Feature
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19.11.2020

Schallwandler Podcast: Steve Bug

Gespräche mit Klangforschern und Soundtüftlern

Über Bouldern, Hypes & Wellen, Studiogear, Businesstechno versus Authentizität und Vorteile eines eigenes Labels

Vom House- und Technofieber Anfang der 90er gepackt, zog es den gebürtigen Bremer Stefan Brügesch, der bislang als Hairstylist gearbeitet hatte, hinter den Plattenteller. Im Club MAXX startete er 1991 seine DJ-Karriere mit feinen Housegrooves und es dauerte nicht lange, da hatte er auch schon Gigs im Hamburger Unit. Sein Sound kam gut an, es folgten weitere Bookings, erste eigene Produktionen und positives Feedback, so dass Brügesch seinen alten Beruf an den Nagel hing und sich von nun an nur noch der Musik widmete.

1994 lockte ihn diese zunächst nach Hamburg. Mit DJ Henry rockte er einige Partys im Front Club und die beiden veröffentlichten zusammen einige Tracks mit Gerret Frerichs auf Superstition. Dort erschien 1995 auch seine erste Soloproduktion unter dem Namen, der sich später zu einer weltweiten Marke entwickeln würde: Steve Bug! Es folgten viele weitere Veröffentlichungen und Kooperationen u. a. mit Acid Maria, mit der Steve ein Jahr später auch die erste Platte auf seinem ersten eigenen Label „Raw Elements“ rausbrachte. 

Ein weiterer Meilenstein in Bugs Karriere war die 1997 auf „Raw Elements“ veröffentliche Compilation CD „Da Minimal Funk“, die sich zu einer Reihe etablierte und Steve Bug und seinen Minimal-Style bekanntgemacht haben. Das Label war jedoch nur von kurzer Dauer. 1998 schloss Steve das Kapitel „Raw Elements“ und gründete stattdessen das inzwischen legendäre „Poker Flat“ sowie das bei Deep-housefans beliebte „Dessous Recordings“, was sich in der deutschen House-Szene ziemlich schnell als „State of the Art“ etablierte. Mit dem Millenium wechselte Steve Bug nicht nur in ein neues Jahrtausend, sondern auch den Standpunkt seinen Wirkens. Von Hamburg zog es ihn nach Berlin, wo er rasch seine neue künstlerische Heimat fand. Im selben Jahr startete der umtriebige Visionär seine erste eigene Partyreihe in der Hauptstadt im „Sternradio“ und brachte sein zweites Album „The Other Day“ auf den Markt, diesmal auf Poker Flat. Bugs Track „Loverboy“ wurde einer der ersten der internationalen Minimal-House-Szene:

 

2001 veröffentlichte niemand anders als Sven Väth eine Compilation des Wahlberliners Steve Bug auf Cocoon. Auf diesem anspruchsvollem Werk „The Flow“ gab Bug einen Überblick über die Minimal-House-Szene und versammelte nationale und internationale Größen, u. a. Marshall Jefferson. Es begann eine unglaublich kreative Zeit für Bug sowohl als eigenständiger Producer als auch als Labelmacher und natürlich als DJ. Bug jettete rund um den Globus und verzückte seine Minimalgemeinde mit abstraktem Reduktionismus. 

Als hätte der gebürtige Bremer nicht schon genug um die Ohren gehabt, erweiterte Steve Bug seine Labelfamily mit den zwei weiteren Marken Traffic Signs und Audiomatique, wo er dann auch noch in die Rolle das A & R schlüpfte. Eine gute Entscheidung, denn er hatte ein gutes Händchen bzw. Ohr für Talente und entdeckte unter anderem den inzwischen dänischen Superstar „Trentemøller“ (hier im Gear Chat), der auf Poker Flat 2006 sein Debüt gab. Diese Platte wurde von Resident Advisor als eines der besten Alben des Jahrzehnts gewählt und schaffte es auf Platz 26. Im letzten Jahr feierte Poker Flat sein zwanzigjähriges Bestehen und hat in dieser Zeit mehr als einmal Musikgeschichte geschrieben, mit Platten wie z. B. „Sweat“ von John Tejada – und der Erfolg reißt nicht ab.

Nach wie vor hat Steve Bug ein gutes Gespür für den jungen Nachwuchs und auch was seine eigenen Musikproduktionen anbelangt, ist er kein bisschen müde geworden, im Gegenteil. In diesen Tagen erscheint das inzwischen sechste Studio-Album von Steve Bug: „Never Ending Winding Roads“ ist  eine reine Solo-Veröffentlichung, von der ein Großteil in den Monaten der erzwungenen Isolation aufgrund der Coronavirus-Pandemie produziert wurde. Viele der Titel spiegeln Steves Zustand in dieser Zeit wider, wobei Themen wie Einsamkeit, Kontemplation und Reflexion vielleicht mehr in den Vordergrund gerückt sind als bei seinen früheren Arbeiten.

Schallwandler Podcast

Mir ist Steve Bug das erste Mal in Form einer gebrannten MP3-CD untergekommen. Während überall noch fleißig Plattenteller gedreht wurden, habe ich als Beta-Testerin von Traktor bereits digital aufgelegt. Es war an einem der Abende in der Lounge im WMF Club. Da kam, wie immer, auch Pit Schultz, mit dem ich mich häufig über Musik und über Netzradio unterhalten habe. An diesem Abend drückte er mir eine selbstgebrannte CD in die Hand und meinte: „Manou, das musst du dir anhören!“ Auf die CD hatte er mit Filzer „minimal Funk“ geschrieben. Ich muss gestehen, dass mir diese Musik erst mal ganz schön „trocken“ vorkam. Irgendwie sperrig und für meinen Geschmack zunächst etwas „emotionslos“. Wie genial jedoch die Rhythmen waren, das habe ich erst später erkannt, als ich nicht mehr nur „aus einem spontanen Bauchgefühl heraus“ aufgelegt, sondern meinem Geist erlaubt habe, an diesem Prozess teilzunehmen ;)

Obwohl wir in derselben Stadt leben, ist mir Steve Bug bislang nie persönlich begegnet und ich hatte mich schon so auf ein Treffen gefreut. Aufgrund der uneinschätzbaren Risiken dieser depperten Pandemie haben wir uns jedoch dazu entschlossen, das Gespräch online und ohne Kamera aufzunehmen. Vermutlich hätte ich sonst noch ein bisschen mehr „Privates“ aus ihm herauskitzeln können. Immerhin hat ihn meine erste Frage zum Lachen gebracht. Worüber ich mich mit Steve Bug unterhalten habe, das erfahrt ihr in dieser Episode vom Schallwandler. Viel Vergnügen beim Hören!

 

 

Veröffentlicht am 19.11.2020

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