischen Soul mit seiner butterweichen Smoothness bedient, von Marvin Gaye über Aretha Franklin und Bill Withers bis hin zu D'Angelo und Justin Timberlake. 

Außerdem konnte Gadson sich als Songschreiber und Sänger etablieren, mit seiner Combo „The Watts 103rd Street Band“ feierte er in den 1960ern und 70ern große Erfolge, manche dieser Tracks wurden später von Hardcore HipHop Acts wie N.W.A. und Public Enemy gesampled und somit zu Großmomenten der amerikanischen Musikgeschichte wiedergeboren. Wow... 

Der Track, den ich ausgesucht habe, um Euch den „klassischen“ Gadson vorzustellen, ist kein alter und legendärer Song (noch nicht..), sondern ein wunderbarer, aktueller Track der zur Zeit äußerst angesagten Combo Vulfpeck, über die ich schon im ersten Workshop dieser Reihe (featuring Michael Bland) geschrieben hatte. Vulfpeck haben sich für ihr aktuelles Album „Mr. Finish Line“ (2017) wiederholt unterschiedliche Gäste ins Studio geholt, auf diesem Track „Running Away“ ist das neben Drummer James Gadson noch  eine weitere Motown-Legende, nämlich David T. Walker (Jackson 5, Stevie Wonder, Michael Jackson,...) an der Gitarre. Der Song „Running Away“ stammt aus der Feder von Joey Dosik, der hier auch den Gesang übernimmt und das Wurli spielt. Dosik glänzt ansonsten bei einigen Vulfpeck-Tracks am Saxophon und gehört mittlerweile zum erweiterten Kreis der Band. Die Nummer wirkt wie ein Original aus den 60er oder 70er Jahren, James Gadsons Drumming prägt diesen Flavour auf unnachahmliche Weise und zeigt, wie viel Wärme und „Liebe“ über leises, gefühlvolles und nuancenreich umgesetztes Drumming transportiert werden kann – vorausgesetzt, man hat „Soul“. Und James Gadson hat ihn nicht nur, er IST Soul, und das seit über 50 Jahren. Es sind genau diese Qualitäten, die er in diesem Song demonstriert und die ihm seine äußerst beeindruckende Drumming-Karriere beschert haben - und deshalb erschien mir Vulpecks „Running Away“ so passend für diesen Workshop.

Alle Noten zum Workshop gibt es hier als Download:

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Der Groove zum Song ist, gemessen am technischen Anspruch, eigentlich nicht wirklich kompliziert. Es handelt sich um einen ziemlich standardmäßigen Beat in 4/4, mit Backbeats auf „2“ und „4“ sowie einem ab und zu auftretenden Racktom-Akzent auf „4+“. Die Kick spielt ein klassisches Motown-Pattern aus zwei Achteln im Bereich der „1“ sowie  vorgezogenen Sechzehnteln und zwei Achtelnoten im Bereich der „2“ und der „3“. Ein Groove, wie er ähnlich auf vielen Tracks gespielt wurde. 

Aber: Der Song und das dargebotene Feeling an sich hauen mich komplett aus den Socken, weil mit so viel Liebe (von ausnahmslos allen Beteiligten) gespielt wird -  berührender und bewegender, klassischer Soul, eine Seltenheit heute und einfach wunderschön, wie ich finde..

Zu Beginn (00:14 im Video) spielt Gadson nur Kick und Rimclick, also kein Rechte-Hand-Ostinato auf der HiHat, stattdessen bespielt er sein Bein, um schön in den Flow zu kommen – generell eine gute Empfehlung für reduzierte Beats. 

Snare und Tom sind übrigens mit Handtüchern belegt, was den Sound des Kits noch softer, trockener und weniger resonant macht.

Als „Steigerungs-Stufe“ fügt er dann in der ersten Bridge (01:10 im Video) neben dem Wechsel vom Rimclick auf die Snare schwerst groovende, bewegliche Achtel mit leichten Akzenten auf den Off-Beats nach den Backbeats der „4“  auf der Hi-Hat hinzu, die (durch die Produktion mit dem sagenumwobenen „Vulf Compressor“  https://goodhertz.co/vulf-comp / hier auch im bonedo Test) herausstechen. Ziemlich magisch, wie ich finde, da steckt ganz viel Gefühl drin, ein Track voller Soul eben. Von da aus geht es erstmal zurück ins reduzierte Feel für den ersten Chorus und den zweiten Verse.

Im zweiten Chorus (02:29 im Video) zündet James dann die nächste Groove-Stufe und steigert die Intensität, indem er von Achteln zu Sechzehnteln auf der Hi-Hat wechselt, die er - das vorherige Feel zitierend, wiederum auf der „4+“, manchmal auch noch auf der „2+“, im Fluss akzentuiert. Das bringt massiv Drive in den Groove, und auch hier ist ungeheuer viel Gefühl und Bewegung in der Rechten. Die Kick variiert er dabei alle zwei Takte mit einer Sechzehntel direkt nach der „2“, die Backbeats sitzen alle einfach perfekt. Ich habe gelesen, dass Jeff Porcaro seinerzeit Gadsons rechte Hand als „simply Gadson“  bezeichnete (was sicherlich so viel bedeuten sollte wie „einfach unnachahmlich Gadson“), und schaut man sich die Bewegung im Video genau an, lässt sich gut erkennen, was der viel zu früh verstorbene Toto-Drummer damit meinte. In der zweiten Runde dieses zweiten Chorus dreht James das Pattern einfach mal, was die Kick-Note direkt nach dem Backbeat betrifft, er fließt einfach mit dem Song und schert sich nicht um genau wiederholte Patterns. „Heavy Pocket“ trifft auf „die Leichtigkeit des Seins“, einfach grandios. Absolut geschmackssicher steuert der Meister so die Intensität des Arrangements, ebenso wenn er dann nach neun Takten entscheidet, einen Gang zurückzuschalten und wieder zu den Achteln wechselt. Das Ganze scheint improvisiert und einfach zu passieren, funktioniert aber perfekt - ganz einfach, weil James Gadson seit über einem halben Jahrhundert eben genau solche Musik spielt und offenbar tief verinnerlicht hat, sich in seine Mitmusiker und den Song einzufühlen und immer extrem gut zuzuhören, während er trommelt.

Fazit

Dieser (Drum-)Track ist ein Musterbeispiel für „so wird's gemacht“ und zeigt, worauf es (zumindest meiner bescheidenen Meinung nach) beim Schlagzeugspielen in der Essenz wirklich ankommt: Die Musik darin, die Musik drum herum und das Gefühl dahinter. Jeder einigermaßen versierte Drummer kann die Noten dieses Grooves spielen, aber nur ganz  wenige könnten ihn mit so viel Touch und Magie versehen wie ein James Gadson. Und genau deshalb ist der ältere Herr mit dem manchmal skeptischen Blick (00:40 im Video) seit mittlerweile über 50 Jahren und bis heute eine wahre Legende. Und Vulfpeck (ja, ich bin ganz offensichtlich ein großer Fan...) sind auf dem besten Weg, selbst zu einer wahrlich legendären Combo zu avancieren. Herzerwärmend und erfrischend, wie man auch im über-quantisierten Jahr 2018 die Liebe zu handgemachter Musik mir superviel Spaß und einem Schuss Selbstironie zelebrieren kann!

Viel Spaß beim Auschecken und Reinfühlen wünscht Euch 

Harry Bum Tschak

In diesem Video kommt der Meister selbst zu Wort:

James Gadson Recordings / Anspieltipps:

  • 1967 Charles Wright & The Watts 103rd Street Rhythm Band – In The Jungle, Babe / Express Yourself (auch Composer)
  • 1977 The Gap Band – The Gap Band
  • 1977 The Memphis Horns – Get Up And Dance
  • 1978 Smokey Robinson – Love Breeze
  • 1979 Herbie Hancock – The Best of Herbie Hancock
  • 2008 Leonard Cohen – The Collection
  • 2005 Amos Lee – Amos Lee
  • 2006 Justin Timberlake – Future Sex / Love Sounds
  • 2013 Kelly Clarkson – Wrapped In Red 
  • 2013 Bill Withers – The Essential Bill Withers
  • 2014 D'Angelo – Black Messiah

Dies ist nur ein minimaler Auszug aus James Gadsons unfassbar vielfältigem und beeindruckenden Lebenswerk, werft doch sonst mal einen Blick auf diese komplette Diskographie.

Hier gibt es die weiteren Folgen dieser Workshop-Serie:

Michael Bland mit Vulfpeck

JR Robinson mit Steve Winwood

Manu Katché mit Robbie Robertson

Nate Smith mit Fearless Flyers 

Vinnie Colaiuta mit Sting

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Video

Gehört zu dieser Serie

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