Workshop_Folge Workshop_Thema
Workshop
2
07.06.2019

Nach diesen Kriterien beurteilst du (d)einen Mix

Mix-Analyse: Wie klingt eine Song-Mischung?

Kriterien für die Bewertung einer Audio-Mischung

Viele von euch kennen es: Ihr sitzt am Mixdown eines eigenen Songs, ihr mischt fremde Musikproduktionen oder sollt eine Audio-Mischung analysieren und beurteilen. Worauf soll man beim Abhören achten? Es gibt geschmacklich-kreative, aber auch durchaus technische Aspekte. Natürlich kann man nicht alles wie ein Steuerprüfer mit einer Abhakliste erledigen, aber dennoch: Hier bekommt ihr einen Leitfaden, an dem ihr euch orientieren könnt.  

VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE BEURTEILUNG VON AUDIO-MISCHUNGEN

Frische Ohren

Ihr benötigt frische Ohren. Oder „andere“. Was das bedeuten soll? Nun, wenn ihr selbst an einem Mix arbeitet oder sogar am Song beteiligt wart, hört ihr die Dinge anders als ein Fremder. Oftmals hilft aber schon etwas zeitlicher Abstand. Wenn ihr nicht mindestens eine Nacht drüber schlafen könnt, dann macht eine Zeit lang etwas anderes, hört ganz andere Musik, geht spazieren, esst was. Besser ist es, wenn ihr den Mix noch gar nicht kennt, dann könnt ihr unvoreingenommen an die Sache herangehen.

Hörsituation

Eine weitere Voraussetzung ist ein gutes Monitoring, welches keine Fehler beinhaltet, auch in den Tiefen präzise wiedergibt, detailliert arbeitet, eine gute Ortbarkeit ermöglicht und – und das ist sehr wichtig! – euch ausreichend bekannt ist! Solltet ihr in einem fremden Studio beurteilen müssen, gehören zu den Dingen, die ihr mitnehmen müsst, definitiv ein paar Referenzproduktionen, die ihr im Schlaf kennt.

Nehmt Stift und Zettel zur Hand, um euch wichtige Dinge aufzuschreiben. Und lasst das Smartphone in der Tasche!

Der erste Eindruck zählt! Merkt euch den Eindruck, den ihr beim ersten Hören (oder beim ersten „Wieder-Hören“) habt. Was stört, was fehlt, was ist besonders gelungen?

Um zu verhindern, dass man sich zu schnell an Eigenheiten gewöhnt, ist es hilfreich, den Titel zwischen andere passende dazwischenzuschieben. Das klingt einfacher als es ist, denn andere Titel eines Genres sind ja meist fertig gemasterte Produktionen. Daher solltet ihr mindestens die Pegel für einen ähnlichen Lautheitseindruck anpassen oder sogar schon mal kurz „anmastern“. Dann könnt ihr Dynamikverhältnisse zwar nicht mehr so gut beurteilen, aber viele andere Analysen gelingen dadurch sehr gut. Denn nur zu schnell gewöhnt man sich an Dinge, etwa an sehr höhenarme Mixes.

Hört mit nicht zu hohen Levels, denn lauter klingt alles besser – außer ganz schlimme Fehler. Es ist sinnvoll, ungefähr drei, vier fixe Levels zu benutzen. Diese sind im Idealfall kalibriert, etwa mit Bob Katz' K-System. Der Hintergrund ist folgender Umstand: Wir nehmen das Spektrum je nach Pegel unterschiedlich wahr. Das hat damit zu tun, dass unser Gehör alles andere als linear arbeitet und sich diese Nonlinearität mit dem Pegel teilweise signifikant verändert. Wer sich dafür weiter interessiert: Das Zauberwort heißt „Robinson-Dadson-Kurven“! Wichtig in jedem Fall: Abhörlautstärke kalibrieren!

Es ist gut, wenn ihr beim Abhören auch die Möglichkeit habt, Mono abzuhören und die beiden Lautsprecher unabhängig voneinander auf Mute zu schalten.

Ein guter Trick ist, Mischungen sehr leise abzuhören, gerade im Verbund mit anderen Tracks. Tut das auch mit bekannten Produktionen. Snare und Vocals sind oft die Bestandteile, die als erste zu hören sind, wenn man das Level von minus Unendlich langsam aufdreht!

„Meten is weten“ – Unterstützung durch Messgeräte

„Messen bedeutet wissen“ kann man auf Niederländisch schöner reimen als auf Deutsch. In jedem Fall können euch manche Messgeräte helfen. Pegelmesser zeigen euch die Dynamik, eine Spektralanalyse hilft beim Aufspüren von Problemfrequenzen und ein Korrelationsgradmesser und ein Goniometer lassen auch im Stereobild Probleme erkennen.

TONTECHNISCHE BEURTEILUNG

Ja, durchaus das Wichtigste: Levelbalance

„Tontechniker machen halt laut und leise“, habe ich mal als sehr despektierlich gemeinten Spruch zu hören bekommen. Ich bin durchaus schlagfertig und habe sachrichtig geantwortet: „Stimmt. Und tausend andere Sachen.“ Und durchaus unsachlich habe ich hinterhergeschoben „Aber das verstehen Leute wie du ja offenbar eh nicht.“ Aber es stimmt: Die Lautstärkebalance gehört zu den wesentlichen Aufgaben des Mixings. Und darauf sollte natürlich geachtet werden. Ist ein Signal zu leise, dass es zu schnell untergeht, maskiert wird? Nervt es? Passt alles genremäßig? Auch die garagenmäßigste Mischung einer wilden Band klingt schnell nach Schlager, wenn der Gesang zu laut ist! Die ganze Metalband verliert ihren Druck, wenn die Gitarren auf die Nerven gehen.  

Klangbalance

So ganz unabhängig kann man die Frage der Levels nicht beantworten. Deshalb solltet ihr euch beim Erkennen eines Levelproblems die Frage stellen, was an einem einzelnen Signal denn zu laut oder zu leise ist. Selten ist die gesamte Bassdrum zu leise oder zu laut. Oft kann man schnell fesstellen, ob der Tiefbassdruck den E-Bass zu sehr zur Seite schiebt, der „Holz“-Anteil sich mit den Gitarren beißt oder der Attacksound untergeht. Und ganz allgemein natürlich: Wie klingen die Signale im Kontext? Ist die verzerrte Gitarre zu matschig, weil sie in den Mitten zu dick ist? Fehlen dem Bass nicht etwas Mitten und Höhen? Würde die Snare nicht vielleicht mit etwas weniger tiefen Anteilen weniger wuchtig und einnehmend klingen? Kann der Gesang nicht etwas weniger scharf wirken? Beim Frequenzgehalt solltet ihr genau hinhören, denn Fader und EQ sind nun mal die wichtigsten und häufigsten Werkzeuge im Mix. Denn EQs sind ja quasi auch nur frequenzabhängige Pegelsteller!

Von enormer Bedeutung ist natürlich die Gesamttonalität einer Mischung. Fallen irgendwo Frequenzlöcher auf? Sind Tiefbässe nicht so übertrieben, dass der Mix überall schwammig klingen wird? Würden nicht etwas sanftere, angenehmere Höhen dem Balladencharakter guttun? Sind nicht andere Hardcoreproduktionen kerniger als die mittenarme Mischung, die ihr da gerade abhört? Sind Frequenzbereiche generell zu dicht besiedelt oder gibt es irgendwo im Frequenzspektrum auffällige Lücken?

Ganz wichtig: Funktioniert die Mischung auch auf schmalbandigen Wiedergabesystemen? Also sind beispielsweise bei Wiedergabe auf einem Mobiltelefon die wichtigen Informationen enthalten? Ein zu stark tiefpassgefilterter Bass ist darüber vielleicht nicht zu hören – dumm, wenn die gespielte Figur wichtig ist, damit der Song „verstanden“ werden kann. Tipp: Emuliert Schmalbandigkeit mit einem Hochpassfilter bei 300 Hz und einem Tiefpassfilter bei 2 kHz! Und macht das auch mal mit bekannten Produktionen!

Dynamik

Im Grunde ist der erste Punkt also sehr mit Vorsicht zu genießen, denn häufig ist nicht einfach ein Signal insgesamt zu laut oder zu leise, sondern nur Teile davon. Wenn es sich um spektrale Teile handelt, dann ist das eine Sache für den Equalizer, wie gerade dargestellt Aber ein Mix ist nicht statisch, Musik kann ohne Zeit schließlich nicht existieren. Deswegen müsst ihr beobachten, ob es bestimmte Parts im Song oder einfach nur bestimmte Punkte gibt, wo die Balance nicht ganz ok ist. Dann ist es nämlich ein Problem der Dynamik. Manchmal ist es einfach nur eine übertriebene Faderfahrt, manchmal zu wenig, zu viel oder falsch gewählte Kompression. Achtet auf die Grobdynamik, also wie sich Signale durch den gesamten Mix hindurch pegelmäßig positionieren, aber auch feindynamisch: Wird etwa das Anschlaggeräusch des Klaviers zu weit heruntergedrückt?

Wie beeinflussen sich die Signale gegenseitig, etwa durch Ducking. Oft ist es andersherum: Könnte nicht beispielsweise die Snare kurz die Gitarren herunterdrücken, dafür aber etwas leiser gemischt werden?

Wie ist die Gesamtdynamik? Manche Mischung klingt sehr toll im Studio oder zuhause über gute Kopfhörer. Es ist aber nicht gut, wenn bei Umgebungsgeräuschen Bestandteile untergehen. Allerdings ist die Einengung der Gesamtdynamik eher etwas für das Mastering – beurteilen kann man es natürlich dennoch!

Die Stereobühne beurteilen

Fast alle Audio-Mischungen werden in Stereo gemacht. Daher gibt es die Stereobasis, auf der Signale positioniert sein können und die Tiefe der Bühne. Wie wird das in der Mischung ausgenutzt? Die Stereobühne lebt oft von ihren Kontrasten: Ein Signal kann einen dann gut anspringen, wenn das Hinten gut dargestellt wird. Stapeln sich Signale in der Mitte und auf den beiden Boxen oder ist die Verteilung gleichmäßig? Gibt es auffallende Löcher in der Bühnendarstellung?

Achtet darauf, wie natürliche und künstliche Räume zu hören sind. Erscheint das schlüssig? „Beißen“ sich Reflexionen von verschiedenen Signalen? Manchmal ist es nämlich sehr sinnvoll, nur ein oder zwei Reverbs einzusetzen.

Was passiert mit dem Mix, wenn er auf Mono geschaltet wird? Klingen Signale sehr verändert? Fallen Räume ineinander? Achtet besonders auf Signale, die mit Stereo-Modulationseffekten bearbeitet wurden, also beispielsweise Chorus, Flanger, Phaser oder Rotary. Auch interessant zu wissen: Funktioniert der Mix auch, wenn jemand nur einen Kanal hört?

Schwer zu erklärende Qualität – und „Definition“

Es gibt eine schwer zu greifende Qualität der Signale, die nicht einfach mit zwei objektiven Parametern benannt werden kann. Aber versucht, darauf zu achten: Wie ist die Beschaffenheit der einzelnen Instrumente und der Stimme, wie „clean“ oder wie „reich“ sind die Signale, passt das zu anderen Signalen der Mischung, etc. Und wie „definiert“ erscheinen sie? Einer zackigen Gitarre steht es oft nicht gut, wenn sie matschig und indifferent in der Mischung sitzt. Ein einlullendes Streichersignal wirkt nicht gut, wenn es zu trocken und konkret klingt.  

KÜNSTLERISCH-MUSIKALISCHES

Spielfehler und Ungenauigkeiten – und die Komposition an sich

Hat da jemand nicht einen falschen Akkord gegriffen? Manchmal fällt es in der Produktion echt nicht auf, dass irgendwo etwas schlichtweg falsch gespielt ist. Das ist jedoch sehr selten. Häufiger sind Ungenauigkeiten, eine nicht richtig mitschwingende Saite, ein mit dem Stock versehentlich berührtes Becken, ein aus Versehen zu „dreckig“ gegriffener Klavierakkord. Zu kleinlich sein sollte man nicht und vor allem das Genre im Blick haben: Es gibt zwar glattgebügelte „Sagrotan-Metal“-Produktionen, doch so mancher Song hat seinen Reiz ja im Unvollkommenen.  

Beurteilen kann man natürlich auch immer den Song selbst – und wie der musikalische Vortrag und die Tontechnik ihn entweder unterstützen oder sogar gegen ihn arbeiten. Ich hatte letztens eine Surfrock-Produktion gehört… tolle Songs, super „Dick Dale“-Gitarren, toller Bass… aber leider ein schulbuchmäßiges, cleanes Drumkit, da

Groovt's?

Rhythmik ist eine sehr wichtige Sache. Auch die tontechnisch beste Produktion funktioniert nicht, wenn der Song so viel Groove hat wie ein Leitz-Ordner im Einwohnermeldeamt. Zum Beurteilen des Grooves muss man eher fühlen als hören und dabei nicht allzu kleinlich denken. Es können immer wieder die Rolling Stones als Beispiel herhalten, deren Groove immer kurz vor dem Auseinanderbrechen ist – aber funktioniert. Interessanterweise entstehen heutzutage Groove-Probleme durch zu hartes Editing. Wer ein Drumkit gnadenlos auf das Raster der DAW tackert, klaut dem Groove das letzte Stückchen Leben. Oft passiert das natürlich unbemerkt.

Stimmung und Intonation

Sind alle Instrumente ordentlich gestimmt gewesen? Werden sie und die Stimme auch richtig intoniert? Auch hier gilt, dass ein Zuviel an Perfektion schadhaft sein kann, besonders, wenn zu viel editiert wurde. 

Die Qualität des wichtigsten Signals: Stimme

Alle tontechnischen Parameter sind umso wichtiger, je prominenter das Signal ist. Bei der Stimme gilt das ganz besonders. Und hier gibt es noch viel mehr: Sind die Texte richtig, wird schlüssig phrasiert, ist die Verständlichkeit gegeben oder wirkt das Signal „gegrönemeyert“, ist die Aussprache zum Beispiel des Englischen vertretbar?

TECHNISCHES

Gibt es irgendwo Aussetzer? Knackst es an irgendeiner Stelle durch Editierungen? Verzerrt es an irgendeiner Stelle, klingelt ein schmalbandiger EQ? Rauscht es irgendwo? Und nicht zuletzt (auch wenn das mit dem „Mix“ selber nichts mehr zu tun hat): Sind die Formate richtig gewählt? Klingen psychoakustische Reduktionen (MP3 & Co.) gut? Kann die Mischung auch auf Vinyl gepresst werden (Workshop: Mixing für Vinyl)?

CHECKLISTE ZUR BEURTEILUNG EINES MIXES

  • Voraussetzungen: frische Ohren, gut geeignete Abhöre, mit geringem Level hören
  • Referenzproduktionen pegelangeglichen gegenhören
  • Was ist zu laut, was ist zu leise?
  • Welche Frequenzbereiche eines Signals sind zu laut oder zu leise?
  • Wie ist die Gesamttonalität?
  • Gibt es Lücken im Spektrum?
  • Funktioniert der Mix auch ohne Bässe und Höhen?
  • Sind Signale an manchen Stellen im Song zu laut oder zu leise?
  • Sind die Unterschiede von leisen und lauten Signalanteilen in Ordnung?
  • Wie wird die Stereobühne genutzt?
  • Sind die Räume stimmig?
  • Wie „gut“ klingen die einzelnen Signale? Wie konturiert und definiert sind sie? Und passt das alles im Gesamtbild zueinander?
  • Gibt es negativ auffallende Spielfehler oder Ungenauigkeiten?
  • „Funktioniert“ der Groove?
  • Wie sind Stimmung und Intonation?
  • Gibt es technische Ungereimtheiten?
Veröffentlicht am 07.06.2019

Verwandte Artikel

User Kommentare

Zum Seitenanfang
ZUR STANDARD WEB-ANSICHT X