Hersteller_Waldorf
Test
3
21.06.2018

Praxis

Bedienkonzept

Wo fängt man bei einem solchen Synth an zu beschreiben, welchen Eindruck man in der Praxis von ihm hat? Klar, am Ende geht es immer um den Sound, aber der erschöpft sich beim Quantum nicht einfach in der Frage, wie gut Oszillatoren und Filter klingen, denn die Möglichkeiten sind dermaßen weitgreifend, dass man sich nicht einfach mit den Basics zufriedengeben kann.

Vielleicht schauen wir zunächst auf das, was bei einem solch mächtigen Klangwerkzeug essenziell ist: Das Handling. Ich kenne die Problemstellung vom Alesis Andromeda sehr gut, der ebenfalls ein riesiges Repertoire an Optionen bietet, dies aber damit bezahlt, dass er wahrlich kein sehr intuitiv zu bedienender Synthesizer ist.

Hier hat der Quantum natürlich den eindeutigen Vorteil, über ein großes Touchdisplay zu verfügen, das schon mal einiges an optischer Aufklärung leistet und außerdem immer eine  handfeste Bedienoption ist. Das Bedienpanel des Quantum ist darüber hinaus weitestgehend aufgeräumt und gut gegliedert, so dass man sich meist gut darauf zurecht findet. Dennoch sind die Einstellungsmöglichkeiten komplex, und ein Blick in das immerhin 175 Seiten starke Manual ist angeraten.

Bedientechnisch zeigt der Quantum auf aktuellem Stand ein paar Ungereimtheiten, die den Arbeitsfluss bisweilen ausbremsen. Ein Beispiel: Wählt man als Oszillator-Typ "Particle", gibt es im Display einen Reiter mit der Bezeichnung "Timbre". Dort werden in weiteren Unterreitern alle Einstellungen vorgenommen, die für diese Klangerzeugung spezifisch sind. Es gibt ein Menü "Actions", in dem das Handling der Samples passiert, ein Menü "Edit", in dem Samples editiert werden können, und den omnipräsenten Punkt "Preset", unter dem sich die eigenen Schöpfungen laden oder speichern lassen.

Und dann ist da noch das Menü "Particle", in dem man eigentlich die generelleren Einstellungen erwartet, da ja bereits der Betriebsmodus des Oszillators mit "Particle" benannt ist. Wir erinnern uns: In diesem Modus können entweder Samples ganz normal abgespielt werden, oder man macht sie zum Ausgangsmaterial für die Granular-Synthese. Hier könnte man erwarten, dass sich z. B. diese beiden Betriebsarten im Menü "Particle" umschalten lassen, was aber nicht der Fall ist. Klickt man auf den Punkt und betreibt bisher normales Sample-Playback, wird man gefragt, ob man zur Granular-Synthese wechseln möchte. Nicht logisch. 

Auch die Handhabung der Samples ist noch nicht so recht gelungen. Man könnte diese in einem ganz eigenen Menü erwarten, in dem importiert, bearbeitet, gelöscht etc. werden kann. Dies gibt es jedoch nicht, sondern man ist dabei immer im Untermenü eines Oszillators – was für administrative Aufgaben nicht sehr sinnvoll wirkt. Um ein Sample von einer SD-Card in den Oszillator laden, sollte man sich zunächst mit den Begrifflichkeiten der Bedienschritte auseinander setzen um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen. Auch legt der Quantum offenbar für jedes importierte Sample einen eigenen Ordner an, so dass ich nach drei Importen drei Ordner ("samples 001", "samples 002", "samples 003") habe, was später unübersichtlich wird. Sicherlich ist das Verhalten mit einem Update in den Griff zu bekommen, aber eine wirklich smoothe Bedienung sieht anders aus.

Derlei findet sich auch an anderer Stelle. Wenn ich zum Beispiel den Step-Sequenzer editiere und mit dem ersten freien Parameter, den er ausgibt, den Filter-Cutoff modulieren möchte, muss ich in der Modulationsmatrix die Verbindung zwischen diesen Parametern herstellen. Kehre ich danach in das "Perform"-Menü zurück, in dem der Sequencer zu Hause ist, erinnert sich der Quantum aber keineswegs daran, dass ich dort zuletzt auf dem Reiter "Sequencer" war, sondern präsentiert mir das XY-Pad. Das bedeutet einmal Tippen mehr und hemmt doch ein wenig den Arbeitsfluss. 

Auch finden sich weitere Inkonsistenzen, wobei insbesondere eine besser gelöst werden sollte: Bei Waldorf hat man sich überlegt, dass über Drücken der Mod-Taste schnell eine Modulation eingerichtet werden kann, indem man zuerst den Poti des gewünschten Zieles betätigt und danach jenen der Quelle. Vergessen hat man dabei leider das Modwheel, es taucht nicht im Display auf. Hier muss man also doch in der Modulationsmatrix tätig werden, was ein bisschen umständlich ist, wenn man bedenkt, dass gerade das Modulieren mit dem Modwheel, die vielleicht häufigste Option ist.

Ein weiteres kleines Fragezeichen setze ich hier hinter das Thema globales Tempo. Wie erwähnt, kann man viele Modulationen zu einer einzustellenden BPM-Geschwindigkeit synchronisieren. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass man, insbesondere beim Live-Spielen, schnellen, unkomplizierten Zugriff auf die Tempoeinstellung benötigt. Beim Prophet 6 ist das vorbildlich gelöst, indem man eine eigene Digitalanzeige für das Tempo hat und dieses sowohl über einen Drehregler als auch über eine Tap-Taste bestimmen kann. Beim Quantum hingegen duckt sich das Tempo im Untermenü für Arpeggiator und Sequenzer weg, und eine Tap-Taste ist überhaupt nicht vorhanden. Das sollte Waldorf beim nächsten Software-Update unbedingt beheben.

Ich möchte hier allerdings nicht den Eindruck erwecken, der Quantum sei schlecht bedienbar oder unausgereift. Es sind hier viele gute Lösungen gefunden worden, und mit ein wenig Einarbeitungszeit kommt man sicher zum Ziel, während die genannten Kritikpunkte wirklich keine Dealbreaker sind. Allerdings gibt es doch einige Ungereimtheiten, die ein flüssiges Arbeiten ausbremsen. Das Gute ist jedoch, dass hardwareseitig alles zum Besten steht, und Software lässt sich bekanntlich updaten. 

Endlose Möglichkeiten

Das große Plus des Waldorf Quantum sind seine schier endlosen Möglichkeiten zur Klanggestaltung. Hier war Waldorf ganz offensichtlich bemüht, auf allen Ebenen das Maximum herauszuholen, was aus meiner Sicht gelungen ist. Einige haben bereits angemerkt, sie würden FM-Synthese als Klangerzeugung vermissen. Mir hat sie nicht gefehlt. Zum einen ist sie eher kompliziert und unhandlich zu bedienen, was zum Konzept des Quantum nicht recht passen würde. Zum anderen erzeugt der Resonator einige Klangfarben, die nah an FM herankommen. Und schließlich kann, wer auf seinen DX7-Sound nicht verzichten will, diesen sampeln. Der Quantum bietet in den Punkten Klangerzeugung und Modulation dermaßen viel an, dass er gar nicht recht vergleichbar mit üblichen analogen oder virtuell-analogen Synthesizern ist. Sein Spektrum reicht weit in den Bereich Sounddesign hinein, was ihn wohl einzigartig in der Hardware-Welt macht. Aber die Konkurrenz schläft natürlich nicht. 

Der kürzlich angekündigte Prophet X von DSI bietet auch digitale Oszillatoren, Sample-Playback und analoge Filter, was natürlich nur ein Teil der Möglichkeiten ist, die der Quantum bietet. Beim Quantum gibt es im Bereich des Sample-Handlings und Managements Verbesserungswünsche und gerade hier könnte der Import gesampelter Instrumente, die mit einem Software-Editor hergestellt oder gekauft wurden, ein riesiges Potenzial an weiteren Möglichkeiten bieten, die man bei einem Instrument mit diesem Potenzial nicht außer Acht lassen sollte. In dem Zusammenhang stellt sich für mich die Frage, warum hier effektiv nur vier Gigabyte Sample-Speicher zur Verfügung stehen? Der Prophet X bietet 150 GB.

Nadelöhr

Leider leuchtet im hellen Licht der grandiosen Möglichkeiten auch eine Schwachstelle auf, die ich für den wesentlichsten Kritikpunkt am Quantum halte: Die achtstimmige Polyphonie. 

Der Hersteller begründet es so, dass lediglich für acht Stimmen analoge Filter verbaut wurden, was natürlich eine Kostenfrage sein kann. Für ein Instrument in der 4.000 EUR-Klasse sieht das allerdings ein bisschen mager aus, zumal die Konkurrenz, wie der Prophet X hier schon die doppelte Stimmenanzahl liefert (acht Stimmen bei der Wiedergabe von Stereo-Samples).

Die viel wichtigere Frage ist aber diese: Ist dadurch die Nutzbarkeit des Instruments eingeschränkt?

Spielt man einen gewöhnlichen Analogsynthesizer, kann man natürlich mit acht Stimmen auskommen – sonst hätte niemand einen Prophet 5 oder 6 gekauft. Aber keiner wird behaupten, man sei dadurch nicht eingeschränkt. Selbst wenn man selten Akkorde drückt, die mehr als acht Töne haben, werden ja auch bei nur sechs Tönen einzelne abgeschnitten, sobald man einen neuen Akkord spielt. 

Auch wenn man z. B. ein Arpeggio mit einem Sound generiert, der eine längere Release-Zeit hat, können die Töne möglicherweise nicht richtig ausklingen, da die Stimmen für die folgenden Töne gebraucht werden. Bei 16 Stimmen ist das schon weitaus weniger problematisch und in der Praxis kaum relevant. Aber bei nur acht Stimmen ist das durchaus hörbar.

Und das Problem wird natürlich umso deutlicher, da alles andere im Quantum auf Maximierung ausgelegt ist. Wenn man all diese Möglichkeiten hat, möchte man sie natürlich auch in pompösen Sounds nutzen und nicht durch das Nadelöhr einer geringen Anzahl an Filtern schicken. Das Anbieten zweier Layer fördert weitere Stimmenknappheit. Und auch die Sample-Wiedergabe ist durch diese Architektur kompromittiert, da Stereo-Samples beim Durchlaufen der Filter zu Mono summiert werden. 

Auch das Design der Analogfilter leuchtet mir nicht ein, obwohl ich gerne einräume, dass ich vielleicht etwas übersehe. Die beiden Filter sind im Signalweg parallel geschaltet und ihre Güte ist zwischen 12dB und 24dB wählbar, wobei man für beide auch eine Variante mit Sättigung wählen kann. Jedoch haben die Filter zwangsweise die gleiche Güte, und sie bieten ausschließlich die Betriebsart Lowpass an. Stellt man nun Grenzfrequenz und Resonanz für beide Filter unterschiedlich ein, ergeben sich bei der Summierung der Signale natürlich gewisse Unterschiede im Vergleich zu nur einem einzigen Filter.

Doch scheint mir dieser Mehrwert relativ gering, wenn man bedenkt, dass hier technisch doppelter Aufwand betrieben wird. Der Alesis Andromeda z. B. bietet auch zwei Filter, die allerdings von unterschiedlichem Design sind (Oberheim und Moog), und zusätzlich die Spielarten Highpass, Bandpass und Notch im Angebot haben, was die Klangformung sehr flexibel macht. Hier könnte man sich fragen: Warum hat man es im Quantum nicht bei einem einzigen Filter belassen?

Viel guter Sound

Kommen wir zum Wesentlichen. Wie klingt der Waldorf Quantum? Fairerweise müsste man wohl sagen: Er klingt so, wie man möchte, dass er klingt. Seine Klangarchitektur ist einfach so flexibel, dass es etwas fahrlässig wäre, von so etwas wie einem Quantum-Sound zu sprechen. Ich hoffe, dass sich das anhand der Klangbeispiele vermittelt. Es gibt ein weites Spektrum, in dem man sich von sehr digital und drahtig klingenden Sounds auf der einen Seite bewegen kann zu sample-basierten sehr holzig-warmen Sounds auf der anderen. Natürlich kann man untersuchen, welchen Charakter und welche Qualität die Grundbausteine haben. Ich habe mir deshalb zunächst die virtuell-analogen Oszillatoren angehört im Vergleich zu den analogen Versionen des Moog Voyager und des Alesis Andromeda.

Solche Vergleiche sind nicht wissenschaftlich genau, denn diverse Unterschiede, z. B. kleine Nuancen bei der Lautstärke, können Einfluss darauf haben, was wir subjektiv für besser oder schlechter klingend halten. Insofern möchte ich hier eher eine Einschätzung meines Geschmacks liefern, und jeder kann sich anhand des Audio-Beispiels gerne eine eigene Meinung bilden.

Nach meinem Dafürhalten klingen die Algorithmen des Quantum gut, haben aber eine Tendenz zu einem etwas Hifi-mäßigen Charakter. Das heißt, sie wirken ein wenig steril und vordergründig und liefern einen sehr hohen Bassanteil, der etwas aufgesetzt wirkt. Beim zweiten wesentlichen Klangbestandteil, dem analogen Filter, würde man erwarten, dass es gegen die Kollegen von Moog und Alesis eine gute Figur macht, und wie man im Klangbeispiel hört, wird man hier nicht enttäuscht. Auch hier gilt, dass die Vergleichbarkeit immer eingeschränkt ist, aber ich denke, man erkennt deutlich, dass das verwendete 24dB-Filter schön saftig und analog klingt. Da also volle Punktzahl.

Audiobeispiele

In diesem Zusammenhang möchte ich jedoch auch eine Kleinigkeit anmerken: Die Potis des Quantum reagieren sehr weich mit einer gewissen Verzögerung, was von Walfdorf offenbar bewusst so designt wurde, um plötzliche Wertesprünge zu verhindern. Im Grunde ist das bei den meisten Potis in Ordnung, heißt aber z. B. beim Cutoff-Poti, dass sich Eingriffe etwas träge auf den Sound übertragen. Da ich den Cutoff live sehr gerne verwende, um rhythmische Sweeps zu erzeugen – und der Quantum ist ja ganz sicher auch als Live-Instrument konzipiert – bin ich mit der getroffenen Entscheidung nicht recht glücklich.

Presets

Der Waldorf Quantum wird mit vielen hundert Presets geliefert, die von diversen Sounddesignern erstellt wurden. Klickt man sich hier durch, merkt man einen deutlichen Schwerpunkt auf Sounds, die man eher im Bereich Sounddesign verorten würde. Es gibt unendlich viele Soundscapes und Drones, während man vor allem analoge Standards, also Bässe, Leads, Pads, mit der Lupe suchen muss. Ich finde das persönlich ein bisschen schade, denn der Quantum ist durchaus in der Lage, diese Sounds in guter Qualität zu erzeugen.

Aber es zeigt deutlich, dass der Synth vor allem mit seiner Komplexität punkten möchte, was er zweifellos tut. Generell entwickelt man ja ein gewisses Gefühl dafür, welche Klangtendenz ein Synth hat, und beim Quantum würde ich diese doch ein wenig in der cleanen, digitalen Ecke sehen, was allerdings durch einen Großteil der Presets auch unterstrichen wird. Wer also vor allem auf der Suche nach der Wärme analoger Synthesizer-Legenden ist, wird vom Quantum zwar nicht enttäuscht, ist aber vermutlich bei anderen Synthesizern besser aufgehoben. Für wen hingegen diese Ecke nur ein Teil des Puzzles ist, der findet beim Quantum hier genügend Potenzial, kann aber darüber hinaus in einem riesigen Klanguniversum noch auf ganz anderen Pfaden unterwegs sein.

Ganz in diesem Sinne kann man Waldorf zu einem gelungenen Portfolio an Optionen zur Klangmodulation gratulieren. Viel mehr kann man da wirklich nicht servieren. Besonders gefallen hat mir in diesem Angebot der mächtige Step-Sequencer, aber auch der Komplex Modulator ist etwas, wie von einem anderen Stern.

Auch die angebotenen Effekte sind auf einem ausreichend hohen Niveau, um beim Quantum ein stimmiges Gesamtbild zu kreieren. Nichts davon hat mir vor Freude die Sprache verschlagen, aber die Effekte spielen ja auch keine Hauptrolle, sondern sollen den Sound auf sinnvolle Art unterstützen, was sie absolut leisten. Insbesondere lege ich auf genügend Parameter Wert, um die angebotenen Effekte auch an die eigenen Vorstellungen anzupassen. So ist es zum Beispiel beim Prophet 6 ärgerlich, dass man kein Lowpassfilter für die digitalen Delays hat, so dass diese bisweilen unangenehm eckig hervorstechen. Das macht Waldorf besser und ermöglicht es für Reverb und Delay, den Sound seiner Höhen zu berauben. Daumen hoch.

Audiobeispiele

Vielseitig

Trotz der Kritikpunkte kann man festhalten, dass der Quantum insgesamt einen sehr guten Sound abliefert. Da hilft nicht zuletzt das schöne analoge Filter. Aber auch beispielsweise die verschiedenen Optionen zum Verzerren machen das Ganze ziemlich satt. Man ist es gar nicht gewohnt, dass ein solches Gerät auch mit Samples operieren kann, etwas, das mir auch bei meinem Nord Wave sehr gefällt. Im Quantum erwacht diese Möglichkeit aufgrund der enormen Klangbearbeitungsmöglichkeiten noch einmal zu ganz anderem Leben, wie man im folgenden Soundbeispiel hören kann. Hier habe ich ein Zither-Sample als Basis verwendet und mit dem Stepsequenzer herumgespielt. Das macht schon Freude!

Audiobeispiel

Waldorf Quantum Sound Demo (no talking)

Video

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Klares Design, gute Verarbeitungsqualität
  • Vier Ausgänge, zwei Audio-Inputs
  • Übersichtliches, großes Touchdisplay
  • Gute Tastatur
  • Viele Bedienelemente zur direkten Soundmanipulation
  • 3 Oszillatoren mit jeweils 4 Klangerzeugungsarten
  • Analoges und digitales Filter
  • Unendliche Modulationsmöglichkeiten, Arpeggiator, Stepsequenzer
  • Viele Speicherplätze
  • 6 Effekte-Slots
  • Resampling

  • Nur 8-stimmig polyphon
  • Nur 4 GB nutzbarer Speicher für Samples
  • Relativ hoher Preis

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