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Test
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28.07.2017

Spitfire Audio Albion V Tundra Test

Sample Library

Orchestrale Nordlichter

Die Albion-Reihe von Spitfire Audio steht für innovative und klanglich extrem hochwertige Sample Librarys, die sich besonders an Filmkomponisten und Sounddesigner wenden. Das fünfte Instrument der Reihe, Albion V Tundra, hat sich einer leisen, nordischen Klangästhetik verschrieben und entlockt dem Orchester fragile, sphärische, beinahe außerirdisch wirkende und doch organische Klänge. Um es mit den einleitenden Absätzen des Handbuchs zu sagen: „Als würde es durch das Moos am Boden sickern, mit dem Duft estnischer Wälder, schottischer Lochs und norwegischer Fjorde, erweckt es Gefühl der Isolation, die man auf den Permafrost-Böden der isländischen Tundra spürt.“ Mangelnde cineastische Vorstellungskraft kann man den Machern von Spitfire Audio angesichts solcher Sätze jedenfalls nicht vorwerfen. Wir haben getestet, was dabei am Ende klanglich herauskommt.

„Normale“ Orchester-Librarys gibt es mittlerweile in so großer Zahl und so guter Qualität, dass die Neuerscheinungen der letzten Jahre dem gut informierten (Film-) Komponisten regelmäßig weitere solide Werkzeuge an die Hand gaben, ohne dass man darüber große Worte hätte verlieren müssen. Das Feld ist sehr gut bestellt, es gibt kaum noch Raum für echte Innovationen und der Spielraum zur substanziellen klanglichen Verbesserung wird auch immer dünner. Albion V Tundra geht einen anderen Weg und stellt nicht die möglichst „authentische“ Abbildung eines herkömmlichen Sinfonie- bzw. Filmorchesters, sondern eine spezielle Klangästhetik in den Vordergrund. Schon die Tatsache, dass die maximale Lautstärke hier ein Mezzopiano (mp) ist und also die gesamte dynamische Auflösung für die leisen Töne zur Verfügung steht, sollte Freunde fragiler Klangwelten aufhorchen lassen. Obschon auch Percussion Loops enthalten sind und ein großes Orchester natürlich auch im Mezzopiano ganz schön mächtig und erhaben klingen kann, ist Tundra also bestimmt kein Instrument für donnernde Action-Soundtracks in Hans-Zimmer-Manier. Stattdessen bewegen sich die Samples an der spannenden Grenze zur Stille und umfassen eine Reihe von außergewöhnlichen Spieltechniken, die teilweise die physischen Grenzen der Instrumente ausreizen und in Klangregionen vordringen, die sich mit den gängigen Librarys nicht erreichen lassen. Das könnte genau nach meinem Geschmack sein!

Details

Konzept und Inhalt der Library

Spitfire Audio Albion V Tundra ist einerseits eine Orchester-Library: Man findet hier Streicher sowie Holz- und Blechbläser in verschiedenen und bisweilen ungewöhnlichen Spieltechniken und Mikrofonpositionen, die sich über die eigens programmierte Kontakt-Oberfläche intuitiv umschalten und einsetzen lassen (dazu später mehr). Andererseits ist es eben auch kein „normales“ Sample-Orchester, sondern folgt einer bestimmten klanglichen Vision und bricht dabei auch mit Konventionen. Dass alles über Mezzopiano weggelassen wurde, ist nur der Anfang. Wie sehr die Macher bereit waren, die manchmal einengenden Orchester-Normalitäten über Bord zu werfen, wird beispielsweise daran deutlich, dass überhaupt keine Bratschen zum Einsatz kamen. Um dem Orchester den gewünschten „eisigen“ Charakter zu geben wurde beschlossen, den Tiefmittenbereich auszudünnen. Gleichzeitig wurden die angestammten Sitzpositionen in Frage gestellt. Die Tundra-Streicher bestehen aus 12 Celli und sechs Kontrabässen in der Mitte des Raumes, flankiert von zwei sehr großen Violinen-Ensembles mit 20 bzw. 18 Spielern, die an gegenüberliegenden Seiten des Raumes angeordnet sind.

Auch findet man hier nicht die übliche Sammlung von Einzelsamples der verschiedenen Sektionen, sondern ausschließlich Ensemble-Klänge in unterschiedlichen Spielweisen, die der Einfachheit halber in „high“ und „low“ unterteilt sind – Kontrabässe und Celli sowie Violinen 1 und 2. Das Tundra-Streichorchester ist also prinzipiell eine feste Anordnung, die der gewünschten Klangästhetik geschuldet und nicht beliebig umsortierbar ist. Das soll aber nicht heißen, dass keine klanglichen Variationen möglich wären, denn die Artikulationen, Dynamik und Mikrofon-Distanzen lassen sich umfangreich anpassen und in Echtzeit modulieren. Wer sich die räumliche Anordnung und Zusammensetzung des Tundra-Orchesters zueigen macht und kompositorisch berücksichtigt, kann damit in neue Klangwelten vordringen.

Das Gleiche gilt für die Bläser: Einzelne Flöten, Fagotte oder Posaunen findet man in Tundra nicht. Auch hier setzt die Library auf Ensemble-Patches, die sich in Holzbläser hoch und mittel sowie Blechbläser hoch und tief unterteilen, jeweils mit diversen nicht alltäglichen Spielweisen aufwarten und zum Teil an die Grenzen dessen gehen, was mit den Instrumenten im Übergang zur Stille machbar ist. Ich finde dieses Konzept im heutigen Umfeld interessant und richtig, denn die Standardsamples (Violinen laut/leise/lang/kurz etc.) haben wir ja alle schon zuhauf in bester Qualität auf dem Rechner.

Zusätzlich enthält Tundra eine Reihe von interessanten „Evolutions“, Drones sowie Percussion Sounds, die ebenfalls mit dem Grenzbereich zur Stille experimentieren. „Stephenson's Steam Band“ ist eine Sammlung experimenteller Pads und evolvierender Klangteppiche, die unter großzügiger Verwendung diverser Effektgeräte (u.a. Roland Space Chorus Tape Delay, Eventide Harmonizer, Axe FX Pro) aus untypischen Orchesterspielweisen und anderem „Rohmaterial“ (z.B. Harmonium und indischen Shruti-Boxen) gewonnen wurden. Das „Vral Grid“ besteht aus Evolutions von Harmonium und Shruti-Boxen, die sich in einer Gitteranordnung vielseitig (auf Wunsch auch zufällig) miteinander kombinieren und zu einem Gesamtklang formen lassen. Die „Brunel Loops“ stammen vom Londoner Perkussionisten Paul Clarvis, der sich auf unzähligen Filmsoundtracks von Star Wars bis Harry Potter mit einzigartigen Percussion-Sounds einen Namen gemacht hat. Schließlich enthält die Library noch die „Darwin Percussion“, eine Sammlung von tiefen, dunklen, geheimnisvollen Drum Hits.

Installation und Autorisierung

Albion V Tundra ist als Download erhältlich und kostet derzeit 459 Euro. Das ist nicht wenig, aber die Klangqualität und der Aufwand, der hier beim Sampling und Sounddesign betrieben wurde, rechtfertig den Preis meiner Ansicht nach definitiv, soviel schon mal vorweg. Nach dem Online-Kauf und dem Anlegen eines Accounts bei Spitfire Audio lädt man zunächst den Library Manager herunter, der sich dann um den eigentlichen Download und das Entpacken der Library kümmert. Am Ende belegt Tundra 44,4 GB auf der Festplatte; während der Installation ist sogar der doppelte Platz (88,8 GB) erforderlich. Zusätzlich (oder alternativ) zum Download bietet Spitfire Audio die Option, die Library auf einer Festplatte zu beziehen. Dafür werden in Deutschland derzeit 69 Euro zusätzlich fällig. Die Library läuft entweder in einer vorhandenen Vollversion von Native Instruments Kontakt (ab Version 5.5) oder im kostenlosen Kontakt Player. Die Autorisierung erfolgt wie gewohnt unkompliziert per Seriennummer im Native Instruments Service Center; dafür ist eine Internetverbindung erforderlich. 

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Orchester-Library mit ungewöhnlichem, inspirierendem Ansatz
  • hervorragende Klangqualität
  • drei leicht zu bedienende Sample Player
  • seltene, außergewöhnliche Spielweisen
  • vier mischbare Mikrofonpositionen (für Orchestersamples)
  • musikalische Aufarbeitung der Samples, gute Spielbarkeit
  • "Stephenson's Steam Band" und "VRAL Grid" liefern einzigartige Sounds, die sonst nur mit viel Aufwand zu realisieren wären
  • sehr "bildhafter" Klang – ideal für Filmmusik

  • kein Contra

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