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01.02.2019

Legendäre Drummer & Grooves #7: Bernard „Pretty“ Purdie – Der Oldschool Studio-King

Der Groove zu Aretha Franklins „Rock Steady“ (1971)

Schlagzeug-Groove Workshop

Der heutige, siebte Workshop der Serie „Legendäre Drummer - Legendäre Grooves“ widmet sich einer der schillerndsten Figuren der Drumming-Geschichte überhaupt: Bernard „Pretty“ Purdie. Der 1939 im US-amerikanischen Maryland geborene Afro-Amerikaner gilt als einer der meist aufgenommenen Schlagzeuger aller Zeiten, sowie als einer der Väter des Funk Drummings. Zu seinen Credits zählen beispielsweise Aretha Franklin, Joe Cocker, Steely Dan, B.B. King und die Rolling Stones, um nur einige wenige zu nennen. Purdie selbst spricht von 4000 Alben, auf denen er zu hören sei... 

Und hier beginnt auch schon die langjährige Kontroverse um ihn und sein Schaffen, würde dies doch bedeuten, er hätte für ganze 11 Jahre ohne einen einzigen Tag Unterbrechung täglich ein Album eingespielt, oder eben 22 Jahre lang jeden zweiten Tag ein Album eingetrommelt, ihr könnt ja selbst einmal rechnen... 

Darüber hinaus gibt es viele Diskussionen darüber, mit wem er alles zusammengearbeitet hat. Manche sagen, er hätte niemals für das geschichtsträchtige Motown-Label aus Detroit aufgenommen, er selbst behauptet, über 500 Motown-Demos eingespielt zu haben, die dann teilweise von den bekannten Motown-Drummern William Benjamin, Uriel Jones, Richard „Pistol“ Allen oder auch James Gadson nachgespielt worden seien. Ebenso will er auch wiederholt für den “Godfather Of Funk“ gearbeitet haben, hat aber wohl tatsächlich auf keinem von James Browns Tracks getrommelt, gleiches gilt für Miles Davis' legendäres „Bitches Brew“-Album... 

Die wahrscheinlich größte Kontroverse um seine Person aber entfachte seine Aussage, er hätte ganze 21(!) Songs der Beatles aufgenommen und auch Overdubs für die Pilzköpfe eingespielt, Ringo Starr hingegen wäre auf keiner einzigen Beatles-Platte zu hören. Ein Sakrileg, was ihm so einige Feindseligkeiten einbrachte. 

Dass Mr. Purdie ein, sagen wir mal, „spezieller“, sehr selbstbewusster Charakter ist, ist offensichtlich, ebenso unbestreitbar ist aber auch sein gigantischer Einfluss auf die Geschichte des Schlagzeugs und somit auch auf die Funk- und Popmusik der vergangenen 60 Jahre. Als offizieller Erfinder des „Purdie-Shuffles“, also des Halftime-Shuffles mit einfallenden Ghostnotes, auf dem unter anderem John Bonhams „Fool in The Rain“ und Jeff Porcaros „Rosanna“ basieren, hat er die Welt des Drummings bereichert wie nur wenige andere. Purdie hat zweifelsfrei unzählige Songs mit seinem rollenden, funky Groove nicht nur veredelt, sondern entscheidend geprägt; Songs, zu denen ganze Generationen getanzt, geträumt und gelebt haben. Um so seltsamer erscheint es, dass ein Musiker, der so unglaublich viel erreicht hat, auf das er stolz sein kann, scheinbar nie müde wird, egozentrische Geschichten über sein Wirken zu verdrehen, zu übertreiben oder gar frei zu erfinden. 

Dass dies leider kein Einzelfall ist, zeigt der ebenfalls sehr unglückliche Disput um „Wrecking Crew“-Bassistin und Studio-Legende Carol Kaye, die ihrerseits behauptet, viele der großen Motown-Klassiker eingespielt zu haben, die bis dato dem lange verstorbenen „Ein-Finger-Bass-Gott“ James Jamerson zugeschrieben wurden. Aber all dies soll uns hier nur am Rande interessieren; wer sich weitergehend für die Kontroverse um diesen wahrlich legendären Drummer interessiert, findet im Internet massenweise streitbares Material dazu. 

Wir wollen uns nun aber mit der Essenz von Bernard Purdies Werk beschäftigen, um den es uns als Schlagzeuger doch in allererster Linie geht: seinem innovativen, bewiesenermaßen fantastischen Spiel, welches ihm im Jahre 2013 völlig zu Recht seinen Platz in der „Modern Drummer Hall Of Fame“ einbrachte.  

Aus den vielen, vielen Purdie-Grooves, die ich für diesen Workshop hätte auswählen können, habe ich mich für den im Jahr 1971 entstandenen Song „Rock Steady“ von Aretha Franklin entschieden. Nicht nur, dass der Haupt-Groove dieses Tracks Bernards ultra-funky Stil mit rollenden Ghostnotes bestens repräsentiert – auch wenn er kein Shuffle ist – , der Breakbeat, den Purdie hier zusätzlich kreiert hat, dient bis heute vielen Pop- und Hip Hop-Produktionen als Beat-Quelle und gehört wohl zu den meist gesampleten Grooves der Musikgeschichte. Steigen wir nun also ein in die unwiderstehliche Groove-Welt des legendären Bernard „Pretty“ Purdie.

Alle Noten zum Workshop gibt es hier als Download:

Video Original Recording (1971), Audio only: 

Nach einem kurzen Intro beginnt dieser keinem klassischen Strophe/Refrain-Muster folgende „Jam Track“ aus der Feder der Queen of Soul herself mit dem ungeheuer funky vor sich hin pumpenden „Rock Steady“ Haupt-Groove (0:10 im Video) bei ca. 104 bpm. Das eintaktige Pattern fußt auf einem recht simplen Beat aus zwei Bassdrum-Achteln, einer weiteren Bass Drum auf der letzten Sechzehntel der „2“ sowie einer Bassdrum-Note auf der „3-und“, dazu Snare Backbeats auf „2“ und „4“. Darüber läuft die Hi-Hat in Achteln.

Die feinen Elemente, die Purdie diesem einfachen „Skelett“ noch hinzufügt, machen neben dem großartigen, relaxten und doch zwingenden Feel, mit dem der Beat  gespielt ist, den entscheidenden Unterschied: Da wären zum einen die deutlichen Hi-Hat-Öffnungen auf „1-und“ und „3-und“, die den darauf folgenden Backbeats eine exponiertere, kraftvolle Wirkung geben. In den Bereichen der Snare-Backbeats verändert Bernard zusätzlich noch jeweils die Hi-Hat-Figur durch das Einstreuen einer weiteren Sechzehntel-Note, wodurch der Groove einen gewissen Swing-Faktor erhält.

Purdie tritt die Hi-Hat auf allen vier Vierteln durch, wobei er dies mit soviel Finesse tut, dass die beiden Openings auf „1-und“ und „3-und“ richtig satt herausstechen (linker Fuß Heel-Down, lang), während die Hi-Hat-Öffungen im Bereich der „2“ und der “4“ den eingestreuten Sechzehnteln in der Hi-Hat-Hand lediglich eine „kleine Öffnung“ verpassen (linker Fuß Heel-Up, kurz) und so noch mehr Bewegung in den Groove bringen. Ich habe versucht, dies in der Notation durch die Legato-Striche bzw. Staccato-Punkte zu verdeutlichen – wenn ihr den Groove erarbeitet, werdet ihr den Effekt aber hoffentlich automatisch spüren und entsprechend ausführen. Das Zusammenspiel zwischen linkem Fuß und rechter Hand ist ja immer entscheidend, wenn es um die deutlichere oder eben weniger deutliche Herausstellung von Hi-Hat-Öffnungen geht. Einfach ausprobieren und erfühlen, was wie am besten klingt und für euch funktioniert.

Und schließlich kommen natürlich noch die typischen Purdie-Ghostnotes dazu, welche dem ganzen funky Apparat die finale Würze verleihen. Achtet dabei, wie immer beim Einsetzen von Ghostnotes, unbedingt auf die Lautstärken-Verhältnisse: Backbeat kräftig, Ghostings schön leise, aber hörbar, sodass alles schön vor sich hin rollt. Für den Anfang könnt Ihr die jeweils unmittelbar nach den Backbeats gespielten Ghostnotes weglassen, ich finde aber, dass diese letztendlich bei Beats dieser Kategorie auch zum „Salz in der Suppe“ beitragen.

Hier noch einmal ein Blick auf das, was beide Hände spielen, mit und ohne Hi-Hat-Öffnungen, aber ohne Bass Drum:

Während des Jams hat offenbar ein Percussionist auf einer Cowbell „dazu-improvisiert“. Die Figur, die er spielt, ändert sich im Laufe des Songs immer mal wieder; ich habe für euch den Cowbell-Part herausgeschrieben, der über dem Main Groove zu hören ist. Achtet einmal darauf, wie wunderbar die beiden Elemente (Drums und Percussion) miteinander harmonieren und wie viel ein Bell-Pattern zur Wirkung eines Grooves beitragen kann.

Neben dem Haupt-Groove verpasst Purdie dem B-Part eine Groove-Variante, die diesem Teil des Tracks noch einmal ordentlich Druck und Action verleiht: der eintaktige Breakbeat (1:15 im Video) wird auf dem Ride-Becken gespielt, alle Viertel werden auf der Glocke des Beckens akzentuiert und von zwei Sechzehntel-Noten (die „und`s“ und die „a`s) umspielt. Zusätzlich zu den beiden Backbeats auf „2“ und „4“ streut Bernard noch einen weiteren, für Tanzlust sorgenden Backbeat auf der „2-und“ ein. 

Und auch die Bassdrum-Figur ändert sich im Breakbeat: Auf „1“ findet sich hier eine Achtel, gefolgt von zwei Sechzehntel-Noten, sowie zwei Sechzehnteln im Bereich der „3-und“. Die Snare Ghostnotes fallen, wie beim Main Groove, ganz natürlich zwischen die Backbeats. Um diese Zwischenschläge in Kombination mit der Ride-Figur präzise zu setzen, unbedingt langsam und bewusst üben!

Ich habe hier noch einmal die erste, viertaktige Breakbeat-Sektion (1:11 im Video) für euch aufgeschrieben und nachgespielt: Aus dem Main-Groove kommend, wechselt Purdie über ein einfaches Tom Fill in Sechzehnteln über drei Viertel (2,3,4) in den Breakbeat. Im vierten Takt der Sektion nimmt Purdie ab der Zählzeit „3“ die Sechzehntel-Offs der Bläser-Gruppe unisono mit, indem er sie durch eine Kombi aus Bass Drum und geöffneten Hi-Hat-Akzenten spielt. Super classic-funky!

Ich hoffe, dieser Einblick in die umfangreiche Arbeit von „Studio-King“ Bernard Purdie hat euch ebenso viel Spaß gemacht wie mir und hilft euch ein wenig dabei, hinter die rollende Magie seiner legendären funky Beats zu steigen. Auch hier gilt: Sobald ihr die technischen Herausforderungen gemeistert habt, zählt nur noch das Feel: Druckvoll und zwingend einerseits, laid back, funky und entspannt andererseits.

Viel Spaß beim Auschecken wünscht euch

Harry Bum Tschak

Tipp: Hier geht’s zurück zur Übersicht mit allen Folgen.

Bernard „Pretty“ Purdies Schaffen ist so umfangreich, dass es schwerfällt, einzelne Recordings herauszustellen. Schaut doch am besten mal auf den englischen Wikipedia-Eintrag, um euch einen Überblick zu verschaffen. https://en.wikipedia.org/wiki/Bernard_Purdie

Besondere Erwähnung verdient auf jeden Fall folgende kleine Auswahl:

  • Nina Simone – Album „Nina Sings The Blues“ (1967)
  • Aretha Franklin – Album „Aretha Live at Filmore West (1971)
  • Joe Cocker – Album „I Can't Stand A Little Rain“ (1974)
  • Steely Dan - Album „Aja“ (1977)
  • B.B. King - Album „There Must Be A Better World Somewhere“ (1981)
Veröffentlicht am 01.02.2019

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