Test
10
18.02.2020

Wavesfactory Cassette Test

Audiokassettenemulation - Plugin

“Designed to be fun!“

Die Verwendung von Lo-Fi-Effekten auf Mixelementen oder gar kompletten Mischungen ist ein etabliertes Stilmittel in vielen Musikrichtungen. Das Plugin Cassette der mallorquinischen Softwareschmiede Wavesfactory füllt dabei eine kleine Nische, die trotz einer Vielzahl an verfügbaren Tape-Emulationen noch weitgehend unbesetzt ist.

Was Cassette auszeichnet, wie sich der Effekt einsetzen lässt und was uns sonst noch aufgefallen ist, erfahrt ihr im folgenden Testbericht.

Details und Praxis

Was macht Cassette?

Das Windows- und Mac-kompatible Plugin (VST, VST3, AU, AAX) Cassette emuliert die Klangeigenschaften von Kompaktkassetten (Audiokassetten) – dem Aufnahme- und Abspielmedium, das vor der CD über Dekaden den Musikkonsum mitbestimmt hat. Bandmaschinenemulationen wie Kramer Master Tape, J37 (beides Waves) oder UAD-Oxide-Tape-Recorder gehören seit einigen Jahren quasi zur Grundausstattung aller halbwegs ambitionierten DAWs. Eine Audiokassette hat u. a. aufgrund der schmaleren Spurbreite und der niedrigeren Bandgeschwindigkeiten gegenüber den größeren Bandspulen dann aber doch einen deutlich abweichenden Klangcharakter. Während Bandmaschinen-Plugins durchaus das Potential zur subjektiv empfundenen Aufwertung und Veredelung des Klangmaterials haben, findet durch das Wavesfactory-Plugin eigentlich immer eine (beabsichtigte!) Degradierung der Audioqualität statt. In digitalen Produktionsumgebungen kann so etwas allerdings gerade erst den Charakter einer Produktion ausmachen. Welche Möglichkeiten bietet das Plugin nun dazu an?

GUI / Features

„Designed to be fun!“, steht im Manual geschrieben und dennoch haben die Entwickler ihre Sache sehr ernst genommen, was sich an den vielfältigen Optionen im Settings Panel offenbart – doch hierzu später mehr. Das Hauptfenster bietet Zugriff auf die überwiegend selbsterklärenden Parameter. Von zentraler Bedeutung ist die Auswahlmöglichkeit zwischen den drei emulierten Kassettenrecordern „Pro“ (Tascam 414), „Micro“ (Omega Reporter-20) und „Home“, wobei Letzterer strenggenommen keine Emulation eines konkreten Geräts, sondern quasi die Schnittmenge aus den Recordern von Tascam und Omega ist, um den Charakter prototypischer Konsumentendecks abzubilden. Pro, Home und Micro haben jeweils ihre eigene Soundsignatur von tendenziell linear (Pro), über Hi-Fi (Home) bis hin zum mittigen, Bandpass-ähnlichen Klang des Diktiergeräts von Omega.

Teilweise dramatische Klangveränderungen (Frequenzgang, Sättigung, Kompression, Rauschen) erfolgen durch die Auswahl der Bandtypen I bis IV, die mit jedem Recorder kombinierbar sind. Weitere interessante Parameter im Hauptfenster sind die Anzahl der bereits erfolgten Löschvorgänge bzw. Abnutzungsartefakte (Erasures) der Kassette sowie die feinfühlige Justierbarkeit des statischen und des frequenzabhängigen dynamischen Rauschens. Das bereits genannte Settings Panel bietet Zugriff auf eine hohe Anzahl authentischer Artefakte, wie beispielsweise Gleichlaufschwankungen (diverse Parameter), Kanalübersprechung, Kopiegeneration (Re-Cassette) und einen Mixregler. Im Gegensatz zu vielen Plugin-Typen (Kompressor, Hall etc.) dient dieser nicht der Intensität des „Kassetteneffekts“. Das liegt daran, dass seine Verwendung (< 100%) einen Flange-artigen Effekt erzeugt, der als solcher aber auch kreativ eingesetzt werden kann.

Sound

In den folgenden Klangbeispielen sind zunächst ein Drumcomputer-Beat und ein Klavier unbearbeitet und mit verschiedenen Preset-basierten Einstellungen in Cassette zu hören. Darauf folgt ein kurzer Mixausschnitt, den ich in den darauffolgenden Audiobeispielen in der Default-Einstellung durch alle Recorder und Bandsorten geschickt habe, was den Grundcharakter der jeweiligen Kombinationen gut darstellt. Die klanglichen Ergebnisse empfinde ich subjektiv als inspirierend und äußerst authentisch. Nettes Detail: Man beachte den Anstieg des Rauschens beim abfallenden Pegel im Fadeout.

Installation / Performance / Bedienung

Die Inbetriebnahme und Verwendung erfordert lediglich eine Seriennummer, was keinen Dongle oder sonstige Anhängsel notwendig macht. Verwendet man nicht gerade die Re-Cassette-Funktion, die den CPU-Bedarf multipliziert, dann belastet das Plugin mein MacBook Pro (2,8 GHz Intel Core i7) nicht spürbar. Mein einziger Kritikpunkt an Cassette von Wavesfactory sind die teilweise rustikalen Pegelsprünge beim Umschalten zwischen verschiedenen Presets.

Fazit

Tape-Emulationen sind ein von mir gerne eingesetztes Mittel, um DAW-basierten Musik- und Audioproduktionen „das gewisse Etwas“ zu verleihen. Wavesfactory Cassette bereichert die Farbpalette etablierter Bandmaschinen-Plugins mit seinem charmanten „Trash-Faktor“ definitiv und gehört für mein Empfinden in jede DAW. Checkt am besten die Demoversion!

  • PRO
  • authentische und inspirierende Emulation
  • überraschend vielseitige Soundmöglichkeiten
  • umfangreiche Zugriffsmöglichkeiten auf verschiedene Artefakte
  • „Designed to be fun!“
  • * CONTRA
  • Pegelsprünge innerhalb der Presets
  • FEATURES:
  • Audiokassettenemulation
  • 4 Tape Types
  • 3 Tape Decks
  • umfangreicher Zugriff auf Kassettenartefakte
  • HQ Oversampling
  • frei skalierbares GUI
  • VST, VST3, AU, AAX
  • Mac OSX 10.7 und höher
  • Windows 7 und höher
  • Preis:
  • 59,- Euro
Veröffentlicht am 18.02.2020

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • authentische und inspirierende Emulation
  • überraschend vielseitige Soundmöglichkeiten
  • umfangreiche Zugriffsmöglichkeiten auf verschiedene Artefakte
  • „Designed to be fun!“

  • Pegelsprünge innerhalb der Presets

Verwandte Artikel

User Kommentare

Zum Seitenanfang
ZUR STANDARD WEB-ANSICHT X