Software iOS
Test
10
29.12.2016

Praxis

Der erste Kontakt birgt ein übersichtliches, reduziertes Layout, die Oberfläche ist sinnvoll aufgebaut. Wer einigermaßen Vorkenntnisse mit ähnlichen Softwares wie zum Beispiel Figure von Propellerhead oder Ableton Live hat, wird sich hier ohne Probleme zurechtfinden. Aber auch ohne großartige Skills sollte der Einstieg leicht fallen, denn die auf wenige, aber dafür sinnvolle Features beschränkte Software kann auch ohne Anleitung gut erschlossen werden.

Ein Handbuch ist dementsprechend auch gar nicht erst verfügbar, Mixvibes bietet im Gegenzug aber eine Handvoll gut produzierte YouTube-Tutorials und ein Forum auf der eigenen Website an.

Was einem sofort positiv auffällt: der Sound. Sobald man ein paar Clips der Sample Packs abspielt, merkt man, dass hier wirklich sehr gute Aufnahmen ausgewählt wurden. Die Drums klingen satt, die Bässe markant und die Pads hochwertig, zudem sind die Pakete stimmig und mit Sachkenntnis zusammengestellt. Wer beispielsweise bei „Deep House“ aktuelle Radio-Hits à la Robin Schulz erwartet, ist hier fehl am Platz, vielmehr wurde hier Augenmerk auf die Wurzeln des Genres gelegt, die Verantwortlichen scheinen sich auszukennen. Bei solch hochwertigen Paketen freut man sich, dass die angebotene Auswahl an Sample Packs stetig erweitert wird, auch fernab der eigenen Präferenzen merkt man im gut funktionierenden Store, dass alles sehr rund und abgestimmt klingt.

Workflow

Mit Remixlive kommt im Einsatz schnell ein reibungsloser Workflow zustande, die Bedienung ist leicht und einleuchtend, mit den bestehenden sehr guten Sounds kommen dann auch schnell die ersten Erfolgsgefühle. Alle Clips laufen problemlos synchron und passen auch musikalisch untereinander sehr gut zusammen. Auf dem iPhone lassen sich mittels Touchdisplay kinderleicht mehrere Clips gleichzeitig abspielen, ein großer Vorteil gegenüber der Mac/PC-Version. Rechner sind im Normalfall nicht mit einem berührungsempfindlichen Bildschirm ausgestattet (das Update unterstützt diese jedoch neuerdings, cool!)

Vorteil der großen Versionen: Wie man es auch von diversen DAWs gewohnt ist, lassen sich hier kinderleicht MIDI-Controller anschließen und deren Bedienelemente den einzelnen Pads zuweisen. Dabei bieten sich naturgemäß Controller an, die über eine Pad-Matrix verfügen, wie beispielsweise Akai’s APC Mini.

Man kann allerdings auch alles andere MIDI-Fähige anschließen und die Remixlive-Oberfläche und den Workflow darauf anpassen. Das ist auch notwendig, denn per Maus macht die Steuerung der Software nicht wirklich Spaß, außerdem ist man damit auch in der Funktionalität stark eingeschränkt. Im Verbund mit der Hardware jedoch wird Remixlive zu einem nützlichen und durchaus professionell einsetzbaren Live-Instrument und einer praktischen Sample-Batterie.

Auch der Mixer erfüllt seinen Zweck tadellos, die EQs klingen sauber, das Filter hat einen Hauch Resonanz und klingt für diese Anwendung gut. Gleichzeitig lässt sich dieser Bereich auf der kleinen und großen Version angenehm steuern.

Die Effekt-Sektion klingt in der Anwendung durchgehend ordentlich. Die im Kontext der sample- und remixorientierten Software passend ausgewählten Möglichkeiten ergänzen den Workflow optimal, Build-Ups, Delays und Hall sind hochwertig und tragen zur Live-Tauglichkeit bei. Einzige der Beat Repeater klingt ein wenig zu brachial und kantig, aber das ist wohl auch Geschmackssache.

Nicht so gut finde ich die Oberfläche zum Bearbeiten von Samples, diese ist wirklich sehr einfach gehalten und nur für die grundlegenden Aufgaben nützlich. Die ADSR-Hüllkurve funktioniert noch ganz gut, wenngleich man auf dem iPhone aufgrund des kleineren Displays nicht immer die einzelnen Punkte direkt zu fassen bekommt. Dennoch erfüllt sie ihren Zweck. Ganz schlecht ist der Zugriff auf Loops, da die visuelle Anzeige keinerlei Hilfe bereithält, es fehlt hier einfach ein Takt-Raster. So wird das Loopen, inklusive Setzung von Start- und Endpunkten, von im Vorfeld nicht genau zugeschnittenen Samples fast zum Glücksspiel. Als Konsequenz braucht man wirklich lange für eine in einer beliebigen DAW in Sekunden erledigte Aufgabe. Schade.

Das letzte große Update bringt neben plattformübergreifendem Ableton Link folgende neue Features mit: den bereits erwähnten Autopilot (Mac/PC), die Möglichkeit, die gesamte Grid auch per MIDI-Befehl stoppen (Mac/PC) und Samples aus gekauften Paketen, die nicht mehr benötigt werden, löschen zu können (plattformübergreifend). Des Weiteren lassen sich die Clips im VST-Host-Modus per MIDI-Sequenz steuern (Mac/PC, AU-/VST-Version, also noch eine weitere mögliche Art der automatisierten Abfolge).

Verwirrter Autopilot?

Der Autopilot für das automatisierte Abspielen der Loops lässt sich in der Mac-Version in den Preferences einstellen. Zur Auswahl der Abfolge stehen hier Lines, Bounce Lines und Random, außerdem lässt sich noch die Zeit bis zum nächsten Schritt des Piloten einstellen. In der Praxis hat das leider überhaupt nicht funktioniert, abgesehen davon, dass diese drei Auswahlmöglichkeiten ohne Ausnahmen und Sonderregeln natürlich viel zu wenig sind, um eine sinnvolle Automatisierung einstellen zu können, konnte ich im praktischen Verfahren keinerlei logische Muster erkennen. Wer jetzt erwartet, dass im Modus „Lines“ alle Clips einer Reihe nacheinander abgespielt werden, wird nämlich enttäuscht. Vielmehr spielt der Autopilot zufällig zwei Clips einer Reihe ab, bevor er dann auch für die darunter liegende zwei zufällige Loops startet. Welche das genau sind, lässt sich leider nicht festlegen oder vorhersagen.

Ableton Link – kabellose Freude

Die vielleicht wichtigste neue Funktion des Updates ist die Implementierung von Ableton Link. Und die funktioniert sehr gut und ist eine tolle Erweiterung: Kinderleicht lässt sich Remixlive auf dem iPhone über das heimische WLAN-Netzwerk mit Ableton auf dem MacBook synchronisieren, ein kurzes „linked“ zeigt dabei an, dass der Vorgang des Verbindens funktioniert hat. Nun lässt sich die Sequenz der Anwendung nicht mehr selbstständig starten, sie und die BPM-Zahl sind an Abletons internen Sequencer gekoppelt. Die einzelnen Sample-Loops beginnen dann nur auf einem von der DAW vorgegebenen Beat, um so einen nahtlosen, synchronisierten Zugang zu ermöglichen, ein Verkabeln ist somit gar nicht mehr nötig. Die mobile Version ist von sich aus sehr schön tight synchronisiert, die Mac/PC-Version kann in ihrer Latenz in den Einstellungen noch variiert werden.

Das wirklich Tolle an Ableton Link ist jedoch, dass die Verlinkung von Geräten und Anwendungen auch ohne die namensgebende DAW möglich ist. Dadurch ergeben sich für Remixlive quasi unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten, denn die Liste der „Link“-kompatiblen Apps wird immer länger.

So kann Remixlive im Live-Set wunderbar als Sample-Effekt-Schleuder nützlich sein: Die eigene Musik wird über Ableton am Rechner live gespielt, das iPhone mit Remixlive trägt zusätzlich abfeuerbare Effekte synchron bei. Auch im Studio kann die Anwendung sinnvoll sein, so ist durch die kabellose Verknüpfung jederzeit ein Einstieg in einen bestehenden Jam möglich, die hochwertigen Sample Packs können dabei kreative und schnelle Inspiration für eigene Produktionen liefern. Guter Schritt also, dass Remixlive sich nun mit Ableton Link bereichert hat.

Unterschiede der Versionen iOS/Android und Mac/PC

Im Grunde sind sich die Versionen sehr ähnlich. Abgesehen von mehr möglichen Sample Pads in der Mac/PC-Version, mehr Effekten und dem nicht wirklich ausgereiften Autopilot, ist es vor allem die Möglichkeit der Steuerung via MIDI-Controller, die die „große“ Version auszeichnet. In Kombination mit den erweiterten Einstellungsmöglichkeiten ergibt sich im Hinblick auf die iOS/Android-Version damit eine größere Live-Tauglichkeit, man könnte damit definitiv einen Live-Auftritt bewältigen.

Ansonsten, bezogen auch auf die Remix-Intention der App, ergeben sich für die Mac/PC-Version kaum Vorteile, es gibt nichts, Design, Workflow, Sound, was sie signifikant besser kann oder in dem sie anders ist. Die kostenlosen Versionen für Smartphones bieten im Gegensatz zur großen Version nicht direkt alle wichtigen Features, so müssen beispielsweise die Möglichkeit, Samples transponieren zu können und erweiterte Bearbeitungsmöglichkeiten (Sample-Länge ist nicht mehr begrenzt, Import von Samples aus iTunes und mehr) per In-App-Kauf erworben werden. Ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal hat die große Version damit nicht, dennoch ist sie im Gegensatz zur iOS/Android-Version nicht kostenlos. Wer noch kein Ableton Live hat, für den kann sich der Kauf der „großen“ Version lohnen, Remixlive ist mit Abstrichen ja quasi die Clip-View der bekannten DAW als eigenständige Anwendung. Wer Ableton schon hat, für den dürfte die App nicht interessant sein.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • toll klingende, gut abgestimmte Sample Packs
  • leichte Bedienung
  • guter Workflow
  • Beschränkung auf im Kontext sinnvolle Features
  • Windows-Version unterstützt Touch-Displays

  • Bearbeitung von eigenen Loops schwierig
  • FX nur auf Summe oder eine einzige Spur
  • wichtige Features für Smartphone-Versionen nur via In-App-Purchase

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