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Test
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11.01.2016

Praxis

Was das Seaboard Rise so einzigartig macht, ist die große Anzahl von sofort verfügbaren Controllern, die man gleichzeitig direkt an den Fingerspitzen hat. Rhetorische Frage: Wie viele Drehregler kann man mit einer Hand drehen und wie viele Fader kann man gleichzeitig schieben? Schon mal probiert, Pitch-Bend- und Modulationsrad gleichzeitig zu bedienen? Beim Seaboard Rise hat man allein auf den Keywaves fünf verschiedene Controller direkt unter Kontrolle, die übrigens auf jeden Ton einzeln wirken. Und wenn die linke Hand dann noch die anderen fünf Controller bedient, die man wohl meistens für globale Effekte einsetzen wird, sind wir plötzlich auf einer ganz anderen Ebene. Die fünf Controller der Keywaves (Roli nennt sie – Einsatz Geigen! – „5 Dimensions of Touch“) sind nicht alle ganz neu. Alte Bekannte sind Velocity, also Anschlagstärke, und polyphoner Aftertouch. Weiterhin gibt es Release Velocity, also die Geschwindigkeit, mit der eine Taste losgelassen wird, was zwar schon immer Teil des MIDI-Standards war, aber nur selten implementiert und noch seltener genutzt wird. Und schließlich die die Besonderheit, wie man sie vom Haken Continuum oder dem TouchKeys Nachrüstsatz für Keyboards kennt: die Bewegungen mit dem Finger vertikal und horizontal auf den Tasten. Dabei sind Velocity, Aftertouch und Release Velocity alle auf ihre festgelegten Parameter eingestellt, die horizontale Bewegung übernimmt die Pitch Bend Funktion (die standardmäßig eine viel höhere Auflösung als die üblichen 128 MIDI-Stufen kennt) und das vertikale Gleiten über ein Taste ist schließlich auf einen ganz normalen MIDI CC gelegt, nämlich auf die Nummer 74. Alle diese Regler sind polyphon, was bedeutet, dass jeder einzelne Finger wie beim polyphonen Aftertouch seine eigenen MIDI-Daten sendet. Wenn also ein Finger vibriert, dann hat das auch nur Auswirkung auf den Ton dieses einen Fingers und nicht auf alle anderen – vorausgesetzt, der verwendete Klangerzeuger kann diese Datenflut richtig interpretieren und umsetzen.

MIDI-Kanäle und Anforderungen an Klangerzeuger

Wie man sich vorstellen kann, ist das ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, die das herkömmliche MIDI-Protokoll sprengt. Gelöst wird das durch eine kreative Verwendung der MIDI-Kanäle: Wo es ursprünglich vorgesehen war, dass auf jedem Kanal ein anderes Instrument erklingt (multitimbral), werden die verschiedenen Kanäle beim Seaboard Rise den einzelnen Fingern zugeordnet, so dass jeder Finger quasi seinen eigenen MIDI Kanal hat, auf dem er machen kann, was er will. Jetzt weiß das Seaboard natürlich nicht, welcher Finger da gerade spielt, weshalb die Kanalzuordnung so ähnlich funktioniert wie zum Beispiel die Stimmenzuweisung bei einem mehrstimmigen Synthesizer: Es wird immer der nächste freie MIDI-Kanal verwendet. Wirklich vorhersehen, welcher Kanal als nächstes benutzt wird, kann man in der Praxis kaum.

Wenn wir jetzt also auf allen Kanälen den gleichen Sound spielen wollen, dann ist die praktische Folgerung, dass man ein einzelnes Instrument einfach so oft kopiert wie gewünscht und dann auf unterschiedliche MIDI-Kanäle legt. Für einen vierstimmigen Synthesizer in NI Kontakt würde man zum Beispiel einfach bei einem monophonen Synth die fünf Parameter der Keywaves, die drei Slider und das X/Y-Pad so verteilen, wie man sie gerne hätte, das Instrument speichern und dann drei weitere Kopien davon laden. Da Kontakt neue Instrumente automatisch aufsteigend auf unterschiedliche MIDI-Kanäle legt, hat man so schnell einen vierstimmigen Synthesizer mit 10 steuerbaren Parametern! Wer dann noch ein bisschen analoges Verhalten des Synthesizers simulieren will, verstimmt die einzelnen Stimmen noch leicht gegeneinander und bekommt so ein sehr lebendiges Klangbild, bei dem man nie weiß, welcher Oszillator gleich zu hören sein wird.

Welche Parameter man dann einsetzt, bleibt jedem selbst überlassen: LFO-Frequenz über die Seitwärtsbewegung regeln? Reverb Stärke über vertikale Bewegung? Das Fantastische ist: Man kann zum Beispiel auch eine einzelne Stimme in eine Kirche verlegen, während die anderen im schalltoten Studioraum spielen. Und durch Gleiten auf den Tasten wandern die Stimmen dann in den jeweils anderen Raum. Oder wie wäre es mit einem Drumloop, der über Aftertouch in der Geschwindigkeit verändert wird, während ein zweiter genau gleich schnell bleibt? Oder ein Drumloop, dessen letzter Beat mit Loslassen der Taste zu einer Bassdrum wird, die in einen massiven Hallraum geht? Über Geschmack lässt sich schließlich nicht streiten. Aber es gibt viel zu tun und viel auszuprobieren und es wäre viel zu schade, Aftertouch immer nur zum Triggern von Vibrato einzusetzen!

Spielgefühl

Jetzt aber mal die Hände auf die Keywaves und die anderen Controller, funktioniert das überhaupt? Man könnte ja sagen: 10 Controller, das ist viel zu viel, ich habe ja schon mit 10 Fingern gut zu tun? Aber was soll man sagen: Es funktioniert ganz wunderbar! Und ja, am Anfang es ist ein bisschen viel auf einmal, und man kann auch nicht mit einem Finger nach oben sliden, mit dem anderen Finger seitwärts gliden und mit dem dritten Finger vibrieren, während die andere Hand virtuos auf dem X/Y-Pad moduliert. Und dann stellt man fest: Doch, man kann. Man kann völlig unmögliche Sachen damit machen, und zwar nicht mehr gedanklich, also im Sinne von „ich drehe jetzt an diesem Regler, dann geht das Filter auf“, sondern einfach über die Ohren. Das Seaboard Rise ist ein ganz ungewöhnlich „musikalischer“ Controller, gerade weil er so viele verschiedene Parameter mit so vielen verschiedenen Bewegungen verbindet. Und es ist überraschend, wie gut man die Geschwindigkeit eines LFOs über vertikales Gleiten auf einer Keywave steuern kann. Und man spielt die Keywaves auch nicht wie ein Keyboarder auf den Tasten, sondern man geht in die Keywaves hinein und es ist ein bisschen wie Teig kneten, nur mit Klängen. Das war ja ein bisschen die Verheißung der Multitouch-Screens à la iPhone, iPad, Surface und früher Lemur, aber dadurch, dass man beim Seaboard Rise auch wirklich in die Tiefe greifen kann und das Silikon warm, weich und widerständig ist, kommt man zu einem ganz anderen Spielgefühl.

Und wenn der gesteuerte Klangerzeuger es erlaubt und entsprechend programmiert wird, kann man einfach ganz andere Sachen damit machen: Hall geht jetzt pro Ton, nicht nur für alle Töne gleichzeitig. Derselbe Hall lässt sich, ohne die Tasten zu verlassen, groß und wieder klein machen. Man kann fünf Sequenzen spielen und die eine plötzlich ein bisschen schneller ablaufen lassen, aber eben nur die eine. Man kann über die Keywaves auf einmal für jeden einzelnen Ton fünf verschiedene Dinge steuern, die die anderen Tönen nicht betreffen. Und dann hat man noch fünf weitere Controller auf der linken Seite, die auf den Gesamtklang wirken. Der Hammer ist: Das Ganze fühlt sich trotzdem organisch an, weil man nicht auf einer Glasscheibe herum tippt, sondern auf etwas, das eine Struktur hat und das auf den Fingerdruck viel besser reagiert.

Sicher, man muss sich an die Oberfläche gewöhnen: Das Silikon wellt sich manchmal, es drückt sich unterschiedlich tief, die schwarzen und weißen Tasten sind alle durchgehend nebeneinander und nicht mehr getrennt. Man muss auch manchmal den Finger in den richtigen Winkel stellen, damit das mit den Gleitbewegungen gut klappt. Die Keywaves sind eben keine normale Tastatur, sondern ein anderes Instrument, daran muss man sich natürlich erst einmal gewöhnen. Für die Keyboarder unter uns kann ich aber trotzdem Entwarnung geben: Vieles geht nach ein bisschen Eingewöhnung doch sehr gut. Die Abstände zwischen den Tasten sind die gleichen wie auf einer Normtastatur und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass die weißen Tasten erhöht sind, kann man auch ganz gut darauf spielen. Vielleicht keinen Liszt oder Rachmaninow, aber die Soli von Tony Banks sind drin, und die sind ja auch nicht ohne. Überhaupt kommt man nach einer Weile aus dem Staunen nicht mehr heraus: Glissando nur auf den weißen Tasten? Geht, trotz anderem Tastatur-Layout. Glissando nur auf den schwarzen Tasten: Geht auch. Chromatisches Glissando? Ja, aber welches hätten sie denn gern, eines in Halbtönen oder stufenlos? Auch dass der Finger unterschiedlich tief einsinkt, macht Sinn, denn so kommt man besser über die Vertiefungen und Erhöhungen der Keywaves. Wie gesagt: Ganz ohne Übung geht das nicht, aber die Möglichkeiten entschädigen für die Mühe.

Was stört? Es gibt ein paar wenige Dinge, wovon nur eines tatsächlich mit dem Seaboard Rise selber zusammen hängt. Zum einen haben die Slider nicht auf Anhieb immer ganz so reagiert wie ich es erwartet hätte. Das lässt sich allerdings vergleichen mit den Fadern der allermeisten Geräte, die auch gern ein wenig Spiel haben, bevor sie überhaupt etwas senden. Und zum anderen kann man nicht einstellen, ob sie auf Fingerdruck auf eine neue Position springen oder ob man sie von der ursprünglichen Position abholen soll. Das ist aber eher eine Frage der Software und sollte sich mit einem Update leicht beheben lassen. Fragwürdig ist allerdings das Marketing von Roli, das lauter neue Wörter erfindet, einen ungefragt in den Newsletter einträgt und wo man sich sogar beim Starten der Software erst einmal einloggen muss. Eine Bedienungsanleitung heißt jetzt „Creator Manual“, weil man bei Roli nicht einfach Kunde und auch kein schnöder Musiker mehr ist, nein, man ist jetzt Creator. Dazu passt das Setup-Menü, das „Expression Mode“ heißt, obwohl man doch nur im „MIDI Mode“ expressiv spielen kann und ein Editor, der „Dashboard“ heißt. Und dann gibt es noch einen Synthesizer, der Equator heißt. Obwohl, halt, das stimmt nicht. Es muss heißen: Es gibt einen tollen Synthesizer, der auf den Namen Equator hört – und dazu gleich mehr.

Software

Sowohl Editor als auch Synthesizer sind ziemlich schöne Software. Beim Editor kann man auf einem großen Gitter sofort sehen, wie die Software die Bewegung der Finger auf den Keywaves interpretiert. Normalerweise ist das Grid rechtwinklig und gerade, bei Aftertouch dagegen verzieht sich das ganze Gitternetz wie das Raum-Zeit-Kontinuum bei Einstein zu Hause. Der Editor ermöglicht die detaillierte Programmierung aller Funktionen auf einer übersichtlichen Oberfläche.

Der Synthesizer „Equator“ ist nicht eine dieser üblichen, abgespeckten Dreingaben, sondern einer der besten Software-Synthesizer, die ich kenne. Der prinzipiell subtraktive Synthesizer bietet fünf Oszillatoren, von denen drei auf Wavetable-Basis arbeiten und zwei auf Samples basieren. Alle Oszillatoren können sich Frequenz-modulieren, dazu kommen frei zeichenbare Envelopes, zwei LFOs und eine Anzahl an Effekten, von denen die meisten in Stereo ausgelegt sind. Alle diese Dinge können ganz leicht den zehn spielbaren Parametern des Seaboard Rise zugeordnet werden, wobei ein einzelner Parameter auch mehrere Dinge in unterschiedlichen Verhältnissen regeln kann, sprich: Aftertouch kann das Filter, den LFO und den Hall für einen einzelnen Ton separat regeln. Die Filter sind hervorragend und es gibt zum Beispiel auch so eine Seltenheit wie ein Kammfilter mit regelbarem Feedback, das auch sehr schön zulangt. Alles in allem erinnert das ein bisschen an den großartigen Camelaudio Alchemy, nur eben jetzt auch noch mit einem kongenialen Controller dazu. Und irgendwo scheint mir da nämlich auch noch granulare Synthese drin zu stecken, sonst könnte man nämlich nicht die Samples so schön in der Tonhöhe verbiegen. Sehr schön hören kann man das in dem Klangbeispiel mit dem Klaviersound, wo aus einem Klavierakkord heraus ein einzelner Ton eine Oktave höher und wieder hinunter rutscht. Das ist überhaupt schon mal eine starkes Stück, dass es das dann auch noch ohne hörbare Artefakte funktioniert, ist enorm. Und mir scheint es, als wäre das ein ähnlich großer Sprung nach vorne wie das letzte Mal beim Roland V-Synth, und das ist schon eine ganze Weile her.

 

Tatsächlich ist es beim Equator so, dass man eher aufpassen muss, nicht zu viel zu machen, denn unterschiedliche Hallfahnen führen zum Beispiel unweigerlich zu Auslöschungen. Zu was es übrigens auch führt, ist eine hohe Prozessorbelastung, wobei interessanterweise vor allem das Dashboard da ziemlich zu Buche schlägt. Das kann man zwar problemlos ausschalten und trotzdem weiter spielen, aber mein MacBook Pro Mid-2013 mit 8 GB Arbeitsspeicher und SSD kam ganz klar an seine Grenzen. Das passiert in den letzten Jahren eigentlich nicht mehr oft, selbst bei Sachen, die gleichzeitige Audio- und Videobearbeitung erfordern. Aber man muss sich vielleicht auch klar machen, dass man hier für jede Stimme einen einzelnen Synthesizer lädt. Beim oben genannten Beispiel mit NI Kontakt ist das machbar und weil Kontakt ein Sample Player ist, geht es da eher um eine schnelle Festplatte. Beim NI FM8 dagegen muss man sich in einem VST/AU-Host acht separate Instanzen des ganzen Instruments laden, um achtstimmig zu spielen. Das ist im Moment für viele Computer noch viel Holz, aber in fünf Jahren wird das alles erledigt sein. Der Equator ist ein richtig gut klingender Software-Synthesizer und auch hier gilt: Für gut klingende Software braucht man gute Algorithmen und vor allem viel Rechenpower. Auch hier stehen die Zeichen also gut und die sehr schön programmierten Werksounds zeigen auf, wohin die Reise gehen kann, zumal im Verband mit einem Controller wie dem Seaboard Rise.

Abschließend ist zu sagen: Die Website von Roli ist gut gemacht und die FAQ und die Knowledge Base ziemlich gut bestückt. Die Technik, verschiedene MIDI-Kanäle nicht zur Steuerung multitimbraler Synthesizer, sondern zur umfangreichen Steuerung nur eines einzelnen Sounds zu verwenden – das Ganze heißt offiziell Multidimensional Polyphonic Expression (MPE) – ist neu und braucht Einarbeitung. Die Website bietet dafür aber viel Information und auch Templates für viele DAWs. Wer keine eigenen Setups programmieren will, findet in dem mitgelieferten Equator Synthesizer aber ohnehin schon so viel Material vor, dass sich etliche Kinofilme vertonen lassen.

Die Klangbeispiele sind alle mit dem Equator gemacht, wobei es mir vor allem darum ging, die Dinge zu zeigen, die man mit dem Seaboard Rise anstellen kann und nicht primär um den Synthesizer. Im ersten Beispiel wird dann auch einfach das erste Preset genommen und der Sound kurz vorgestellt. Danach werden die verschiedenen Parameter vorgestellt, die man alle einfach „spielen“ kann, ohne einen Finger vom Seaboard Rise zu nehmen und schließlich noch mal mit dem Orgelsound gespielt, diesmal aber so, wie man es einfach mit keinem anderen Controller spielen könnte: herzzerreißend krumm und schief, aber doch mit viel Gefühl! Auch die weiteren Beispiele mit leicht modifizierten Presets sollen solche Möglichkeiten aufzeigen und das Wichtige ist: Die Finger haben dabei nie den Controller verlassen, alle Sounds wurden direkt so generiert und nicht nachgearbeitet.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • neuartiges Konzept, das funktioniert
  • erweiterte Steuerungsmöglichkeiten gegenüber dem Seaboard Grand
  • sehr guter Editor
  • toller mitgelieferter Software-Synthesizer mit sehr guten Presets gerade im Zusammenspiel mit dem Seaboard Rise
  • gute Website mit vielen Erklärungen
  • sehr stabiles Metallgehäuse mit perfektem Stand
  • schnurloser Betrieb über Akku und MIDI per Bluetooth

  • hohe Prozessorbelastung durch Editor und Synthesizer
  • erfordert komplexe mehrkanalige Setups auf Seiten der gesteuerten Klangerzeuger
  • Silikon ist empfindlicher als Plastik

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