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27.11.2019

Nur die Stimme zählt – Tipps für bessere Vocal Productions

Vocals produzieren: Instrumentals anpassen, Gesangsaufnahmen optimieren & einfach bessere Songs machen!

Producer-Alltag: zig Stunden in den neusten Beat gesteckt, alles swingt, alles passt. Anschließend noch schnell den Beat an Soundcloud-Rapper LilBeef347 geschickt, der rappt drauf, singt noch eine Hook und mal wieder klingt alles nach Amateurproduktion. Woran liegt das? Wie kommt es, dass Vocals und Track separat voll funktionieren, zusammen aber völlig in sich zusammenfallen? Und wie kommt ihr drum herum? Wir zeigen euch, wie ihr eure Tracks so produziert, dass der Gesang mitten drin und nicht oben drauf sitzt. 

„Welche drei Elemente sind die wichtigsten in einem Popsong? – Die Stimme, die Stimme und die Stimme.“ –  Das soll David Foster, sechzehnfacher Grammy-Gewinner und Produzent von u. a. Michael Jackson, Christina Aguilera und Michael Bublé, gesagt haben. Wie frustrierend für uns Beatbauer. Stunden-, tage- und nächtelang sitzen wir an den Beats, machen das Sounddesign, feilen an den Übergängen und dünnen das Arrangement aus. Dann mischen wir alles ab, der Sound wird professioneller. Schließlich wird der Sänger oder die Rapperin gefunden, Vocal drauf und man zeigt das Ergebnis einmal im Freundeskreis herum. Mehr als ein müdes Lächeln, ein: „Das ist doch ok.“, bei dem man am liebsten sein Studio verbrennen möchte, kommt dann aber nicht zurück.

Bei manchen Producern fehlt beim Produzieren schlicht das Bewusstsein, ihre Tracks so zu arrangieren und ihre Sounds so zu designen, dass der Großteil des verfügbaren Platzes für den Gesang übrig bleibt. Weniger Probleme damit haben hingegen die Songwriter, die die Gesangsmelodie bereits mitproduzieren. Aber wir sind doch nicht alle Topliner, Melodiefürsten oder Freddie Mercury!? Es gibt aber zum Glück genug Möglichkeiten, wie man einen Track, sobald der Gesang hinzukommt, noch aufräumen kann – sprich: die Tracks so um den Gesang herum arrangieren kann, dass sich beides gut zusammenfügt. 

Grundsätzlich muss natürlich erst einmal die Qualität der Vocalaufnahme stimmen. Das sauberste Arrangement bringt wenig, wenn die Aufnahmen knacken, die Töne schief sind, das falsche Mikrofon benutzt wurde, zu viele Raumresonanzen in der Aufnahme sind und vor allem der Ausdruck in der Stimme fehlt. Ein mit Grabesstimme vorgetragener Sommerhit funktioniert selten, eine gegrowlte Weihnachtsballade kann gut gehen, kann aber auch einfach unpassend klingen.

 

 

Ursache 1: Das Arrangement ist zu voll 

Die Stimme ist König! Das heißt nicht unbedingt, dass man alle siebzehn Percussion-Loops und Synth-Plucks löschen muss. Aber stellt euch vor, ihr sitzt im Stadion und auf der Tribüne gegenüber sitzt ein Fan. Mit etwas Anstrengung sieht man, von welcher Mannschaft er Fan ist, was er anhat, welche Fahne er wedelt. Jetzt nehmt nochmall denselben Block, nur voll von Fans. Na, findet ihr den einen wieder? Wenn er nicht gerade einen Bengalo schwenkt, wird das schwierig. Die Stimme braucht Platz also genauso viel Platz wie ein einzelner Fan auf einer ganzen Tribüne. Ihr Rhythmus, ihre Phrasierung, ihr Ausdruck und ihre Melodie müssen sich entfalten können. Also aus dem Weg, ihr Basslines und Gitarrensoli!

Gerade Lead-Synths und E-Gitarren sind hier oft die Verbrecher, die die Stimme in den Schatten stellen. Aber auch eine zu große Menge an den erwähnten Percussion-Loops, die alle um den Gesang herum shaken und trommeln, können die Ursache sein. Leicht fallen wird euch der folgende Tipp nicht, habt ihr euch doch während der Instrumentalproduktion in jeden Sound verliebt und ihn so schön ins Arrangement gebettet. Aber: Ihr müsst löschen, was das Zeug hält. Oder zumindest per Filter und Laustärkeanpassung alles andere soweit in den Hintergrund ziehen, dass die Stimme nicht gestört werden kann. 

Hi-Hats und spitze Percussion-Instrumente können auch Störfaktoren sein. Das wichtigste Element beim Gesang nach dem Ausdruck ist die Verständlichkeit. Die wird über die Konsonanten gewährleistet, also grundsätzlich im 1-3-kHz-Bereich, bei den s-Lauten teilweise sogar schon im 6-kHz-Bereich. Da hüpfen Hi-Hats nämlich auch gerne mal herum! Hier kann man getrost mit EQs und Automationen nachhelfen. 

Ursache 2: Gleiche Lage

Direkt nach dem überfüllten Arrangement ist die häufigste Ursache für den unterdrückten Gesang die, die wir auch schon im Arrangement-Tutorial vom letzten Jahr angesprochen haben: Die Stimme und die Instrumente sitzen auf zu ähnlichen Tonhöhen. Für Produzenten ist der Spagat zwischen Arrangieren und dem Platzeinräumen für die Stimme eine der größten Herausforderungen. Alle Harmonieinstrumente, die mit ihren Grundtönen zu nah an der Melodie des Gesangs liegen, sollten schleunigst die Lage wechseln. Sprich, man transponiert diese Instrumente (meistens in Oktaven) nach oben. Unter Umständen kann das (siehe Ursache 3) dann zwar dazu führen, dass ein Sound nicht mehr gut klingt, aber das heißt vielleicht am Ende auch, dass er ohnehin überflüssig war. 

Will man etwas tiefer ins Arrangieren einsteigen, kann es sehr helfen, sich mit Stimmführung auseinander zu setzen. Akkorde, aber auch monophone Instrumente nicht nur stur in ihren Grundtönen, sondern zusammen mit den jeweiligen beiden Umkehrungen so anzuordnen, dass die harmonischen Sprünge kleiner sind, kann unter Umständen viel mehr helfen, als sie stumpf eine Oktave höher zu setzen. 

Ursache 3: Die Sounds passen nicht 

Um mich vielleicht auch mal schützend vor das aufwändig produzierte Instrumental zu stellen: Vielleicht passt die Stimme ja auch einfach nicht. Wenn euer Track voller hoher Leadsounds, Gitarrensoli und Saxophon-Loops ist und ihr eine Sängerin mit eher kehlig-quäkigen Stimme habt, können sich Gesang und Instrumente ganz schnell ins Gehege kommen. Genauso wird ein Sänger in der gebrummten Tradition von Barry White es schwer haben, sich gegen einen 808-Bass besonders gut durchsetzen zu können. 

Vorausgesetzt ihr produziert nicht für ein Genre, in dem ohnehin durch den intensiven Einsatz von Autotune von vornherein klar ist, wie der Gesang im Song klingen wird, müsst ihr eure Sounds so bearbeiten, dass sie besser mit der Stimme harmonieren. Die Pad-Sounds hinter der ordentlichen, hohen Sopranstimme (à la Ariana Grande) brauchen dann vielleicht mehr Unterstützung in den Mitten mit einem Brass-Sample oder weniger spitzem Hall. Das Tuba-Sample eckt ordentlich mit dem tiefen Bariton- oder Bassgesang (wie Macklemore oder Peter Fox) an, hier würde ein eher dumpfer Synth-Bass oder ein Sample eines höher klingenden Instruments viel mehr bringen. Das sind nur Beispiele, die aber hoffentlich demonstrieren, wie wichtig die Soundauswahl ist. Ihr steht bei Problemen dann immer vor der Entscheidung: Sounds wechseln oder Stimme verlieren. 

Ursache 4: Die Rhythmen passen nicht

Auch wenn die Sounds verändert, das Arrangement aufgeräumt und alles brav umtransponiert wurde, kann es durchaus vorkommen, dass der Gesang immer noch nicht greifbar und verständlich ist. Der derbste Doubletime-Flow eines 16-Bar-Raps hat keine Chance gegen ebenso schnelle peitschende Hi-Hats, Shaker oder Synth-Plucks. Also: Platz da! Die großen „My-Heart-Will-Go-on“-Melodiebögen hätten nicht ansatzweise dieselbe Wirkung, würden schnelle House-Pianos oder ein zu schneller Beat drunter liegen.

Ein zu großer Kontrast zwischen beiden Rhythmen, also dem des Gesangs und dem der Musik, kann genauso Schwierigkeiten bereiten wie eine zu große Ähnlichkeit. Die Stimme muss sich abheben, die Rhythmen der anderen Instrumente müssen ihr aus dem Weg gehen. Man feilt ja auch genauso an der Bass/Kick-Kombination, bei der die Rhythmen beider Instrumente eine erhebliche Rolle dabei spielen, dass es gut klingt. 

Lösung 1: Gesangslinie mitproduzieren

Wie also Frustration vermeiden? Am einfachsten macht ihr es euch, wenn ihr die Vocal-Melodie quasi mitproduziert. Ob dann eure Sounds letztendlich zu der Stimme passen werden, werdet ihr, gerade wenn ihr mit Sängerin oder Sänger noch nicht gearbeitet habt, noch nicht einschätzen können. Aber mit der Integration der Gesangslinie könnt ihr die Stimme, die Lage der Instrumente, die Rhythmen und das Arrangement schon einmal aufeinander ausrichten. Zum Einstieg kann das schlicht eine Spur mit einem Klavier sein, die die Rolle des Gesangs übernimmt.

Von da aus kann man natürlich immer weiter gehen. Von selbst Einsingen oder Rappen über Gastmusiker bis hin zu Demoaufnahmen des vorgesehenen Künstlers oder der vorgesehenen Künstlerin kann die Vorproduktion dann immer mehr ins Detail gehen. Natürlich kommt es sehr darauf an, ob ihr auch Texter seid. Aber manchmal kann das Fehlen des Textes ja auch zur Suche nach Mitstreitern inspirieren.

Lösung 2: Kollaborieren

100 Stunden Studio die Woche, die besten Freunde sind Kaffee, Kippe und Kompressor und am geilsten sind eure Beats immer noch für euch selbst? Vielleicht ist es dann an der Zeit, mit jemandem zusammen zu arbeiten. Spiegel von außen, neues Ideenuniversum, andere Perspektive und Lebenserfahrung sind gleich drei Goldtöpfe voller musikalischer Einfälle. Zugegeben, je länger man sein eigenes Süppchen kocht, desto schwerer ist es, jemanden da ranzulassen. Gerade im Hinblick auf die Producer-Krankheit „Instrumentals am Fließband produzieren, auf die kein Gesang passt“, ist aber der Blick von außen eines der wirksamsten Gegenmittel.

Wenn ihr, wie bei Lösung 1 schon erwähnt, früher auf den Gesang hin produziert, wird sich alles auch viel schneller zusammenfügen. Seid ihr aber die besten Beatbauer und die schlechtesten Stimmenintegrierer in einer Person, ist doch ein Kompagnon, der von Anfang an dabei sitzt oder vielleicht sogar schon Gesangideen hat, Gold wert. 

Lösung 3: bei den Großen abschauen

Melodien kann man klauen, Arrangements jedoch nur imitieren. Jeder erkennt die Melodie von „The Final Countdown“ (Sorry für dem Ohrwurm) binnen Sekunden wieder. Würde sie ohne Erwähnung in einem anderen Song auftauchen, wäre das illegal, unkreativ und für Zuhörer und Zuhörerinnen in den meisten Fällen ziemlich fad. Aber kein Mensch und kein Gesetz hat etwas dagegen oder wird etwas bemerken, wenn ihr euch an den Arrangements der Vorbilder eures Genres orientiert. Wie hat XY die Balance zwischen Stimme und Drums hergestellt, wie funktioniert die Gesanglinie im Chorus von YZ, warum reicht bei XYZ ein leises Flüstern, Türenknarren und ein Glockenspiel für dauerhafte Gänsehaut? Im Arrangement liegt die Antwort. 

Lösung 4: Gesang um den Song herum bauen

Max Martin – wer den Namen des nach Paul McCartney und John Lennon erfolgreichsten Songwriters aller Zeiten noch nie gehört hat, dem sei verziehen. Der Schwede ist seit Mitte der 90er für über 20 Nummer-eins-Hits in den Billboard-Charts und schätzungsweise 150 Millionen verkaufte Tonträger verantwortlich, so etwa für ein kleines Lied namens „...Baby one more time“ (Sorry für den zweiten Ohrwurm). Es mag auch mit an der Tatsache liegen, dass Martins Muttersprache nicht Englisch ist, weshalb viele Texte der Songs, die er für Britney Spears, die Backstreet Boys, Katey Perry, The Weekend und noch viele andere geschrieben hat, teilweise völlig sinnbefreit sind. Es hat aber auch mit „Melodic Math“ zu tun. 

Martin hat in den wenigen Interviews, die er im Laufe seiner Karriere gegeben hat, immer wieder davon gesprochen. Die Musik diktiert den Klang der Worte. Zugegeben, das ist erst mal eine sehr verkopfte Herangehensweise ans Songwriting und das Produzieren. Aber vielleicht liegt die Ursache für das Nichtzusammenpassen eures Tracks mit der Gesangsaufnahme sogar in der Wortwahl der Lyrics begraben.

Was das heißt? – Stimmenspur aus, Instrumental an, Notizblock oder Voice App bereitlegen und brainstormen. Oder diesen Vorschlag einfach mal eurem Texter oder eurer Texterin machen. Unter Umständen ist es nur ein Experiment, von dem ihr schnell merkt, dass es euch in eine ganz falsche Richtung führt. Es kann aber auch genau der eine Knoten sein, der platzen muss, damit ihre eine Lösung für euer Problem findet, falls euch alle anderen Tipps und Ideen in diesem Artikel noch nicht geholfen haben. 

Veröffentlicht am 27.11.2019

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