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Test
3
28.04.2017

Praxis

Vocoder

Betrachten wir zunächst die Existenzgrundlage des VP03: den Vocoder. MIDI-Keyboard angeschlossen, mitgeliefertes Mikrofon dran und los geht’s – allerdings mit Startschwierigkeiten. Egal, wie behutsam man mit dem Level-Regler der Vocoder-Sektion umgeht, das Mikrofonsignal gerät bei Verwendung des mitgelieferten Schwanenhalsmikros fast immer in eine leichte Verzerrung.

Ich schließe stattdessen ein neutrales, dynamisches Mikrofon an und bin beruhigt. Ansprache und Dynamik funktionieren auf Anhieb und ohne ungewollte Verzerrung. Der Vocoder-Grundklang erinnert nun ganz klar an den VP-330, auch wenn dem VP-03 gegenüber seinem Vorgänger ein paar Funken Bassanteil und Analog-Feenstaub fehlen. 

Vocoder-typisch geht es eher mittig zur Sache, da ja auch die menschliche Stimme maßgeblich im Mittenbereich angesiedelt ist. Via Tone-Regler lassen sich jedoch optional durchsetzungsstarke Höhen beisteuern. Wird während des Spielens an den Ribbon Controllern geschraubt, können markante funky Vocals entstehen, die sich im P-Funk der 70er Jahre wohlgefühlt hätten. Im folgenden Hörbeispiel wurde mit einem der Controller der Vibrato-Effekt reguliert, der zusätzliche Bewegung in die verschiedenen Sektionen bringen kann.

Der Grundsound der Vocoder-Sektion gefällt mir gut. Er lädt dazu ein, die eigene Stimme in neue Klang- und Harmoniewelten zu entsenden. In Sachen analoger Tiefe und Wärme kann er dem Original zwar nicht ganz das Wasser reichen, aber es handelt sich definitiv um einen sehr gut klingenden Vocoder.

Human Voice

Da wäre ja aber auch noch die „Human Voice“-Sektion. Hier werde ich mit einem Mittenbrett konfrontiert, das sich im Studio-Mix definitiv durchsetzen wird – wenn auch eher im aufdringlich-aggressiven Sinne. Mit ein wenig Hall und dem gut emulierten Ensemble-Effekt kann man das Signal aufpolieren. Insgesamt fehlt mir hier allerdings ein Stück Tiefe und Wärme und man muss schon genau diesen sehr speziellen Sound wollen, um ihn einzeln einzusetzen. 

Strings

Als ich die String-Sektion anschmeiße, habe ich sofort ein Konglomerat aus klassischen 70er-Jahre-String-Machines vor Augen. Auch wenn der Bassbereich erneut etwas mau ist, wurde hier grundsätzlich sehr gute Arbeit geleistet, denn der markante String-Sound alter Roland-Geräte ist unverkennbar vorhanden. 

Sound-Kombinationen

Schließlich lassen sich die drei einzelnen Klangsektionen im Balance-Bereich zusammenmischen. Dies ermöglicht unter anderem eine Anreicherung des Vocoder-Sounds, falls dieser alleinstehend zu dünn und durchsetzungsschwach wirkt.

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass der Workflow des VP-03 dem des VP-330 fabelhaft nachempfunden worden ist. Die sinnvoll belegten verschiedenen Fader ermöglichen eine intuitive Bedienung, die sich gerade im Live-Bereich bewährt. Da der VP-03 nicht mit Parametern überfrachtet ist, ist der passende Sound nie weit weg und man kommt sehr schnell zu Ergebnissen.

Gerade vor dem Hintergrund der String- und Voice-Sounds ist es allerdings sehr schade, dass der VP-03 nur sechsstimmig polyphon ist. Das Vorbild arbeitete wie viele andere historische String Machines mit der Frequenzteilertechnik und verfügte über eine volle Polyphonie. Während man bei gängigen Vocoder-Sounds wohl in der Regel mit sechs Stimmen auskommen wird, stößt man bei breiten Streicher- und Chorflächen umso schneller an die Grenzen. In dieser Hinsicht kann der VP-03 also nur sehr eingeschränkt als Ersatz für das Original gelten.

Chord Memory

Nach der Aktivierung der Chord-Memory-Funktion wählt man eines der Presets aus und spielt einzelne Töne, auf deren Basis Akkorde geschichtet werden. Um eigene Akkord-Kreationen abspeichern zu können, benötigt es verschiedene Tastenkombinationen, die in der Anleitung nachschlagbar sind. Entsprechende Extra-Buttons wie „Write“ oder „Save“ haben aufgrund des Miniaturdesigns leider keinen Platz mehr auf der Bedienoberfläche des VP-03 gefunden. 

Sequencer

Der eingebaute Step-Sequencer lädt zum Experimentieren ein und schafft Inspirationen für Melodieverläufe und die rhythmische Setzung von Songtexten durch den Vocoder. Während die sechsstimmige Polyphonie bei der Klangerzeugung mager wirkt, kommt sie beim Sequencer umso gelegener, denn so lassen sich auch Akkorde sequenzieren – bei einem Vocoder nicht ganz unwichtig. Es gibt kaum Grenzen: von Swing, über Step-Anzahl bis hin zu Pausen sind diverse Sequencer-Parameter im Submenü des VP-03 einstellbar, das leider ohne Bedienungsanleitung schwer erschließbar ist. Der Sequencer ist eine tolle, inspirierende Erweiterung, die den klassischen Vocoder-Sound direkt in die heutige Zeit holt. 

USB

Auch beim Umgang mit dem eingebauten USB-Interface möchte ich mir die Anleitung zur Hilfe nehmen. Das 24 Bit / 96 kHz Audiointerface kann genutzt werden, um externe Audiosignale im VP-03 als Carrier/Modulator für den Vocoder zu verwenden. Es dauert dennoch eine ganze Zeit, bis ich diese Funktion umsetzen kann: Mit unserem Testgerät kam eine Bedienungsanleitung, die in dieser Hinsicht fehlerhaft und unvollständig war. Auf der Homepage von Roland finde ich dann die aktualisierte Anleitung, in der die genauen Ausgangskanäle für die Carrier/Modulator-Ports aufgeführt sind. Dann klappt's.

Ich installiere also den Treiber, verbinde den VP-03 über USB mit meinem Laptop, erstelle in Ableton Live ein Synthesizer-Patch und nutze dieses als Carrier-Signal, indem ich es über den dafür vorgesehenen Ausgansport an den VP-03 schicke. Via Mikrofon nutze ich den Vocoder nun mit dem externen Synthesizer als Grundlage. Die Vocoder-Engine wirkt etwas überforderter als bei einer rein internen Arbeit, verläuft aber insgesamt recht solide und ohne Unterbrechungen. Bei Cubase gab es dann einige Treiberprobleme, die hoffentlich durch zukünftige Updates behoben werden.

Verwendet man externe Audiosignale als Modulator, können interessante Klänge und rhythmische Harmonieverläufe entstehen. Denn so lassen sich nicht mehr nur Mikrofonsignale, sondern beispielsweise auch Drum-Beats oder sogar komplette Mixes als Modulator einsetzen. Dadurch kann man einem fertigen Beat oder Song völlig neue harmonische Facetten verleihen.

Die Möglichkeit, den VP-03 über USB mit externen Signalen zu versorgen, ist natürlich sehr willkommen und macht ihn neben Live-Anwendungen auch für den Einsatz im Studio interessant. Dennoch ist es ausgesprochen schade, dass auf einen analogen Eingang für ein Carrier-Signal verzichtet wurde. Dieser würde den Einsatz als universelles Effektgerät deutlich vereinfachen.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Transportabilität
  • Verarbeitung
  • intuitive Bedienung/Workflow
  • vielfältiger, polyphoner Step-Sequencer
  • Grundklang der Vocoder-Sektion
  • USB-Audiointerface mit Möglichkeit zur Einspeisung externer Signale in die Vocoder-Sektion

  • kein analoger Eingang für Carrier
  • nur 6-stimmig polyphon
  • mitgeliefertes Schwanenhalsmikrofon verzerrt schnell
  • nur Miniklinkenanschlüsse

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