Hersteller_UniversalAudio Software PlugIn Effekte
Test
10
31.05.2013

Praxis

Hallprozessoren, die nicht mit Vornamen „Quantec“ heißen, sind in der Regel Werzeuge mit recht komplexem Interface, was ganz einfach an der Natur der Sache liegt – gilt es doch, den Raumklang mittels einer ganzen Reihe von Parametern zu beeinflussen.

Hier ist auch das Ocean Way Plug-In keine Ausnahme, allerdings ist es Universal Audio gelungen, die zahlreichen Optionen recht übersichtlich zu verpacken. Es dauert jedenfalls nicht lange, bis man sich mit dem Grundprinzip vertraut gemacht hat. Im Anschluß ist der Einsatz des Prozessors zwar kein Kinderspiel (was abermals in der Natur der Sache liegt), aber doch recht komfortabel.

Im Betrieb wird jedoch ziemlich schnell klar, was das Ocean Way Plug-In nicht ist: ein Allround-Hallprozessor für Standardsituationen aller Art. Das Plug-In macht zwar den Raumklang eines Top-Studios in der DAW verfügbar, aber eben auch „nur“ das. Die ellenlange Plate-Hallfahne, den schepperigen Federhall oder einen Wölkchenhall mit Chorus drauf kann man dem Ocean Way Plug-In allesamt nicht entlocken. Aber: Das macht gar nichts, denn dazu ist dieser Prozessor einfach nicht erschaffen worden! Vielmehr kann er eine Sache besonders gut: Eine trockene Produktion mit glaubwürdigen Erstreflektionspattern anreichern, was so ziemlich genau das ist, was vielen aktuellen Produktionen fehlt, die entweder ausschließlich mit nah mikrofonierten Signalen oder gleich rein mit Software-Klangerzeugern aufgebaut wurden. Dabei wird allerorten nach einem sogenannten „Glue“-Effekt gesucht, nach einer Soundkomponente, die eine Produktion zusammenbringt, sie als eine Einheit erklingen lässt. Kaum ein Kniff ist so effektiv um diesen „Glue“ zu erzeugen, wie alle Signale einer Produktion mit Early Reflections zu versehen, die aus demselben Prozessor, oder, wie in diesem Fall, gar aus demselbenm Raum stammen. Warum soviele Klassiker-Produktionen so einheitlich, so „zusammen“ klingen? Weil auf praktisch allen Signalquellen ein  Raumanteil des gleichen (Aufnahme-)Raumes drauf ist...

Genau hier setzt das Ocean Way Plug-In an. Ausgewiesenen „Hall“ liefert das Plug-In nur dann, wenn man es richtiggehend dazu zwingt. Auch wenn es sich bei Ocean Way Studio A und B jeweils um sehr beeindruckende Säle handelt, haben diese jedoch – wie die meisten Studios dieser Größe – eine recht kontrollierte Akustik ohne übertrieben lange Nachhallzeiten. Der Schwerpunkt liegt also tatsächlich auf dem, was man in konventionellen Hallprozessoren als „Room“- oder allenfalls „Chamber“-Programmen bezeichnen würde.

Jedes der beiden Studios bietet eine ganze Reihe von durch Allen Sides’ intimer Kenntnis der Räume geprägter Impulsantworten-Setups, die bei aller charakterlicher Einheitlichkeit doch eine ziemliche Bandbreite liefern. Der Schlüssel dazu liegt in den je nach Aufbau sehr variantenreichen Erstreflektionspatterns. Die meisten algorithmischen Hallprogramme bieten keine Parameter für eine derartig differenzierte Positionierung der Signale im Raum, und die meisten Impulsantworten-Sets echter Räume wiederum wurden nicht in solcher Anzahl aufgezeichnet. Das Ocean Way Plug-In besetzt hier also durchaus eine Lücke im riesigen Angebot der heute verfügbaren Hallprozessoren. Es macht ziemlich großen Spaß, die (weit gefassten) Grenzen dieser Möglichkeiten auszuloten, wenn man denn erst einmal erkannt hat, dass hier die große Stärke – und auch die weitgehende Einzigartigkeit – des Ocean Way Plug-Ins liegt.

Beide Räume unterscheiden sich im Charakter deutlich. Studio A klingt wuchtiger (und wenn man so will „tiefer“), Studio B hingegen dichter und „breiter“. Das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Charaktere, die sich anschließend jeweils in einem erstaunlich weiten Bereich anpassen und verfeinern lassen. Hier spielt nicht zuletzt die Auswahl der der Mikrofone, mit denen die Impulsantworten aufgenommen wurden, eine große Rolle. Oftmals lässt sich mit dem richtigen Mikro und der passenden Richtcharakteristik (sowie selbstverständlich der passenden Positionierung im Raum) bereits das gewünschte Klangbild erzielen – ganz so, wie im „echten Leben“. Die Mikros haben großen Einfluss vor allem auf den Frequenzgang des Raumklanges, aber auch auf die Stereowirkung. Und falls das noch nicht reicht, dann verfügt das Ocean Way Plug-In ja immer noch über die beiden Shelving-Filter am Ausgang. Diese lassen sich gut einsetzen, wenn man beispielsweise den gesamten Raumklang noch etwas aufhellen oder etwas schlanker machen möchte. Gut, dass man dazu nicht erst einmal ein externes EQ-Plug-In öffnen muss!

Ich bin mehrmals in den Ocean Way Studios in Hollywood gewesen und konnte mich dort vor Ort von den unglaublichen klanglichen Qualitäten dieser Räume überzeugen. Vor allem Studio B Hat eine „Ausstrahlung“, die diesen Saal zu etwas ganz besonderem macht. Diese Dichte der Rückwurfmuster, dieser lebendige, „blühende“ Sound... alleine schon in diesem Raum herumzugehen oder zu sprechen fühlt sich besonders an, als ob die Erstreflektionen einem unter die Arme greifen und einen ein paar Zentimeter über dem Boden schweben lassen. Es ist schwer, das in Worte zu fassen, aber es leuchtet mir absolut ein, warum Bill Putnam selbst der Meinung war, mit diesem Studio sein raumakustisches Meisterwerk geschaffen zu haben.

Warum ich das hier noch einmal so ausführlich erwähne? Weil ich der Meinung bin, dass eine gute Portion von diesem Vibe tatsächlich in dem Ocean Way Plug-In eingefangen wurde. Das Plug-In eignet sich hervorragend dazu, die Staffelung eines Mixes mit absolut glaubwürdigen, abwechslungsreichen und formbaren Erstreflektionsmustern zu gestalten, die dabei auch noch gut und charaktervoll klingen. Im Reverb-Modus, also beim Einsatz als konventioneller Raumsimulator, lassen sich diese Vorzüge meiner Ansicht nach am besten ausspielen. Den Re-Mic-Modus sehe ich als interessantes Add-On, das sicherlich für den einen oder anderen Spezialeffekt gut sein kann, aber im Praxiswert fällt er für meinen Geschmack gegenübe dem Reverb-Mode doch etwas ab. Klar, ab und an mag der Soundcharakter, der einem Signal damit aufgepfropft wird,  gut passen. Aber letztlich ist es eine „Verdoppelung“ des Aufnahmesignalwegs, und das kann ein bereits gut klingendes und in den Mix passendes Signal einfach zu heftig verbiegen. Dies ist aber kein wirklicher Kritikpunkt, denn man muss den Re-Mic-Mode ja nicht nutzen, und bereits beim „gewöhnlichen“ Einsatz im Reverb-Modus liefert das Plug-In so überzeugende Ergebnisse, dass der Kaufpreis mehr als gerechtfertigt escheint.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Klangcharakter eines legendären Hollywood-Studios
  • überzeugende Raumsimulation mit gut klingenden Erstreflektions-Patterns
  • Rückwurfmuster lassen sich vielfältig anpassen

  • Re-Mic-Modus fällt gegenüber dem Reverb-Modus etwas ab

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