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Workshop
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22.09.2017

Situationen am FOH-Platz, für die du besser einen Notfallplan hast

Workshop: Kühlen Kopf in heißen Situationen bewahren

Bei ruhiger See ist es keine große Kunst, durch bekannte Gefilde zu navigieren. Richtig gefordert ist der Tontechniker erst, wenn er aus seinem FoH-Ausguck erkennt, dass ein Sturm aufzieht. Einen kühlen Kopf zu bewahren, ist die Grundvoraussetzung, damit der Mix nicht untergeht oder gar die gesamte PA Schiffbruch erleidet.

Ein guter Kapitän sollte folglich immer einen Plan B in der Hinterhand haben, damit Schiff und Mannschaft wohlbehalten den nächsten Hafen erreichen. Kapitän Wohlklang präsentiert euch daher an dieser Stelle sechs Überlebenstipps.  

1. Stromausfall

Ein Stromausfall ist wie ein Motorschaden auf offener See - nichts geht mehr. Aber manchmal geht es auch gar nicht erst los. Benötigt man Drehstrom für seine PA, sollte man immer die örtliche CEE-Verteilung prüfen, bevor man sein Amprack anschließt. Ein fehlender Nullleiter und andere Probleme können im ungünstigsten Fall Verstärker und PA-Controller dauerhaft terminieren.

Daher solltet ihr stets zwei Minuten eurer Zeit investieren und mit einem Spannungsprüfer (z. B. Duspol) aus eurem FOH-Koffer die korrekte Verdrahtung des Drehstromanschlusses überprüfen, bevor ihr anlegt. Wem der Umgang mit einem Spannungsprüfer nicht geheuer ist, der kann alternativ einen Drehstromtester wie den Voltcraft ST-16B verwenden. Dieser gibt auf einen Blick eine Statusmeldung über die Phasen, Nullleiter und Drehfeldrichtung und kann auch von Laien bedient werden. Benötigt ihr nur eine Schukodose für eure Technik, ist es ratsam, vor Veranstaltungsbeginn den dazugehörigen Sicherungskasten zu lokalisieren und sicher zu gehen, dass dieser auch während der Veranstaltung frei zugänglich ist.

2. Teile der PA meutern

Die Band will mit dem Soundcheck starten, ein Hochtöner gibt nur noch ein kratziges Röcheln von sich und ihr habt keine Ersatzbox dabei? Dann ist Improvisation gefragt. Vor allem sollte man sich mit seinem Amprack, System-Controller und den Impedanzen der Boxen auskennen. Fakt ist: Fast alle Defekte rund um die PA lassen sich soweit kompensieren, dass man die Show nach Hause bringen kann. Repariert wird später.

Ist ein Topteil defekt, wird kurzerhand ein Monitor zum FOH-Top umfunktioniert. Gut, wenn man für diesen Fall schon ein passendes Controller-Preset erstellt hat. Ist ein Controller-Ausgang oder ein Endstufenkanal defekt, bringt man die Show mono nach Hause, was den meisten Zuhörern nicht auffallen dürfte. Ausfälle von Aktivboxen sind leider nicht ganz so einfach zu kompensieren, da diese meistens einen Totalausfall darstellen. Daher besser stets eine Box mehr einpacken. Das gilt vor allem bei größeren Veranstaltungen.

3. Wo ist mein Preset?

Mehrere Bands an einem Abend und deine Kapelle macht den Headliner. Kurz bevor ihr los rockt, möchtest du dein Preset vom Soundcheck laden, doch im Szenenspeicher ist dein Werk vom unerfahrenen Kollegen des Support Acts aus Versehen überschrieben worden. Herzliches Beileid.

Nutzen mehrere Leute den gleichen Mischer, solltest du die Szene dort zweimal ablegen und zudem noch auf einem Laptop oder USB-Stick sichern, falls das Pult aus Versehen initialisiert wurde. Wer das einmal erlebt hat, wird das mehrfache Speichern auf unterschiedlichen Medien nicht als Paranoia ansehen. Versprochen!

4. Drahtlos ratlos

„Beim Soundcheck ging es noch“, mag vielleicht stimmen, hilft aber nicht weiter, wenn die Funke des Lead-Sängers massive Drop-Outs hat. Fakt ist: Eine stabile Funkverbindung ist nicht selbstverständlich und erfordert besonders beim Einsatz mehrerer Systeme etwas Planung.

Einige Hersteller (z. B. Shure oder Sennheiser) bieten kostenlose Software an, mit der sich passende Frequenzen für größere Setups berechnen lassen. Das ist die minimale Vorleistung, die man als Dienstleister vor einer Veranstaltung erbringen sollte. Auf der Baustelle kann der Funkbereich zusätzlich mit einem RF-Scanner nach Problemen abgesucht werden. Darüber hinaus sollte beim Soundcheck die gesamte Bühne mit den Drahtlossystemen abgeschritten werden, um sicher zu gehen, dass die Verbindung überall stabil ist.

Aber was macht man, wenn trotz aller Vorbereitung die Verbindung abreißt? Dann hat man hoffentlich ein Ersatzmikrofon (kabelgebunden) schon gesteckt und passende EQ- und Gain-Einstellungen bereits beim Soundcheck eingestellt.

5. Das Mischpult streikt

In der analogen Zeit war es bei professionellen Veranstaltungen Pflicht, fürs Mischpult ein zweites Netzteil am Start zu haben. Das digitale Pedant ist ein zweites Pult, das man bei wichtigen Veranstaltungen stets in der Hinterhand haben sollte. Potente Digitalpulte gibt es heute schon für dasselbe Geld, das man in den 80er Jahren für eine zweite PSU ausgeben musste. Eine kleine Konsole im Kofferraum kann den Gig retten!

6. Soundcheck, welcher Soundcheck?

Es kommt der Tag, an dem du deine Band ohne Soundcheck an den Start bringen musst. Das Stadtfest sieht keine Umbaupause und daher keinen Soundcheck vor, der Headliner braucht für seinen Soundcheck viel zu lange oder die Band stand im Stau.

Keine Panik, mit etwas Vorbereitung umschifft man auch diese Klippe. Das Wichtigste ist, die Lautstärken deiner Inputs zu kennen. Dazu schaut man am besten in die letzten Mixszenen der Band und lernt die Gains der Mikrofonkanäle auswendig. Während die Band aufbaut, stellst du die Gains der Kanäle ein.

Identische Mikrofone wären ideal, aber mit etwas Erfahrung weiß man, welche Mikrofone lauter oder leiser sind als die eigene Wahl. Nach den Gains setzt man die Low- und Hi-Cuts und stellt Kompressoren und Gates der wichtigsten Kanäle ein. Deren Thresholds sind so eingestellt, dass sie zunächst nicht greifen, alle übrigen Parameter passen aber schon. Somit muss während der ersten Nummer nur der Threshold gewählt werden. Derart vorbereitet sollte nach ein, zwei Songs der Sound halbwegs stimmen.

7. Tätlicher Übergriff

Unangenehmes Thema, aber dem Autor leider nicht unbekannt. Als FOH-Mann dient man im ungünstigsten Fall als Projektionsfläche für den Frust einzelner Zuhörer. Vom gut gemeinten Soundtipp über Beschimpfungen bis hin zu handfesten Auseinandersetzungen reicht die Spanne an ungewollter Interaktion. Bei verbalen Attacken sollte man versuchen, die Ruhe zu bewahren, kommt es allerdings zu Handgreiflichkeiten, gibt es nur eine Marschrichtung. 

Auch wenn unter Kollegen gerne der alte Spruch zitiert wird: „Fleisch wächst nach – Equipment nicht“ sollte man im Falle einer Auseinandersetzung nicht versuchen, den Mischpultplatz zu verteidigen. In diesem Fall ist es keine Schande, wenn der Kapitän das Schiff verlässt, um sich in Richtung Security zu flüchten. Falls möglich noch den Masterfader runterziehen und das Pult sperren. Setzt die PA aus, ist euch zumindest die Aufmerksamkeit von Band und Publikum gewiss, was in der Situation nicht von Nachteil sein dürfte.

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