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12.12.2019

Die besten DVS-Systeme: Software, Hardware, Rückblick, Ausblick, Status Quo

Digitale Vinyl Systeme: Traktor, Serato, Rekordbox, VDJ, Mixvivbes und Co.

Ich möchte diesen Artikel mit einer kleinen Zeitreise zurück in das Jahr 2010 beginnen, genauer gesagt in den Dezember. Zu diesem Zeitpunkt entstand nämlich dieser Text hier erstmalig und mittlerweile sind etliche Jahre ins Land gezogen. Seinerzeit eröffnete ich mit der Einleitung:

„Welches DVS passt zu mir? Eine schwierige Frage, die pauschal nicht zu beantworten ist. Naturgemäß stellt ein elektronisch verwurzelter Deejay andere Anforderungen an seine Arbeitsumgebung als ein Scratch-Enthusiast, Radio-, Party- oder Wedding-DJ. Daher verwundert es nicht weiter, dass sich Softwarehäuser der individuellen Schwerpunkte verschiedener Zielgruppen annehmen und maßgeschneiderte Lösungen anbieten… Zudem spielt das Budget für viele DJs – gerade während der ersten Gehübungen – eine entscheidende Rolle.“

Daran hat sich wohl grundsätzlich nichts geändert, jedoch ist die Marktsituation mittlerweile eine andere, wie wir gleich sehen werden.

My Daddy was an UFO ...

Obwohl manches „Digital Vinyl System“ Paket früher auch mit Timecode-CDs im Gepäck ausgeliefert wurde, hieß es weitläufig DVS. Die Bezeichnung hat, so man das bei einer Entstehungsgeschichte von mittlerweile rund 20 Jahren sagen kann, historische Gründe.

Zeit, den ersten massenmarktkompatiblen Scratch-Amp für ein Foto vor die Kamera zu locken. Wo war er denn gleich noch mal …

Spiritus-Rectus Final-Scratch

… lief zunächst nämlich ausschließlich mit Steuer-Vinyl auf speziell dafür angepassten Betriebssystemen. Weit entfernt von dem, was wir uns heute unter einem Plug & Play-fähigen, anwenderfreundlichen System vorstellen. Erst nachdem Stanton 2003 das System aufgekauft hatte und mit der Software Traktor-FS für die Betriebssysteme Windows, MacOS und Linux auch für den Normalbürger verfügbar machte, kam Bewegung in die Szene. 

Die Updates 1.5 und 2.0 brachten mehr Stabilität. Mit Version 2 hielt die Timecode-CD Einzug, die sich nach einiger Zeit zu einem beliebten Steuermedium entwickelt hatte, sodass manche Anwender ihr Musikprogramm statt mit einem Turntable mit einem Pioneer CDJ-Player oder einem ähnlichem Gerät dirigierten. Heute funktionieren einige „Laufwerke“ – darunter der Denon SC5000 Prime oder der CDJ-2000NXS via USB als Software-Controller. WAV/AIFF Timecode-Signale gibt’s zudem auf manchen Hersteller-Websites – ready to burn. Hier mal ein Snapshot meiner diversen Timecodes, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben:

Alcatech – sie mach(t)en auch BPM-Studio – hatten seinerzeit ebenfalls eine eigene DVS-Software, die für die eigene Hardware als Dongle diente. Man mag es kaum glauben, aber hier kam ein Hammerfall-Chip zum Einsatz und das System bestand aus Interface plus PCMCIA (!) Laptop-Card. Das möchte ich euch nicht vorenthalten und wo ich schon einmal dabei bin, gleich noch den Firewire-tauglichen Scratch-Amp 2 erwähnen. Widmen wir uns nun dem Status Quo!

DVS-Kompatibilität, Dongle-Systeme, Interface, DVS-Mixer – wer mit wem?

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen Hardware-gedongelten (Komplett-) Systemen und offenen Architekturen, wo meist nur die Software angeboten wird. Letztgenannte bedürfen zum Teil eines erhöhten Konfigurationsaufwandes, dafür besteht Wahlfreiheit, was das Audiointerface und die Timecode-Medien angeht.

Wer folglich schon eine Vierkanal-Soundkarte besitzt – oder auch ein Mischpult mit integriertem Mehrkanal-Audiointerface – kann sein Setup so unter Umständen kostengünstiger aufbauen, als würde er zu einem Flaggschiff-Bundle greifen. Die bekanntesten Vertreter der „offenen“ DJ-Software sind hier wohl Virtual-DJ, neuerdings auch Traktor und dazu noch Veteran PCDJ. Dagegen stehen die Systeme, die ausschließlich mit Hersteller-Hardware laufen.

Zu unseren DJ Software-Tests

Als ich den ersten Marktüberblick für DVS-Systeme mit Interface geschrieben habe, waren Turntables noch einigermaßen gut verbreitet und der Controllerism steckte quasi noch in den Kinderschuhen. Stanton, Vestax, American Audio und M-Audio waren noch recht stark im DJ-Sektor tätig, Stanton hatte allerdings schon den Betrieb des Final Scratch mit Scratch-Amp eingestellt, das System ging in NI Traktor auf.

Folgende Firmen hatten seinerzeit Produkte für den DVS-User im Portfolio: Hercules Scratch Starter Kit mit Deejay Trim 4/6, M-Audio Torq mit Conectiv, Mixvibes Cross mit U46MK2, Mixvibes DVS-Ultimate mit UMIX44, Serato Scratch Live mit Rane SL1, Serato Scratch Live mit Rane SL3, Traktor Scratch Duo mit Audio 4DJ, Traktor Scratch Pro mit Audio 8DJ.

Heute wären beispielsweise diese Audiointerfaces für DVS-DJS empfehlenswert

Mischpult oder Interface?

Das „traditionelle“ DVS besteht also aus einem USB-Audiointerface mit Timecodes, ganz einfach auch deshalb, weil Mixer mit integriertem, DVS-zertifiziertem Interface früher absoluten Seltenheitswert hatten. Und dann gab es auch immer den Battle zwischen Traktor und Serato. Welche Mixer/Soundcard läuft mit welchem System? Ist das Pult „Traktor Scratch Pro“ zertifiziert oder „Scratch Live“ (Vorgänger von Serato DJ) zertifiziert?

Rane – damals noch nicht bei InMusic und traditionell der Turntablism-Schiene zugewandt, setzte hier auf Serato. Allen&Heath, Denon und Pioneer hingegen eher auf Traktor. Legendär in diesem Zusammenhang: Der Xone:3D Mischer, der zwei fette Sidewings an MIDI-Controllern mit integrierten Jogwheels an den Mischer pappte.

Gegen Weihnachten 2012 kam Native Instruments selbst mit dem Z2-Pult heraus, lieferte also einen eigenen DVS-Mixer mit MIDI-Buttons aus und die TSP-Zertifizierungen nahmen im Laufe der Zeit etwas ab. Im Umkehrschluss war dadurch auch der Weg für weitere SSL-Mixer, begünstigt durch den Release von Serato Pro, geebnet. Pioneer – mittlerweile mit dedizierten DJ-Mischpulten für rekordbox dvs am Start – beschlossen 2018, weitere Modelle ihrer USB-Mixerpalette für NI zu öffnen.

Rekordbox, Traktor Pro 3 und der Status Quo

Die Frage, ob ein DVS-System mit TSP oder Serato läuft, hat sich mit der Einführung von rekordbox dvs und Traktor Pro 3 verlagert. Letztgenannte Software verzichtet nämlich in der neusten Generation auf Dongle-Hardware und Pioneer haben mittlerweile ihr eigenes Package geschnürt. Mixvibes ist ein weiterer DVS-Veteran, der mittlerweile nur noch Software und Timecode anbietet und freie Wahl hinsichtlich des Audiointerfaces gewährt, ebenso wie das bereits erwähnte VDJ.

Ihr seht also: Auch wenn sich die Software teils immer mehr annähert, so arbeiten die Häuser im Kern mit eigens definierten Schwerpunkten und Update-Philosophien und verbessern ihre Produkte konsequent. Dabei differenziert sich naturgemäß das Produktportfolio und es gibt für unterschiedliche Einsatzszenarien und individuelle Geldbeutel die passenden Lösungen. Was noch vor einigen Jahren aufgrund mangelnder Rechnerleistung undenkbar gewesen wäre, ist heute oftmals kein Problem mehr. Ausgefallene, gut klingende Effekte, Echtzeit-Videoscratching, Multi-Controller MIDI-Kompatibilität, Broadcasting, Online-Playlists und vieles mehr.

Streaming und DVS-Kontrolle?

Beim Thema Streaming stellt sich die Sache noch etwas anders dar, denn hier kann meiner Meinung nach nur diejenige Software punkten, die eine Offline-Speicherung zulässt und eine kommerzielle Nutzung erlaubt. Davon sind die Streaming-Anbieter jedoch noch weit entfernt.

Okay, sicher lässt sich ein gepufferter Track auch in der DJ-Software mit den typischen Bordmitteln bearbeiten, aber wer auf Nummer sicher gehen möchte, der will den Track auf Harddisk und nicht aus dem möglicherweise vor Ort unzuverlässigen WLAN puffern. Auf der anderen Seite ist Streaming im Turntablism-Sektor und DVS-Bereich nicht so ein relevanter Punkt.  

Unsere Empfehlungen

Lesetipp: Welche DJ-Software bietet welchen Streaming Service

22Die Zukunft des DVS - Spielen digitale Vinyl-Systeme bald noch eine Rolle?

Eine gute Frage und nicht ganz leicht zu beantworten: Wir sahen zu Beginn des Controllerism eine rasante Miniaturisierung des DJ-Equipments. Auflegen ging auf einmal mit einem VCI-100 (LINK) plus Laptop. Nun gibt es immer besser werdende Lösungen mit USB-Stick und großen Jogwheels, siehe Pioneer CDJ-2000NXS2 und SC5000M usw. 

Heute buhlen zudem auch iPads um die Gunst der Hobbyisten und semiprofessionellen Anwender, in den Techno Clubs wird nach wie vor auch mit Schallplatten aufgelegt, komplexe DJ-Workstations wie der Denon Prime 4 und Pioneer XDJ-RX2 erfreuen sich großer Beliebtheit. Das DVS scheint im Gesamtmarkt etwas an Bedeutung zu verlieren. Seine ganz eigene Sicht zu diesem Thema hat uns Friedemann Becker im großen Traktor Special mit Mijk van Dijk geschildert.

DVS auf dem iPad

Und auch das ist mittlerweile möglich, zumindest mit den Apps Edjing und iMect DJ Player. In letzterer könnt ihr ein Audiointerface und sogar einen frei wählbaren Timecode (kHz lassen sich im Programm einstellen) mit euren Turntables nutzen.

Video

Unbestreitbar sind die Programme und Hardware heute leistungsfähiger und die Gesamtperformance der DVS-Systeme und der DJ-Software im Allgemeinen ist effizienter. Ein gewisser Innovationsstau im Bereich der DJ-Gear – vielleicht auch weil einige innovative Firmen wie Vestax oder Stanton weggebrochen sind – lässt sich dennoch wohl ausmachen, auch wenn Denon gerade mit WLAN-Streaming in der Hardware dem Markt neue Impulse geben.

Ich möchte diesen Artikel dann noch mit einer Anregung beschließen: Wie wäre es denn in absehbarer Zukunft mit einem geeigneten Protokoll, das es dem DJ ermöglicht, über das Internet mit einem Gleichgesinnten einen DVS-DJ-Battle inklusive Live-Stream auszutragen.

In diesem Sinne – nach dem Update ist vor dem Update.

Happy Mixing wünscht Peter Westermeier.  

Veröffentlicht am 12.12.2019

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