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Test
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25.10.2013

Waldorf Pulse 2 Test

Monophoner Analogsynthesizer

Retro – und dennoch am Puls der Zeit

Der Waldorf Pulse 2 ist bei bonedo zum Review eingetroffen. Der monophone analoge Synthesizer war in der Welt der Klangerzeuger heiß ersehnt, schließlich beerbt er den sehr erfolgreichen Pulse aus dem Jahre 1997. Und genau dieser subtraktive Racksynth war mein erster „richtiger“ Synthesizer, der mich aus der beengten Welt der ROMpler und Sampler befreit hat. So nachhaltig geprägt (und genauso nachhaltig begeistert!) ist es kein Wunder, dass ich mich wahrscheinlich sogar dafür geprügelt hätte, Waldorfs Nachfolger testen zu dürfen.

Das Schicksal hat mich jedoch einiger harten Prüfungen unterzogen und zu diesem Zweck eine fiese Waffe gegen mich gerichtet: die Zeit. Nicht nur, dass zwischen dem Erscheinen der beiden Versionen über 15 Jahre liegen, die Verfügbarkeitsankündigungen haben sich immer weiter nach hinten verschoben, so dass sich das, was greifbar nahe erschien, doch immer weiter entfernt hat. Nun, nachdem die Verfügbarkeit des Waldorf Pulse 2 zum redaktionsinternen Running Gag geworden ist (auf meine Kosten selbstverständlich), kann ich mich nun über ihn hermachen, den Pulse 2 – und wer weiß: Vielleicht gibt es ja mal wieder Verwendung für die abgedroschene Phrase: Was lange währt, wird endlich gut.

Details

Rack ist Achtziger!

... maximal Neunziger. Ein moderner Synthesizer hat ganz im Zeichen der Zeit mobil und flexibel zu sein. Man will ihn auf dem Schülerschreibtisch einsetzen, auf dem Schoß, im Bett, ihn im Proberaum auf das Masterkeyboard legen können, in die Tasche packen. Waldorf haben das richtig erkannt und aus dem Pulse ein Pülschen gemacht, zumindest baulich: Herausgekommen ist ein dünnes, handliches Desktopgerät mit (BxTxH: 304 x 132 x 54 mm, 1,5 kg), ähnlich dem Waldorf Blofeld. Trotz der umfangreichen Ausstattung beschleicht einen nicht das Gefühl, dass Drehgeber, Schalter, Display und Beschriftungen sich gegenseitig auf den Füßen stehen oder sogar an den Geräteenden herunterzufallen drohen. Alles wirkt schön aufgeräumt und logisch angeordnet.

Er kann es, er hat es!

Meine Wunschliste beim Waldorf Pulse ist im Laufe der Jahre gewachsen, nicht geschrumpft. So fing es beispielsweise schon vor dem Kauf an: Im Musikgeschäft meines Vertrauens fragte ich damals den Verkäufer, ob es wohl ratsam sei, auf die Implementierung von Drehgebern zu warten, wie sie andere Waldorf-Produkte der Wave-Serie doch schon hätten. „Das kann sicher noch eine Weile dauern,“ meinte er und behielt recht. Doch jetzt ist alles gut und der Gabentisch reich gedeckt: Insgesamt sieben Drehgeber mit Edelstahl-Kappen übernehmen die wesentlichen Parametereingaben, mit sechsen bedient man in einer bei Waldorf Instrumenten bewährten Matrix die klangbildenden Parameter.

Unter einer weiteren Metallhaube versteckt sich die Regelung des Ausgangspegels – endlich als Poti mit einem eigenen Bedienelement spendiert! Ebenso freue ich mich über den Kopfhörerausgang. Auch ein hintergrundbeleuchtetes Display, welches mehr als kryptische Kürzel und Zahlenwerte darzustellen vermag, ist beim Pulse 2 mit von der Partie, über achttausend Pixel geben optisches Feedback. Bei den Anschlüssen sind neben dem genannten Stereo-Kopfhörerausgang (6,3mm-Buchse), MIDI In, MIDI Out (softwareseitig auf Thru schaltbar), USB für MIDI-over-USB und OS-Updates, den beiden analogen Klinkenausgängen und dem Anschluss für das externe 12V/500mA-Netzteil noch die CV/Gate-Ausgänge (1V/Okt. und V/Hz wählbar) und der External In zu nennen, die früher nur der Pulse Plus geboten hat.

VCO und VCF

Nein, einen S/PDIF-Out gibt es nicht: Der Waldorf Pulse 2 ist ein Analogsynthesizer mit spannungsgesteuerten Oszillatoren und ebensolchem Filter. Dieses kann im Gegensatz zur Urversion eine bei Bedarf höhere Steilheit aufweisen (12 und 24 dB/Okt.) und statt der Höhen (LPF) auch die Tiefen (HPF) sperren – oder beides (BPF). Richtig dick ausgestattet ist der Synthesizer aber im Bereich der Oszillatoren. Die drei VCOs liefern die üblichen Schwingungsformen. Die ersten beiden lassen sich – auf Rechteck gestellt – in der Pulsbreite modulieren. So ein Name für ein Instrument kommt ja schließlich nicht von ungefähr. Hard-Sync und Cross-Modulation hatte schon der Urahn, doch neu ist beispielsweise die APW. Hier alterniert die Rechteckschwingung, der Energiegehalt ist für positive und negative Auslenkung identisch. Dafür erklingt sie aber auch eine Oktave niedriger. Genial sind die Unisono-Funktionen, die im polyphonen Modus acht unterschiedliche Tonhöhen generieren können. Merke: Monophone Synthesizer müssen entgegen des Namens nicht zwangsweise nur einstimmig spielen können. Wenn ich daran denke, dass ich einst mit Control-Changes die einzelnen Oszillatoren gegeneinander verstimmt habe, um Akkorde aus dem Pulse herauszuholen. Ein Rauschgenerator macht die Klänge erzeugende Abteilung komplett.

Modulation

So absolut und wie in manchen Plug-ins total aus dem Vollen schöpfen kann man natürlich nicht, schließlich handelt es sich um analoge Hardware. Wer mehr als zwei Hüllkurven oder zwei LFOs benötigt, der guckt zunächst in die Röhre – oder muss seine Sounds anders beseelen. Die klassischen Verbindungen zur Parameterbeeinflussung fehlen aber natürlich nicht, also etwa Keytracking beim Filter. Darüber hinaus gibt es weitere schlaue Möglichkeiten, wie die alternativen Zuweisungsmöglichkeiten für Oszillator 3: Dieser kann als Amplituden-Modulator für OSC 2 dienen, als Quelle für Filter-FM oder die (ebenfalls neu!) Output-Verzerrung steuern. Da ist es sehr praktisch, dass man ihn bei Bedarf von der Note-Number entkoppeln kann. Und obwohl es nur zwei LFOs sind, hat der Pulse 2 noch einige Tricks auf Lager, die für mehr Möglichkeiten bei der Soundgestaltung sorgen. So kann eine Hüllkurve im so genannten Loop Mode ein durchaus brauchbares LFO-Substitut werden. Im „A-D“-Modus formen Attack und Decay die LFO-Spannung, allerdings nur bis zur Release-Phase, womit dies quasi ein Envelope-LFO-Zwittermodus ist. Der „D-D“-Modus regelt  ganz in Rechteckmanier zwischen den beiden Extremwerten null Spannung und „volle Pulle“ und wird ausschließlich mit dem Sustain-Parameter gesteuert. Und natürlich darf bei einem Pulse 2 auch die Modulationsmatrix nicht fehlen, welche dank des Displays nun auch recht einfach bedien- und überschaubar ist. Wie beim originalen Pulse gibt es auch hier eine wählbare „Control X“, eine Controller-Nummer, die als Modulationsquelle in dieser Matrix auftaucht. Aber natürlich sind alle Parameter mit „fest verdrahteten“ Control-Change-Nummern erreichbar.

Arpeggiatoratoratorpeggipeggiator

Was die Ausstattung angeht, ist der Arpeggiator ein richtiges Schätzchen. Er ist natürlich synchronisierbar, das eingestellte Tempo kann auch per MIDI Clock ausgegeben werden und natürlich können verschiedene Patterns für den Akkordaufbruch ausgewählt werden. Das ist erst mal nichts Besonderes. Beachtenswert ist aber die Schrittdatenprogrammierung, deren Ergebnis an die beliebten TB-303-Sequenzen erinnern kann. Und ja – „Glide“ gibt es auch. Fein ist aber auch die Akzentkontrolle mittels Aftertouch, vorausgesetzt natürlich, der MIDI-Transmitter beherrscht Poly Pressure. Doch können in der Modulationsmatrix auch andere Quellen verwendet werden. Der einstellbare Swing-Wert kann ein bisschen mehr Leben in die Bude bringen und über die Möglichkeit, Patterns zu anderen Sounds zu kopieren, wird man sich wohl auch des Öfteren freuen.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Sound
  • Bedienkonzept
  • Modulationsmöglichkeiten
  • Preis-Leistungsverhältnis

  • Kein MIDI-Thru-Stacking wie beim Pulse 1 möglich

Gehört zu dieser Serie

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