Hersteller_TC_Electronic Vocals_Effektgeräte
Test
6
14.11.2012

Praxis

Ganz offensichtlich ist TC Helicons Mic Mechanic nicht für Parameterfüchse, Tontechnik-Nerds und Gear-Heads entwickelt worden, sondern für den Sänger, der direkt loslegen möchte. Also wird das rote Gerätchen direkt verkabelt und mit Mikrofonsignalen gefüttert. Das Einstellen des Gains ist zwar durch die entweder grün (= "ok") oder rot (= "nee, zu viel") leuchtende LED rechts oben verständlich, doch hätte zumindest orange (= "pass ein bisschen auf, das ist fast zu viel") nicht weh getan – auch nicht bei den Herstellungskosten. Weil die Phantomspeisung für Kondensatormikrofone wirklich permanent anliegt, sollte man beim Verkabeln immer muten. Wie man es erwartet, agiert der Fußschalter als Bypass.

Die Korrektur der Tonhöhe arbeitet so, wie man es von TC kennt. Nicht umsonst gelten Helicon als hervorragend darin, kaum hörbare Tonhöhenveränderung in Echtzeit zu gewährleisten. Wenn der User nicht zu sehr dazu geneigt ist, den Regler aufzudrehen und vielleicht die Artefakte nicht als solche wahrzunehmen, besteht die eigentliche Gefahr eigentlich nur noch darin, dass man auf kleineren Bühnen vielleicht das prozessierte und das Originalsignal hören könnte (was durchaus peinlich sein dürfte). Der Tontechniker vermisst natürlich die Eingriffsmöglichkeiten, um die Korrekturen zu optimieren, aber der Mic Mechanic richtet sich ja explizit nicht an diese Gruppe, sondern wird unter Sängern sogar als Ersatz für den Tontechniker, einen Teil seiner Gerätschaften und vor allem seine Kompetenzen beworben. Immerhin: Der Mechanic vernichtet nicht das feste und flüssige Catering im Backstage. Bedenkt man also die Zielgruppe des Helicon, kann man mit der Pitch-Correction zufrieden sein – auch vor dem Hintergrund, dass es sich hier um ein spezifisches Live-Gerät handelt, welches man (bitte!) nicht im Studio einsetzen werden wird.

Das gilt genauso für die Effekte. Die drei Reverb-Algorithmen sind so gestrickt, dass sie besonders live "funktionieren". Das bedeutet im Klartext, dass die Erstreflektionen nicht zu stark färben und verschmieren und nichts enthalten, was sich über eine PA sowieso "versendet" – zu viel Feingeist wäre also tatsächlich fehl am Platze. Andersherum ist der Sound aber auch nicht zu löchrig, resonierend, eindimensional oder was sonst noch mit billigen, alten oder schlecht programmierten Reverbs assoziiert werden kann. TC Helicon kann sich bei der Schwester tc electronic sicher auch ausgiebig bei den Reverb-Effekten bedienen – so hört es sich zumindest an.

Ich kenne die Voicetones-Serie von Helicon ja schon etwas länger. Wenn hier vielleicht jemand spekuliert hat, es ließen sich die Parameter für die genannten Effekte per USB recht frei einstellen und für die Stimme und vielleicht das Venue individualisieren… Fehlanzeige, eine Editierung ist nicht möglich! Und ihr werdet mir beipflichten, wenn ich das Wörtchen "schade" hierfür verwende. Will man also etwas vielseitiger sein, hat man als Sänger Kenntnisse hinzugewonnen, die man umsetzen will, ist man für manche klanglichen Aspekte sensibler geworden, sprich: hat man sich entwickelt, dann ist man schon aus dem "Friss oder stirb!"-Helicon herausgewachsen. Einfachheit in allen Ehren, doch was spricht denn jetzt eigentlich gegen einen tieferen Zugriff, wenn man das möchte? Etwa, dass TC da auch umfangreichere, teurere Geräte im Portfolio hat?

Der Tone-Button beispielsweise wird den User zunächst in Erstaunen versetzen: Ja, wer nicht genau die übliche Signalkette einer Stimmenbearbeitung kennt, wird feststellen, dass die eigene Stimme auf einmal "professioneller" klingt, also eher so, wie man es als Musikkonsument gewohnt ist. Ich muss aber wohl nicht unterstreichen, dass in der Tontechnik oft alleine ein riesengroßer Aufwand betrieben wird, um aus sehr teuren Geräten überhaupt auszuwählen, geschweige denn, diese in langwieriger Arbeit einfach einzustellen. Beim Mic Mechanic gilt: Das Gate ist mir zu auffällig, der De-Esser setzt im Detektor zu hoch an und ist zu nervös, der EQ nimmt mir meinen für meinen Stimmcharakter wichtigen Brustton, das Reverb hat zu viel Bass, der Kompressor bügelt den eigentlich so dynamischen Übergang platt? Pech gehabt, dann muss ich die Funktionen wohl ausschalten… Hier zeigt sich, dass Charles Bronson als Präzisions-Killer sicher die falsche Assoziation war – der Mic Mechanic "macht einfach mal", außerdem werkelt er natürlich im geschmacklichen Mainstream – im Castingshow-Zeitalter ist Individualität offenbar immer weniger wichtig. Man muss allerdings gestehen: Dafür, dass die kleine rote Stolperfalle so viel automatisch macht, macht sie es wirklich sehr gut! Und ganz im Ernst: Adaptive Systeme sind sicher die Zukunft…  

Ein Blick ins Handbuch entblößt dann aber doch noch einige Fähigkeiten, die ich vermisst hatte! Wenn man einen Delay-Modus mit dem linken Wahlrad aktiviert hat und den Fußschalter lange gedrückt hält, fängt die rote LED an, rhythmisch zu blinken. Mit dem Fuß lässt sich dann tappen, um die Delayzeit an die Musik anzupassen. Das ist genauso praktisch wie die Möglichkeit, das Feedback mit dem Correction-Regler setzen zu können, wenn man Tone gedrückt hält. Warum allerdings nicht auch andere Parameter in den Genuss dieser Bearbeitung kommen können, finde ich genauso obskur, wie dass diese Sonderfunktionen in der Beschriftung des Mechanic unerwähnt bleiben.  

Bug-Info

Die ersten ausgelieferten Mic Mechanic hatten einen Software-Bug, den wir im Test festgestellt hatten. Daher wurde das Gerät nur mit 2,5 Sternen bewertet. TC Helicon zeigten sich jedoch dankbar für das Auffinden und haben uns über das Bugfixing auf dem Laufenden gehalten. Mit dem neuesten OS-Update ist lt. TC demnach ein ein Fehler behoben, bei dem der Mechanic (auch im Bypass-Modus) bei sehr schmalbandigen Signalen wie Pfeifen Nebengeräusche verursacht hat.

Solltet ihr ein betroffenes Gerät haben, müsst ihr euch hier die VoiceSupport-Software für Mac oder PC downloaden, euer Pedal über USB anschließen und den Instruktionen folgen. Die aktuelle Firmware wird dann auf den Mic Mechanic geschrieben.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • einfach zu bedienen, auch von Technik-Laien
  • ordentliche Pitch-Korrekturen
  • für den Live-Einsatz passende Effekte
  • adaptive Parametersteuerung gut programmiert

  • fast kein Parameterzugriff
  • kleine Zusatzfunktionen nur über das Handbuch erkennbar

Gehört zu dieser Serie

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