Software
Test
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28.11.2020

Spitfire Audio Abbey Road ONE Test

Sound-Library

Klasse statt Masse?

Mit Abbey Road ONE startet eine Kooperation zwischen dem legendären Studio in London und dem britischen Plugin-Spezialisten Spitfire Audio, die in Zukunft sogar noch ausgebaut werden soll. Obwohl man mit dem Studio wahrscheinlich spontan die Beatles assoziiert, stehen die Anlagen des Abbey Road genauso für zahlreiche High-End-Produktionen aus dem Genre der Filmmusik – wie etwa Star Wars, Avengers: Endgame, Herr der Ringe oder Harry Potter.

Und so lag der Anspruch bei dieser Produktion darin, das Orchester genauso aufzuzeichnen, wie es auch bei den legendären Filmproduktionen geschehen ist. Und das Studio ONE ist mit seiner Größe und der einzigartigen Akustik geradezu dafür prädestiniert. Die aktuelle Library trägt den Zusatz „Foundation“ (dt. Grundlage) im Titel – das lässt darauf schließen, dass die erste Ausgabe offenbar noch um weitere Facetten bereichert werden wird. Und die ersten Add-ons wurden mit „Sparkling Woodwinds“ und „Legendary Low Strings“ sogar bereits für das Frühjahr 2021 angekündigt.

Details

Für Abbey Road ONE wurde ein 90-Personen-Orchester ganz neu aufgezeichnet, Bestandteile anderer Libraries fanden hingegen keine Verwendung. Damit wollte man in Abgrenzung zu den bereits von Spitfire angebotenen umfangreichen Libraries Albion ONE oder BBC Symphonic Orchestra die spezielle Akustik des Studios in den Vordergrund stellen. Außerdem unterscheidet sich der Aufbau deutlich von den genannten Orchestervarianten. Abbey Road ONE will wohl eher die Musiker und Produzenten aus Pop, EDM und Game-Scoring ansprechen, die die Streicher- und Bläserklangfarben eher mit dem Keyboard einspielen, als sie wie ein Arrangeur Stimme für Stimme zu setzen.

Das Konzept

Abbey Raod ONE bietet in der Foundation-Version keine Einzelinstrumente (Schlaginstrumente ausgenommen), sondern unterteilt das Orchester in Streicher-, Blech- und Holzbläserensembles und erweitert es um eine Percussion-Sektion. Insofern ist das Orchester vollzählig angetreten. Einzelinstrumente und Variationen wird es möglicherweise mit den Add-ons geben, die sich User zu einem Preis von 49 Euro pro Erweiterung anschaffen können. Das erscheint wie eine Art Modularsystem, bei dem man nur die Sektion hinzunimmt, die man wirklich benötigt

So manche Funktionen, z. B. Sync-Tempo-to-DAW, sind implementiert, aber noch nicht aktiv. Das sind Vorbereitungen für die weiteren Bausteine. Das Fenster der Preset-Library scheint außerdem etwas überdimensioniert. Das macht aber Sinn, weil man über die nachfolgenden Bausteine deutlich mehr an Klangfarben zur Verfügung hat. 

Die Klangauswahl

Das Plugin bietet also die gesamte Bandbreite eines Orchesters. Bei den Streichern gibt es allerdings lediglich die Auswahl zwischen High Strings und Low Strings, gleiches gilt für die Holzbläser High Wood und Low Wood. Das Blech kommt dann mit Trumpets, Horns und Lower Brass dazu. Etwas umfangreicher sieht es dann in der Percussion-Sektion aus, die in einer erschöpfenden Auswahl vorhanden ist.

Oben drauf gibt es noch ein Orchester-Preset – also „einmal komplett“, was aus meiner Sicht etwas zu bläserlastig ist. Das war’s dann aber auch schon.

Bis auf das Orchester-Preset belegen die einzelnen Ensembles nicht die ganze Tastatur. Der spielbare Bereich wird auf dem virtuellen Keyboard dargestellt

Die Artikulationen

Für jedes Instrument bzw. Ensemble (außer Percussion) stehen die wichtigsten Artikulationen zur Verfügung. Die Auswahl ist mit bis zu sieben Artikulationen je Orchestersektion allerdings begrenzt, was die Bedienung gerade für Nicht-Arrangeure sehr einfach macht. Orchesterpuristen werden sich damit vielleicht nicht zufriedengeben. 

Die Art, auf die die Artikulationen abgerufen bzw. im Spiel gewechselt werden sollen, lässt sich den persönlichen Vorlieben anpassen. Das beginnt damit, dass die gewünschte Variante per Mausklick auf der Main-Seite ausgewählt werden kann. Das mag bei der Performance etwas umständlich sein, doch lassen sich die Lage der Keyswitches sowie die Taste selbst separat für jede Artikulation festlegen.

Man kann dies aber auch abhängig von der Anschlagdynamik, vom MIDI-Controller oder von der individuellen Spielweise steuern. Da kann jeder User selbst entscheiden, welche die beste Variante darstellt. Nicht benötigte Artikulation kann man für ein Preset auch ganz einfach ausblenden.

Besonderheit Percussion

Völlig anders als bei Streichern und Bläsern ist der Aufbau der Orchestral Percussion ausgefallen. Hier finden wir im Preset-Bereich zwar auch die Unterteilungen zwischen Drums, Percussion, Metal, Tuned und Ensembles, doch stehen auf der nächsten Ebene dann keine Artikulationen zur Wahl, sondern teilt sich das Angebot in die einzelnen Instrumente. Das reicht von den Timpani bis zum Becken und vom Glockenspiel bis zu Snare, Bassdrum und Co. – die Auswahl ist groß und ermüdend. Manche Instrumente liegen nur auf einer oder zwei Tasten, manche haben einen größeren Tonumfang. An den Klangarben selbst kann man nicht schrauben, alles ist mit dem natürlichen Raumklang des Studio One versehen. Der kann allerdings mit der Closed-Mic/Far-Mic-Einstellung maßgeblich und stufenlos verändert werden. Hier ein Klangbeispiel dazu:

Dabei muss man allerdings in Kauf nehmen, dass bei der Veränderung dieses Parameters Ladezeiten anfallen.

Round Robins 

Bei den Aufnahmesessions wird jedes Signal in mehrfach aufgezeichnet.  Wiederholt man  den gleichen Ton auf der Tastatur, hört man für nie das gleiche, sondern im begrenzten Umfang ein anderes Sample. Das soll verhindern, dass das Ergebnis zu statisch wird und stets lebendig bleibt. Wer das nicht möchte, kann den Effekt begrenzen, deaktivieren oder aber die gleichen Samples bei jedem Startbefehl der DAW immer wieder abrufen, um nicht zu sehr vom ursprünglichen Ergebnis abzuweichen.

Die Effekte

Auch hier finden wir mit Reverb, Vibrato, Release und Tightness eine leicht reduzierte Auswahl. Für jeden Effekt ist nur ein Parameter regelbar, so z. B. die Release-Zeit oder die Reverb-Intensität. Tiefergehende Regelmöglichkeiten stehen (noch) nicht zur Verfügung. Regeln lassen sich die Effekte per Maus oder über einen Controller. Außerdem stehen nicht alle Effekte für alle Klangfarben zur Verfügung.

Kurze Erklärung zur Tightness: Orchesterinstrumente besitzen eine gewisse Attackzeit, was einen Ton möglicherweise nicht ganz exakt („tight“) auf einer Zählzeit erscheinen lässt. Das macht aber auch die Lebendigkeit von Naturinstrumenten aus. Wer es etwas „statischer“ liebt, erhöht mit diesem Parameter die Genauigkeit.

Die Mixdowns

Für jedes Preset stehen nicht weniger als zwei Mixe und zehn verschiedene Mikros (alles stereo) zur Verfügung, die in einer Art Mischpult organisiert sind. 

Mix 1 stammt dabei von Simon Rhodes, einem mit mehreren Grammys ausgezeichneten Soundengineer mit großer Erfahrung im Bereich Filmmusik (AvatarHugoHarry Potter u. v. m.). 

Aus den einzelnen Signalen lässt sich dann auch wieder ein individueller Mix zusammenstellen und abspeichern. Regelbar ist auch der Abstand der Mikrofone zum aufgenommenen Objekt, allerdings immer nur global. 

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Klangqualität
  • Einfache Bedienung
  • Übersichtlicher Aufbau
  • Variable Artikulationssteuerung
  • Dynamik
  • Konzept des „modularen“ Aufbaus
  • Percussion-Instrumente
  • Der beeinflussbare Raumklang

  • (eingeschränkte Funktionalität - Zielgruppe beachten!)

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