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Test
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31.12.2019

Manley Variable MU Compressor/Limiter Test

Stereo Compressor/Limiter

American Honey: Der „Vari-Mu“ für Mix und Mastering

Legende wäre zu viel gesagt, aber ein wichtiger Studio-Klassiker ist er definitiv, der „Vari-Mu“: Mitte der 90er Jahre läutete er als einer der ersten die Renaissance guter alter Röhrentechnik ein und legte außerdem den Grundstein für den Erfolg von Manley Labs. Der „Manley Labs Stereo Variable Mu Limiter/Compressor“, so sein vollständiger Name, ist dabei ein recht moderner Fairchild 670, wenn man so will. Und der wiederum ist definitiv Legende – allein seiner 30 kg, 20 Röhren und 11 Trafos wegen.

Es handelt sich beim Manley Vari-Mu also um einen klassischen Vollröhrenkompressor: simpel im Design, aber kompromisslos in der Umsetzung. Der Mu ist außerdem einer der Kisten, die einfach alles besser klingen lassen: Sanfte Obertöne, runder Bass und cremige Verdichtung – American Honey eben. Das ist ein Sound, den viele Mix-Engineers lieben! Auch im Mastering-Studio ist der Vari-Mu anzutreffen, wenn auch mittlerweile etwas weniger als früher, da zunehmend cleane und modernere Geräte en vouge sind, etwa SPL Iron und auch Rockruepel. Richtig gehört, der Manley trägt einigen tatsächlich zu dick auf. 

Details

Born in the USA

Der Manley Stereo Variable Mu Compressor/Limiter ist ein Dual-Mono-Kompressor „Handmade in the USA“. Spezialisiert für Mix und Mastering, lässt er sich aber auch ohne Probleme beim Tracking nutzen. Er gehört dabei eher zu den „gemütlicheren“ Verdichtern und ist somit besonders für „Natürliches“ und für Stereo-Summen ideal, nicht unbedingt für brachiale Metal-Drums.

In seinem martialischen 19-Zoll Design stecken acht Röhren, die seine 6,5 kg und 2HE auch ordentlich zum Glühen bringen. Oben und unten ist der Metallkasten gelocht, damit er einfach besser atmen kann. Die extrafette Alu-Front und ihre dicken Regler sind haptisch ein wahrer Genuss; toll gelayoutet und schön anzuschauen ist der Vari-Mu sowieso. Lediglich seine etwas zu filigranen Kippschalter wirken im Vergleich etwas grotesk. 

Für jeden Kanal gibt es individuelle Bedienelemente, nur der mittige DUAL-INPUT-GAIN wird von beiden Seiten gleichzeitig genutzt. Ferner schmücken zwei große und beleuchtete VU-Meter die Front, welche exklusiv für die Gain-Reduktions-Anzeige zuständig sind. Ein- und Ausgangspegel lassen sich also nicht darstellen. 

Konzept

Der Vari-Mu arbeitet, wie der Fairchild 670, nach dem Prinzip des Tube-Re-Biasing. Der Bias einer Triode wird so negiert, das sich sich deren Gain in der Folge ändert. Und zwar so, dass ein durchfließendes Audiosignal entsprechend komprimiert wird. Im Prinzip ein VCA, wobei der Verstärkungsfaktor vom Bias und der Bias vom Sidechain beeinflusst wird. Und jetzt kommt es: Gain nennt man bei Röhren auch Mu, und da dieser variabel ist, heißt der Vari-Mu eben Variable Mu.

Der Audiopfad ist puristisch und Halbleiter-frei. Die meisten „Signal-Modifikatoren“ betreffen ohnehin nur den Sidechain, also das Steuersignal was letztlich den Bias beeinflusst. Auch die Sidechain-Gleichrichtung wurde mit Röhren realisiert. 

Frühere Revisionen des Vari-Mu haben außerdem die selben Röhren wie der Fairchild 670 benutzt. Klanglich gelten diese als etwas besser und sollen bei höheren Verdichtungen weniger „squeezen“, allerdings nutzt man den Vari-Mu sowieso meist eher dezent, von daher ist das eher ein theoretisches Problem. Ist aber auch so egal, da es diese Röhren ohnehin so gut wie nicht mehr gibt. Und so musste Manley sich was Neues einfallen lassen. Also wurden die 6386 Röhren zunächst durch aktuelle 5670 ersetzt und später eine „T-Mod“ angeboten, der klanglich sogar noch einen Hauch besser sein soll als die alten Fairchild Röhren. Die T-Mod ersetzt dabei die Doppeltriode durch je ein Paar 6BA6 Pentoden in Single-Trioden-Verkabelung und ist optional, genau wie eine M/S-Option. Das Sidechain-Filter war früher optional, nun ist es Standard.

Bedienung

Der Vari-Mu verfügt über keinen Ratio-Regler aber zwei Betriebs-Modi: LIMIT und COMPRESS. Diese unterscheiden sich in der Schärfe des Soft-Knee. Kompression ist dabei weich, Limit hingegen ein schärferes Knie. Typischerweise wird die Kompression stärker, umso größer die Überschreitung des Schwellwerts (Thresholds) ist. Bei Kompression kann man von ungefähr 1,5:1 ausgehen, Limiting startet hingegen bei 4:1 und geht bis ungefähr 20:1 bei 12 dB GR. Am besten klingt der Mu aber ohnehin mit Reduktionen zwischen 2 und 5 dB. Entsprechend fein aufgelöst ist das VU-Meter, dessen zweite Hälfte gerade mal 4 dB umspannt.

Zur Justage der Regelvorgänge dienen THRESHOLD, RECOVERY (Release) und ATTACK. Auch diese Parameter sind ziemlich musikalisch gehalten und verhalten – der Vari-Mu will ja auch kein 1176 oder dergleichen sein. Recovery ist als fünfstufiger Drehschalter konzipiert (8s, 4s, 0,6s, 04s und 0,2s) und Attack wird von 25 ms bis 70 ms frei eingestellt. Der Threshold kann verwirren, weil er auf Linksanschlag mit Minimum beschriftet ist und der Comp auf dieser Position am meisten arbeitet. Es ist dennoch logisch, denn Minimum bezieht sich eben nicht auf die Intensität sondern auf den Bezug des Thresholds zum Pegel. Und je tiefer der Threshold ist, desto eher wird er überschritten und umso stärker wird wiederum komprimiert. 

Dual-Input & Stereo-Link

Wo komprimiert wird, muss aufgeholt werden. Und dafür ist das Make-Up da. Es heißt hier OUTPUT und ist für jeden Kanal individuell einstellbar. Das ist gut, da es durchaus leichte Unterschiede zwischen Links und Rechts geben kann – Röhre eben – die so einfacher ausgeglichen werden können. 

Das DUAL-INPUT-GAIN (+/-8dB) wird mit einem Drehschalter eingestellt. Das ist zunächst präziser als ein Schleif-Poti, was es bei älteren Versionen gibt, bzw. deutlich präziser als zwei Potis. Input und Threshold beeinflussen die Kompression gemeinsam, welche bei Stereosignalen möglichst gleich sein sollte. Beim Threshold ist die Deckungsgleichheit hier zwischen Links und Rechts nicht so relevant, weil dieser bei aktivierten STEREO-LINK ohnehin nur von einer Seite definiert wird.

Der Link ist ein zweiter Stolperstein für Newbies: Link betrifft nur die Sidechain-Parameter Threshold, Attack und Recovery. Output sowie Limit/Compress-Mode muss man dennoch für jeden Kanal individuell einstellen. Und BYPASS natürlich auch – der übrigens als Hard-Bypass ausgeführt ist.

Noch ein Satz zum Wechselspiel zwischen Gain und Threshold bzw. deren Relativität: Die Charakteristik der Kompression ist identisch, bei hohen Gain treibt es die Schaltung nur eher in die Sättigung – was nach Situation auch gewünscht ist. Bei mir beispielsweise ist es so, dass ich bei meinem Vari-Mu eher selten Parameter ändere und oft nur mittels Dual-Input-Gain anpasse.

Fertigung

Der Vari-Mu kostet in der Standard-Ausführung rund 4500,- Euro, der T-Bar-Mod schlägt mit weiteren 500,- Euro zu Buche und eine Mastering-Variante, bei der hauptsächlich alle Potis durch Greyhill-Switches für besseren Recall ersetzt wurden, ist für rund 5800,- Euro zu haben. Ein Schnäppchen ist er damit nicht und wenn man die Summe der hochwertigen Einzelteile aufzählt, ist der Preis auch nicht unbedingt nachzuvollziehen.

Aber das ist nur die halbe Miete, da die Fertigung des Boliden selbst ebenso aufwendig ist, da u.a. „matched“ Bauteile erforderlich sind, welche eben von Hand selektiert werden müssen. Die Ein- und Ausgangs-Übertrager werden „in house“ gewickelt – und tragen ebenfalls nicht unwesentlich zum feinen Klang bei. Das alles gibt es es in einem schönem Fan-Video zu beäugen, wobei sich schön vor allem auf die „nerdy“ Inhalte bezieht, weniger auf die Kameraführung. Egal: 1,5 h später hat man seinen Manley noch mehr lieb.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • cremig-dicker Sound
  • einfache Bedienung
  • gute Verarbeitung

  • kein Contra

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