Test
5
16.10.2009

Praxis

Bin ich hier beim Doktor? Die Antwort ist nein
In der Arztpraxis duldet der Patient nicht selten längere Wartezeiten, in der Mix-Praxis sind diese eher nicht zu tolerieren, haben sie doch eine direkte Auswirkung auf den Workflow, im schlimmsten Fall als Performance-Bremse. Vom CDJ-100 bin ich rund vier Sekunden bei Audio CDs gewöhnt, beim Testgerät werden die eingelegten Silberlinge durchschnittlich innerhalb von vier bis sechs  Sekunden eingelesen. Bei gebrannten CD-RWs und selbst bei einer mit 50 Tracks bis zum Anschlag befüllten MP3-CD blieb es gleichfalls bei maximal sechs Sekunden. Das ist ein akzeptables Ergebnis. Na, dann lasse ich die MP3-Scheibe doch gleich mal drin, setze den Kopfhörer auf und versuche den dritten Track der CD mit einem 123er Bargroove im CDJ-100 zu mixen. Dabei stellt sich heraus, dass beim Wechsel des Musikstückes ungefähr eineinhalb Sekunden vergehen, bis der nächste Track abgespielt wird. Das ist beim Pioneer nicht anders, damit kann ich gut leben. Der Song wird gestartet, gepitcht, und geschubst, bis das Tempo stimmt und die Beats übereinanderliegen. Keine Minute später war mein Ziel erreicht, denn mit dem sehr präzisen Jog-Wheel und den gut eingestellten Pitch-Bend-Tasten kam ich hier schnell zu Potte. Letztgenannte beschleunigen umso mehr, je länger sie gedrückt werden bis zu einem Maximum von obligatorischen Acht Prozent. Sicherlich gibt es einen qualitativen Kontrast zwischen komprimierten und unkomprimierten Audiosignalen - im Handling machte der Proband jedoch keinen Unterschied. Mit zehn Sekunden Pufferzeit ist der Anti-Schock-Buffer nicht gerade üppig ausgestattet, den Schüttel- und Vibriertest überstand er jedoch so gut wie schadlos. Erst anhaltendes  Faustklopfen auf den Tisch leerte den Zwischenspeicher zügig genug, um den Track wiederholt zum Stottern zu bringen. Ein größerer Puffer kann also gerade in Extremsituationen nicht schaden.

 

Party mit Spinnern
Das Stanton-Dial ist erfreulich laufruhig, mit exzellenter Renitenz und kommt auch nach starken Rückwärtsdrehungen zügig zum Stehen. Hier hören wir uns die C.324, CDJ-400 und PDX-2300  Spinbacks an.

Genau wie bei einem Plattenspieler stoppt die Audio-Wiedergabe beim Stanton in dem Moment, wo der DJ auf die Oberfläche fasst. Wieder losgelassen, benötigt der Track einen Moment um von null auf 100 zu kommen, das ist beim Turntable genauso, beim 400er ist dies nicht so stark ausgeprägt. Tippt man mit dem Finger bei laufendem Track mehrfach auf den Teller, entsteht ein Whoosh-Effekt, der allerdings nicht auftritt, wenn das Rad in Bewegung ist, also zum Beispiel beim Scratchen. Bei andruckdruckintensiven, heftigen Backspins läuft der Track erst dann

wieder normal weiter, wenn das Jog-Wheel zum Stillstand gekommen ist also quasi in die Vorwärtsbewegung wechseln würde. Bei leichteren Spins spielt der Track nach dem Loslassen unverzüglich normal weiter, auch wenn das Dial noch nicht wieder steht. Leider lässt sich der Widerstand des Jog-Wheels nicht hardwareseitig regulieren, die Empfindlichkeit  aber immerhin softwareseitig anpassen. Grundsätzlich können Start- und Bremsgeschwindigkeit  in einer Spanne von null bis zehn Sekunden stufenlos reguliert werden, sind aber turntable-like an den Play-/Pause-Schalter gekoppelt. Der Player ist zudem erfreulich scratch-tauglich. Sein griffiger Teller bietet eine ausreichend große Hand-Auflage und reagiert fix. Für mich liefert Stanton hier eine praxistaugliche Konstruktion ab.

Beats per minute
Die interne BPM-Erkennung benötigt zwischen vier und acht Sekunden um sich auf einen Wert festzulegen, dieser ist dann zehntelgenau. Zum Vergleich braucht Pioneers CDJ-400 nur annähernd vier Sekunden, allerdings auf ganze Zahlen gerundet. Negativ belastend wirken sich Wartezeit und BPM-Schwankungen bei der Verwendung von tempoabhängigen automatischen Effekten und Schleifen aus, die auf Grundlage der ermittelten Geschwindigkeit arbeiten und für die ein präzises Analyse-Ergebniss essenziell ist. Aber dazu mehr im Praxisteil.

 

Display und Navigationsergonomie
Je nach verwendetem Abspielgerät und Speichermedium unterscheidet sich auch das Verfahren der Track-Auswahl. So gibt es nicht wenige Laptop-DJs, die eine Menge Zeit in die Erstellung von Playlisten investieren, da ihnen das Suchen der Songs im laufenden Betrieb auf dem Laptop-Monitor zu unbequem ist. Vinylisten haben ebenso oftmals eine ungefähre Abspielreihenfolge ins Plattenköfferchen hintereinander gesteckt. Es gibt allerdings auch Spezies-Vertreter, die sich im Ansatz schon gegen Planung wehren und ihr Set ausschließlich nach dem Gefühl und der momentanen Stimmung richten. Gerade dann ist eine komfortable und vor allem zügige Navigation durch die Musikbibliothek unerlässlich, im Falle des 324ers natürlich der CD. Zu diesem Zweck stehen zwei multi-funktionale Push-Select-Potis zur Verfügung. Der Rechte wählt bei aktiviertem Folder-Button den gewünschten Ordner aus, der Linke ermöglicht in diesem zu scrollen und lädt, wenn man ihn drückt, den nächsten Track. Damit browst es sich zwar schnell allerdings nicht besonders komfortabel, denn die Verzeichnisse werden nicht mit ihren Namen sondern mit einer Nummer angezeigt. Diese Folder/Track-Übersicht ist bei den momentanen technischen Möglichkeiten sicherlich nicht das Nonplusultra.

Neulich beim Erkennungsdienst
Beim Einlesen unterschiedlicher Dateizusammenstellungen ging C.324 logisch vor. Erwartungsgemäß wurden leere Ordner und nicht unterstützte Formate (zum Beispiel WAV-Dateien) gar nicht erst angezeigt. Gemischte und MP3-Ordner wurden korrekt erkannt und sämtliche Tracks stehen Root zunächst in der Verzeichnis-Reihenfolge zur Verfügung. Browst der DJ in den einzelnen Ordnern, so werden die Songs in alphabetischer Ordnung aufgelistet.

Bedauerlicherweise zeigt der Testkandidat keine ID3-Tags sondern nur Dateinamen an. Das kann in manchen Fällen recht unangenehm sein. Hier ist zur Verdeutlichung ein Beispiel von Dateibezeichnungen eines Onlineshops für elektronische Musik. Ich benutze häufig ein digitales Vinyl-System, welches ID3 Informationen wie Künstler und Titel anzeigt, und so effizientes Suchen ermöglicht. Über die achtstellige LCD-Anzeige des CD-Players möchte ich die nachstehenden Tracks nicht suchen müssen, noch dazu, weil die Dot-Matrix scrollend schwierig abzulesen ist. Natürlich könnte der Benutzer solche Dateien auch bequem und schnell mit einer tag-tauglichen Stapelverarbeitung umbenennen, dann werden diese aber für viele andere Anwendungen nicht mehr auffindbar sein.

  • Various_Artists-Tomcraft_selects_Monsters_of_Techno_Vol._2_(Butch_&_Amir_-_Set_It_Off_(Ramon_Tapia_Birthday_Remix))-CRAFT004DIG-11(192k).mp3
  • Various_Artists-Tomcraft_selects_Monsters_of_Techno_Vol._2_(Luetzenkirchen_-_All_That_Jazz_(Popof_Remix_01))-CRAFT004DIG-3(192k).mp3
  • Various_Artists-Tomcraft_selects_Monsters_of_Techno_Vol._2_(Rainer_Weichhold_-_Bamboo_(Namito_Birthday_Remix))-CRAFT004DIG-10(192k).mp3

FX-Geschwader C324 – klarmachen zum Feuern
Kaum ein DJ-CD-Deck kommt heute noch ohne Effektabteilung aus. Stantons Tabletop verfügt über sieben integrierte DSP-Effekte, die in sechs Schritten von ¼ bis 4/1 Beats automatisch taktgesteuert modulieren können. Aktiviert der DJ beispielsweise 1/2 moduliert der aktivierte Effekt also zu jedem halben Takt respektive zweimal pro Beat und sitzt genau im Timing.

Falls keine automatische Synchronisation der FX gewünscht ist, können sie manuell über die Regler FX TIME und FX RATIO gesteuert werden. Dann sind asynchrone Abwandlungen möglich, die sich weniger militärisch geradeaus und sondern in meinen Augen durchaus lebendiger und grooviger anhören können. Eine Echo-Phase-Kombination in den unteren Taktabschnitten kurzzeitig aus der selbst-synchronisierenden Modulation herauszunehmen und dann mit dem nächsthöheren oder niedrigen Auto-Intervall wieder aufzufangen, kann einem Track schon mal ´nen zusätzlichen Kick verpassen. Mit aktiviertem OUTER-JOG lässt sich das Parameter RATIO auch über das Dial steuern, zum Beispiel um einen Flanger- oder Filtersweep anzulegen oder den Beat manuell zu zerhacken. Untereinanderliegende Effekte schließen sich grundsätzlich gegenseitig aus. Filter kann also nur alternativ zu Phaser betrieben werden. Dadurch können maximal drei Effekte gleichzeitig verkettet ablaufen. Diese können nicht nur für CD, sondern auch auf aufgezeichnete Samples und den Sequenzer verwendet werden, egal ob im Pause- oder Cue-Modus. Stantons Tausendsassa zieht mit einem FX-Batallion über Land, das zwar nicht weiter erklärungsbedürftig ist, vor dem Kauf sollte der Interessent aber definitiv reinhören, um zu entscheiden, ob er mit dem Klangbild zufrieden ist. Mir persönlich ist das Filter nicht schmutzig genug, das Echo hört sich etwas blechern an und der Flanger klingt sehr übersteuerungsgefährdet. Klasse ist jedoch, das die einzelnen Modulationsintervalle der Effekte auch in der Kette erhalten bleiben und für jeden Effekt separat nachjustiert werden können.

Auch die FX-Synchronisation ist nicht zu 100 Prozent sattelfest. Bei Schwankungen der internen BPM-Berechnung während der Laufzeit kann der Sound schon mal aus dem Gleichschritt kommen, da sich Zeitverschiebungen unmittelbar auf die Modulation der Effekte auswirken. Dieses Phänomen tritt gerade auch im Zusammenspiel mit Loops auf, wie die nachfolgenden Dateien verdeutlichen.

Neues vom springenden Punkt
Als Cueing bezeichnet man im Allgemeinen den Vorgang, ein Musikstück zum Abspielen vorzubereiten, indem der gewünschte Einsprungspunkt markiert und auf Knopfdruck verfügbar ist. Neuere technische Entwicklungen ermöglichen inzwischen, mehrere Cuepunkte zu speichern. Auf dieser Grundlage hat sich die Technik des Cuejugglings entwickelt. Ähnlich wie beim Beatjuggling wird von Punkt zu Punkt gesprungen, die Schaltflächen werden dabei wie Drumpads getriggert. In Kombination mit den internen Effekten kann so quasi ein einmaliger Live-Remix gespielt werden. Stantons Flagschiff bietet dem DJ verschiedene Vorgehensweisen, um seine individuellen Markierungen anzulegen. Eine Möglichkeit ist, die Wiedergabe des Tracks zu stoppen, indem CUE oder PAUSE betätigt werden. Mit dem Jogdial ist nun eine framegenaue Suche im Musikstück möglich. Hat er die entsprechende Stelle gefunden, betätigt er den Cue-Button und der Anker ist geworfen. Eine weitere Methode liefert der Vinyl-Modus. Ist er aktiviert und der DJ fasst auf das Jogwheel, stoppt der Track unverzüglich, ein Druck auf CUE setzt das virtuelle Lesezeichen. Am besten gefällt mir die HOTCUE-Methode. Direkt unter dem Jog-Wheel befindet sich die CLS-Abteilung (Cue-Loop-Sample-Abteilung). Dort sind vier extra große Hotcue-Pads platziert. Die heißen Starter werden einfach on-the-fly gesetzt, gespeichert, abgerufen und ebenso leicht gelöscht. Sie haben eine durchdachte Größe, mit minimalem „Anti-Ooops“-Widerstand und liegen sinnvollerweise da, wo sie sollten, will man beim Triggern nicht am Jogwheel hängenbleiben.

Looping und Sampling
Der Umgang mit Loops gestaltet sich äußerst unproblematisch. Manuelle Schleifen werden über obligatorische In- und Out-Buttons definiert. Der Loop läuft sobald der Endpunkt bestimmt ist augenblicklich ab und kann bei Bedarf auf einen der vier Memory-Bänke gespeichert werden. Sind alle Bänke voll, entstehen so auf Knopfdruck neue Beat-Kombinationen, man muss nur ein bißchen „hin- und herpaddlen“. Um taktbezogen auf Nummer sicher zu gehen, kann C-drei-zwo-vier Looplängen on-the-fly verdoppeln oder halbieren. Das kenne ich auch von meinem DVS-System, nur kann ich hier die Werte über die Tastatur oder ein zusätzliches nanoPad auch direkt aktivieren, also ohne Zwischenschritte von 2/1 auf ½ Beat wechseln. Da hätten die Entwickler statt der Indikatoren ruhig dedizierte beleuchtete Buttons mit Direktzugriff verbauen können-vielleicht sogar in doppelter Skalierung, um noch kürzere Loops, vielleicht bis 1/16 oder kleiner zu realisieren. Dieses geht im Moment nur über wheel-gesteuertes Flankenstauchen,  ist aber nicht taktsynchron und kann so in-the-Mix mit einem zweiten Track ein holpriges Gesamtergebnis produzieren. Wir hören uns das Timing der automatischen Schleifen in den nachfolgenden Audiodateien an.

Sitzt die BPM-Erkennung zwischen zwei Stühlen, kann sie schon mal kurzzeitig durchfallen.

Die Pads unter dem Jogwheel lassen sich auch zum Speichern von Samples verwenden, diese werden dem laufenden Audiomaterial entnommen. Ist SAMPLER eingeschaltet und wird dann ein belegtes Pad ausgelöst, überlagert der abgespielte Audioschnipsel das laufende Musikstück. Hier ist ein manuelles Einpegeln des Samples anzuraten, da die Gesamtlautstärke bei diesem Vorgang zunimmt. Wird der laufende Song in seiner Geschwindigkeit verändert, hat dies keinen Einfluss auf das Tempo der Samples. Ihre Geschwindigkeit muss, genau wie die Lautstärke, separat angepasst werden. Falls der Track gerade in CUE-/PAUSE Position geparkt ist, wird das Sample geloopt - im Extremfall bis zur automatischen Stand-by Sleep-Time (15 Minuten) oder zum Stromausfall. Aber keine Angst, sämtliche persönliche Voreinstellungen und Speicherpunkte bleiben auch bei einer Trennung vom Netz erhalten. Stanton hat der ohnehin recht gelungenen Pad-Sektion mit dem Ein-Spur-Sequencer noch eins draufgesetzt. Er kann 32 Schritte gehen, wahlweise nacheinander arrangiert, oder per Record Funktion Live aufgezeichnet. Beim Live-Recording wird dazu einfach die Aufnahmetaste betätigt und anschließend triggergesteuert eingespielt. Erneutes betätigen der Aufnahmetaste beendet diese und das Musikstück kann über den Play-Button abgespielt werden. Schaltet man LOOP ein, werden bei aktivierter Record-Taste maximal 32 Plätze nacheinander per Pad arrangiert.

Pro & Contra

  • Großes präzises Jogwheel
  • Präziser 100 mm Pitchslider
  • Vier Pads für Hotcues & Samples
  • Durchdachtes Layout
  • Einfache Bedienung
  • Gute Tonhöhenkorrektur
  • Ansprechendes Design
  • Robuste Konstruktion
  • Umfangreiche Effektabteilung
  • Programmierbarer Sequencer
  • Sleep-Timer-Funktion
  • Lukrativer Preis

  • Wankelmütige Auto-BPM-Erkennung mit
  • Auswirkung auf das Timing bei Auto-Loops und Auto-Effekten
  • Display ohne Kontrastregelung
  • Keine Ordnernamen, keine ID3-Tags
  • Zum Teil etwas lasche Effekte
  • Faderstart über 3,5 mm Klinke
  • Antishockbuffer nur 10 Sek.

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