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09.09.2020

Was du als Tontechniker über Gitarrenamps wissen musst

Soundunterschiede von Marshall, Fender, Vox und Co.

Workshop: Gitarrenamps im Studio

Trotz der unzähligen Hersteller, die im Laufe der letzten Jahrzehnte ihre Gitarrenverstärker auf den Markt gebracht haben, wird bei Studioproduktionen immer wieder auf eine Handvoll Amps zurückgegriffen, von denen viele bereits in den 60er- und 70er-Jahren das Licht der Welt erblickt haben. Und genau darum geht es in diesem Workshop, denn ich möchte euch sechs Amps präsentieren, die ich in den letzten Jahrzehnten überwiegend bei Aufnahmen im Studio eingesetzt habe.

Bei den Verstärkern, die ich vorstellen möchte, handelt es sich um: Marshall JTM45, Fender Deluxe Reverb, Marshall Silver Jubilee, Vox AC30, Orange Rockerverb MKI und das EVH-5150III-Topteil. Neben einer kurzen Beschreibung stehen auch Soundfiles bereit, welche die klanglichen Eigenheiten der Verstärker aufzeigen. Ich sollte dabei erwähnen, dass es sich dabei um die Original-Verstärker handelt, die ich mit einer Loadbox, der Universal Audio OX Amp Top Box, in einer Studioumgebung aufgenommen habe. OX hat sich in den letzten Jahren zu einer festen Instanz in meinem Studio entwickelt, da sie meiner Meinung nach einer mikrofonierten Box kaum nachsteht. Dazu bietet sie einen entscheidenden Vorteil, denn Aufnahmen lassen sich recht leicht reproduzieren. Jeder, der schon im Studio gearbeitet hat, weiß, dass selbst kleinste Veränderungen am Setup (in diesem Fall Box und Mikro) für teils drastische Klangveränderungen sorgen.

Grundlagen

These go to eleven!

Bei den hier vorgestellten Amps handelt es sich ausnahmslos um Röhrenverstärker, bestehend aus einer Vor- und einer Endstufe, und entweder als Combo oder als Topteil.

Wird das Instrumentenkabel mit der Eingangsbuchse verbunden, durchläuft das Signal zuerst die Vorstufe, die in der Regel einen EQ bestehend aus Bass, Middle und Treble besitzt.Diese arbeiten aber meist etwas anders als man es normalerweise von einem EQ erwartet, beispielsweise beeinflussen sich die Bänder bei Marshall-Verstärkern untereinander.

Bei vielen Verstärkern sind D.I.-Ausgänge vorhanden, die ein Abgreifen des Vorstufensignals ermöglichen, um beispielsweise eine weitere Endstufe zu füttern oder direkt in den Rechner zu spielen. Dort wird dann mithilfe von Impulse Responses, die zum Teil Endstufen sowie Boxen emulieren und einer DAW (Digital Audio Workstation) das eigentlich eher nach einem Rasierer klingende D.I.-Signal in den gewohnten Klang verwandelt.Dabei gilt es immer etwas zu beachten:

Niemals einen Röhrenamp ohne Lautsprecher oder Loadbox betreiben! Sonst wird es teuer.

Aber warum sind nach wie vor Röhrenverstärker oftmals die erste Wahl, wenn es um Gitarrenaufnahmen geht?

  • Zuerst einmal sind sie quasi die Urgroßväter heutiger Amps, wir kennen den Sound somit von zahllosen Produktionen, die uns geprägt haben.
  • Röhrenamps besitzen einen großen Dynamikumfang, interagieren mit der angeschlossenen Gitarre und erlauben so ein expressives Spiel.
  • Aufgrund unterschiedlicher Schaltungen und Röhrenbestückungen ergeben sich zwischen den Amps teils drastische Klangunterschiede.
  • Direkteste Ansprache, da der Sound nicht erst gemodelt oder sonst wie berechnet und gewandelt werden muss.

Die Verstärker unterscheiden sich meist schon anhand der Endstufenbestückung, die den Klang nicht unwesentlich beeinflusst. EL34-Röhren beispielsweise sind im Vergleich wesentlich mittenfokussierter als 6L6-Röhren, die wiederum jede Menge Bottom- und Top-End besitzen. Daher verwundert es auch nicht, dass vor allen moderne Metal Player 6L6-Kolben in ihren Verstärkern verwenden, da diese den meist stark verzerrten Sound mit brachialer Direktheit sauber an die Box weiterleiten und auch mit tiefen Stimmungen deutlich besser klarkommen als eine EL34. Die EL34 sorgt hingegen für den als „britisch“ bekannten Sound, einen knochigen Crunch, den man von Bands wie AC/DC kennt und der von den punchigen Mitten lebt.

Marshall JTM45

Los geht es mit dem Marshall JTM45 mit der Modellnummer 2245, der 30 bis 35 Watt liefert, die gehörig laut werden können. Bereits 1962 erblickte das Modell das Licht der Welt und schlug ein wie eine Bombe. Bei diesem Amp ist die Endstufe quasi immer voll aufgedreht, mithilfe des jeweiligen Volumereglers lässt sich (bei entsprechender Lautstärke) Verzerrung erzeugen. Da das Topteil zwei Eingänge besitzt, lassen sich diese überbrücken, um mehr Zerre zu erhalten.

Als Cabinet kommt ganz klassisch eine mit Greenbacks bestückte 2x12er-Box zum Einsatz. In der Beschreibung der Audiobeispiele habe ich die jeweils verwendete Gitarre aufgeführt.

Hier ist klassischer Bluesrock und Rock angesagt. Der Amp liefert einen dreckig-mittigen Crunch-Sound mit hoher Durchsetzungskraft und Dynamik, was für einen expressiven Stil unabdingbar ist.

Marshall Silver Jubilee

Es folgt ein weiterer Klassiker der englischen Traditionsfirma Marshall, der Silver Jubilee. Leicht zu erkennen am silber-grauen Tolex-Bezugsstoff ist dieser Amp dem JCM800 ziemlich ähnlich und besitzt nach wie vor eine große Anhängerschaft in der Gitarren- und Studiogemeinde. Der zweikanalig aufgebaute Amp besitzt ein Pentode-/Triode-Switching und generiert seine 100W-Endstufenleistung aus vier EL34-Röhren.

Was diesen Amp klanglich auszeichnet, sollen die folgenden Beispiele aufzeigen, die ich mit einer mit Creambacks bestückten Nachbildung der OX Box aufgenommen habe.

Hier ist geradliniger Rock angesagt. Der für Marshall typische Hochmitten-Klangcharakter lässt sich deutlich heraushören und setzt sich im Mix ganz hervorragend durch.

Orange Rockerverb 50 MKI

Bleiben wir im Crunch-Segment und schauen uns den Orange Rockerverb 50 MKI einmal etwas genauer an. Auch dieser Amp stammt aus dem Vereinigten Königreich und ist auch aus der Entfernung aufgrund der orangenen Bespannung leicht auszumachen. Aber auch klanglich haben die Amps dieser Manufaktur auf zahllosen Produktionen ihre Spuren deutlich hinterlassen und zeigen sich ausgesprochen wandelbar, denn es ist problemlos möglich, Blues, Rock (und sämtliche Schattierungen dazwischen) sowie beinharten modernen Metal mit ihm zu spielen. Aber auch clean ist das Teil keineswegs zu verachten! Dieser Amp besitzt zwei Kanäle, einen eingebauten Hall sowie EL34-Endstufenröhren, welche die namensstiftenden 50 Watt generieren.

Bei den Beispielen kommt eine 4x12er-Box mit Vintage-30-Speakern zum Einsatz.

Der Orange Rockerverb ist ein recht vielseitiger Amp und liefert neben tollen, warmen Cleansounds einen sehr guten Crunch, der für meinen Geschmack die ausgeprägten Mitten eines Marshalls besitzt, klanglich dabei aber die Kellertür öffnet und somit deutlich mehr Tiefmitten besitzt. Dabei geht er ausgesprochen direkt zur Sache und ermöglicht ein expressives Spiel.

Der Amp kann aber auch böse, wie man im Beispiel mit der Baritongitarre hören kann. Heruntergestimmte Gitarren sorgen für einen mächtigen, dabei aber auch punchigen Metal-Sound nur eben mit ausgeprägten Mitten, die sich natürlich mithilfe des EQs ausdünnen lassen.

EVH 5150III CH 3

Eine Spur heftiger zeigt sich der nächste Amp, dabei handelt es sich um den dreikanaligen EVH 5150III mit schlappen 100 Watt Ausgangsleistung. Wir haben es hier mit einem wahren High-Gain-Monster zu tun, der seinen Ursprung im Peavey 5150 hat, der wiederum in Zusammenarbeit mit keinem geringeren als Eddie Van Halen entstanden und aus der Metalwelt im Grunde nicht mehr wegzudenken ist.

Dieser Amp besitzt vier 6L6-Endstufenröhren, die mit einem fast schon schmerzhaften Punch und einer krassen Direktheit die in der Regel stark verzerrten Töne in die angeschlossene Box pumpt. Für die folgenden Audiofiles verwende ich eine 4x12er-Box mit Vintage-30-Speakern.

Der Amp erzeugt Unmengen an Gain und besitzt ein mächtiges Tiefmitten- und Bassfundament. Kein Wunder also, dass dieser Amp gerade bei Heavyproduktionen sehr gern eingesetzt wird und somit zur Riege der Ampklassiker gehört. Angeschlagene Akkorde stehen dabei wie eine Wand, was bei modernen Metal-Produktionen natürlich gewünscht ist.

VOX AC30

Wir schalten einen Gang zurück und kommen zu einem weiteren Klassiker der Ampgeschichte, dem VOX AC 30.Ausgestattet mit EL84-Endstufenröhren wurde dieser Amp bereits 1959 entwickelt und gern mit Celestion-AlNiCo-Blue-Speakern verwendet, so auch in den folgenden Audiofiles.

Der Amp besitzt einen Normal- und einen Top-Boost-Channel sowie Reverb und Tremolo, die gesondert eingestellt werden können.

Der AC30 liefert den bekannt glockigen Cleansound und einen fetten Crunch mit deutlichen Mittenanteilen im Top-Boost-Kanal, was für tolle, erdige Sounds sorgt.

Bei dem Hall haben wir es mit einem sogenannten Spring Reverb zu tun, dabei handelt es sich um einen Federhall, der mit einem digital erzeugten Hall wenig zu tun und auch Geschichte geschrieben hat. Neben der klassischen Surfmusik wurde ein Spring Reverb beispielsweise auch auf Amy-Winehouse-Songs eingesetzt, was die Musik deutlich geprägt hat.

Das Tremolo besitzt einen weichen Puls, der, wie auch der Hall, jede Menge Mojo versprüht und ebenfalls gern dem digitalen Pendant vorgezogen wird.

Fender Deluxe Reverb

Natürlich darf in dieser Sammlung auch ein Fender-Amp nicht fehlen, in diesem Fall ein Fender Deluxe Reverb. Dieser Combo wird gern für cleane oder leicht angezerrte Sounds eingesetzt. Ausgestattet mit einem Jensen-C12K-Speaker und 22 Watt, die der Combo aus zwei 6V6-Endstufenröhren erzeugt, ist der Verstärker auf unzähligen Produktion zu hören. Warum das so ist? Finden wir es heraus …

Der Fender-Combo liefert ebenfalls einen glockigen Cleansound, der ungemein direkt zur Sache geht und gepaart mit dem verbauten Federhall für einen unnachahmlichen Sound sorgt. Aber auch angezerrt kann der Amp überzeugen und liefert einen eigenständigen Crunch, der sich von den oben genannten Amps deutlich absetzt und gern als weitere Klangfarbe eingesetzt wird.

Fazit

Ich hoffe, dass dieser Workshop ein wenig Licht ins Dunkel gebracht hat und die unterschiedlichen Sounds der Verstärker aufzeigen konnte. Natürlich lässt sich das auch alles mit einem Modeler oder Profiler reproduzieren, aber Original bleibt nun einmal Original und dementsprechend passt sich das Spiel auch dem jeweiligen Amp an. Hinzu kommt noch, dass Amps meiner Meinung nach deutlich direkter ansprechen.

Veröffentlicht am 09.09.2020

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