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23.04.2019

Studiomythen widerlegt: "Plug-ins können analoge Hardware ersetzen"

Legenden aus dem Recording-Betrieb in der Prüfung – Teil 3

Hardware vs. Plug-ins in etwas tiefgreifenderer Betrachtung

Klingt ein Plug-in so gut wie das analoge Original?

Um die Beantwortung dieser Frage geht es mir hier eigentlich nicht in erster Linie. Trotzdem möchte ich kurz darauf eingehen. Es gibt Leute, die einen Unterschied zwischen z.B. einem 1176-Plug-in und einem Hardware-1176 hören. Das lässt vermuten, dass es da einen Unterschied zu hören gibt. Digitale Signalverarbeitung und analoge Schaltkreise sind in der Tat so grundsätzlich verschiedene Welten, dass es erstaunlich wäre, wenn am Ende genau dasselbe dabei heraus käme. Laien nehmen den Unterschied wiederum häufig nicht wahr, was bedeuten könnte ,dass er am Ende nicht so entscheidend ist. Aber wie gesagt, darum soll es hier nicht gehen. Ich finde nämlich die Entwicklung der digitalen Musikproduktion insgesamt bemerkenswert. Und zwar hauptsächlich, weil DAWs, ob Pro Tools, Cubase oder andere, seit ihrer Erfindung versuchen, etwas zu sein, was sie nicht sind: ein echtes Tonstudio.

Es scheint immer noch Hauptaufgabe einer DAW zu sein, ein analoges Tonstudio möglichst genau nachzubilden.

Das hat gewisse Vorteile, schließlich ist es billiger, als die ganze Hardware zu kaufen. Aber manchmal ist es ein bisschen putzig. Da haben wir zum Beispiel den De-Esser. Analog funktioniert er in etwa so, dass in dem Moment, wo Frequenzen um oder oberhalb ca. 5 kHz verstärkt auftreten, der Pegel dieses Frequenzbereiches oder des gesamten Signals reduziert wird. Dabei wird nicht erkannt, ob es sich wirklich um S-Laute handelt, weil das System nur einen Parameter kennt: den Pegel in diesem Frequenzbereich. Digitale Technik macht eine solche Erkennung zwar theoretisch möglich, genutzt wird das aber nicht. Digitale De-Esser sind Nachbildungen analoger De-Esser. Da leben wir in Zeiten der Spracherkennung, es gibt in jedem Telefon inzwischen Systeme, die Konsonanten und Vokale menschlicher Stimmer von Umgebungsgeräuschen unterscheiden und in geschriebenen Text übersetzen können und so gut wie kein De-Esser-Plug-in beherrscht es, auch nur S-Laute von einfachen Höhen zu unterscheiden.  

Offenbar befinden wir uns immer noch mitten im Battle „digital gegen analog“

Es scheint so als gelte es zu beweisen, dass die digitale Welt der analogen Welt das Wasser reichen kann. Das ist, als würde man mit einem Düsenjet auf einer geraden Asphaltstrecke gegen einen Rennwagen antreten, nur um nachher stolz zu erzählen, dass man ihn überholt hat. Stattdessen aber hätte man fliegen können.Also könnte die Frage, ob Plug-ins in der selben Liga spielen wie analoge Hardware auch so beantwortet werden: Nein. Sie spielen nämlich gar nicht das selbe Spiel.

Was sind die Vorteile der Digitaltechnik?

  1. Einer der wichtigsten Vorteile digitaler Systeme ist die Überwindung der Echtzeit. Es ist mit Programmen wie Melodyne möglich, eine Aufnahme vollständig von ihrem ursprünglichen Timing zu emanzipieren. Das gilt ebenfalls für die Tonhöhe, wobei auch hier des Pudels Kern ist, dass sich sich Tonhöhe von der Abspielgeschwindigkeit trennen lässt. Im übertragenen Sinne stellt auch Total Recall eine Überwindung der Zeit dar. Dadurch, dass ich jederzeit auf jeden Zwischenstand einer Produktion zugreifen kann, verlieren Entscheidungen ihre Absolutheit. Im Zeitalter des Undo muss ich mich nicht festlegen, ich kann jederzeit das Paket wieder aufmachen und theoretisch sogar nach Veröffentlichung eines Tracks noch Änderungen vornehmen.
  2. Ein weiterer Vorteil ist die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Speicher, dadurch lassen sich beliebig viele Aufnahmen erstellen, aus denen dann die Produktion zusammengebaut werden kann.
  3. Und, last but not least, die Virtualität. Die Verarbeitung der Signale erfolgt unkörperlich, also wird nicht pro Signal und Verarbeitung ein physisches Gerät benötigt. Der letzte Punkt ist es, der das meiste Geld spart, weil von jedem Plug-in, im Gegensatz zur Hardware, theoretisch beliebig viele Instanzen genutzt werden können.Die preiswerte Fülle der Möglichkeiten der Digitaltechnik muss allerdings nicht bedeuten, dass die Arbeit schneller voran geht. Mitunter fallen Entscheidungen leichter, wenn es weniger Optionen gibt.

Was sind die Vorteile analoger Technik?

  1. Zunächst einmal wäre da die Verpflichtung auf die Echtzeit. Dadurch, dass die Möglichkeiten, eine Performance nachträglich in jeder Dimension zu editieren, begrenzt sind, entsteht ein Fokus auf die eigentliche Performance, den man nicht unterschätzen sollte. Musiker, die wissen, dass das, was sie da verzapfen, ziemlich genau so stehen bleiben wird, spielen anders, konzentrierter, sie geben sich mehr Mühe. Da hilft auch kein so-tun-als-ob. Die Situation schafft die Haltung.
  2. Außerdem bietet analoge Technik weder Undo noch Total Recall. Alle Entscheidungen während des gesamten Vorganges offen zu haben, ist ein ziemlich anstrengender Zustand und läuft nicht selten auf ein nervenaufreibendes Mikado hinaus. Es lassen sich ja nicht immer Parameter einfach folgenlos ändern, also ist stets höchste Wachsamkeit geboten. Durch die Verpflichtung auf das Hier und Jetzt sinkt die Zahl der offenen Baustellen rapide.Die begrenzte Verfügbarkeit von Speicher wirkt sich hier durchaus positiv aus. Entscheidungen müssen im Moment getroffen werden, es ist nötig, sich für oder gegen einen Take zu entscheiden, so lange man mit voller Konzentration dabei ist. Es wir eher selten vorkommen, dass man nach einer Aufnahmesession noch hunderte von Takes sichten muss, die man schon gar nicht mehr unterscheiden kann, weil man mit den Gedanken schon längst woanders ist.
  3. Drittens wäre da die Haptik. Mit den Händen zu arbeiten, Dinge anzufassen, Kabel zu stecken, an Knöpfen zu drehen, das alles kann dazu beitragen, eine Atmosphäre zu erzeugen, die anregend ist. Auch sollte man kurze Wege, zum Rack, zum Pult, zur Bandmaschine, nicht unterschätzen, weil sie ein bisschen wach halten – im Vergleich zum Sitzenbleiben auf dem Produzentensessel.

Also was jetzt?

Wir sehen daran, dass die Vorteile der Digitaltechnik sich recht erschöpfend beschreiben lassen als eine Ansammlung von Möglichkeiten, deren Abwesenheit ebenfalls als Vorteil begriffen werden kann. Die Frage sollte also nicht lauten, ob Plug-ins Hardware überflüssig machen können oder ob sie das schon getan haben. Vielmehr ist es an der Zeit, diese Frage zu überwinden. Ich sehe es in diesem Zusammenhang durchaus positiv, dass zum Beispiel im Bereich EDM / Hiphop inzwischen sehr viel mit Gesangseffekten gearbeitet wird, die weit über das hinausgehen, was mit analoger Technik denkbar ist. Auch die zunehmende Beliebtheit von Loop-basierten Programmen wie Ableton Live zeigt, dass sich das digitale Tonstudio allmählich von seiner analogen Vorlage emanzipiert. Dort liegt die Zukunft und nicht in der bloßen Digitalisierung analoger Prozesse. Im Gegenzug zur Weiterentwicklung der Ästhetik mit den Mitteln digitaler Technik finde ich es nämlich sinnvoll, zu erkennen und zu erhalten, was die konventionelle Produktionsweise zur Popmusik beigetragen hat und auch weiterhin beitragen kann. Es sollte nicht darum gehen, das Eine durch das Andere zu ersetzen.

Veröffentlicht am 23.04.2019

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