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08.11.2018

Studiomythen widerlegt: „First take, best take“

Legenden aus dem Recording-Betrieb in der Prüfung – Teil 1

Stimmt es, dass Musiker im Tonstudio den "Golden Take" fast immer zu Beginn einspielen?

Auch wer noch nie in einem Studio war, kennt den Satz: „First take, best take“.

Ist der erste aufgenommene Take eines Musikers im Tonstudio wirklich immer der beste? Irgendwie schafft es diese Behauptung, allen Gegenbeweisen zu widerstehen. Das mag daran liegen, dass die Erinnerung trügt, man merkt sich eben die paar Situationen, in denen etwas auf Anhieb geklappt hat viel lieber als die vielen, wo es etliche Versuche gedauert hat, bis etwas Brauchbares im Kasten war. Vielleicht hält man sich selbst und die eigene Produktionsweise auch für die Ausnahme, weil ja alle immer sagen, dass normalerweise der erste Take immer der beste sei. Oder man hat einfach nie genau hingesehen? Also möchte ich hier und jetzt ein für allemal feststellen: Nein!

Der erste Take ist überhaupt nicht immer der beste Take, er ist es sogar außerordentlich selten. Die Bezeichnung „Take“ trügt ja schon: Man stellt sich einen Take gern als eine Aufnahme vor, die dann veröffentlicht wird. Eine Produktion hat allerdings heutzutage mit den eigentlichen Aufnahmen meist nichts mehr zu tun, weil aus allen verfügbaren Takes geschnitten und darüber hinaus mit vielen Werkzeugen retuschiert wird, das Editing. Aber lassen wir selbst das mal beiseite und sprechen von den Takes.

Es gibt zwei typische Szenarien für eine Aufnahme mit echten Menschen in einem Tonstudio.

Szenario 1: eine Band, die zuvor geprobte Songs entweder gleichzeitig oder nacheinander einspielt

Die Bandmitglieder müssen sich meist ein wenig an die Studio-Situation gewöhnen. Alles klingt ein bisschen anders, häufig sind Kopfhörer oder oder ein eventuell eingesetzter Click erst einmal störend. Dazu kommt, dass die Akustik im eigenen Proberaum meist so Einiges vertuscht, was auf der Aufnahme plötzlich sehr deutlich wahrnehmbar wird. Da stellt sich dann heraus, dass das Timing doch nicht so präzise ist wie erhofft oder gar das eine oder andere kompositorisch nicht so greift wie es soll. Selbst wenn das alles flutscht, dauert es in den allermeisten Fällen eine kleine Weile, bis der Song „im Raum angekommen“ ist. Das passiert zwar manchmal aus reinem Zufall spontan. Normalerweise ist es aber das Ergebnis von Arbeit. In der absoluten Mehrzahl der Fälle ist der erste Versuch also ein bisschen Kraut und Rüben. Dann tauscht man sich darüber aus, was aufgefallen ist, wer was anders machen könnte und muss im Extremfall das Arrangement noch ein bisschen optimieren. Dadurch wird alles etwas kopflastig. Die Situation ist ja ohnehin ungewohnt, nun muss man auch noch auf beschlossene Änderungen achten und trägt zumeist statt des erwünschten „ganz im Song sein“ eher eine diffuse Mischung aus „ich soll nicht so an den Saiten ziehen und der Refrain ist gar nicht so schnell, wie ich ihn spiele“ oder dergleichen im Kopf herum, was meist dazu führt, dass auch der zweite und weitere Takes nicht gut werden. Irgendwann kommt man dahin, dass alles formal wenigstens stimmt – in den allermeisten Fällen ist dann der Song dann etwas „abgespielt“.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Sobald erst einmal eine halbwegs brauchbare Version aufgenommen ist, kann eine gewisse Entspannung dazu führen, dass nun der eigentliche „best take“ einfach passiert. Die andere Möglichkeit ist, eine kurze Pause zu machen. Danach wird es meist etwas.

Szenario 2: die Arbeit mit Studiomusikern

Hier gibt es immer, und zwar abgesehen davon, ob sie vorbereitet oder unvorbereitet erscheinen, eine Phase, in der erst einmal geklärt wird, wie das Stück Musik denn werden soll. Das betrifft mindestens Details wie Haltung, Dynamik, Klangfarbe und manchmal ganz grundsätzliche Dinge wie Tonart, Arrangement und dergleichen.

Vorausgesetzt, wir haben es mit Profis zu tun, entsteht so in meist in kurzer Zeit eine aufnahmebereite Version des jeweiligen Songs. Da sollte es möglich, schon beim ersten Aufnahmevorgang eine technisch makellose und emotional stimmige Version zu bekommen – dafür werden Profis gebucht. Der zweite Take wird aber deswegen nicht schlechter. Meist stellt sich diese Frage nicht, weil man weitere Takes braucht, um inhaltliche Änderungen umzusetzen. In diesem Fall ist dann eben der Take der beste, der den Anforderungen der Produktion am ehesten entspricht. Wenn diese Änderungen nun sehr zahlreich sind und viel experimentiert wird, kann es vorkommen, dass ein Song etwas totgespielt wird. Ein kleines Tief, auf das der Best Take dann folgt, ergibt sich also oft auch in diesem Szenario.


Beide Situationen: ähnliches Bild

Im Grunde ergeben beide Situationen ein ähnliches Bild: Wir haben es fast immer mit eine Kurve zu tun, die von zwei Variablen bestimmt wird.

Erstens: Ist der Song frisch, sind die Musiker wach?

Zweitens: ist die Aufnahme technisch und inhaltlich geeignet?

Anfangs überwiegt in der Regel die Frische, während technische Schwierigkeiten oder ungeklärte inhaltliche Fragen dafür sorgen, dass die Aufnahme bestenfalls mit sehr viel Postproduktion veröffentlichungsreif wird. Mit wachsender Zahl der Takes nimmt zwar die technische beziehnungsweise inhaltliche Sicherheit ein wenig zu, während die Frische aber stark schwindet. Nach dem ersten Take nimmt also die Qualität der Einspielung fast immer erst einmal ab. Glücklicherweise kommt die Frische später wieder, wenn durch wiederholtes Spielen oder eine gezielte Pause eine gewisse Entspannung eintritt. Der Take nun, bei dem beide Werte optimal sind, kann der fünfte oder der fünfunddreißigste sein, nur sehr, sehr selten ist es der erste. 

Woher kommt nun aber der Spruch "First Take, best take"?

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Annahme, der erste Take sei immer der beste, aus den frühen Tagen der Aufnahmetechnik stammt. Viele Dinge waren damals anders als heute.

Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass der Anspruch an Perfektion ein anderer war – der Wille, eine Aufnahme übernatürlich perfekt zu gestalten und die heutigen Möglichkeiten, im Studio eine Performance zu simulieren, die so gar nicht stattgefunden hat, waren noch gar nicht in der Welt. Es ging darum, das, was ein Ensemble auf der Bühne veranstaltet, zu dokumentieren. Das bedeutet, dass die Verantwortung sehr viel stärker bei den eigentlichen Musikern lag – die waren also trainierter – und dass andererseits das Publikum gewohnt war, Aufnahmen voller Flüchtigkeitsfehler als gegeben hinzunehmen. Dazu kommt, dass Studiozeit meist knapp bemessen war. Tonstudios waren große und exklusive Abteilungen staatlicher Rundfunksender und wurden nicht selten nur stundenweise gebucht, um schnell mal eben ein paar Nummern einzuspielen.

Weil die Bands nun aber wussten, dass sie maximal drei Versuche haben, um einen Song zu spielen, erschienen sie gut vorbereitet und waren in der Lage, einen brauchbaren Take auch gleich mit der ersten Version hinzulegen. Da war es fast zwangsläufig, dass der zweite nicht besser wurde, weil man ja schon einmal alles gegeben hatte. Der zweite Versuch war dann eben nicht mehr frisch. Die Band spielte im Studio mit einer Live-Konzert-Haltung. Das entsprach den damaligen Hörgewohnheiten. Man hatte sich ohnehin, weil die Zeit knapp war, nicht die Mühe machen können, nach einem Take zu suchen, der beides war: frisch und perfekt.

Diese Zeiten sind vorbei

Ich begegne heute zwei verschiedenen Sorten von Musikern. Die einen sind technisch sehr gut ausgebildet und haben damit einhergehend einen gewissen AnspruText
 

ch an Perfektion. Sie geben sich schwer mit einem Take zufrieden, der zwar frisch, aber technisch unsauber ist, weil sie wissen, dass sie auch beides haben können.Die zweite Sorte MusikerIn schert sich nicht groß um technisches Können und will lieber direkt an die Inhalte. Hier wäre meist zwar die Frische des ersten Takes wünschenswert, allerdings sind diese MusikerInnen meist nicht versiert genug, um im ersten Take keine gravierenden Fehler zu machen. In manchen Fällen gelingt das nicht einmal später, also wird aus mehreren Takes geschnitten.

In beiden Fällen lohnt es sich unbedingt, so viele Takes zu machen, bis sich eine gewisse Sicherheit einstellt, dass das Ergebnis sich nicht steigern lässt. Das sind fast immer mehr als fünf. Vergesst also getrost den ersten.

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