Feature
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28.01.2014

Querschläge: Zweierlei Maß für Urheber

Wenn sich das Urheberrecht gegen den Schöpfer stellt.

Nur, weil man Urheber ist, ist man noch lange nicht im Recht: Immer öfter stellen Urheber fest, dass ihnen vom vermeintlichen Anspruch recht wenig bleibt. Dabei waren die Voraussetzungen, mit Musik auch jenseits der bloßen Abverkaufszahlen Geld zu verdienen, nie besser als jetzt. Stichwort: Lizenzvergabe. Und normalerweise läuft das dann so: Firma XYZ möchte den Song "Sowieso" von Künstler Soundso für einen Werbe-Clip, Mode-Event, Spielekonsolen-Knaller oder Hollywood-Blockbuster verwenden. Urheber, Verlag und andere beteiligte Rechteinhaber werden befragt und erteilen – meist gegen Zahlung einer entsprechend hohen einmaligen Zahlung – ihre Zustimmung. Fertig. Ganz wichtig dabei: Das Wörtchen "normalerweise".

Einige nach wie vor existierende Ausnahmen sind nicht ganz unschuldig daran, dass dieses Prozedere sich über die Jahre zu einem Standard gemausert hat. Seit dem 1. Januar 1957 klingelt es in der Kasse des (nicht zuletzt wegen seiner NSDAP-Zugehörigkeit) alles andere als unumstrittenen Urhebers der sechstönigen Tagesschau-Fanfare Hans Carste; und zwar jedes Mal, wenn sie gespielt wird. Allein bis 1967 beliefen sich die Einnahmen des auch als GEMA-Chef tätigen Ex-Wehrmachts-Soldaten auf mehr als 500.000 Mark. Es kommt aber noch dicker: Nach Carstes Ableben im Jahr 1971 (vermutlich war er der Nachrichtenredaktion keinen Heller wert) wurden diese Gelder an seine Witwe ausbezahlt. Seit 1971 mehr als 12.000 Euro jährlich. Bis zum heutigen Tag.  

Statt kassieren fürs Nichts-Tun Nichts-Kassieren für Alles-Tun: Für alle, die sich jetzt wundern, wie es sein kann, dass die Rundfunk-Beitrag-Zahler der urheberrechtlich unbeteiligten Witwe des Urhebers den Lebensabend finanzieren – es geht auch andersrum. Bestes Beispiel: Andy Summers! Der Gitarrist von The Police ist unbestritten Schöpfer des charakteristischen Gitarrenintros vom Überhit „Every Breath You Take“. Mithin die einzige Original-Quelle, die der damals noch auf den Namen Puff Daddy hörende Produzent für seine Cover/Tribute/Mash-Up-Version des Songs gesamplet hat. Pech für Puff und Summers – denn formal-juristisch liegen die Song-Rechte bei Sting, Und weil der ja noch ganz viel Regenwald kaufen will, teilt er die auf 700.000 Dollar jährlich geschätzten Einnahmen mit – richtig – niemandem.  

Klar, selbsternannte Gutmenschen wie Sting, die erste Reihe-Plätze bei der New York Fashion Week sammeln wie andere Flugmeilen, werden ja nur allzu gern angezählt. Und dass das angelsächsische Urheberrecht ihm (oder seinen Erben) die „Every Breath You Take“-Einnahmen bis zum Jahr 2053 garantiert, dafür kann der Englishman in New York doch nichts. Angesichts dieser Summen aber, und vor allem vor dem Hintergrund, dass Sting ja auch sonst nicht auf dem Zahnfleisch geht, stellt sich die Frage, ob es in Ordnung ist, gar Applaus verdient, dass der Saulus sich lediglich seinem Schicksal fügt, es quasi stoisch erträgt. Ich sag es mal mit den Worten Reich-Ranickis: „Ich glaube: Nein“.  

Unser Kolumnist Thomas Kühnrich ist seit 2011 Redaktionsleiter bei Joinmusic.com. Dieses Online-Magazin und Label-Portal will getreu des Mottos "Good Music Only" eine Anlaufstelle für Labels und Musikinteressierte abseits der Top 20 Playlists sein. Und weil Justizia zwar blind, nicht aber taub ist, gibt sich Joinmusic subjektiv, voreingenommen und parteiisch. Mit News, Track-Tweets, Reviews und Hintergrund-Geschichten informiert das Magazin über Künstler, die den Unterschied machen. Das einzige Genre, das für sie wirklich zählt, heißt „großartige Musik“. Mit diesem Hintergrundwissen gewappnet, wird uns Thomas ab sofort mit seinen "Querschlägen" ein wenig Pfeffer in den Alltag bringen...

Veröffentlicht am 28.01.2014

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